Der Sozialismus einst und jetzt

Streitfragen des Sozialismus in Vergangenheit und Gegenwart

Von

Eduard Bernstein


  Es hat nichts auf sich, wenn die Erinnerung, die mit Vorliebe das
  festhlt, was erfreute, uns die Vergangenheit schner erscheinen lt,
  als sie war, und es ist nur berechtigt, wenn unser Wollen und Wnschen
  uns durch den Ausblick auf eine Zukunft, wie sie sein kann, zum Kampf
  fr sie begeistert. Die Gegenwart aber will erkannt sein, wie sie
  ist.







1922
J.H.W. Dietz Nachfolger Stuttgart / Buchhandlung Vorwrts Berlin




Inhalt.


  Vorwort                                                              3


  _Erstes Kapitel._
  +Der Sozialismus als sozialwissenschaftliche Entwicklungslehre+      5

  Begriffsbestimmung.-- Das Alter des spekulativen Sozialismus.-- Der
  Widerstreit zwischen Radikalismus und Rationalismus in der
  Spekulation.-- Der theoretisierende Utopismus.-- Vom Utopismus des
  Ziels zum Utopismus der Mittel.-- Die Grundgedanken des marxistischen
  wissenschaftlichen Sozialismus. -- Sozialismus und Klassenkampf.


  _Zweites Kapitel._
  +Die naturrechtliche Begrndung des Sozialismus+                    11

  Naiver Begriff und wissenschaftliche Theorie des Naturrechts.--
  Naturrecht. -- Vernunftrecht.-- Rechtsphilosophie.--
  Naturrechtsspekulation in der Geschichte.-- Das Naturrecht in den
  groen Revolutionen des 17.und 18.Jahrhunderts.-- Das Naturrecht und
  die kommunistische Lehre Babeufs.-- Das Naturrecht am Grunde aller
  Utopien.-- Die Unzulnglichkeiten und das Recht des Naturrechts.


  _Drittes Kapitel._
  +Die Bedeutung der Werttheorien fr den wissenschaftlichen
  Sozialismus+                                                        24

  Die Werttheorie Ricardos.-- Die Marxsche Werttheorie und ihre Rolle in
  der Marxschen Gesellschaftslehre.-- Marx ber die utopistische
  Auslegung von Ricardos Formel.-- Die utopistische Auslegung und das
  Naturrecht.-- Das sogenannte Recht auf den vollen Arbeitsertrag.--
  Marx und das Recht des Mehrwerts.-- Mehrwert und Ausbeutung.-- Der
  Mehrwert und der Klassenkampf.


  _Viertes Kapitel._
  +Das Wesen der Gesellschaft des vorgeschrittenen Kapitalismus+      38

  Der Sinn des Begriffs Kapitalismus.-- Sein vielfltiger Inhalt und
  seine einfltige Ausdeutung.-- Der Kapitalismus als Trger des
  Fortschritts in der Produktion.-- Die Konzentration der Unternehmungen
  und der Betriebe. -- Die Raumverteilung der Betriebsklassen.-- Die
  Konzentration verhindert nicht die Vielheit der Unternehmungen.-- Die
  Zhigkeit der buerlichen Unternehmung. -- Die Klassenbildung und
  Klassengliederung.-- Die rasche Zunahme der Abhngigen und die
  langsame Verminderung der Selbstndigen.-- Die Verstadtlichung des
  sozialen Lebens.-- Die gelernten und die ungelernten Arbeiter.-- Die
  Einkommens- und Vermgensklassen.-- Der nichtverengerte
  Flaschenhals.-- Die Beweglichkeit des Kapitals als Konservierer der
  Mittelklassen. -- Die Theorie der Wirtschaftskrisen und die Umkehr der
  Spirale.-- Die Rckwirkungen des Krieges auf die
  Wirtschaftsentwicklung und ihre Probleme.


  _Fnftes Kapitel._
  +Der Sozialismus und die Lehre vom Klassenkampf+                    59

  Das Kommunistische Manifest als Kundgebung des Klassenkampfes.--
  Adolphe Blanqui und Karl Marx.-- Der Begriff der Klasse: Stand und
  Klasse.-- Marx ber die Zersplitterung der Klassen.-- Der
  Klassenkampf der Nichtproletarier. -- Der Klassenkampf der Arbeiter und
  seine Formen.-- Der Klassenkampf und die materielle und geistige
  Hebung der Arbeiterklasse.-- Die Entwicklung der Gewerkschaften und
  die Ausbildung der Tarifvertrge.-- Der Klassenkampf und die
  rechtliche Hebung der Arbeiter.


  _Sechstes Kapitel._
  +Die Staatstheorie und der Sozialismus+                             75

  Der Einflu der Theorie auf die Praxis.-- Der Streit um den Begriff
  des Staates.-- Staatsfeindschaft und Staatskultus in der
  Geschichte.-- Der romantisch-reaktionre und der demokratische
  Staatskultus.-- Das Vestafeuer aller Zivilisation.-- Die kritische
  Staatsidee bei Marx und Engels.-- Die Lehre vom Absterben des
  Staates.-- Der Staat als Auswuchs oder Schmarotzer am
  Gesellschaftskrper.-- Marx und Proudhon ber die staatsfreie
  Gesellschaft.-- James Ramsay Macdonald und die Erhaltung des Staates.


  _Siebentes Kapitel._
  +Der Sozialismus als Demokratie und der Parlamentarismus+           91

  Die sozialistische Bewegung mit Notwendigkeit demokratische
  Bewegung.-- Begriff des Parlamentarismus.-- Der Parlamentarismus in
  der Geschichte.-- Das Budgetrecht, das Fundamentalrecht der
  Parlamente.-- Die Krone und das Parlament.-- Die Auswchse des
  Parlamentarismus.-- Wilhelm Liebknechts Gegnerschaft gegen die
  Teilnahme am Parlament.-- Friedrich Engels' Wrdigung der
  parlamentarischen Aktion.-- Die qualitative Steigerung der
  parlamentarischen Arbeit.-- Der Streit um die Budgetbewilligungen.--
  Der Streit um die Teilnahme an der Regierung: Jean Jaurs und August
  Bebel.-- Der Beschlu von Amsterdam.-- Der Streit um die Bewilligung
  der Kriegskredite. -- Die Selbstverwaltung als Korrektiv des
  Parlamentarismus.


  _Achtes Kapitel._
  +Die bolschewistische Abart des Sozialismus+                       113

  Das Kommunistische Manifest und die Formel von der Diktatur des
  Proletariats. -- Das Aufkommen des Bolschewismus.-- Seine Vorgnger,
  die Utopisten der sozialistischen Revolution.-- Das reformistische
  Element im Marxismus.-- Marx bindet den Sieg des Sozialismus an eine
  konomische Reife.-- Der Bolschewismus will die Reife mit der Gewalt
  erzwingen.-- Sein Aberglauben an die Schpferkraft der Gewalt.--
  Trotzkis Reitenlernen auf dem Rcken der Nation.-- Der Marxismus zeigt
  die Grenzen des Willens auf, der Bolschewismus ignoriert sie.--
  Stmpernde Experimentiererei.-- Die Nachahmung des zarischen
  Despotismus.-- Die Blutschuld des Bolschewismus.


  _Neuntes Kapitel._
  +Die nchsten mglichen Verwirklichungen des Sozialismus+          126

  Die Welt, die Marx kannte, und die heutige Welt.-- Das Proletariat zur
  Zeit von Marx und die Arbeiterklasse am Vorabend des Weltkriegs.--
  Durch Gesetz und Organisation erlangte Verbesserungen.-- Die
  Organisationen der Unternehmer.-- Die Volkswirtschaft im Kriege.--
  Der sogenannte Kriegssozialismus. -- Die deutsche Revolution und die
  Zwangslage der deutschen Volkswirtschaft.-- Die neue Republik im
  Daseinskampf.-- Die Anstrme der Verfhrten des Bolschewismus lhmen
  die Schpferkraft der Republik.-- Die Wahlergebnisse ntigen die
  Sozialisten zur Koalition mit brgerlichen Parteien. -- Trotzdem sind
  sozialistische Verwirklichungen mglich.-- Die verschiedenen Wege der
  Sozialisierung durch die Finanznot erzwungen.-- Die Sozialisierung
  durch die Sozialpolitik.-- Kein groer Sprung, aber viele bedeutsame
  bergnge.-- konomie des Wollens verbrgt Erreichung des Gewollten.




Vorwort.


Die vorliegende Schrift gibt, von ihrem Schlukapitel abgesehen, den
Inhalt von Vorlesungen wieder, die ich im Sommerhalbjahr 1921 in der
Universitt Berlin gehalten habe. In Antwort auf ein ohne mein Wissen
aus akademischen Kreisen ergangenes Gesuch, mir das Vorlesen in der
Universitt zu ermglichen, hatte das Ministerium mir das Halten von
Gastvorlesungen freigestellt, und die Erlaubnis hie fr mich unter den
gegebenen Verhltnissen das Pflichtgebot, von der Mglichkeit, zu
Studierenden in den Rumen der =alma mater= zu sprechen, nun auch Gebrauch
zu machen. Und zwar erschien es mir angezeigt, in einem Zeitpunkt, wo
die groe Partei des Sozialismus, der ich seit nun bald fnfzig Jahren
angehre, zu magebendem Einflu im Republik gewordenen Reich gelangt
ist, ber die Streitfragen des Sozialismus in Vergangenheit und
Gegenwart zu reden, das heit die Meinungsverschiedenheiten zu
kennzeichnen, die unter den Vertretern des Sozialismus ber dessen
Grundideen und deren Anwendung obwaltet haben und in einigen Fllen
obwalten.

Leider ist es mir jedoch nicht mglich gewesen, mehr als einen Teil der
einschlgigen Fragen abzuhandeln. Meine auerordentlich knapp bemessene
Zeit erlaubte mir nur eine Stunde in der Woche fr diese Vorlesungen,
und noch weniger als die akademische Stunde sich mit der astronomischen
Stunde deckt, deckt sich das akademische Halbjahr mit dem
Kalenderhalbjahr. So war ich gentigt, eine Auswahl zu treffen und
manche Frage von Bedeutung, die mir am Herzen liegt, beiseite zu lassen.
Indes glaube ich trotzdem in den Vortrgen genug des Wissenswerten ber
die Grundfragen des Sozialismus gesagt zu haben, um ihre Herausgabe als
Schrift zu rechtfertigen.

In bezug auf die Form der Vorlesungen ist zu bemerken, da ich meine
Aufgabe nicht dahin aufgefat habe, Lehrvortrge im schulmigen Begriff
des Wortes zu halten, sondern je nach der Natur des Gegenstandes die
Behandlungsart gewechselt, den einen mehr deduktiv, andere mehr
induktiv-genetisch zur Anschauung zu bringen gesucht habe. Daher auch
die Ungleichheiten im Umfang der hier der Anredeform entkleideten und
als Kapitel vorgefhrten Vortrge. Der Umstand, da diese zum Teil
Fragen behandeln, mit denen ich mich in frher von mir verffentlichten
Arbeiten schon beschftigt habe, machte es ferner unvermeidlich, da
hier und dort einzelnes von dem dort Gesagten nun wiederholt wird. Es
wegzulassen htte mir unntige, wenn nicht unzulssige Pedanterie
geschienen.

Das Schlukapitel, das die nchsten mglichen Anwendungen des
Sozialismus behandelt, ist, wie oben angedeutet, in den Vorlesungen
nicht mehr zur Behandlung gekommen. Wenn ich es hier angefgt habe, so
geschah dies nicht nur in dem Wunsche, einer Schrift, die zu einem
groen Teil kritisch gehalten ist, einen mglichst positiven Abschlu zu
geben. Es lag und liegt mir auch daran, zu zeigen, da die
Anschauungsweise, die ihr zugrunde liegt und die ich nun seit ziemlich
einem Vierteljahrhundert verfechte, durchaus nicht, wie manche
befrchtet haben, zu pessimistischer Betrachtung der Dinge und aus ihr
erwachsendem indifferenten Verhalten fhrt. Dem Pessimismus fllt nur
der anheim, der von den Menschen mehr erwartet, als sie leisten knnen,
und an die Dinge den Mastab seiner Wnsche legt. Mit dieser Bemerkung
ist jedoch durchaus nicht gesagt, da man sich nicht groe Ziele setzen
soll-- was wre die Sozialdemokratie ohne solche?-- Man wird aber
nichts Groes erreichen, wenn man die Dinge nicht so betrachtet, wie sie
sind, und, wo Millionen von Menschen in Betracht kommen, ihnen zumutet,
wozu auergewhnliche Charaktere gehren.

    Ende November 1921.                      _Ed. Bernstein._




Erstes Kapitel.

Der Sozialismus als sozialwissenschaftliche Entwicklungslehre.


Bevor man an die Aufgabe herangeht, Streitfragen des Sozialismus zu
errtern, wird man sich darber zu uern haben, was man berhaupt unter
Sozialismus versteht, wie weit man den Rahmen des Begriffs gezogen
wissen will. Das Wort Sozialismus ist sehr verschiedentlich gedeutet
worden. Vielfach wird es als der Ausdruck fr einen vorgestellten
Zustand gebraucht, dem eine bestimmte Eigentums- und Wirtschaftsordnung
zugrunde liegt, und der sich in einem ganzen Idealstaat verkrpern soll.
Andere setzen es als gleichbedeutend mit einer Bewegung oder einem Kampf
von Gesellschaftsklassen zur Verwirklichung solcher Wirtschaftsordnung,
und wieder anderen ist es der Sammelbegriff fr eine Summe von
Forderungen oder Einrichtungen, denen bestimmte Rechtsgedanken und
ethische Begriffe zugrunde liegen. Alle diese Deutungen haben insofern
ihre Berechtigung, als sie auf bestimmte Formen des Sozialismus sich
beziehen oder bestimmte Seiten der sozialistischen Bewegung
kennzeichnen. Aber keine davon erschpft den Gegenstand.

Auch in den Lehrbchern oder Kompendien der Sozialwissenschaftler stoen
wir auf sehr unterschiedliche Definitionen des Begriffs. Um nicht weiter
in der Geschichte zurckzugehen und uns auf Deutsche zu beschrnken, so
finden wir bei Schmoller eine andere Deutung als bei Roscher, bei
Sombart eine andere als bei Schmoller, bei Oppenheimer eine andere als
bei Sombart, und so noch weiter. Es wre nicht uninteressant, sie
vergleichend gegeneinander zu halten und festzustellen, was ihnen
gemeinsam ist und zu sehen, ob sie sich nicht sozusagen auf einen
Generalnenner bringen lassen. Mir scheint jedoch ein anderer Weg
ratsamer, nmlich der Weg der Betrachtung der geschichtlichen
Erscheinungsformen. Vermge ihrer werden wir uns, glaube ich, am besten
darber unterrichten knnen, was wir heute unter Sozialismus zu
verstehen haben.

Der allgemeinste und darum allerdings auch der oberflchlichste Begriff
von Sozialismus ist die Vorstellung von einem Gesellschaftszustand, wo
es weder Reiche noch Arme gibt, wo vieles allen gemeinsam ist und eine
starke Brderlichkeit herrscht. Wo diese Merkmale fehlen, wo weitgehende
sachliche Gemeinschaft, weitgehende ethische Gemeinschaftlichkeit und
Abwesenheit groer Vermgensunterschiede fehlen, fehlen die wesentlichen
Attribute des Sozialismus. So begriffen nun ist er sehr viel lter als
sein Name. Whrend dieser erst im 19.Jahrhundert aufkommt, findet man
die Sache als Idee oder Bewegung schon in dem Zeitalter, das wir
Altertum nennen. berall dort, wo die Menschen nicht mehr in einfachen,
ihren Wohnsitz wechselnden Stammesverbnden leben, sondern sich sehaft
gemacht haben und staatliche, beziehungsweise territorial gegliederte
Gemeinwesen geschaffen haben, die der Bildung groer Vermgensunterschiede
und Rechtsungleichheiten Vorschub leisten, stellt sich frher oder
spter bei Individuen oder Schichten der Wunsch nach Beseitigung dieser
Ungleichheiten ein und findet in der Ausmalung von besseren
Gesellschaftszustnden seinen ideologischen, in Kmpfen fr solche
seinen politischen Niederschlag. Die Geschichte der asiatischen und
vorderasiatischen Kulturvlker, die Geschichte der Griechen und Rmer
gibt uns zwar nur lckenhaft, aber doch unmiverstndlich Kunde von
solchen Bewegungen. Als Quelle dafr sei auf Robert Phlmanns Geschichte
des antiken Kommunismus und Sozialismus verwiesen, ein Werk, gegen
dessen kritische Aufstellungen ich mancherlei starke Einwnde zu erheben
habe, aus dem man aber ersehen kann, wie sehr nicht nur die sozialen
Kmpfe, von denen uns die Geschichte der Alten erzhlt, sondern auch die
mehr oder weniger phantastischen Konstruktionen oder Ausmalungen von
Idealstaaten, die uns-- leider oft nur sehr skizzenhaft-- berliefert
sind, einer geschichtswissenschaftlichen Wrdigung fhig sind und einer
solchen daher auch bedrfen. Ob man das Urchristentum, das in Rom seine
eigentliche Ausbildung erfahren hat, als eine sozialistische Bewegung
auffassen darf, mag dahingestellt bleiben. Bekannt ist, da ihm diese
Eigenschaft vielfach bestritten wird und man es lediglich als eine
ethische Bewegung aufgefat wissen will. Aber wenn es als
Gesamterscheinung nicht auf die Bezeichnung sozialistisch Anspruch haben
soll, so ist es doch unbestreitbar die Nhrquelle vieler sozialistischer
Theorien und Bewegungen gewesen. Zeugnis legen ab allerhand Kapitel aus
der groen Literatur der Kirchenvter und der Scholastik, und Beispiele
sind eine Reihe noch dem Altertum angehriger kommunistischer und
halbkommunistischer christlicher Sekten, denen solche des Zeitalters der
Renaissance und der Reformation gefolgt sind.

Dem letzteren Zeitalter gehrt auch die Entstehung des Buches an,
dessen Titel zum Sammelbegriff fr die ganze Gruppe der Beschreibungen
spekulativ konstruierter Gemeinwesen oder Idealstaaten wird, nmlich die
Abhandlung _Utopia_ des Thomas More. Man kann von dieser Schrift des
charaktervollen Staatskanzlers Heinrichs VIII. von England sagen, da
sie einer ganzen Literatur Leben gegeben hat. Denn sie machte fr ihre
Zeit Sensation und wurde in die verschiedensten Sprachen bersetzt. Das
16., 17.und 18.Jahrhundert sind voll von Beschreibungen vorgestellter
Idealgemeinwesen, von Staatsromanen, wie man sie auch im Hinblick auf
die Form der Beschreibung nennt. Nicht alle davon haben auf die
Bezeichnung als sozialistisch Anspruch, es fehlt durchaus nicht an
Utopien, die nach unseren heutigen Begriffen brgerlicher Natur sind.
Das gilt z.B. von der unvollendeten Utopie Die neue Atlantis, die
einen der Amtsnachfolger des Thomas More, den berhmten Philosophen der
empirischen Methode, Francis Bacon, zum Verfasser hat.

Nach zwei Seiten hin lt sich in den sozialistischen Utopien des mit
der Reformation einsetzenden Zeitalters eine abgestufte Entwicklung
feststellen: erstens eine Tendenz der berbietung in phantastischen
Ausmalereien, und zweitens eine Tendenz zum grtmglichen Rationalismus
in der Spekulation. Diese letzte Tendenz ist fr unsere Betrachtung die
wichtigere, denn sie war ein Hebel zur Frderung der sozialen Erkenntnis
und fhrte schrittweise zur wissenschaftlichen Behandlung der
sozialistischen Bestrebungen. Die Verfasser rationalistischer Utopien
des Sozialismus suchen ihre Vorgnger zu korrigieren, und wenn das lange
Zeit ohne die Form der Polemik vor sich geht, so lt sich doch bei
verschiedenen Autoren eine unausgesprochene Bekmpfung von Ideen des
oder der Vorgnger feststellen.

Es handelt sich schon um ernst aufgefate Streitfragen, der Nachfolger
widerlegt den Vorgnger, ohne ihn zu nennen.

Was aber den Utopien gemeinsam war, was das eigentliche Merkmal der
Utopie ist, ist die entscheidende Rolle, die bei ihnen der _Zufall_ und
der noch _vom Zufall abhngige Wille_ spielen. Lange Zeit ist in diesen
Beschreibungen der geschilderte Idealzustand hergestellt worden durch
das Eingreifen einer ungewhnlich weisen Persnlichkeit, eines
Gesetzgebers oder anordnenden Frsten, so da, wenn dieser Frst oder
Gesetzgeber zufllig nicht geboren oder vor der Zeit gestorben wren,
das betreffende Volk oder Land den Idealzustand nicht zu kosten bekommen
htten. Spter, im Zeitalter der franzsischen Revolution, tritt an die
Stelle des individuellen Willens oder Schaffensdranges von Wohlttern in
der Konstruktion der Utopie als schpferische Kraft der _Kollektivwille_
von Anhngern einer bestimmten Idee. Dieser Kollektivwille ist aber,
selbst wo er als der Wille eines ganzen Volkes gedacht wird, immer noch
Zufallssache. Ob die Gruppe oder die Volksmasse fr die Idee kmpfen,
hngt lediglich davon ab, wie weit und wie stark sie von der
Propagierung dieser Idee erfat sind, das Aufkommen der Idee aber selbst
ist noch wesentlich vom Zufall abhngig.

An der Wende zum 19.Jahrhundert und in dessen erstem Drittel tritt
hier ein wesentlicher Fortschritt ein. Es ist in der Geschichte des
Sozialismus die Epoche der groen, kritisch gerichteten Utopisten, der
Robert Owen, Charles Fourier und Henri Saint-Simon und ihrer Schulen.
Das Merkmal dieser Sozialisten, das sie von den Utopisten des
18.Jahrhunderts unterscheidet, ist die Rolle, die bei ihnen der
Entwicklungsgedanke spielt, und das Bestreben, an das Gegebene
anzuknpfen, die Welt, die sie vor sich haben, weiterzubilden. Robert
Owen verweist in seinen sozialistischen Abhandlungen auf die in England
aufgekommene kapitalistische Fabrik und die Zustnde, die sie geschaffen
hat, und nimmt sie zum Ausgangspunkt sozialistischer Reformpolitik.
Charles Fourier im noch stark kleinbrgerlichen Frankreich sucht den
Sozialismus als Ideal psychologisch zu fundieren, in der Praxis auf dem
Wege der Genossenschaften zu verwirklichen, wobei sein Plan kommunaler
Genossenschaftspolitik auf besonderes Interesse Anspruch hat.
Saint-Simon ist so sehr Entwicklungstheoretiker, da es fraglich wird,
ob man ihn berhaupt noch einen Utopisten nennen kann, wie er zugleich
so sehr Wirklichkeitsmensch ist, da man befugt ist, seinen Anspruch auf
Einreihung in die Geschichte des Sozialismus zu bestreiten. Wenn Fourier
stark von Morelly, dem geistreichen Verfasser der Utopie Die
Basiliade, beeinflut ist, so Saint-Simon von Condorcet, dem
Enzyklopdisten und Verfasser der wissenschaftlichen Abhandlung ber den
Fortschritt des menschlichen Geistes und die Vervollkommnungsfhigkeit
der Menschheit. Bei den Saint-Simonisten finden wir unter anderem schon
die Einteilung der Geschichte der sich fortschrittlich entwickelnden
Nationen in organische und kritische Perioden, d.h.Perioden relativ
ruhiger Entwicklung und Perioden revolutionrer Umwlzungen.

Aber bei allen dreien, bei Owen, bei Fourier und bei Saint-Simon und
ihren Schlern spielt trotz ihres Strebens nach Wissenschaftlichkeit und
Anknpfung an das Gegebene die _Erfindung_ der Mittel zur Verwirklichung
des Sozialismus die entscheidende Rolle; wo sie praktisch sein wollen,
arbeiten sie _Rezepte_ aus, und immer wieder sind sie in Gefahr, auf die
Utopie zurckzugreifen. An die Stelle des Utopismus des Ziels tritt ein
_Utopismus des Mittels_. Die Literatur des Sozialismus im zweiten Drittel
des 19.Jahrhunderts ist voller Schriften, die utopistisch im Mittel
sind, wobei man wieder einen utopistischen Reformismus und einen
utopistischen Revolutionarismus unterscheiden kann. Der eine versteift
sich auf konomische Experimente, die wegen ihrer unzulnglichen
Voraussetzungen notwendig fehlschlagen mssen, der andere huldigt einem
Wunderglauben an die schpferische Allmacht der Revolutionsgewalt.

Hier nun bewirken einen grundlegenden Wandel in den Anschauungen die
beiden groen Mnner, die heute als Begrnder des wissenschaftlichen
Sozialismus weithin anerkannt sind: Karl Marx und Friedrich Engels.

Warum trgt ihre Lehre diesen Namen, hat sie den besonderen Anspruch auf
Wissenschaftlichkeit? Weil sie tiefer und systematischer als alle vor
ihr aufgestellten sozialistischen Theorien eindringt in das Wesen der
Krfte und Entwicklungsgesetze des gesellschaftlichen Fortschritts, den
Kampf fr den Sozialismus auf eine durchgearbeitete Entwicklungstheorie
sttzt, in der der Gedanke von der _organischen_ Natur der sozialen
Entwicklung zum Unterschied von der Auffassung dieser Entwicklung als
eines mehr mechanischen oder chemisch bestimmten Vorgangs zu seinem
Rechte kommt.

Wille und Idee, die von den Utopisten in der einen oder anderen Weise
berschtzt werden, werden in der Marx-Engelsschen Lehre zwar nicht, wie
vielfach angenommen worden ist, als Triebkrfte der sozialen Entwicklung
gering eingeschtzt oder gar ignoriert-- ohne Idee kein Wille und ohne
Wille keine Aktion--, aber sie werden in ihrer _sozialen Bedingtheit_
gekennzeichnet. Es wird gezeigt, wie sie abhngig sind von den
materiellen Bedingungen und Formen des gesellschaftlichen Daseins der
Menschen, fr die der magebende Faktor ist die Art und Weise der
Produktion der Lebensgter der Menschen.

Denn diese Produktion wird entscheidend bestimmt vom _Werkzeug_, ber das
der Mensch verfgt; vom Werkzeug aber, das die Arbeitsweise vorschreibt,
hngt zugleich ab das Eindringen des Menschen in die Gesetze der Natur
und damit zuletzt auch der Hhegrad seiner Welterkenntnis.

Sozial betrachtet ist es das Werkzeug, das bestimmt, ob
individualistisch oder kollektivistisch produziert wird.

Im Altertum und auch noch bis zum Ausgang des Mittelalters ist die
Produktion berwiegend individualistisch; erst die Steigerung des
Weltverkehrs und Welthandels in der Periode der groen Entdeckungen
fhrt zu kollektivistischer Arbeit in der Produktion. Es breitet sich
die Wirtschaftsform aus, die den Namen Manufaktur erhlt, Produktion
unter Leitung von Grokaufleuten, welche Arbeit an Handwerker ausgeben,
dann aber Arbeiter in groen Werksttten, Fabriken genannt,
beschftigen. Aus dem Kaufmann wird so ein Fabrikant, und in der Fabrik
werden vervollkommnete Werkzeuge verwendet, fr die als technischer
Antrieb die Naturkraft verwendet wird. Das Werkzeug wird zur Maschine
und aus dem Handwerker ein Fabrikarbeiter. Die Produktion in der Fabrik
wird in steigendem Grade Kollektivarbeit, und da zur Einrichtung und zum
Unterhalt der Fabrik Kapital gehrt, beherrscht zunehmend das Kapital
die Produktion.

Beim Aufkommen der kapitalistischen Produktion und im Wettbewerb der
Kapitalisten untereinander wirkt als _objektive_ Triebkraft der _Kampf um
die Mehrarbeit_, das heit um den Teil des Bruttowerts der Produktion
ber die Kosten von Anlage, Rohstoff, Hilfsstoffe und Werkzeuge, bzw.
Maschinen hinaus, der nicht den Arbeitern als Lohn gezahlt werden mu.
Dieser Kampf um den Mehrwert, wie Marx ihn nennt, hat im weiteren
Verlauf zur Folge eine steigende Vergrerung der Fabriken, weil diese
eine grere konomie der Krfte erlaubt, damit die Unterbietung der
Konkurrenz ermglicht und zur Steigerung des Absatzes fhrt. Die weitere
soziale Folge der Vergrerung bzw. Konzentration der Unternehmungen ist
die Verdichtung der Bevlkerung in Stdten und Lndern. Die
Industriezentren, die Stdte wachsen; es tritt allmhlich das ein, was
man die _Verstadtlichung_ des Landes nennen kann; mehr als in irgendeinem
frheren Zeitalter ergreift die stdtische Kultur auch die Bevlkerung
des platten Landes und drckt der ganzen Gesellschaft ihren Stempel auf.

Alles das schafft die materiellen Vorbedingungen fr eine neue
Gesellschaftsordnung; denn es ist verbunden mit einer neuen Gliederung
der Gesellschaftsklassen, als deren wichtigstes Moment zu nennen ist das
Aufkommen und Wachstum der Klasse stndiger Lohnarbeiter, des
industriellen Proletariats. Die konomische Umwlzung macht eine neue
_Rechtsordnung, neue soziale Einrichtungen_ und Gesetze notwendig. Es
handelt sich nun fr den sozialen Reformer nicht mehr um die Erfindung
von Idealgesellschaften und die Ausklgelung von Rezepten, sondern um
die _Entdeckung_ von sozialen _Notwendigkeiten_. Die strkste subjektive
Triebkraft bei der Verwirklichung dieser aber ist die Arbeiterklasse,
das Proletariat. Seine materiellen und geistigen Bedrfnisse treten
immer mehr in den Vordergrund, seine Rechtsauffassungen erobern die
ffentliche Meinung. _Und die Summe der Forderungen der Arbeiterklasse
unseres Zeitalters_ stellt sich der genaueren soziologischen Betrachtung
dar als die _Zusammenfassung des rationellen Inhalts der sozialistischen
Ideologie frherer Epochen_.

Und so gelangen wir an der Hand der Marx-Engelsschen Theorie zu einer
neuen Definition des Sozialismus, die etwa so formuliert werden kann:

Der moderne Sozialismus ist

  die Zusammenfassung des geistigen Inhalts der politischen,
  wirtschaftlichen und allgemein kulturellen Bestrebungen der zur
  Erkenntnis ihrer Klassenlage gelangten Arbeiter sowie der ihnen
  gleichgestellten Gesellschaftsschichten in den Lndern
  kapitalistischer Entwicklung, und der Kampf zur Verwirklichung dieser
  Bestrebungen.

An die Herausarbeitung dieser Theorie in der sozialistischen Welt und
an ihre Ausdeutung und praktische Anwendung im einzelnen knpfen sich an
die bemerkenswertesten Streitfragen des Sozialismus in Vergangenheit und
Gegenwart.




Zweites Kapitel.

Die naturrechtliche Begrndung des Sozialismus.


Es lag in der Natur der Dinge, da der Sozialismus in den vergangenen
Jahrhunderten bis weit in das neunzehnte Jahrhundert hinein fast
ausschlielich naturrechtlich begrndet wurde. Die Tatsache des
Zusammenhanges der sozialistischen Theorien mit dem Naturrecht ist
auerordentlich interessant. Sie ist auch verschiedentlich von Gelehrten
oder Schriftstellern, die sich mit der Theorie des Sozialismus befat
haben, hervorgehoben worden; aber es fehlt meines Wissens doch noch an
einer systematischen, ihn geschichtlich wie begrifflich behandelnden
Darstellung dieses Zusammenhanges. Es wrde das eine auerordentlich
fruchtbare Untersuchung sein, durchaus der Vornahme wert, und ich glaube
sogar auch ein gutes Thema etwa fr eine Dissertation. Dieser
Zusammenhang nmlich zieht sich durch die ganze Geschichte des
Sozialismus, von den Zeiten an, wo es berhaupt etwas gab, was auf
diesen Namen Anspruch hat, bis in die neueste Zeit hinein. Noch im Jahre
1875 hat eine Kommission der damals sich vereinigenden sozialistischen
Parteien Deutschlands bei Ausarbeitung eines Entwurfs zum Parteiprogramm
dem Sozialismus eine vollkommen naturrechtliche Begrndung gegeben und
sich dadurch eine auerordentlich scharfe Kritik von Karl Marx
zugezogen. Die Begrndung lautete nmlich:

  Die Arbeit ist die Quelle alles Reichtums und aller Kultur, und da
  nutzbringende Arbeit nur in der Gesellschaft und durch die
  Gesellschaft mglich ist, gehrt der Ertrag der Arbeit unverkrzt und
  nach gleichem Recht allen Gesellschaftsgliedern.

Das ist, wie jeder leicht sehen kann, naturrechtlich und nicht
wissenschaftlich gesprochen.

Was versteht man unter Naturrecht? Nach meiner Ansicht werden da bei den
meisten Definitionen zwei ganz verschiedene Dinge durcheinandergeworfen.
Zwei Auffassungen streiten darber in der Geschichte des Gedankens: eine
naive, urwchsige Auffassung, die statt mit dem Wort Naturrecht besser
ausgedrckt wrde mit natrliches Recht. Die Franzosen sagen auch
=droit naturel= und die Englnder =natural law=, also immer
natrliches Recht. Der Begriff ist da abgeleitet von einem
vermeintlichen Naturzustand oder wird auf die Natur des Menschen bezogen
und ist nur in diesem Sinne naturphilosophisch. Dann gibt es aber eine
wissenschaftlich rechtstheoretische Auffassung des Begriffs Naturrecht,
nach der es verstanden wird als die Zusammenfassung von allgemeinen
Rechtsgrundstzen, die unabhngig von den Grundstzen und Bestimmungen
der rtlich und zeitlich wechselnden positiven Gesetzgebung gewonnen
werden mittels der von ueren Einwirkungen, von Machtverhltnissen und
Interessen unbeeinfluten Erforschung der Natur und Zwecke der
Gesetzgebung berhaupt sowie der Grundbedingungen der Entwicklung der
menschlichen Persnlichkeit und des mglichst harmonischen
Zusammenlebens der Menschen,-- Erkenntnisse, die Anspruch darauf
erheben, der positiven Gesetzgebung die Wege zu weisen, und die man
wissenschaftlich begrnden kann. Das Naturrecht in diesem Sinne will
also ber dem positiven Recht stehen. Die Forschung kann
selbstverstndlich die Aufgabe nur lsen mittels der prfenden Vernunft,
und zwar wenn sie ausschlielich und vorbehaltlos den Gesetzen der
Vernunft folgt. Daher hat man fr das so wissenschaftlich aufgefate
Naturrecht in neuerer Zeit den Namen Vernunftrecht gewhlt. Er zeigt
an, was aus den ursprnglichen Naturrechtsideen im Laufe der Entwicklung
geworden ist. Er lt aber die Rolle nicht erkennen, die der Begriff des
Naturrechts in der Geschichte gespielt hat. Vernunftrecht kann etwas
ganz anderes sein als das, was die Menschen jahrhundertelang unter
Naturrecht verstanden haben. Einwandfrei ist dagegen der andere
umfassende Begriff Rechtsphilosophie, denn das Vernunftrecht will eben
das hchste Recht, das Wesen dessen feststellen, was Recht sein soll,
das Recht, das aus dem Begriff der Gerechtigkeit sich ergibt.

Die Frage nach einem solchen Recht taucht auf, wo das positive Recht als
ungerecht erkannt oder empfunden wird. Dort greifen alsdann die Menschen
naturgem auf andere Wegweiser zurck fr das Recht, das sie haben
wollen. Es sind die verschiedensten Faktoren, auf die sie sich dabei
berufen, meist zunchst metaphysische, bersinnliche Mchte, die auch in
Naturbegriffen aufgefat werden; immer aber greifen sie zurck auf eine
jenseits der positiven Gesetzgebung stehende hhere Macht, sei es die
Vernunft berhaupt, die Gerechtigkeit, die Gottheit oder die Natur.
Infolgedessen hat das Naturrecht von jeher eine humanitre Tendenz, ist
es Recht fr die Sache der Unterdrckten oder jeweilig Enterbten. Im
weiteren Sinne ist es damit zugleich revolutionr und ist demgem
gewhnlich offiziell verpnt worden. In der Geschichte ist es hufig von
Religionsstiftern verkndet worden.

Wenn wir die orientalischen Vlker bergehen und nach dem Volke fragen,
das wohl in der alten Welt am meisten geleistet hat in Feststellung
natur- oder vernunftrechtlicher Grundstze, so sind das unzweifelhaft
die Griechen gewesen. In der Philosophie der Griechen spielen
naturrechtliche Spekulationen eine sehr bedeutende Rolle. Sie sind die
Begleiterscheinung der politischen Kmpfe, die sich in den
vorgeschritteneren Stadtstaaten Griechenlands abspielen, vor allem in
Athen. Auch das ist bemerkenswert, da, wenn eine bisher anerkannte
Philosophie erschttert, bersehen oder vernachlssigt wird-- ein
Vorgang, der uns meist nur in lckenhaften Berichten berliefert wird
und daher abstrakt erscheint--, dies oft tatschlich einen ganz realen
Hintergrund hat in politischen Kmpfen, die sich etwa gleichzeitig oder
kurz vorher abgespielt haben. Wie die religisen berlieferungen werden
die Staatseinrichtungen schon in der alten Welt vor den Richterstuhl der
Vernunft gezogen und darauf geprft, wie sie den natrlichen
Bedrfnissen der Brger eines vollkommenen Gemeinwesens entsprechen. Wir
finden das bei Plato und seinen Vorgngern, bei Aristoteles, vor allem
aber in der Geschichte der Stoa, bei Zeno und seinen Schlern. Die Stoa
hat darin am meisten geleistet, die naturrechtliche Seite der
Gesetzgebung zu betonen und das Ansehen des positiven Rechts zu
erschttern. Das ist auch geschehen seitens der Schler der Stoa im
spteren Rom. Hier brauche ich nur an Seneka zu erinnern. Bei den
christlichen Sekten ist es der Begriff der Gotteskindschaft
beziehungsweise der Gleichheit vor Gott, der zu naturrechtlichen
Folgerungen Anla gibt oder fr sie ausgedeutet wird. Augustinus, wohl
der bedeutendste der Kirchenvter, ergeht sich in naturrechtlichen
Betrachtungen, und der groe Scholastiker Thomas von Aquino hat ein
ganzes System eines Naturrechtes entworfen, das er in Einklang zu
bringen sucht mit den Grundstzen des kanonischen Rechtes. Aber die zur
Zeit des Thomas auf der Hhe ihrer weltlichen Macht angelangte rmische
Kirche witterte in diesen naturrechtlichen Theorien und Ausfhrungen die
umstrzlerische Tendenz und hat sie demgem verworfen. Um so strkere
Pflege finden sie aber in der Geschichte bei den ketzerischen Sektierern
des Vorreformations- und Reformationszeitalters. Im Begriff des Wortes
Ketzer, das abgeleitet ist von Katharer, Reiniger, liegt schon die
naturrechtliche Tendenz angedeutet, das Zurckgreifen auf die
kritisierende Vernunft, allerdings beschrnkt auf die Auslegung der
Bibel. Diese wichtige Epoche im einzelnen zu beleuchten, mu ich mir
versagen, so interessant es wre, die ganze Entwicklung der christlichen
Sekten unter unserem Gesichtspunkt bis zur Reformation zu verfolgen.

Nachdem der Protestantismus in einer Reihe von Staaten gesiegt hatte,
ist es in Holland der berhmte Rechtslehrer und Staatsmann Hugo de
Groot, nach damaliger Sitte latinisiert in Grotius, der in seinem Werk
=De jure belli ac pacis= die erste erschpfende systematische
Darstellung des Vlkerrechts gibt und sie in der Einleitung sttzt auf
eine naturrechtliche Begrndung, die fr die Wissenschaft des
Naturrechts grundlegende Bedeutung erhalten hat. Heute schtzt man
Grotius als den eigentlichen wissenschaftlichen Begrnder des
Naturrechts. Noch eindringlicher aber berufen sich auf das Naturrecht--
und dieses eben als natrliches Recht aufgefat-- die kommunistischen
und halbkommunistischen Sektierer der spteren Reformationszeit und der
folgenden Jahrhunderte. Ich brauche nur allgemein auf diese groen
Kampfperioden zu verweisen, auf die Bauernkriege, die Kmpfe der
Wiedertufer usw. Da findet man immer wieder die Berufung auf das
Naturrechtliche als Begrndung von Forderungen.

Hier ist es am Ort, eine Bemerkung einzuflechten. Man kann die ganze
Bewegung des Sozialismus zurckfhren auf zwei groe Stmme oder
Wurzeln, aus denen sie ihre Kraft zieht. Die eine Wurzel und der sich
daraus entwickelnde Stamm sind die realen Kmpfe jeweilig unterdrckter,
zurckgesetzter Klassen oder Schichten der Gesellschaft. Der andere
Stamm aber ist die Ideologie, die vorwiegend von Gelehrten, Denkern,
Priestern usw. vertreten ist und anscheinend keinen direkten
Zusammenhang mit den Kmpfen hat. Es ist sogar Tatsache, da vielfach
solche Ideologen, die weit umfassende kommunistische Theorien
ausgearbeitet haben, den praktischen Kmpfen khl, gleichgltig, beinahe
ablehnend gegenberstanden. Denn die Kmpfe werden meist nicht um groe
weitumfassende Ziele, sondern um bestimmte begrenzte Forderungen
gefhrt, die nicht immer gut formuliert sind und einer greren Sache
schdlich zu sein scheinen. So kommt es, da, wenn auch die Ideologen
gar manchesmal beeinflut sind von den Kmpfen, ohne es zu wissen, und
wenn umgekehrt die Kmpfer, ohne es zu wissen, von ihnen manches
empfangen haben, wenn also auch die Fden hinber und herber laufen,
doch die beiden Stmme lange Zeit getrennt ihren Weg gehen. Erst in
neueren Jahrhunderten finden sie sich zusammen oder wachsen sie
zusammen. Karl Kautsky und meine Wenigkeit haben einmal einen solchen
Stammbaum des Sozialismus entworfen-- er ist auch reproduziert
worden--, wo wir zeigten, wie die beiden Stmme sich verzweigten und
schlielich im 19.Jahrhundert zusammenwuchsen und da, wie wir glauben,
das Zusammenwachsen auf seine Hhe gebracht worden ist durch die
marxistische Begrndung des Sozialismus.

Die Berufung auf das Naturrecht findet auf die verschiedenste Weise
statt. Kennzeichnend ist der Spruch, der, wenn nicht schon in den
deutschen Bauernkriegen, so jedenfalls in der Englischen Revolution
ausgespielt worden ist:

    Als Adam grub und Eva spann,
    Wer war denn da der Edelmann?

Das Volk suchte sein Naturrecht aus der Bibel zu beweisen, die ja
zuerst keine Klassenunterschiede kennt. Sie spielt eine groe Rolle in
der Englischen Revolution des 17.Jahrhunderts. England war, nachdem es
die Rosenkriege berwunden hatte, als Inselland von den Kriegen
verschont, die den Kontinent verheerten. Die politische Entwicklung
konnte sich hier ungestrter vollziehen, und so hatte es schon Mitte des
17.Jahrhunderts seine groe politische Revolution. Frher nannten die
Englnder diese groe Revolution die Rebellion, und erst die Erhebung,
die ein Menschenalter spter, 1688, stattfand und den Sturz der
Stuart-Dynastie besiegelte, die glorreiche Revolution. Heute ist
allgemein anerkannt, da die erste Bewegung den Namen Revolution
verdient. Schon die groen Fhrer der brgerlich-adligen Klasse nun, die
gegen die absolute Monarchie KarlsI. kmpften, sttzten sich in ihrer
Argumentation unter anderem auch auf das Naturrecht. Noch mehr aber
nahmen die hinter ihnen stehenden Klassen, die Independenten, es fr
sich in Anspruch, und am strksten kommt es zum Ausdruck in der Lehre
derjenigen Sekte, die sich die wahren Leveller nannte. Eine Sekte der
Independenten wurde von den Gegnern die Gleichmacher-- Leveller --
genannt und nahm alsdann diesen Namen an. Es waren im wesentlichen
politische Radikale. Dann aber kam eine Gruppe, die noch weiter ging,
kommunistische Ideen aufstellte und sich die wahren Leveller nannte.
Bei ihr findet man die naturrechtlichen Gedanken am klarsten
ausgedrckt. Ihr bedeutendster Verfechter war Gerard Winstanley, von dem
wir auch eine interessante Utopie, das Idealbild eines kommunistischen
Staates, haben, die lange unbeachtet geblieben war, bis sie mir bei
meinen Arbeiten in der Bibliothek des Britischen Museums auffiel. Von
diesem Winstanley existiert eine Schrift, die den Titel trgt: Die
Erhebung der Fahne der wahren Leveller. Sie erschien 1649 und beginnt
mit folgendem Satz, der sehr charakteristisch ist:

  Im Anfang der Zeit erschuf der groe Schpfer Vernunft die Erde als
  Gemeingut aller.

Man beachte, wie rationalistisch hier nicht die Gottheit, sondern die
Vernunft als Schpfer hingestellt wird. Winstanley fhrt dann weiter
aus, erst durch die Gewalt sei die Knechtschaft in die Welt gelangt, und
_das_ sei der Adam, der Vater der Erbsnde. Er treibt politische
Etymologie und erklrt: Adam, das ist also ein Damm-- =a dam=-- gegen
die Freiheit. Die Vernunft aber rechtfertige die Forderungen der wahren
Leveller.

berhaupt ist die Englische Revolution auerordentlich reich an
politischer Literatur. Man wird eigentmlich berhrt durch eine darauf
bezgliche Bemerkung der berhmtesten der Flugschriften, die zur
Ermordung Cromwells aufforderten. Das fast ergreifend geschriebene
Pamphlet stammt von einem frheren Anhnger Cromwells und hat den Titel:
Tten heit nicht morden! Es kam heraus im Jahre 1856, wo man nur erst
die kleinen Handpressen hatte, und beginnt mit den Worten:

  Es ist nicht der Wunsch, mich gedruckt zu sehen in einer Zeit, wo so
  wenige die Presse verschonen.

Unter den Broschren der wahren Leveller, deren Kommunismus wesentlich
ein Bodenkommunismus war, findet sich auch eine Broschre mit dem Titel:
Das Licht, das in Buckinghamshire scheint, in der sehr energisch jede
bersinnliche Religion verworfen wird. Das gleiche geschieht in der
Schrift Winstanleys, in der er seine Utopie entwickelt: Die Freiheit
als ein Programm dargelegt. Auch dort bekmpft er auf das
entschiedenste die bersinnliche Religion. Wie der grte Teil der
damaligen radikalen Literatur ist die ganze Schrift rationalistisch
gehalten, und der kommunistische Gedanke wird auf das Naturrecht als
Vernunftrecht begrndet. Diese Bewegung der wahren Leveller ist der
Vorlufer der groen Bewegung der Quker, die 1653 von George Fox
eingeleitet wird. Die Quker sind Rationalisten, wenn auch mit einem
Stck Mystik. Das innere Licht, das die Vernunft ist, die aus dem
Menschen spricht, soll alles entscheiden.

Brgerliche Schriftsteller von Bedeutung der damaligen Zeit, die
gleichfalls naturrechtlich argumentiert haben, sind vor allem der
Dichter Milton und der sehr interessante Staatsmann James Harrington,
der Verfasser der Oceana, und ebenso der Theoretiker des
Obrigkeitsstaates, Thomas Hobbes. Von England aus, das nun der Vorlufer
war fr die Revolution auf dem Kontinent, geht diese Auffassung und
Denkweise nach Frankreich ber. Frankreich hat schon im Anfang des
18.Jahrhunderts seinen radikalen Kommunisten in dem bekannten
atheistischen Pfarrer Jean Meslier, der zwar nicht als Pfarrer seine
Lehre verkndete, aber sie sehr scharf in der Schrift niederlegte, die
nach seinem Tode als sein Testament zuerst auszugsweise von Voltaire
verffentlicht wurde. Die Schrift ist ganz und gar atheistisch und
begrndet absolut naturrechtlich einen radikalen Kommunismus, das
gleiche Recht aller auf die Benutzung der Erde.

Als Gesellschaftslehre ist Mesliers Kommunismus noch ziemlich roh. Sehr
viel bedeutender ist als Kommunist der Abb Nicola Morelly, von dem man
persnlich wenig wei. Er hatte um die Mitte des 18.Jahrhunderts ein
Heldengedicht, die Basiliade, verffentlicht und schrieb dann zur
Verteidigung der darin ausgesprochenen Gedanken die Schrift mit dem
bezeichnenden Titel =Code de la nature=-- Gesetzbuch der Natur. Sie
erschien 1750 und wurde lange Zeit dem groen Enzyklopdisten Diderot
zugeschrieben. Morelly entwickelt darin eine vollkommene
Naturphilosophie: Die Natur hat die Bedrfnisse des Menschen so
eingerichtet, da sie die Grenzen seiner Krfte immer um ein Geringes
bersteigen. Andernfalls wrde der Mensch nicht geselliger sein als das
Tier. Bei den Menschen sollen, so will es die Natur, Wnsche und
Besorgnisse die moralische Anziehung zueinander steigern, und aus der
Spannung dieser Triebfedern soll eine wohlwollende Gesinnung fr alle
hervorgehen. Es ist auerordentlich charakteristisch, wie da der Natur
Absichten, Zwecke und Ziele unterstellt werden. Dabei spielt die
Naturphilosophie allerdings in die spekulative Phantasie ber. Aber
diese Art zu argumentieren beherrscht lange die allgemeine Sprach- und
Denkweise. Auf die Natur bezieht sich nun alles, alle mglichen Zwecke
werden der Natur als gewollt unterstellt. Die Natur hat dies und das so
eingerichtet, damit die Menschen jenes machen. Sie hat absichtlich
Bedrfnisse und Krfte der Menschen in ein solches Verhltnis gesetzt,
da der einzelne Mensch seine Bedrfnisse gar nicht erfllen kann und
gezwungen ist, gesellig zu leben. Alles wird, wie bei Winstanley, auf
die Natur zurckgefhrt. Morelly sagt weiter: Deshalb hat die Natur
unter den Menschen die Krfte so verteilt. Allen aber hat sie das
fruchtbringende Feld, den Boden also, in gleicher Weise als
unbestrittenes Eigentum zugeteilt. Die Welt ist ein Tisch fr alle, der
fr alle gedeckt ist, und Morelly stellt das Problem, eine solche Lage,
eine solche Verfassung zu finden, in der der Mensch so glcklich und
wohlttig sein wird, wie es berhaupt nur mglich sei. Das ist der
leitende Gedanke fr die Utopie, die er entwickelt. Nicht etwa nur, da
fr ihn das Magebende ist, den mglichst vollkommenen Staat zu bilden,
sondern vollkommen sei nur ein solcher Staat, wo die Menschen
naturgem, d.h. durch die Natur der Dinge so glcklich und wohlwollend
oder, wie man spter sagte, brderlich seien, wie berhaupt nur mglich.
Das ist die Grundlage seines Kommunismus, der lange Zeit einen groen
Eindruck machte und, wie gesagt, Diderot zugeschrieben wurde. Von
Morelly ist sicher der berhmte Abb Gabriel de Mably beeinflut worden,
dessen Schriften zum Teil gleichfalls kommunistisch sind, z.B. die
Schrift von den Rechten und Pflichten des Brgers, und die Schrift:
Zweifel der konomie gegenber. In bezug auf die Kritik der Wirtschaft
ist Mably sogar viel radikaler noch als Morelly.

Aber auch die rein brgerliche Schule der Physiokraten weist, wie schon
der Name anzeigt, auf die Natur als den berufenen Regulator der
menschlichen Gesellschaft hin. Es ist die Zeit, wo die Idee des
wirtschaftlichen Liberalismus aufkommt, die in England vertreten wird
durch Adam Smith und dessen Anhnger. Es galt der Grundsatz: =Laisser
faire, laisser passer!= Lasset gehen, lasset geschehen, die Welt regelt
sich von selber! Macht so wenig wie mglich Vorschriften! Das war die
Doktrin der physiokratischen Schule, und eine Mittelstellung zwischen
ihr und den Kommunisten nimmt Jean Jacques Rousseau ein, der Verfasser
des =Contrat social=, den als Volksvertrag, d.h. demokratisch
aufgefaten Gesellschaftsvertrag, auch er naturrechtlich begrndet.

Man wei, welche ungeheure radikale Literatur in Frankreich der
Revolution vorausging, wie viele Schriftsteller vor ihr an allen
berlieferungen rttelten, die es gab, nicht nur Kommunisten und
Sozialisten, sondern auch Liberale wie Voltaire und die ganze Schule der
Enzyklopdisten usw. Dann tritt die Revolution ein, und eine ihrer
ersten gesetzgeberischen Handlungen ist die Verkndung der
Menschenrechte, eine durchaus naturrechtliche Aufstellung, die Geltung
haben soll ber alle Gesetzgebung hinaus, das heit, die der
Gesetzgebung, welche die Franzsische Revolution nun schaffen soll, die
Wege weist. Sie hatte ihre Vorgngerin 1774 in Amerika bei der Grndung
der Vereinigten Staaten von Amerika. Die Kolonien, die damals sich gegen
die englische Herrschaft auflehnten, stellten eine Formulierung ihrer
Rechte auf, die als allgemeine Rechte des Menschen und Brgers
beansprucht wurden. Auch als die Hollnder sich von Spanien befreiten,
sprachen sie so. Und selbst die =Bill of rights=, die das englische
Parlament 1688 aufstellte, enthielt Elemente allgemeiner Rechtsgedanken.
Menschenrechte als Naturrechte finden aber den schrfsten Ausdruck in
der Verfassung von 1793, die der radikale franzsische Konvent nach dem
Sturz der Girondisten schuf, und der er die Erklrung der Menschenrechte
voranstellte. In der Einleitung dieser Erklrung liest man:

  Das franzsische Volk, in der berzeugung, da das Unglck der Welt
  nur durch das Vergessen und Miachten _der natrlichen Menschenrechte_
  verursacht wird, hat beschlossen, in einer feierlichen Erklrung seine
  heiligen und unveruerlichen Rechte zu erlutern.

Im dritten Artikel heit es:

  Alle Menschen sind _gleich durch die Natur_ und vor dem Gesetz,

und im sechsten Artikel:

  Das Recht hat als Grundsatz die _Natur_ und als Regel das Gesetz.

Dies die beiden wichtigsten Artikel, die die naturrechtliche Auffassung
betonen. Da sie als theoretische Begrndung vor der Kritik nicht
standhlt, braucht nicht mehr nachgewiesen zu werden. Aber von dieser
Auffassung werden die demokratischen Rechte abgeleitet und empfngt drei
Jahre spter, nachdem die Verfassung beschworen, die Verschwrung
Babeufs ihre geistige Anregung. Die Verschwrung Babeufs und der
Gleichen ist das klassische Beispiel der Ableitung des Sozialismus aus
dem Naturrecht.

Franois Nol Babeuf, der sich nach der damaligen Sitte den Vornamen
Gracchus beilegte und auch dem von ihm geschaffenen Organ den Namen Der
Volkstribun gab, kann als der konsequenteste Vertreter der Ableitung
des Kommunismus aus der Idee eines von der Natur bestimmten Rechts
betrachtet werden. Die Verschwrung der Gleichen genauer zu schildern,
gehrt in eine Abhandlung, die sich mit der Geschichte des Sozialismus
im einzelnen befat, ist daher hier nicht am Platze. Die Gleichen waren
die uersten Auslufer der Revolution, und es ist bezeichnend, da ihre
fhrenden Mitglieder smtlich der Schicht der Intellektuellen
angehrten. Es ist vollkommen irrig, ihre Bewegung als eine
Klassenbewegung des Proletariats aufzufassen. Die Gleichen agitierten
zwar im Volke, sie schickten ihre Sendboten in die damals existierenden
Fabriken, die greren Werkpltze und Werksttten von Paris, suchten
dadurch auf die Arbeiter Einflu zu gewinnen und fanden ihn auch
anscheinend. Es ward sogar erzhlt, da die Verschwrung der Gleichen,
die schlielich einige tausend Mitglieder angeworben hatte, alle
Aussichten des Erfolges fr sich hatte. So hat sich der franzsische
radikale Schriftsteller Georges Avenel im Pariser Sicle ausgedrckt,
und von da ist dieser Satz durch eine ganze Reihe sozialistischer
Abhandlungen ber sie bergegangen. Auch findet man eine solche uerung
schon bei Philipp Buonarotti, dem Mitglied und klassischen
Geschichtschreiber der Verschwrung. Es ist das aber der Ausflu einer
ganz naiven Auffassung. Sie hatte gar keine Aussichten des Erfolges fr
sich. Die Form der Organisation war eine solche, da sie ber die
Mglichkeiten tuschen konnte; aber beim ersten Versuch, den
ausgeklgelten Plan in die Praxis umzusetzen, schlug er ganz jmmerlich
fehl. Das hat indes natrlich noch nichts zu tun mit der Wrdigung der
dem Kommunismus Babeufs zugrunde liegenden Idee. Babeuf hat sie in
verschiedenen Artikeln seiner Zeitschrift entwickelt, und in einem
seiner berhmten Artikel, der im Volkstribun vom 30.November1795
erschien, wird die absolute Gleichheit kategorisch als Naturrecht
aufgestellt. Es heit da:

  Wir haben den Satz aufgestellt, da _die volle Gleichheit_ ein
  _natrliches_ Recht ist, und da der gesellschaftliche Vertrag (die Idee
  des =Contrat social=, die von Rousseau aufgestellt war und eine so
  groe Rolle in der Franzsischen Revolution gespielt hat), weit
  entfernt, _dieses Naturrecht_ zu beeintrchtigen, lediglich jedem
  einzelnen die Garantie gewhren wird, usw. usw.

Spter finden wir im April 1796 im Manifest der Gleichen, das von
Sylvain Marchal verfat war und den wunderlichen Satz enthlt: Mge
alle Kultur zugrunde gehen, wenn nur die Gleichheit hergestellt ist,
als Einleitung den Satz:

  _Die Gleichheit, der erste Wunsch der Natur..._

Die Natur hat also nicht nur einen Willen, sondern auch Wnsche. In
einem andern Manifest, das die Erklrung der Lehren Gracchus Babeufs
gibt, lautet der erste Satz:

  Die _Natur_ hat allen Menschen ein gleiches Recht auf den Genu aller
  Gter gegeben.

Aber die Natur ist nicht imstande, dieses Recht selbst zu verwirklichen.
Daher lautet der zweite Satz:

  Der Zweck der Gesellschaft ist es, diese Gleichheit, die im rohen
  Naturzustande oft durch die Starken und Schwachen gefhrdet wird, zu
  verteidigen und durch ttige Mitwirkung aller die gemeinsamen
  Lebensgensse zu vermehren.

Und der dritte Satz sagt:

  Die Natur hat jedem die Pflicht zur Arbeit auferlegt. Keiner hat sich
  ohne Verbrechen je dieser Pflicht entziehen knnen.

Von neuem wird die Natur angerufen, die Natur mit ihrem Willen. Zu
erwhnen ist noch der Satz Nr.10:

  Zweck der Revolution ist die Beseitigung der Ungleichheit und die
  Wiederherstellung des allgemeinen Wohlstandes.

Alles wird zurckgefhrt auf den Willen und die Absichten der Natur und
einen vorgestellten Naturzustand, auf dem allgemeiner Wohlstand
geherrscht habe. In bezug auf letzteren verrt aber Babeuf doch schon
Zweifel, wenn er sagt, im rohen Naturzustande haben Schwache und Starke
die natrliche Gleichheit gefhrdet.

Die Verschwrung der Gleichen war die letzte groe Regung in der
Franzsischen Revolution, die ausging vom Naturrecht. Es finden nach ihr
noch kleinere Aufstnde und Attentate demokratisch gesinnter Elemente
statt, aber die Bewegung selbst geht rcklufig. Auf die Epoche des
Direktoriums folgt die des Konsulats, und dann fhren die
imperialistischen Kriege Bonapartes-- die ersten Jakobinerkriege waren
ja Verteidigungskriege -- dazu, da Verteidigungskrieg und
Eroberungskrieg sich vermischten, da Kriege, die in der Vorstellung der
Nation der Befreiung galten, zu neuer Beherrschung fhrten. Erst gegen
Ende der Restauration, zwei Jahre bevor im Juli1830 auch die
Legitimisten gestrzt waren, verffentlichte Buonarotti in Brssel die
Geschichte der Verschwrung der Gleichen, die einen sehr tiefen Eindruck
machte und bald neue Verschwrungen von Sozialisten zur Folge hatte.
Buonarotti war ohnehin Carbonari, und unter seinem Einflu entstand eine
Verschwrersekte, die den Namen die Babouvisten bekam und deren
Anhnger sich spter Partei der Blanquisten nannten, nach ihrem
hervorragenden Fhrer Auguste Blanqui. Neben dieser Bewegung zeitigte
der sozialistische Gedanke eine Reihe Abarten in Frankreich, und man
kann sagen, da der ganze franzsische Sozialismus in der Mitte des
19.Jahrhunderts, wenn man ihn schrfer untersucht, zuletzt
naturrechtlich begrndet ist. Das ist z.B. auch der Fall bei Charles
Fourier, dessen Lehre im Grundgedanken zurckgeht auf Morelly, der, wie
wir gesehen haben, Naturanlagen magebend sein lt fr die Struktur des
sozialistischen Systems. Bei Morelly schon findet man den Gedanken, da
die natrlichen Anlagen und Neigungen die Mglichkeit geben, einen
Gesellschaftszustand zu errichten, der auf voller Freiheit und
Gleichheit beruht. Alle natrlichen Neigungen und Leidenschaften seien
von Hause aus berechtigt und keine Laster, sofern man ihnen nur die
Mglichkeit gebe, sich richtig zu bettigen. Fourier lt auch Neigungen
als gleichberechtigt gelten, die gemeinhin fr unschn erachtet werden,
so die Abwechslungssucht, den Ehrgeiz, die Streitsucht usw., und hat ein
ganzes System aufgestellt, wie diese Neigungen zum Besten der
Gesellschaft geleitet werden knnen. Er hat nach Newton ein zweites
Gesetz der Attraktion zu formulieren geglaubt.

Auch in anderen Lndern, auch in Deutschland, finden wir die
Gleichheitsidee in den verschiedensten Formen von Sozialisten verfochten
und naturrechtlich begrndet, in England bei Robert Owen und seiner
Schule, in Deutschland beim Bund der Gerechten und dessen zeitweise
hauptschlichsten Vertreter Wilhelm Weitling, dessen Buch Garantien der
Harmonie und Freiheit in hohem Grade beruht auf babouvistischen Ideen,
die er in Paris kennengelernt hatte. Dadurch aber, da diese Systeme,
soviel richtige Gedanken sie sonst enthalten, sich bewut oder unbewut
auf die naturrechtliche Betrachtungsweise sttzen, sind sie doch ihrem
Wesen nach utopistisch. Denn es wird bei ihnen vergessen, da der Mensch
nicht nur ein Produkt der Natur, sondern im Laufe der Zeit auch ein
Produkt der Geschichte und der gesellschaftlichen Zustnde geworden ist,
die in ihm vielfach erst Neigungen und Bedrfnisse entwickelt haben, die
er von Natur aus nicht hat. Als Produkte der Natur haben alle Menschen
allerdings gewisse gleiche Bedrfnisse mit auf den Weg bekommen. Alle
Menschen haben von Natur aus gleichermaen, wenn auch nicht in gleicher
Beschaffenheit Nahrungsbedrfnisse, das Bedrfnis nach Obdach usw.; eine
Reihe grober Bedrfnisse sind allen gemeinsam. Aber wenn man eine
Gesellschaft konstruieren will von Menschen, die man vorfindet, dann mu
man auch prfen: was sind ihre sozialen, ihre geschichtlich gewordenen
Bedrfnisse, welche Zustnde hat die geschichtliche Entwicklung
geschaffen, und was ist unter diesen Verhltnissen zu ndern notwendig
und mglich?

Mit diesem Einwand soll nun durchaus nicht etwa die Bedeutung
naturrechtlicher oder vernunftrechtlicher Erwgungen irgendwie
unterschtzt und herabgesetzt werden. Wollte man das tun, so liefe es
darauf hinaus, das sogenannte positive Recht, die geschichtlichen
Zustnde, die in einer Epoche eingetreten sind und sich fortgepflanzt
haben, schon blo weil sie geschichtlich sind, fr gut erklren und
ihnen eine Ewigkeitsdauer, eine Art Heiligkeit zusprechen. Das wrde
natrlich vollstndig falsch sein. Die Idee eines Naturrechts hat in der
Geschichte und Wissenschaft zu den verschiedenen Zeiten eine ungeheuer
groe Bedeutung gehabt.

Die Idee eines Rechtes, das ber dem geschriebenen Recht steht, das
unabhngig ist von gegebener geschichtlicher Entwicklung und positiven
Machtverhltnissen, war unter Umstnden der Protest des
vorwrtsstrebenden Geistes gegen die Fortdauer berlebter, Unrecht
gewordener Einrichtungen, Zustnde und Anschauungen, sie war die
Auflehnung sozusagen des jeweiligen Zeitgeistes gegen die Herrschaft der
Tradition, gegen die Herrschaft des Unrecht gewordenen Rechtes, der
Gedanke an sie die Zuflucht der jeweilig Unterdrckten und in der
Gesellschaft Zurckgesetzten. Es fllt mir also gar nicht ein, etwa zu
bestreiten, da das Nachdenken ber eine Rechtstheorie, die hher steht
als das geschichtlich gewordene positive Recht, seine Berechtigung habe.
Die rechtstheoretische Betrachtung, die Forschung nach einem richtigen
Recht, wie man es nun nennt, ist ein sehr bedeutsames Streben, das durch
die ganze Geschichte namentlich der liberalen Rechtsschule geht, wobei
ich das Wort liberal hier nicht im Parteisinne, sondern im weiten
geschichtlichen Sinne anwende, als den groen Freiheitsgedanken, der in
der Franzsischen Revolution seine rechtliche Formulierung gefunden hat
und in sich die Grundidee aller Fortschrittsbewegungen einschliet, die
sich weiterhin im Laufe der Geschichte vollziehen, nmlich das Recht des
werdenden Neuen gegen das berlebte Alte. Der Gedanke dieses Rechts ist
der liberale Rechtsgedanke -- nicht im Parteisinne, sondern im groen
geschichtlichen Sinne. Man kann ihn auch den revolutionren
Rechtsgedanken nennen.

Es gibt eine ganze Literatur des Vernunftrechts. Fast alle
Rechtstheoretiker haben sich mit ihm auseinanderzusetzen versucht, fast
alle Dichter und Denker sich mit ihm beschftigt. Die Worte, die Goethe
im Faust in der Schlerszene dem Mephisto in den Mund legt, diese oft
zitierten Verse:

    Es erben sich Gesetz und Rechte
    Wie eine ew'ge Krankheit fort;
    Sie schleppen von Geschlecht sich zum Geschlechte
    Und rcken sacht von Ort zu Ort.
    Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage;
    Weh' dir, da du ein Enkel bist!
    Vom Rechte, das mit uns geboren ist,
    Von dem ist-- leider!-- nie die Frage.

sie sind der Aufschrei der naturrechtlichen Betrachtung, der Protest des
unter der berlieferung Leidenden gegenber dem positiven Recht, das
Zurckgreifen auf ein Recht, das hher steht als das jeweilig
anerkannte. Das hat ja auch Schiller im Tell in der berhmten, nach
meiner Ansicht schnsten Szene dieser Dichtung, der Verschwrungsszene
auf dem Rtli, dem Stauffacher in den Mund gelegt. Nachdem er alle die
Unbill aufgezhlt hat, die die Schweizer erlitten haben, ruft
Stauffacher aus:

    Ist keine Hilfe gegen solchen Drang?
    Nein, eine Grenze hat Tyrannenmacht.
    Wenn der Gedrckte nirgends Recht kann finden,
    Wenn unertrglich wird die Last,-- greift er
    Hinauf getrosten Mutes in den Himmel
    Und holt herunter seine ew'gen Rechte,
    Die droben hangen unveruerlich
    Und unzerbrechlich, wie die Sterne selbst.

Die unveruerlichen Menschenrechte werden angerufen, und Stauffacher
sagt weiter: _Der alte Urstand der Natur kehrt wieder._ Ebenfalls um die
Anrufung des Naturrechts gegenber dem geschichtlichen oder dem alten
Unrecht. Indes handelt es sich, wie gesagt, wenn wir das Naturrecht
kritisieren, nicht darum, da jedes Rckgreifen auf ein ber dem
positiven Recht stehendes Recht verworfen werden soll, sondern nur
darum, da man sich klar darber werden soll, wo die Grenzen solchen
Rechts liegen. Was kann das Naturrecht schaffen, was kann es beweisen?
Beweisen kann es wohl die Richtigkeit bestimmter Rechtsbegriffe, je
nachdem diese zeitgem geworden sind, aber was das Naturrecht nicht
allein beweisen kann, ist, da eine ganze Gesellschaftsorganisation
hinfllig geworden ist, reif geworden ist, durch eine andere ersetzt zu
werden, whrend den Sozialisten jener Epoche die Vorstellung
vorschwebte, sie knnten durch das Naturrecht allein die Notwendigkeit
der Beseitigung der gegebenen Gesellschaftsordnung nachweisen.

Die naturrechtliche Ableitung des Sozialismus wurde aber mit
Notwendigkeit Ursache von allerhand Streit unter Sozialisten und dann
selbst zu einer Streitfrage des Sozialismus. Polemik ber ihre Anwendung
zieht sich in verschiedenen Formen durch die ganze sozialistische
Literatur. Die naturrechtliche Auffassung selbst aber ist mit der
grten Schrfe kritisiert worden von den beiden groen Denkern Marx und
Engels in ihrer Auseinandersetzung mit der nachhegelschen Philosophie
und den von ihr wie von den franzsischen Utopisten beeinfluten
deutschen Sozialisten. Ganz besonders gilt dies von einem Manuskript,
das leider nur erst zur Hlfte verffentlicht ist, nmlich die Kritik
von Marx und Engels an der Schrift Max Stirners: Der Einzige und sein
Eigentum. Stirner galt als der radikalste Sozialphilosoph seiner Tage.
Die ersten Abschnitte der Auseinandersetzung von Marx und Engels mit ihm
sind in den Dokumenten des Sozialismus verffentlicht worden, die von
mir herausgegeben wurden und 1905 ihr Erscheinen einstellten. Das
Manuskript mit dem unverffentlichten Teil ist noch in meinen Hnden.
Stirner nun, der alles Heilige geleugnet hatte, wird, weil er doch
wieder auf Naturrechtsideen in seinen Beweisfhrungen zurckgreift,
berfhrt, da er mit seiner bertreibung des Ich selbst Ideologe ist
und von Marx und Engels ironisch der heilige Max genannt, das
Schlimmste, was ihm passieren konnte.

Aber auch von den Sozialisten, die wissenschaftlich vorzugehen
glaubten, indem sie sich auf die konomie beriefen, sind ein groer Teil
im naturrechtlichen Denken hngen geblieben.




Drittes Kapitel.

Die Bedeutung der Werttheorien fr den wissenschaftlichen Sozialismus.


Die Ableitung des Sozialismus von naturrechtlichen Betrachtungen steht
in engem Zusammenhang mit der Ableitung des Sozialismus von der Lehre
vom Arbeitswert, das heit von der Werttheorie, wie sie von Ricardo
aufgestellt und von Marx weiter entwickelt worden ist. David Ricardo
geht in seiner Werttheorie aus von dem Wert der Waren, die auf dem Markt
gehandelt werden und nicht ein Seltenheitsmonopol haben, sondern
verhltnismig-- auch da gibt es ja Grenzen-- beliebig vermehrt
werden knnen. Der Markt- oder Tauschwert dieser Waren, weist er nach,
besteht in der zu ihrer Herstellung erforderten menschlichen Arbeit,
gemessen nach der Zeit, die auf die Arbeit verwandt wird. Die
Feststellung ist das Bedeutende an der Werttheorie Ricardos. Auch sie
ist nicht vllig neu aus seinem Haupt entsprungen. Man kann Stze, die
den Gedanken annhernd aussprechen, schon bei Vorgngern Ricardos im
17.Jahrhundert finden. Aber mit der wahrhaft klassischen Klarheit hat
erst Ricardo ihn formuliert. Es gibt zwei Arten Wert, stellt er fest:
Gebrauchswert oder Ntzlichkeitswert und Tauschwert oder Marktwert der
Ware. Die Ntzlichkeit ist die Voraussetzung des Tauschwertes, aber sie
bestimmt ihn nicht. Soweit Waren beliebig produziert werden knnen, ist
die Aufwendung von Arbeit das fr ihren Tauschwert Magebende, wobei die
Konkurrenz auf dem Markt den Ausgleich bewirkt. Selbstverstndlich ist
nicht alle Arbeit gleich. Qualifizierte Arbeit lst sich auf in
verschiedene Bestandteile einfacher Arbeit. Nicht jede Arbeit ist ferner
gleich wertbildend. Die Arbeit mu auf der Hhe der Technik der
allgemeinen Produktionsentwicklung stehen.

Bei Ricardo nun, dessen Grundstze der Volkswirtschaftslehre 1817
erschienen, kehrt diese Werttheorie ihre Spitze gegen das _Grundeigentum_,
beziehungsweise gegen die Ansprche der Grundeigentmer auf besondere
_Bodenrente_. Das Werk erschien zu einer Zeit, wo England sehr hohe
Kornzlle erhob, und wo der Kampf darum ging, ob sie fortdauern oder gar
erhht werden sollten. An die vollstndige Abschaffung des Kornzolles
wurde damals kaum gedacht. In diesem Kampfe bestritt Ricardo den
Anspruch auf Grundrente, indem er ausfhrte, da diese kein
konstituierendes Element des Wertes sei, sondern ein Abzug vom Wert, der
dem Besitzer des Grundeigentums gegeben wird, whrend ein
naturrechtlicher Anspruch auf Grundrente berhaupt nicht bestehe. Der
Kampf zwischen Grundeigentmer und kapitalistischem Unternehmer, der im
ersten Teile des 19.Jahrhunderts eine groe Bedeutung hatte, war bewut
oder unbewut das Motiv, das Ricardo veranlate, seine Theorie
aufzustellen.

Aber dabei blieb es nicht. Die Theorie Ricardos wurde bald gegen die
Unternehmer berhaupt, auch gegen die industriellen Kapitalisten
gekehrt. Es begann ein Streit um die Definition des Begriffs Arbeit.
Ricardo begreift in ihn ein die Ttigkeit des Unternehmers, der
Lohnarbeiter und der Angestellten, so da der Wert bestimmt wird bei ihm
eigentlich nicht durch die Arbeit des Lohnarbeiters, des physischen und
geistigen Arbeiters, sondern das Produkt ist von dieser Arbeit und dem
Unternehmerprofit zusammen. Sehr bald kehrten aber Sozialisten die
Spitze gegen Ricardo als einen Verteidiger der Kapitalisten. Sie
erklrten: nein, fr den Wert ist die Arbeit allein magebend, die
Arbeit der wirklich Arbeitenden, nicht der Anspruch des Kapitalisten.
Der Unternehmerprofit ist auch nur ein Abzug vom Arbeitswert.

In dieser Argumentierung-- und das ist sehr interessant-- erblicken
viele das groe Werk von Karl Marx. Wenn man herumfragt, um welche
bedeutsame Erkenntnis Karl Marx die Wissenschaft der konomie bereichert
habe, so wird man von den meisten hren, es sei das eben diese Theorie
des Wertes, da die aufgewendete Arbeit allein den Wert der Waren
bestimme. Es geht Marx da so, wie fast jedem groen bahnbrechenden
Denker. Es wird etwas als sein Werk erklrt, was er schon fertig
vorfand, als er anfing zu arbeiten. Fragt man z.B. eine Anzahl Leute
nach dem Werke Kants, so werden neun von zehn antworten, er habe die
Theorie vom Ding an sich aufgestellt, das heit eine Theorie, die
tatschlich schon ber 2000Jahre vorher in der Philosophie lebte, ehe
Kant geboren war. Er hat vielmehr die Folgerungen, die man aus dem Ding
an sich gezogen hatte, _begrenzt_, das ist sein groes Werk; aber nicht,
da er die Idee selbst zuerst aufgestellt habe. Und Marx' Werk besteht
darin, die Ableitungen aus der Idee vom Arbeitswert sehr vertieft, sie
zu weiteren Zwecken der Untersuchung fruchtbar verwendet zu haben. Was
Marx bei seinem groen Werk Das Kapital sich zur Aufgabe stellte, war
nicht der Nachweis, da den Arbeitern das Produkt der Arbeit gehre,
weil Arbeit den Wert der Ware bestimmt, sondern das Streben, die groen
Bewegungsgesetze der modernen kapitalistischen Wirtschaft zu erkennen,
zu formulieren und festzustellen. Dazu brauchte er allerdings die
Theorie vom Arbeitswert, weil sie ihm die Grundlage der Theorie vom
Mehrwert ber den Preis hinaus ist, des Mehrwerts, um den in der
kapitalistischen Wirtschaftsordnung sich der Kampf der Klassen
vollzieht. Der Kampf um den Mehrwert zwischen Unternehmer und
Grundbesitzer, der Kampf um den Mehrwert zwischen Arbeiter und
Unternehmer-- der Lohnkampf--, der Kampf um den Mehrwert der
Unternehmer untereinander in der freien Konkurrenz, das sind die groen
Triebkrfte, die auf die Entwicklung der Wirtschaften nach den
verschiedensten Seiten hin den allergrten Einflu haben.

Der Streit um den Mehrwert, der in der Grundrente steckt, ist nicht ein
rein theoretisches Spiel, sondern der Niederschlag des Kampfes um die
Bestimmung fast der ganzen Agrargesetzgebung einschlielich der
Zollgesetzgebung in bezug auf Agrarprodukte. Der Kampf in der freien
wirtschaftlichen Konkurrenz um den Mehrwert ist es wiederum, der dahin
fhrt, da, wenn der Druck auf die Lhne nicht mglich ist, um die
Produktion zu verbilligen, die technische Herstellungsweise immer mehr
vervollkommnet wird. Er fhrt ferner dazu, da der Unternehmer, um
andere Unternehmer aus dem Felde zu schlagen, sich gentigt sieht, die
Unternehmung immer mehr zu vergrern, damit ein relativ kleinerer
Anteil an den Kosten auf den Lohn entfllt und ein relativ grerer
Mehrwert verbleibt. Hierum aber spielt auch der Kampf der Unternehmer
und Arbeiter selber, und als solcher spitzt er sich nach verschiedenen
Seiten hin zu. So ist der Kampf um den Mehrwert in der kapitalistischen
Gesellschaft gewissermaen die zuletzt bestimmende Triebkraft aller
groen wirtschaftlichen Bewegungen, hinter denen, durch sie
hervorgerufen, die groen politischen Kmpfe, die Klassenkmpfe, stehen.

Die Umkehrung der Lehre vom Arbeitswert gegen Ricardo und die ganze
brgerliche konomie setzt in England schon um das Jahr 1821 ein. Marx
zitiert selbst eine in jenem Jahre erschienene kleine anonyme Schrift,
deren Titel, ins Deutsche bersetzt, ungefhr lautet: Die Quelle und
das Abhilfsmittel unserer nationalen Schwierigkeit. Ein Brief an Lord
John Russell. Sie ward also 26Jahre frher verfat, bevor Marx seine
erste konomische Abhandlung schrieb, die gegen Proudhon gerichtete
Streitschrift Das Elend der Philosophie, und 45Jahre vor seinem
Kapital. In dieser Schrift, was ganz interessant ist, heit es:

  Was auch dem Kapitalisten zukommen mge, er kann immer nur die
  Mehrarbeit (hier haben wir schon diesen Begriff) des Arbeiters sich
  aneignen, denn der Arbeiter mu leben. Wenn das Kapital nicht an Wert
  abnimmt im Verhltnis, wie es an Masse zunimmt, so wird der Kapitalist
  dem Arbeiter das Produkt jeder Arbeitsstunde abpressen ber das
  Mindestma dessen, wovon der Arbeiter leben kann.

Da haben wir auch den Gedanken der Theorie des ehernen Lohngesetzes,
wie Lassalle es seiner Agitation zugrunde legte, und wie es lange Jahre
von der deutschen Arbeiterbewegung gleich einem Heiligtum hochgehalten
wurde. Die zwanziger und dreiiger Jahre des 19.Jahrhunderts sind ja
die Bltezeit, auch die geistige Bltezeit des Sozialismus in England.
Sie zeitigte eine auerordentlich interessante sozialistische Literatur,
sozialistische Schriften Robert Owens selbst, der William Thompson, John
Gray, T.R.Edmonds, J.F.Bray und noch einer ganzen Reihe
Schriftsteller aus der Schule Robert Owens. Sie alle fuen darauf: Der
Arbeiter bekommt nicht den vollen Ertrag seiner Arbeit, die Arbeit und
nicht der Arbeitslohn bestimmt den Wert der Ware, infolgedessen hat der
Arbeiter auf den vollen Wert des Produkts Anspruch.

Karl Marx hatte sein groes Werk ber politische konomie schon um 1849
in Angriff genommen, ging aber erst 1859 daran, es zu verffentlichen.
Es sollte in Lieferungen bzw. Heften erscheinen. Aber nur das erste Heft
ist damals erschienen, nmlich die Schrift Zur Kritik der politischen
konomie, und in ihr wird vom Verhltnis des Arbeitslohns zum
Arbeitswert noch gar nicht nher gehandelt.

Es ist beilufig ein bemerkenswertes Zusammentreffen, da dieses Buch
von Marx, in dessen Vorwort er die Grundgedanken seiner
Geschichtstheorie entwickelt, die wir als soziologische oder
sozialwissenschaftliche Entwicklungslehre kennen, in demselben Jahre
herauskam, wo das erste bahnbrechende Buch von Charles Darwin erschienen
ist: Der Ursprung der Arten, das grundlegend war fr die biologische
Entwicklungslehre, die Wissenschaft von der Metamorphose der Lebewesen.
Wenn die Darwinschen Aufstellungen heute auch in vielen Punkten
umgeworfen sind, so ist der Grundgedanke seiner Theorie doch
beibehalten; er bleibt der Vater der biologischen Entwicklungslehre. Und
ebenso mit Marx. Was bei Darwin fr die Entstehung und Entwicklung der
Arten der Kampf ums Dasein in der Natur ist, ist bei Marx fr die
Entwicklung der menschlichen Gesellschaften der Kampf der Klassen in der
Gesellschaft. Beider Theorien sind grundstzlich auf den Kampf gesttzte
Entwicklungslehren.

In dem Buche Zur Kritik der politischen konomie nun findet man von
Marx an einer Stelle, wo er die damaligen Angriffe auf die Ricardosche
Werttheorie auseinandersetzt und die aus ihr sich ergebenden Probleme
formuliert, folgenden Satz:

  Wenn der Tauschwert eines Produktes gleich ist der in ihm enthaltenen
  Arbeitszeit, dann ist der Tauschwert eines Arbeitstages gleich seinem
  Produkt, oder der Arbeitslohn mu dem Produkt der Arbeit gleich sein.
  Nun ist das Gegenteil der Fall.

Und dazu setzt Marx die Funote:

  Dieser von konomischer Seite gegen Ricardo beigebrachte Einwand ward
  spter von sozialistischer Seite aufgegriffen. Die theoretische
  Richtigkeit der Formel vorausgesetzt, wurde die Praxis des
  Widerspruches gegen die Theorie bezichtigt und die brgerliche
  Gesellschaft angegangen, praktisch die vermite Konsequenz ihres
  theoretischen Prinzips zu ziehen. In dieser Weise kehrten wenigstens
  englische Sozialisten die Ricardosche Formel des Tauschwertes gegen
  die politische [brgerliche. Ed.B.] konomie.

Marx nennt dann weiterhin an dieser Stelle diese Ableitung des
Sozialismus von Ricardo _die utopistische Auslegung der Ricardoschen
Formel_, und man hat geglaubt, sie sei das groe Werk von Marx! Eine
Auslegung, die er gerade als utopistisch bezeichnet hat! Sie aber zieht
sich durch die ganze sozialistische Literatur des 19.Jahrhunderts. Sie
gipfelt, wie hier schon angedeutet wird, in der Forderung des Rechtes
auf den vollen Arbeitsertrag. Die Frage dieses Rechtes hat gleichfalls
eine ganze Literatur erzeugt. Unter anderem hat sie eingehend behandelt
Anton Menger, der verstorbene, sehr gelehrte sterreichische Sozialist.
Aber noch ein anderer hat die Idee aufgegriffen, und das war Ferdinand
Lassalle, der sie anscheinend zum Angelpunkt seiner sozialistischen
Agitation machte. Auch bei Proudhon finden wir sie in seinen ersten
groen sozialistischen Schriften behandelt, die am meisten Sensation
erregten. Seine erste sozialistische Schrift hie: Was ist das
Eigentum?, in ihr hat er das bekannte Paradoxon aufgestellt: Das
Eigentum ist Diebstahl. Und wie beweist er den Satz? Er sttzt ihn
darauf, da das Eigentum es ermglicht, den Ertrag der Arbeit des
Arbeiters diesem zu verkrzen, ihm im Lohn einen groen Anteil
vorzuenthalten. Und so grndet er seine sozialistische Theorie auf das
Recht auf den vollen Arbeitsertrag, auf das Ricardosche Wertgesetz.
Dasselbe ist der Fall bei Karl Rodbertus, dem berhmten deutschen, mehr
konservativ gerichteten Nationalkonomen. Auch dieser beruft sich fr
seine sozialistische Theorie auf das Wertgesetz Ricardos, und ebenso tut
es Ferdinand Lassalle in seinen Agitationsschriften. Ferdinand Lassalle
geht hierbei zuletzt zurck auf das Naturrecht, begrndet den
Sozialismus naturrechtlich. Er befindet sich damit, ohne es zu wissen,
auf demselben Boden wie Proudhon. Ja, das bedeutende, hochinteressante
wissenschaftliche Hauptwerk Lassalles: Das System der erworbenen
Rechte, ist im letzten Grunde auch nur ein Eintreten fr das Naturrecht
gegen das erworbene Recht, denn sein leitender Grundgedanke ist die
Anwendung eines aus dem Naturrecht abgeleiteten Satzes der Erklrung der
Menschenrechte der groen franzsischen Revolution, nmlich da keine
Generation sptere Generationen an ihre Gesetze binden kann, auf das
ffentliche wie auf das Privatrecht.

Ganz anders Marx. Er hat die Werttheorie, die er bei Ricardo vorfand,
konsequent weitergebildet, aber nicht, um aus der Lehre vom Mehrwert
Rechtsansprche herzuleiten, sondern um die Bewegungsgesetze der
kapitalistischen Wirtschaft schrfer zu erfassen und darzustellen. Das
unterscheidet ihn von fast allen anderen Sozialisten, die an Ricardo
angeknpft haben, und nicht zum wenigsten von Rodbertus und Lassalle.

Rodbertus hat schon in seiner 1842 erschienenen Schrift Zur Erkenntnis
unserer staatswirtschaftlichen Zustnde und spter in seinen Sozialen
Briefen an die Werttheorie von Ricardo angeknpft und sie ganz in der
naturrechtlichen Auffassung der franzsischen und englischen Sozialisten
so ausgelegt, da dem Arbeiter schon dadurch, da er Lohn statt den
vollen Ertrag erhlt, etwas weggenommen wird, was ihm von Rechts wegen
zukommt. Lassalle legt die Idee seinem im Jahre 1863 erschienenen
Offenen Antwortschreiben an das Zentralkomitee zur Berufung eines
allgemeinen deutschen Arbeiterkongresses zugrunde und entwickelt sie
ein Jahr spter sehr eingehend in seiner Streitschrift: Herr
Bastiat-Schulze von Delitzsch, der konomische Julian. Er steht da
vollstndig auf den Schultern von Ricardo und vermeintlich auch auf den
Schultern von Marx. Schon im Briefe vom 12.Mai 1851 an Marx nennt er
diesen den Sozialist gewordenen Ricardo, und in demselben Briefe sagt
er: Ricardo ist unser unmittelbarer Vater! und rhmt die Definition
der Grundrente, die Ricardo gegeben hat, als die gewaltigste
kommunistische Tat. Ihm, der vor allem Rechtstheoretiker war, lag es
eben ganz besonders nahe, den Sozialismus aus der Mehrwertstheorie
juristisch abzuleiten. In der Agitation diente ihm diese Ableitung zur
Untersttzung des von ihm als ehern bezeichneten Lohngesetzes Ricardos,
wonach der Lohn des Arbeiters nie viel hher ber dessen notwendige
Lebensbedrfnisse steige und nie lange Zeit wesentlich darunter bleiben
knne, beilufig eine Deduktion, die mehr malthusianisch als konomisch
ist. Auf sie beriefen sich aber, ihm folgend, dann jahrzehntelang die
Agitatoren beider Richtungen der deutschen Sozialdemokratie, die
spezifischen Lassalleaner wie auch die Sozialisten der Eisenacher
Richtung von Bebel und Liebknecht, die im brigen sich gegen Lassalles
Mittel wandten, das darauf hinauslief, die Mehrarbeit zu beseitigen
durch die Schaffung von Produktivgenossenschaften der Arbeiter mit
Staatskredit. Diese Idee der Produktivgenossenschaften stammte
gleichfalls von den englischen Sozialisten. In den fnfziger Jahren des
vorigen Jahrhunderts sind in England groe Versuche mit einem
verhltnismig ziemlich bedeutenden Aufwand von Kapital mit ihr gemacht
worden. Wohlmeinende christliche Sozialisten Englands haben ber eine
Million Mark hergegeben fr Produktivgenossenschaften. Aber diese
Schpfungen sind entweder zugrunde gegangen oder sie haben ihren
Charakter gendert und sind kapitalistische Unternehmungen geworden. In
Deutschland war man darber nicht genauer unterrichtet, und als 1875 die
beiden sozialistischen Parteien sich vereinigten, fand sich in dem
Entwurf des Programms fr die neue Partei im Anschlu an die Forderung
der Zerbrechung des ehernen Lohngesetzes der Satz:

  Die Befreiung der Arbeit erfordert die Erhebung der Arbeitsmittel zum
  Gemeingut der Gesellschaft und die genossenschaftliche Regelung der
  Gesamtarbeit mit gerechter Verteilung des Arbeitsertrages.

Wie Marx den ganzen Entwurf in einem Briefe an August Bebel und Genossen
uerst abfllig kritisierte, so auch speziell diesen Satz von der
gerechten Verteilung des Arbeitsertrages, der nach seiner Meinung gar
nichts besagte. Die Ableitung vom ehernen Lohngesetz bezeichnet er als
utopistisch. ber die Forderung der gerechten Verteilung sagt er:

  Was ist gerechte Verteilung? Behaupten die Bourgeois nicht, da die
  heutige Verteilung gerecht ist? Und _ist sie in der Tat nicht die
  einzig gerechte Verteilung auf Grundlage der heutigen
  Produktionsweise_? Werden die konomischen Verhltnisse durch
  Rechtsbegriffe geregelt, oder entspringen nicht umgekehrt die
  Rechtsverhltnisse aus den konomischen?

ber das letztere, den Grundgedanken der konomischen
Geschichtsauffassung, eingehender zu sprechen, ist hier nicht der Ort.
Aber es geschieht in ihrem Sinne, wenn Marx scharf gegen den Gedanken
polemisiert, agitatorisch in das Programm das Schlagwort gerechte
Verteilung des Arbeitsvertrages hineinzuwerfen. Er fhrt aus, die Form,
wie der Arbeitsertrag verteilt wird, werde bestimmt durch die jeweilige
Produktionsweise, und auf dem Boden der jeweiligen Produktionsweise sei
sie dann, konomisch betrachtet, gerecht. Ob auch die Lohn_hhe_ gerecht
ist, ist etwas anderes; aber da der Arbeiter Lohn bekommt und nicht den
Ertrag der Arbeit, das entspreche der gegebenen Produktionsweise, und
auf dem Boden dieser Produktionsweise knne daran nichts Wesentliches
gendert werden. Des weiteren legt Marx dar, welche Widersprche in der
Forderung des vollen Arbeitsertrages liegen. Er erklrt, da das gleiche
Recht bei der Verteilung des Arbeitsertrags auf die Leistung bezogen
seinem Inhalte nach gleiches Unrecht sei, denn die Arbeitsleistungen
seien ja verschieden. Wenn der Arbeiter den vollen Ertrag seiner Arbeit
bekomme, so bekomme er gegenber anderen Arbeitern Ungleiches, weil er
ungleich arbeitet, und so werde das gleiche Recht hier ein Recht der
Ungleichheit. Er sagt:

  Das Recht kann nie hher sein als die konomische Gestaltung und die
  dadurch bedingte Kulturentwicklung der Gesellschaft,

und er tadelt es auf das schrfste, da man im Programm Vorstellungen
Ausdruck gebe, die einmal obwaltet und deshalb einen gewissen Sinn
hatten, aber im Angesicht der neugewonnenen Erkenntnis zum veralteten
Phrasenkram gehren. Der Brief ist ungemein interessant, aber er ist zu
jener Zeit bei der endgltigen Fassung des sozialdemokratischen
Programms wenig bercksichtigt worden. Ohne den Namen zu nennen,
richtete er sich wesentlich gegen Wilhelm Liebknecht, den hochverdienten
Vorkmpfer der Sozialdemokratie, der lange Jahre hindurch in Deutschland
als der berufene Interpret von Karl Marx galt. Das war er aber auf
theoretischem Gebiet ganz und gar nicht. Er war vielmehr wesentlich
naturrechtlicher Sozialist im Geiste der Franzosen, und daher wenig in
den Sinn der Marxschen Lehre eingedrungen. Der Brief, der, wie gesagt,
nur wenig auf die Gestaltung des damals vereinbarten Programms der
Sozialdemokratie eingewirkt hat, geriet in Vergessenheit, bis im Jahre
1890, als die Sozialdemokratie von neuem vor der Aufgabe stand, ein
Programm zu schaffen, Friedrich Engels ihn mit allen seinen Schrfen in
der Neuen Zeit verffentlichte.

Die Frage aber, um die es sich hier dreht, blieb eine Streitfrage des
Sozialismus. Und zwar nicht so sehr eine Streitfrage ber den Mehrwert
und dergleichen, denn der war ja eine nachweisbare Tatsache. Da der
Arbeiter im allgemeinen einen hheren Wert erarbeiten mu, als er im
Lohn bekommt, das lie sich sehr leicht nachweisen. Will man es sich
heute greifbar veranschaulichen, so lese man die Statistik der Aktionre.
Die Aktionre sind eigentlich der herumwandelnde Mehrwert, ob sie nun
sozialrechtlich Anspruch auf ihn haben oder nicht. Wie man die
Aktionre, d.h. die Leute, die ihr Geld in den Aktien von gewerblichen
Unternehmungen anlegen, sozialrechtlich beurteilt, ob man auf sie als
Schmarotzer verchtlich zu blicken hat, oder ob man sagen kann, sie sind
zeitweise eine groe Notwendigkeit gewesen und auch heute noch nicht
entbehrlich, das ist eine Frage fr sich. Zu ihrer Beleuchtung sei hier
eine kleine Episode erwhnt. Der deutsche Reichstag verhandelte im Jahre
1906 ber die vom damaligen Reichsschatzsekretr ausgearbeitete
Finanzaufbesserung. Sie schlug zum ersten Male eine Reichserbschaftssteuer
vor, und die Sozialdemokratische Partei, deren Mitglied ich bin, hatte,
weil sie Gegnerin aller indirekten Steuern und Zlle war, hhere Stze
als der Minister fr die Erbschaftssteuer beantragt. Mir fiel die
Aufgabe zu, diese Forderung zu vertreten, und ich wies dabei darauf hin,
da damals schon eine Verteilung des Eigentums eingetreten sei, welche
die Mglichkeit biete, die fr die notwendige Entwicklung der
Groproduktion erforderten Betriebskapitale auf genossenschaftlichem
Wege aufzubringen, und verwies hierfr auf die starke Verbreitung des
Aktienwesens. Der groe Kapitalist habe eine notwendige Funktion erfllt
in der Beschaffung der Mittel fr die Erweiterung der Produktion zu der
Zeit, wo eine andere Form der Kapitalbildung nicht da war. Das sei aber
zum Teil schon berwunden, und man knne infolgedessen schon dreister
zugreifen bei der Besteuerung der groen Vermgen und Erbschaften. Da
antwortete mir ein nationalliberaler westflischer Abgeordneter, das
klinge sehr schn, aber es sei doch falsch, denn wenn kleine Leute die
Mittel zusammenschieen, wrden sie nie den Unternehmergeist und den
Wagemut aufbringen, der erforderlich sei, sich auf so weitschichtige
Unternehmungen einzulassen, wie die Grokapitalisten es tten. Wer
bemht ist, objektiv zu urteilen und sich nicht durch seine eigenen
Parteianschauungen den wissenschaftlichen Blick blenden lt, der mu
zugeben, da ein Stck an dieser Antwort richtig war. Namentlich wenn
man anerkennt, da zur fortschreitenden Entwicklung der
Volkswirtschaft-- solange nicht der Staat und die Allgemeinheit dafr
sorgen, da ihre Organe nicht im Bureaukratismus versumpfen--, da zum
Fortschritt der Gesellschaft in entscheidender Linie die Fortentwicklung
der Produktion durch bestndige Verbesserung der Maschinerie und
grozgige, weitblickende Versuche gehren, mu man sich sagen, da ein
Stck von jener Antwort wahr ist, und der Streit knnte nur darum gehen:
Wieviel davon ist noch wahr, und wieviel berlebt?

Wir haben krzlich einen Kongre der deutschen Chemiker gehabt, auf dem
ein Vertreter lebhaft gegen die Sozialisierung der chemischen Industrie
polemisierte. Er wies hin auf die wichtigen, wertvollen Leistungen
dieser Industrie, von denen er frchtete, da sie nicht in gleicher
Weise gemacht wrden bei der Sozialisierung. Ich halte das in dieser
Allgemeinheit fr sehr bertrieben, aber gerade weil ich Sozialist bin
und der Erkenntnis der Wahrheit nachstrebe, verschliee ich nicht vor
Tatsachen die Augen, sondern suche zu prfen, wieviel an solchen
Behauptungen wahr ist. Man kann nun nicht bestreiten, da auch noch in
neuerer Zeit die kapitalistische Unternehmung auf verschiedenen Gebieten
in bezug auf wertvolle Neuerungen Bedeutendes geleistet hat. Gerade
Sozialisten drfen sich nicht das verhehlen, weil sie der sozialisierten
Produktion zur Aufgabe stellen mssen, in der Produktion das zu leisten,
was der Kapitalismus geleistet hat. Ein Beispiel sind unter anderem die
groartigen Neuerungen auf dem wichtigen Gebiete nicht nur der
Gewinnung, sondern der Weiterverarbeitung der Kohle, der chemischen
Verarbeitung ihrer Nebenprodukte, der Extrahierung von len aus der
Kohle, was fr Deutschland, das seine Einfuhren einschrnken mu, eine
sehr wesentliche wirtschaftliche Frage ist. Aus alledem geht hervor, wie
recht Marx hatte, wenn er es fr irrefhrend erklrte, die Form der
Verteilung des Arbeitsertrages bei der Begrndung des Sozialismus als
magebend hinzustellen. Der Sozialismus ist in erster Linie gebunden an
die Fortentwicklung der Produktion.

Marx, der dies bald erkannte, trat daher, so seltsam dies klingen mag,
dem Kapital viel objektiver gegenber, lie seiner geschichtlichen
Bedeutung viel mehr Gerechtigkeit angedeihen, als die meisten
Sozialisten vor ihm und viele, die gleichzeitig mit ihm schrieben.
hnlich Friedrich Engels in seiner Streitschrift wider den
Wirklichkeitsphilosophen Eugen Dhring, der seinerzeit an der Berliner
Universitt gelesen hat und 1877 removiert wurde wegen Angriffen auf
Kollegen, die allerdings erheblich ber das Zulssige hinausgingen, sich
aber dadurch erklren, da der Mann erblindet war. Dhring war
gleichfalls naturrechtlicher Sozialist und im Grunde Nichtkonom. Die
Kritik, die Friedrich Engels in seiner Schrift Herrn Eugen Dhrings
Umwlzung der Wissenschaft an ihm bt, tut ihm nun zwar hier und da
Unrecht-- Engels hieb stark zurck auf die ungerechten Ausflle, die
Dhring gegen Marx und andere Sozialisten gerichtet hatte--, aber bei
alledem ist dieses Buch unbestritten das bedeutendste Werk des modernen
Sozialismus nach Marx' Kapital. In ihm nun finden wir eine Reihe von
Kapiteln, die auch fr unseren Gegenstand wichtig sind, weil Engels da
grndlich mit der naturrechtlichen Lehre abrechnet. Ferner knpfte sich
an es eine Polemik, die fr die Bedeutung der Mehrwertslehre fr den
Sozialismus Aufklrung gibt.

Engels bemerkt in der Schrift, da erst durch Marx' Enthllung des
Mehrwerts der Sozialismus eine Wissenschaft geworden sei. Das hat den
sterreichischen Gelehrten Anton Menger, seinerzeit Professor an der
Wiener Universitt, auf die Bhne gerufen. In seinem Buche: Das Recht
auf den vollen Arbeitsertrag, das 1886 erschienen ist, nimmt er gegen
Marx und Engels Stellung und sucht nachzuweisen, da Engels fr Marx und
andere fr Rodbertus eine Entdeckung reklamierten, die schon lange vor
jenen von englischen und franzsischen Sozialisten gemacht war. Menger
gibt dafr die ganze Literatur an, und man findet bei ihm auch sehr
interessante Darlegungen ber die naturrechtliche Auffassung des
Sozialismus. Aber, weil er selbst wesentlich juristischer Sozialist ist,
wie er in einer Polemik genannt wurde, hat Menger vollstndig das
Problem verkannt, um das es sich bei der Mehrwertslehre handelt. Er
bezieht sie auf die Frage des Rechts auf den vollen Arbeitsertrag, eine
Sache, um die sich Marx im Kapital gar nicht gekmmert hat. Warum
nicht, entwickelt nun Engels im Vorwort zur deutschen Ausgabe von Das
Elend der Philosophie, eine Streitschrift von Karl Marx gegen Proudhon.
Er erwhnt dort den von Rodbertus gegen Marx erhobenen Vorwurf, da er
den Nachweis des Mehrwerts erst nach ihm geliefert habe, zeigt, wie
schon in jener zuerst 1847 erschienenen Schrift gegen Proudhon Marx
diese Ableitung des Mehrwerts aus Ricardo behandelt und 1859 die
Nutzanwendung der englischen Sozialisten aus ihr, da den Arbeitern als
den alleinigen Produzenten die ganze gesellschaftliche Produktion
gehre, als falsch hingestellt habe, und sagt dann:

  Die obige Nutzanwendung fhrt direkt in den Kommunismus. Sie ist
  aber, wie Marx an der obigen Stelle auch andeutet, konomisch formal
  falsch, denn sie ist einfach eine Anwendung der Moral auf die
  konomie. Nach dem Gesetze der brgerlichen konomie gehrt der grte
  Teil des Produktes nicht den Arbeitern, die es erzeugt haben. Sagen
  wir nun: das ist unrecht, das soll nicht sein, so geht das an sich die
  konomie zunchst nichts an. Wir sagen nur, da diese Tatsache unserem
  sittlichen Gefhl widerspricht. Marx hat daher nie seine
  kommunistischen Forderungen hierauf begrndet, sondern auf den
  notwendig sich vor unseren Augen tglich mehr und mehr vollziehenden
  Zusammenbruch der kapitalistischen Produktionsweise. Er sagt nur, da
  der Mehrwert aus unbezahlter Arbeit besteht, was eine einfache
  Tatsache ist.

Dann fhrt Engels fort:

  Was aber konomisch formell falsch ist, kann darum doch
  weltgeschichtlich richtig sein. Erklrt das sittliche Bewutsein der
  Masse eine konomische Tatsache, wie seinerzeit die Sklaverei oder
  Fronarbeit, fr unsittlich, so ist das ein Beweis, da die Tatsache
  selbst sich schon berlebt hat, da andere konomische Tatsachen
  eingetreten sind, kraft deren jene unertrglich und unhaltbar geworden
  ist. Hinter der formellen konomischen Unrichtigkeit kann daher ein
  sehr wahrer konomischer Inhalt verborgen sein.

Engels sagt also ausdrcklich, die Anwendung der Moral-- und das
Naturrecht ist Moral-- auf die konomie in dieser Frage ist konomisch
falsch, die konomie gehe das nichts an, was das sittliche Bewutsein
sagt. Er erkennt nur an, da, wenn das sittliche Bewutsein der Massen
eine konomische Tatsache fr unrecht erklre, dies eine Anzeige sei,
da inzwischen Verhltnisse eingetreten seien, wonach diese Tatsache
nicht mehr ertrglich und haltbar sei. Das aber mu doch immer erst
ermittelt werden, und wie fhrt man den Beweis? Engels zeigt es an, wenn
er fortfhrt:

  Marx hat seine kommunistischen Forderungen nie darauf begrndet,
  sondern auf den sich vor unseren Augen tglich mehr und mehr
  vollziehenden Zusammenbruch der kapitalistischen Produktionsweise.

Das schrieb Engels 1877, und wenigstens bis zum Ausbruch des
Weltkrieges war die kapitalistische Produktionsweise nicht
zusammengebrochen, sondern hatte im Gegenteil einen gewaltigen weiteren
Aufschwung genommen. Es lassen sich verschiedene Tatsachen anfhren, aus
denen hervorgeht, da eine Reihe von Folgerungen, die man aus der alten
Theorie geschpft hatte, sich nicht bewahrheitet haben. So z.B. der
Satz Die Maschine schlgt den Arbeiter tot. Der Ansicht, da die
Maschine in grerem Mae Arbeiter berflssig mache, als durch sie zur
Produktion herangezogen werden, steht die Tatsache entgegen, da bis zum
Kriege die Zahl der industriellen Arbeiter, des industriellen
Proletariats, in allen Lndern moderner Entwicklung erheblich zugenommen
hat, nicht nur in den neuen, sondern auch in den alten Lndern. Diese
Frage bedarf also gleichfalls einer Nachprfung und genauen
Untersuchung. Ganz besonders aber ntigt der Satz von Engels, Marx habe
seine kommunistischen Forderungen auf dem mit Notwendigkeit sich
vollziehenden Zusammenbruch der kapitalistischen Produktionsweise
gegrndet, genauer zu untersuchen, wie es sich mit diesem Zusammenbruch
verhlt.

Inzwischen liegt die Frage der Verteilung des Arbeitsertrages auf einem
anderen Gebiete. Die Geschichte der Entlohnung der Arbeiter kennt ganz
verschiedene Lohnraten, nicht blo der absoluten Hhe, sondern auch dem
Anteil am Produkt nach. Sie verzeichnete zu gewissen Zeiten bei einem
wesentlichen Tiefstand der Entwicklung eine furchtbare Ausbeutung von
Arbeitern. Wir wissen von dem Elend, das lange Zeit in England und
Deutschland existiert hat und vielfach noch und wieder existiert, da
oft der Lohn ganz bedeutend zurckbleibt hinter dem Mehrwert. Es fehlt
aber auch nicht an Beispielen eines anderen Verhltnisses von Lohn und
Mehrwert. Im allgemeinen wird in der marxistischen Literatur die
Mehrwertrate auch Ausbeutungsrate genannt. Aber an einer bestimmten
Stelle polemisiert Engels dagegen, da man den Begriff Ausbeutung in
diesem Zusammenhang moralisch auffat, er soll nur konomisch genommen
werden als eine reine Tatsache, wie man etwa von der Ausbeutung eines
Bergwerks oder eines Patents spricht. Ich mu indes sagen, da dann doch
das Wort ein wenig zu Unrecht angewandt wird. Ausbeutung kann natrlich
eine rein konomische Tatsache sein ohne jeden Zusammenhang mit
moralischen Beziehungen. Aber wenn wir in bezug auf Menschen von
Ausbeutung sprechen, so knnen wir kaum jemals den moralischen Sinn des
Wortes davon trennen, und da im Lohnverhltnis oft eine wirkliche
Ausbeutung im moralischen Sinne des Wortes stattfindet, lt sich gar
nicht bestreiten. Die Anschauung, da das ganze Lohnsystem ein
Ausbeutungssystem im moralischen Sinne des Wortes sei, hat unzweifelhaft
der Arbeiterschaft in ihrem Emanzipationskampf einen groen moralischen
und ethischen Antrieb gegeben. Bei den politischen Kmpfen der
Arbeiterbewegung hat berall die Forderung: Abschaffung des Lohnsystems,
und zwar von der Arbeiterseite aus gesehen: Abschaffung des Lohnsystems
zur Sicherung des vollen Arbeitsertrages eine groe Rolle gespielt. Aber
freilich nur als Idee. Denn wie sollte es fr die Gesamtheit der
Arbeiter verwirklicht werden? Es knnte nur dadurch geschehen, da man
zum Kommunismus bergeht und gar keine Bezahlung der Arbeit, sondern
eine einfache Verteilung des Reichtums vornimmt oder, wie Krapotkin es
will, die Benutzung des ganzen gesellschaftlichen Reichtums allen zur
freien Verfgung stellt. Solange man noch mit Leistungswert der Arbeit
rechnet, und im bergangsstadium wird man das sicher nicht umgehen
knnen, wird allerdings auch noch immer eine Art Lohnsystem
aufrechterhalten werden mssen, und die Forderung: Abschaffung des
Lohnsystems, hat denn auch in der Praxis eine ganz andere Anwendung
gefunden. Nicht die Form Arbeitslohn ist es, die in Wirklichkeit
bekmpft wird. Die Arbeiterklasse hat in der Praxis sich ganz anders zu
ihr gestellt. Gegen nichts haben sich die Arbeiter aus guten Grnden
schrfer gewandt als gegen eine andere Art Bezahlung als durch den Lohn,
gegen eine Ausgleichung der Arbeit, die etwa bestand in der Zuwendung
von Lebensmitteln, Wohnung usw. Sie betrachten ein auf ihr beruhendes
Verhltnis als eine Sklaverei oder Hrigkeit, den Lohn aber betrachten
sie dieser altmodischen patriarchalischen Arbeitsabgeltung gegenber,
wie sie bei Fleischern, kleinen Kaufleuten und manchen anderen
Handwerkern noch bestand, als einen Fortschritt. Es handelte sich bei
ihren praktischen Kmpfen niemals darum, die Lohnform berhaupt
grundstzlich abzuschaffen, sondern erstens jedesmal um die Lohnhhe
berhaupt und zweitens um die Art, wie die Lohnhhe bestimmt wird. Das
ist vorlufig der eigentliche Kampf der Arbeiterklasse in der modernen
Gesellschaft, auch dem Staate gegenber, in Hinsicht auf den Entgelt der
Arbeit, da der Lohn nicht bestimmt wird durch die freie Konkurrenz,
nicht willkrlich festgesetzt wird vom Unternehmer, sondern da die
Arbeiterklasse selbst in ihren Organisationen einen gesetzlichen Status
erhlt und mitwirkenden Einflu ausbt auf die Lohnbestimmung. Dahin
geht zunchst die Entwicklung. Von einem Naturrecht auf den ganzen
Mehrwert ist da kaum noch die Rede.

Was aber die Deutung des Sinns der Marxschen Werttheorie selbst
anbetrifft, so hat der Umstand, da man in Deutschland Wilhelm
Liebknecht, den sehr hervorragenden und verdienten Fhrer der
Sozialdemokratie, fr den Schler und Interpreten von Marx hielt,
whrend seine Auslegungen tatschlich von Marx uerst scharf kritisiert
wurden, sein Gegenstck in anderen Lndern. Hinsichtlich der
franzsischen Sozialisten wissen wir, da Marx unter Bezugnahme auf
seinen eigenen Schwiegersohn, den brigens sehr geistreichen Paul
Lafargue, der in Frankreich als der orthodoxeste Marxist angesehen
wurde, einmal sagte: Was mich betrifft, so wei ich nur das eine, da
ich kein Marxist bin-- will sagen, kein Marxist in solchem Sinne.
Dasselbe spielte sich in England ab, wo der geistige Fhrer des
marxistischen Flgels der dortigen Sozialisten, H.M.Hyndman, schon von
Marx hnlich beurteilt wurde. Da Hyndman sehr doktrinr auftrat und, wie
Engels ihm vorwarf, aus dem Marxismus ein Sektendogma machte, so wurde
das zum Anla, da andersdenkende Sozialisten, wie die Fabianer, durch
diese falsche Deutung der Marxschen Wertlehre veranlat, sich auf den
Boden einer anderen Werttheorie stellten, die Grenznutzentheorie, die
auf dem Kontinent hauptschlich ausgearbeitet ist von hervorragenden
sterreichischen konomen wie Bhm-Bawerk, Wieser, Karl Menger, und auch
in Deutschland ihre Vertreter gefunden hat. In England hatte sie zum
wissenschaftlichen Ausarbeiter den als mathematischen Logiker berhmten
Henry Stanley Jevons. Die Fabianer nahmen diese Theorie auf unter
Verkennung oder nicht gengender Bercksichtigung der Tatsache, da in
der konomie der Begriff Wert gar nicht eine einfache Eigenschaft
ausdrckt, sondern verschiedene Elemente zusammenfat. Marx bezeichnete
seinerzeit Tauschwert und Gebrauchswert als die Grundelemente. Spter
hat man allgemein Nutzwert fr Gebrauchswert gesetzt. Im Begriff
Nutzwert liegen aber wieder zwei Elemente: der unmittelbar individuelle
Nutzwert und der soziale Nutzwert, der das Quantittsverhltnis der
Kauflust fr die Ware umfat. Diesen Nutzwert hat die Grenznutzentheorie
im Auge. Auf den Streit zwischen ihren sozialistischen Anhngern und den
Verfechtern der Marxschen Wertlehre will ich hier nicht nher eingehen,
ich will nur eins dabei erwhnen. Marx bercksichtigt zwar den Nutz-
oder Gebrauchswert, nennt ihn die Grundbedingung des Wertes, lt ihn
aber bei seinen weiteren Untersuchungen ber die Wertbestimmung zunchst
auer Betracht. Das fhrt ihn zu bemerkenswerten Schlssen, die jedoch
einseitiger Natur sind. Seine Wertlehre wurde genauer so formuliert, da
der Wert bestimmt sei durch die in der Ware steckende Arbeit, gemessen
an der zu ihrer Herstellung _gesellschaftlich notwendigen_ Arbeitszeit. In
dem Begriff gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit liegen wieder zwei
Elemente eingeschlossen: erstens die Arbeitszeit, die gesellschaftlich
notwendig ist, um jedes einzelne Exemplar der in Frage kommenden Ware
herzustellen, das heit, gesellschaftlich notwendig nach der Hhe der
erreichten _Technik_. Aber es kommt auch darauf an, welche Arbeitszeit
gesellschaftlich notwendig ist, um die Ware in derjenigen Masse
herzustellen, die erfordert ist, um die fr sie vorhandenen Kufer zu
befriedigen. Die Hhe des Verbrauches bestimmt sich in der modernen
Gesellschaft nicht danach, wie viele Menschen eine Ware brauchen,
sondern wie viele sie kaufen knnen und zu kaufen Lust haben. Wirft man
beide Momente durcheinander, so hebt eine Definition die andere auf, und
wir kommen dann doch zur Grenznutztheorie. Soviel hierber.

Was in der Marxschen Theorie Ausbeutung genannt wird, ist der Mehrwert,
der von dem in den Preis umgesetzten Wert der Ware abzglich der
Sachkosten der Produktion nicht dem Arbeiter zufliet. Ich kann nicht
sagen, dem Kapitalisten zufliet, denn er spaltet sich in Rente fr den
Grundbesitzer, den Profit fr den Unternehmer und den Zins fr den
Geldkapitalisten. Liegt nun aber in der Tatsache, da der Arbeiter nicht
den vollen Ertrag der Arbeit bekommt, ein Ausbeutungsverhltnis? Wir
haben gesehen, da im objektiven Sinne man das Wort Ausbeutung anwenden
kann, da aber, wenn man es moralisch deutet, wie das bei vielen
Sozialisten der Fall ist, man zu vollkommen falschen Schlssen gelangt.
Es wrde nmlich danach in hochentwickelten Industrien, wo die Arbeiter
am besten entlohnt werden und berhaupt sozial am hchsten stehen, die
Ausbeutung, weil da am meisten sogenanntes konstantes Kapital im
Unternehmen angelegt ist, als die hchste, und in solchen Industrien, wo
die Arbeiter sehr schlecht bezahlt werden, weil wenig Maschinen
angewandt werden, die Ausbeutung weniger hoch erscheinen. So erweckt die
Gleichsetzung der Begriffe Mehrwertsrate und Ausbeutungsrate einen
durchaus falschen Eindruck.

Wie wenig Marx den Sozialismus davon ableitet, da der Arbeiter nicht
den vollen Ertrag seiner Arbeit bekommt, geht auch daraus hervor, da er
gerade feststellt, es sei schon vor der kapitalistischen Periode so
gewesen. Im achten Kapitel des ersten Bandes Kapital schreibt er
ausdrcklich: Das Kapital hat die Mehrarbeit nicht erfunden. Und in
der Tat ist sie sogar unter dem Kapital vielfach geringer als in Zweigen
der vorkapitalistischen Wirtschaft. Marx leitet vielmehr die Forderung
des Sozialismus ab aus dem sich mit Notwendigkeit vollziehenden
Zusammenbruch der kapitalistischen Produktionsweise. Dieser
Zusammenbruch nun kann verschieden aufgefat werden. Er kann begriffen
werden als rein konomisches Phnomen dergestalt, da die mit dieser
Produktionsweise untrennbar verbundenen Wirtschaftskrisen immer grer
werden, bis schlielich eine so groe Krisis eintritt, da in ihrer
Folge der vllige Zusammenbruch erfolgt. Ich bemerke ausdrcklich, es
handelt sich hierbei nicht um Krisen, die durch uere Ereignisse,
Kriege usw. herbeigefhrt werden-- denn das sind keine rein
konomischen Erscheinungen --, sondern um solche, die hervorgebracht
werden durch die Konkurrenzkmpfe der kapitalistischen Welt, die
immanent sind der Wirtschaftsweise der kapitalistischen Produktion. Aber
der Zusammenbruch kann auch aufgefat werden als Resultat der
Klassenkmpfe, die sich auf dem Boden der kapitalistischen Gesellschaft
als unvermeidliche Rckwirkung der ihr innewohnenden und von ihr
zunehmend gesteigerten Klassengegenstze vollziehen. Nach der Theorie
von Marx treten diese Klassenkmpfe in immer strkerem Mae auf, und das
ntigt uns dazu, nun einmal das Wesen der kapitalistischen Gesellschaft
berhaupt zu betrachten und darber hinaus das Wesen ihrer Klassenkmpfe
zu ermitteln.




Viertes Kapitel.

Das Wesen der Gesellschaft des vorgeschrittenen Kapitalismus.


Um ein Bild vom Wesen der Gesellschaft des vorgeschrittenen
Kapitalismus zu geben, was natrlich nur in groen Umrissen geschehen
kann, mu ich die Materialien unserer deutschen Statistik entnehmen. Ich
knnte sie freilich auch aus verschiedenen anderen Lndern haben, Marx
nahm sie aus England, das ja seinerzeit das vorgeschrittenste Land der
kapitalistischen Produktion und Wirtschaft war. Inzwischen ist aber
Deutschland England sehr nahegekommen und hat vor dem Kriege eine sehr
entwickelte Berufs- und Gewerbestatistik gehabt. Auch bietet es der
Untersuchung gewissermaen ein reineres Bild dar, weil die englische
Volkswirtschaft durch das ungeheure Kolonialreich stark beeinflut war,
whrend Deutschlands Kolonialbesitz in den Jahren, um die es sich hier
handelt, erst in seinen Anfngen war und auf die Gestaltung seiner
Volkswirtschaft einen sehr geringen Einflu gebt hat. Aber wenn wir von
kapitalistischer Wirtschaft sprechen, dann mssen wir uns-- was leider
heute nicht so geschieht, wie es sein sollte-- darber klar werden, da
in dem Begriff Kapitalismus, sehr verschiedenartige Inhalte
eingeschlossen sind, da das Wort Kapitalismus, das heute so leicht
hingeworfen wird, als ob es eine ganz einfache Sache ausdrcke, die
eines Tages beseitigt werden knne, sehr viele Dinge zusammenfat. Um
die Hauptsache zu erwhnen, so bezeichnet der Begriff kapitalistisch
zunchst die Tatsache einer bestimmten Hhe der Produktion, die
Zusammenfassung der Arbeit in groen Betrieben, die Anwendung von
Maschinerien usw., die nur durch groe Kapitalaufwendung mglich ist. So
ist einmal der Begriff kapitalistisch Ausdruck fr eine bestimmte
_Produktionsform_. Der Kapitalismus ist aber noch etwas anderes; er ist
auch ein _Verteilungssystem_, ein Verteilungssystem eben der Ergebnisse
der Produktion unter der Herrschaft des Kapitals, das ein ganz anderes
Verteilungssystem ist, als wir es auf frheren Stufen der Produktion, im
Feudalismus, im Handwerk usw. vorfinden. Der Begriff umfat aber nicht
nur ein Verteilungssystem und eine bestimmte Produktionsform, sondern
drittens auch ein bestimmtes Wirtschafts_recht_. Das Rechtsverhltnis von
Unternehmer und Arbeiter ist unter dem Kapital ein ganz anderes, als
frher im Feudalismus und im Handwerk.

Man vergit selbst in sozialistischen Kreisen hufig diese
zusammengesetzte Natur des Kapitalismus. Wohin das fhrt, dafr mchte
ich aus neuester Zeit ein Beispiel anfhren. In diesen Tagen hat
irgendwo in einem angesehenen Blatte ein Artikel gestanden, worin der
Verfasser sagte: Es ist die Tragik der Sozialdemokratischen Partei
Deutschlands, da sie, die grundstzlich den Kapitalismus bekmpft und
ihn beseitigen wollte, durch ihre Stellung in der Regierung gentigt
ist, die kapitalistische Produktion erst wieder herzustellen. Ich bin
nun in einer groen Versammlung gefragt worden, was ich zu dieser Tragik
zu sagen habe. Ich bin nicht dazu gekommen, dort diese Frage zu
beantworten, weil die Versammlung infolge von lrmenden Strungen
abgebrochen werden mute. Htte ich die Zeit zur Antwort gehabt, so
htte ich gesagt, und privatim habe ich das auch nachher dem
Fragesteller geantwortet: Ich sehe in der angegebenen Tatsache gar keine
Tragik, sondern hchstens in der geistigen Vorbildung des
Artikelschreibers. Gewi ist es unleugbar die Aufgabe der Regierung,
welche es auch sei, in modernen Lndern, vor allem in Deutschland in
seiner eigenartigen Weltlage, wo es gezwungen ist zu bestimmten
gewaltigen Leistungen, sofern man nicht gleich mit einem Schlage, wie es
in Ruland versucht wurde, aber nicht geglckt ist, die Gesellschaft
vollstndig zu ndern und alle Lasten abzuwerfen-- gewi ist es Aufgabe
der jetzigen Regierung in Deutschland, ob sie konservativ, liberal,
demokratisch oder sozialdemokratisch sei, zunchst einmal die Wirtschaft
wieder in Gang und Ordnung zu bringen und dadurch allerdings auch die
kapitalistische Produktion zu erhalten oder ihre Lebensbedingungen und
Entwicklungsmglichkeiten zu sichern. Aber damit ist nicht gesagt, da
diese nun in allen Punkten bleiben mu, was sie vorher war. Man kann die
Form der Produktion erhalten, aber das Rechtsverhltnis ndern. Ebenso
kann man auch den Modus der Verteilung ndern. Zum Teil ist das erstere
in Deutschland auch geschehen. Eine groe nderung ist eingetreten durch
das Gesetz ber die Betriebsrte, das zwar erst in seinen Anfngen
steht, aber auerordentlich bedeutungsvoll und von groer Tragweite ist
und mindestens grundstzlich eine groe Wandlung im Rechtsverhltnis von
Unternehmer und Arbeiter einleitet. Es kann also die Betriebs- oder
Wirtschaftsform erhalten bleiben und doch kann in ihrer Verfassung und
Leitung eine groe, sogar eine revolutionre nderung vor sich gehen. Im
Kapitalismus haben wir aber als bleibende Tendenz die Vergrerung der
Betriebe. Nach der Marxschen Theorie fhrt die Entwicklung mit
Notwendigkeit, unter dem Druck der freien Konkurrenz, zu immer grerer
Konzentration der Unternehmungen, zur Akkumulation der Vermgen in
Privathnden, bei Proletarisierung der groen Mehrheit der Bevlkerung,
und damit zu einer ganz anderen Klassenschichtung und Verschrfung der
Klassenkmpfe. Das haben wir zunchst zu betrachten.

Nach der Grndung des Deutschen Reiches, nachdem mit der Sonderhoheit
der Einzelstaaten alle Hemmnisse des inneren Marktes gefallen waren und
Deutschland zu einer Handelspolitik berging, die nach kurzer
Zwischenzeit das System der Meistbegnstigungsvertrge festlegte, mit
Hilfe dessen Deutschlands uerer Markt sich immer mehr erweiterte, hat
Deutschlands Industrie in verhltnismig kurzer Zeit einen ganz
gewaltigen Aufschwung genommen, so da wir in einzelnen Teilen
Deutschlands Entwicklungen gehabt haben, die an amerikanische
Verhltnisse erinnern. Ich brauche nur das groe rheinisch-westflische
Industriegebiet zu nennen, das in der Tat einen Vergleich mit den groen
amerikanischen Industriezentren aufnehmen kann. Das Deutsche Reich hat
bis zum Kriege dreimal allgemeine Berufs- und Gewerbezhlungen gehabt.
Zwischen der ersten und der letzten davon liegen 25Jahre. Die erste
Zhlung fand statt im Jahre 1882, die zweite 1895 und die dritte 1907.
Die Zhlung von 1907 gibt uns also die letzten Vergleichszahlen. Was nun
die Entwicklung der Betriebe in Industrie und Bergbau anbetrifft, so hat
die deutsche Gewerbezhlung die Betriebe eingeteilt in Klein-, Mittel-
und Grobetriebe. Bis kurz vor dem Kriege wurden als Kleinbetriebe
gerechnet solche von 1 bis 5Personen, als Mittelbetriebe solche von 6
bis 50Personen und alles darber galt in der Statistik und Wissenschaft
als Grobetrieb. In der Arbeiterschaft herrschte allerdings eine ganz
andere Auffassung. Die Berliner Metallarbeiter haben im Jahre 1902 eine
Zhlung ihrer Berufsangehrigen vorgenommen, und da rechneten sie zu den
Kleinbetrieben noch alles, was unter 500Arbeiter hatte, zu den
Mittelbetrieben rechneten sie solche von 500 bis 2000Arbeitern und erst
darber hinaus fing nach ihrer Auffassung der Grobetrieb an. Das ist
fr ihre soziale Einschtzungsweise beraus charakteristisch. Ich habe
einmal in einer Versammlung der Dreher, nachdem ich dort einen Vortrag
gehalten hatte, noch eine gute Weile zugehrt, wie sie ihre eigenen
Angelegenheiten behandelten, was immer sehr lehrreich ist. Da gab der
Vorsitzende Bericht ber die Untersuchung der Zustnde in einem
Unternehmen und bemerkte dabei im Ton ziemlicher Geringschtzung: Ihr
knnt Euch denken, was das fr eine Krmerbude war, es waren da nur etwa
1000Arbeiter beschftigt! Ein Unternehmer, der gegen tausend Arbeiter
beschftigt, ist meist schon ein Millionr; aber in der Auffassung der
Metallarbeiter Berlins war sein Unternehmen im Grunde nur ein
Kleinbetrieb.

Halten wir uns indes hier an die Angaben der Reichsstatistik. Sie zeigt
in der ersten Periode von 1882 bis 1895, die 13Jahre umfate, einen
geringeren Aufstieg als in der nur 12Jahre umfassenden Periode von 1895
bis 1907. Das ist begreiflich und beleuchtet die ganze Tendenz der
Entwicklung. Um aber nicht durch zu viele Zahlen zu ermden, lasse ich
hier nur die runden Anfangs- und Endzahlen der ganzen Periode folgen.
Danach entwickelten sich in diesen fnfundzwanzig Jahren in Industrie
und Bergbau die Kleinbetriebe (1-5Personen) der Zahl nach von 2175000
im Jahre 1882 auf 1870000 im Jahre 1907, die Mittelbetriebe der Zahl
nach von 85000 im Jahre 1882 auf 157000 im Jahre 1907 und die
Grobetriebe von 9000 im Jahre 1882 auf 29000 im Jahre 1907. Nehmen wir
nicht die Zahlen der Betriebe, sondern die der in den Betrieben
beschftigten Personen, dann waren in den Kleinbetrieben beschftigt
1882 rund 3270000 und 1907 3202000, in den Mittelbetrieben 1882 1109000,
1907 2715000, in den Grobetrieben 1882 1554000 und 1907
4940000Personen. Hier sieht man, wie der grere Betrieb in der
Industrie gegenber den kleineren einen immer greren Raum einnimmt.
Die Kleinbetriebe nehmen ab, aber verhltnismig wenig. Die
Mittelbetriebe nehmen aber noch ganz bedeutend zu. Sie sind gestiegen
von 85000 auf 187000 und nach der Zahl der beschftigten Personen von
1109000 auf 2715000.

Wenn unzweifelhaft eine bedeutungsvolle Konzentration der Betriebe
stattgefunden hat, so ist das doch nicht in dem Mae geschehen, wie man
es annahm und wie es im Erfurter Programm der deutschen Sozialdemokratie
stand, da nmlich die Mittelbetriebe verschwinden. Sie verschwinden
eben auch in der Industrie nicht. Allerdings darf man nicht vergessen,
da Betrieb nicht dasselbe ist wie die Unternehmung. Eine Unternehmung
umfat oft verschiedene Betriebe, die groen Unternehmen ganze Reihen
von Betrieben, whrend die Statistik die Betriebe einzeln aufzhlt.
Htten wir eine Statistik der Unternehmungen, dann wrden wir eine
wesentlich strkere Konzentration festzustellen haben, als sie in den
obigen Zahlen erscheint. In bezug auf die Industrie war ganz unleugbar
die Theorie insofern richtig, da eine zunehmende Konzentration der
Unternehmungen stattfindet. Aber sie fand nicht in der Weise statt, da
die mittleren Betriebe und Unternehmungen verschwanden. Nur die ganz
kleinen, die Zwergbetriebe, haben etwas abgenommen, im brigen aber hat
durchgngig ein Aufstieg stattgefunden von den kleineren in die
mittleren und von den mittleren in die greren Betriebe. Wir wrden das
noch deutlicher sehen, wenn wir die Unterabteilungen der drei hier
verglichenen groen Gruppen heranzgen. Keine einzige dieser Abteilungen
war aus der Reihe verschwunden. Es hatte lediglich eine Verschiebung
nach oben sich vollzogen. Bestimmte Neubildungen haben sich jedoch
gewissermaen _neben_ der allgemeinen Entwicklung ausgestaltet, indem
nmlich ganz neue Industrien entstanden sind, die von vornherein als
Riesenunternehmungen ins Leben traten. Man denke da an die groen
modernen Lokomotivfabriken und Werften fr Dampferbauten, an die
Entwicklung der groen Elektrizittswerke usw., wo ganze Industriezweige
gleich als Riesenbetriebe ins Leben traten und nicht erst die
Entwicklung vom Kleinbetrieb ber den Mittelbetrieb zum Grobetrieb
durchzumachen hatten.

Ein hnliches Bild zeigt sich beim Handel und Verkehr. Da haben wir
sogar eine noch strkere Vermehrung. Die Kleinbetriebe nahmen im Handel
bedeutend zu. Der Handel ist ja oft die Zuflucht fr viele aus der
Industrie Verdrngte, die Etablierung des Kleinkrmers ist viel leichter
als die des kleinen Fabrikanten. Im Handel und Verkehr war die
Entwicklung von 1882 bis 1907 eine solche, da sich vermehrten: die
Kleinbetriebe von 676000 auf 1204000, die Mittelbetriebe von 26000 auf
76000, die Grobetriebe von 463 auf 2800. Im Handel waren die
Grobetriebe, d.h. die Betriebe mit ber 50Personen, nicht so
zahlreich wie in der Industrie. Wir haben zwar eine sehr bedeutende
Zunahme der modernen Kaufhuser, doch ist deren Zahl im ganzen nicht so
bermig gro. Auch steckt im Handel hinter einer verhltnismig
geringen Zahl von Angestellten oft schon ein sehr erheblicher
Kapitalaufwand. Nach der Zahl der Beschftigten berechnet, war hier die
Entwicklung von 1882 bis 1907 bei den Kleinbetrieben von rund einer
Million auf zwei Millionen, bei den Mittelbetrieben von 270000 auf
878000, bei den Grobetrieben von 54000 auf 395000. Hier tritt die
Bedeutung der Zunahme der Grobetriebe strker hervor. Aber whrend in
Industrie und Bergbau die 5Millionen Beschftigten der groen Betriebe
ebensoviel ausmachen wie die Beschftigten der Mittel- und Kleinbetriebe
zusammen genommen, ist das Verhltnis im Handel doch ein anderes, hier
bilden sie erst den sechsten Teil.

Eine Erklrung fr die groe Vermehrung der Betriebe darf man allerdings
nicht vergessen: das ist die ungeheure Steigerung der Produktion selber,
die gewaltige Zunahme der Masse der Produkte. Sie erklrt es auch, warum
sich neben den groen Unternehmungen im Handel so viele der kleinen
halten knnen. Die moderne kapitalistische Produktionsweise erhht
ungemein die Produktivitt der Arbeit. Der Warenmarkt wchst, und
deshalb finden die kleinen Unternehmungen neben den groen immer noch
einen Rahmen, dem sie sich anpassen knnen.

Ein ganz anderes Bild, als lange Zeit angenommen, zeigt die Entwicklung
der Betriebe in der Landwirtschaft. Sie hat der ursprnglichen
Auffassung eine groe Enttuschung bereitet, sie geradezu widerlegt.
Weil in England in der Landwirtschaft der Grobesitz berwog, hatte man
lange Zeit gefolgert, da dies im Wesen der modernen Wirtschaft liege,
und da, wie in der Industrie, so auch in der Landwirtschaft die kleinen
Unternehmungen immer mehr verdrngt wrden von den Grounternehmungen.
Das ist aber nicht eingetreten, sondern das Gegenteil ist geschehen. In
der Landwirtschaft haben in den 25Jahren die Grobetriebe an Zahl
abgenommen, vermehrt haben sich nur die eigentlich buerlichen Betriebe
und die ganz kleinen Zwergbetriebe. Die kleinen Landparzellen, die
wahrscheinlich mit den Laubengrten zusammengerechnet werden, sind von
2Millionen auf ber 3Millionen gestiegen. Bei Betrieben von 2 bis
5Hektar beluft sich die Steigerung in runden Zahlen von 980000 auf
1006000. In diese Betriebe sind auch die Qualittslandwirtschaftsbetriebe,
die mehr gartenmig bewirtschafteten Betriebe eingeschlossen. Die
mittleren Betriebe von 6 bis 20Hektar sind gestiegen von 926000 auf
1065000, und dann beginnt gerade bei den Grobetrieben von 20 bis
100Hektar ein Abstieg. Ihre Zahl fllt von 282000 auf 262000 und die
der Betriebe von ber 100Hektar von 25000 auf 23000. Hier zeigt sich
also ein ganz anderes Bild der Entwicklung als angenommen. Die
buerlichen Betriebe halten sich. Es ist das teilweise eine Folge von
Eingriffen der Gesetzgebung. Sie hat allerhand Gesetze geschaffen, die
dahin gewirkt haben, den buerlichen Betrieb konkurrenzfhig zu
erhalten. Eine weitere Erklrung liefert die starke Entwicklung des
Genossenschaftswesens in der Landwirtschaft sowie der Umstand, da die
landwirtschaftliche Produktion zum Unterschied von der Industrieproduktion
wesentlich organische, von Naturvorgngen abhngige Produktion ist. Sie
ist daher fr die Hebung der Produktivitt nicht so auf die
Konzentration angewiesen wie die industrielle Produktion. Bemerkenswert
ist nun, da bei alledem, bei dieser Zunahme der Betriebe in der
Landwirtschaft selber, die Zahl der in ihr Beschftigten in den
25Jahren erheblich zurckgegangen ist. In Deutschland hat die
Bevlkerung in dieser Zeit zugenommen um rund 36Proz. Dagegen ist die
Zahl der Beschftigten in der Landwirtschaft samt Angehrigen
zurckgegangen von ber 19Millionen auf nicht ganz 17700000, so da man
beinahe sagen knnte, der ganze Zuwachs der Bevlkerung in dieser Zeit,
der ungefhr 25Millionen Menschen umfate, ist ber die Landwirtschaft
hinweggerauscht zur Industrie und hat, statt der Landwirtschaft etwas
abzugeben, sogar noch 8Proz. von ihr hinweggenommen. Statistisch
betrachtet gilt das. In einzelnen Fllen mag es natrlich anders gewesen
sein, im Gesamtbild hat aber die landwirtschaftliche Bevlkerung
abgenommen und trotzdem hat die landwirtschaftliche Produktion
zugenommen. Vor dem Krieg ging also Deutschlands Entwicklung immer
strker zum Industriestaat.

Nicht weniger wichtig als die Betriebsentwicklung sind die
Vernderungen in der Stellung der Personen im Gewerbe. In der Industrie
sind die Selbstndigen weniger geworden, dagegen hat sich die Zahl der
technischen und kaufmnnischen Angestellten ganz bedeutend gehoben. Auch
die Zahl der Arbeiter ist gewaltig gestiegen; ihre Vermehrung lt in
absoluter Zahl die aller anderen Berufsschichten hinter sich, im
Verhltnis aber war doch die Zunahme der kaufmnnischen und technischen
Angestellten die grere. Ihre Zahl ist gestiegen in der Industrie von
99000 im Jahre 1882 auf 686000 im Jahre 1907, die Zahl der Arbeiter in
der gleichen Zeit von 4Millionen auf 8600000, whrend die Zahl der
Selbstndigen zurckgegangen ist von 1861000 auf 1729000. Die
Angestellten sind also um 592Proz., die Arbeiter um 110Proz. mehr
geworden. Im Handel und Gewerbe sehen wir ein hnliches Bild. Dort haben
jedoch auch die Selbstndigen zugenommen, weil es ja leichter ist, sich
im Kleinhandel zu etablieren als in der Industrie; ihre Zahl wuchs von
505000 auf 843000. Die im Handel Angestellten vermehrten sich aber von
141000 auf 505000 und die Arbeiter in Handel und Verkehr von 727000 auf
1959000. Die Selbstndigen haben danach zugenommen um 60Proz., die
Arbeiter um 169Proz., die Angestellten aber um 257Proz. In der
Landwirtschaft finden wir auch in dieser Hinsicht wieder ein
abweichendes Bild. Die Zahlen sind aber zum Vergleich weniger geeignet,
weil 1907 eine andere Zhlungsart beobachtet wurde als bei den beiden
vorhergegangenen Zhlungen. Es sind da nmlich die Personen, die dem
Haushalt angehren und mitarbeiten, whrend sie in der frheren
Statistik der Familie des Unternehmers, d.h. des Bauern, zugezhlt
wurden, in der neueren Statistik als Arbeiter gezhlt worden.

Die ungeheure Zunahme der technischen und kaufmnnischen Angestellten in
Industrie und Handel ist die lebendige Illustration einer in der
Marxschen Theorie zuerst mit der grten Schrfe hervorgehobenen
Tatsache. Vor Marx unterschied die Nationalkonomie nur zwischen dem
fixen Kapital, wie man das in Gebuden, Maschinen usw. angelegte Kapital
nannte, und dem beweglichen, dem zirkulierenden Kapital. Marx fhrte
eine andere Unterscheidung ein: er unterscheidet zwischen konstantem und
variablem Kapital. Konstant nennt er alles Kapital, das, wie der
Verschlei von Anlagen und Maschinen, der Aufwand von Rohstoffen und
Hilfsstoffen usw., mit eingerechnet wird in die sachlichen Kosten der
Produktion und deshalb im Preise des Produkts unverndert wieder
erscheint, whrend die Ausgabe fr die menschliche Arbeit -- von
Arbeitern und Angestellten-- in erhhter Form in dem Wert der ganzen
Produktion zurckkommt. Sie nennt er variables Kapital. Der einzelne
kann durch falsche Spekulation verlieren; im allgemeinen aber gilt als
Grundsatz, da der Unternehmer bei seiner Kalkulation zunchst das
wiederhaben will, was er ausgelegt hat an Maschinen, Miete, Rohstoffen
u.dgl. Da dieses konstante Kapital in der Industrie im Verhltnis viel
strker zugenommen hat als das variable (Lohn usw.) Kapital, wird nun
illustriert durch die im Verhltnis strkere Zunahme des kaufmnnischen
und technischen Personals.

Kommen wir zurck auf die Verschiebungen der Berufsgruppierung in der
kapitalistischen Gesellschaft. In der Land- und Forstwirtschaft haben
wir die Berufszugehrigen in den 25Jahren von 19 auf 171/2Millionen
zurckgehen sehen. In Industrie und Bergbau wuchs dagegen die Zahl der
Berufszugehrigen von 16 auf 26Millionen, in Handel und Verkehr von 4
auf 8 Millionen. Dazu kommen aber hinzu die Angehrigen der freien und
ffentlichen Berufe, die auch eine gewaltige Zunahme erfahren haben,
nmlich von 11/2 auf 2,6Millionen. Alles das zeigt eine sehr
bedeutsame Verschiebung an, eine ganze Vernderung des sozialen
Charakters der Bevlkerung. Als das Deutsche Reich gegrndet wurde,
lebte noch weit ber die Hlfte seiner Bevlkerung auf dem Lande und von
der Landwirtschaft als Erwerbsquelle. Jetzt aber ernhrte die
Landwirtschaft als Berufszweig einen immer geringeren Teil der
Bevlkerung; die Masse lebte von Industrie, Handel und Verkehr, von
freien und ffentlichen Berufen. Im ganzen bedeutete das einen
gewaltigen Kulturfortschritt, der allerdings auch seine Kehrseite hat:
die Abkehr von der Natur und verschiedene andere Schden. Unbestreitbar
ist nur, da im ganzen die Industrie die hhere Wirtschaftsform
reprsentiert als die Landwirtschaft, trotz der Verbesserungen, die auch
in dieser stattgefunden haben.

Eine weitere bedeutungsvolle Tatsache ist, da, wie die Stadt auf
Kosten des Landes wchst, das soziale Leben berhaupt sich immer mehr
sozusagen _verstadtlicht_. Es ist das eine der charakteristischsten
Erscheinungen der Epoche, die sich vor dem Kriege brigens noch viel
mehr als in Deutschland in England vollzog. Die Stadt spielt eine immer
grere Rolle im ganzen sozialen Leben, und ein groer Teil dessen, was
man lange Zeit die Agrarfrage genannt hat, besteht darin, da, whrend
in frheren Perioden der Bauer seine eigene Kultur hatte und auf sie
stolz war, geradezu auf den Stdter herabsah, er jetzt sein Leben selbst
verstadtlicht, wie der Stdter leben will, und wie er, so auch der
Landarbeiter. Darin liegt ein groer Teil der Unzufriedenheit auf dem
Lande; denn wenn der Bauer so leben wollte wie seine Vter, dann htte
es keine Agrarfrage gegeben. Der Preis der Bodenprodukte war gestiegen,
das Geldeinkommen hatte in keiner Weise gelitten.

In der Arbeiterschaft der Industrie vollzieht sich gleichfalls eine
Entwicklung, die unser Interesse beansprucht. Die Klasse ist, wie wir
gesehen haben, gewaltig an Zahl gestiegen. Nun aber unterscheidet man in
der Industrie zwei Gattungen von Arbeitern, die gelernten, d.h. in
einer Lehrzeit ausgebildeten, und die sogenannten ungelernten Arbeiter.
Frher sagte man qualifizierte und unqualifizierte Arbeiter, d.h.
bezeichnete den gelernten Arbeiter als einen qualifizierten, den
ungelernten als unqualifizierten Arbeiter. Es gibt aber, wie ein
Unternehmer einmal sehr richtig gesagt hat, keine unqualifizierte
Arbeit. Auch die ungelernte Arbeit mu gehrig gebt werden und
erfordert oft in ihrer Weise erstens groe Kraft und dann auch groe
Geschicklichkeit. Ich mchte keinem es zumuten, einmal mit einem
Karrenschieber in dessen Arbeit es aufnehmen zu wollen. Wer das
versuchte, wrde bald bemerken, da auch zu dieser Arbeit eine bestimmte
Geschicklichkeit gehrt und nicht nur Krperkraft. Immerhin steht der
ungelernte Arbeiter sozial und konomisch unter dem gelernten Arbeiter,
in Deutschland allerdings nicht ganz so stark wie in England. In England
war die Trennung zwischen gelernten und ungelernten Arbeitern bis zum
Kriege viel strker gewesen als in Deutschland. Daher die Erscheinung,
die vielen, die nach England kamen, aufgefallen ist, da sie dort eine
ungeheure Zahl von tiefstehenden Arbeitern vorfanden, tiefstehend in der
Art ihrer Lebensweise, tiefstehend in ihrer Wohnweise und tiefstehend
auch in der Art der Kleidung. Sie schlossen daraus, da berhaupt das
Elend in England viel grer sei als auf dem Festlande. Aber es handelt
sich da um eine Teilerscheinung, die sich erklrt aus der ganzen
Geschichte der englischen Arbeiterschaft. Infolge besonderer Umstnde
bekam in England der Ungelernte, der Labourer, im Gegensatz zum
Gelernten, zum Worker, einen sehr viel geringeren Lohn, nur etwa 60 oder
gar blo 50Proz. vom Lohn des Gelernten, whrend in Deutschland der
ungelernte Arbeiter bis 70 und 80Proz. vom Lohn des Gelernten bekommt.
Die Zahl der gelernten Arbeiter hat sich in Deutschland anders
entwickelt als die der ungelernten. Seit 1895 ward bei der Berufszhlung
zwischen den beiden Kategorien unterschieden, so da wir nun fr die
12Jahre von 1895 bis 1907 einen Vergleich der Entwicklung der beiden
haben. Danach ist die Zahl der gelernten Arbeiter in der Industrie
gestiegen von 4 auf 5,4Millionen, aber die der ungelernten von 2,3 auf
3,9Millionen, im Verhltnis also haben die letzteren eine sehr viel
strkere Vermehrung erfahren. Auf 100 gelernte kamen 1895 55 ungelernte
Arbeiter, 1907 aber schon 73. Die vervollkommnete Maschine hat also hier
vielfach statt gelernter ungelernte Arbeiter gebraucht. Trotzdem hat
sich aber, und das ist das Wichtige, in dieser Periode, wo die Zahl der
ungelernten Arbeiter so stark wuchs, die Zahl der gelernten Arbeiter in
der Industrie immer noch strker vermehrt als die Zahl der
Gesamtbevlkerung. Die Gesamtbevlkerung ist in den 12Jahren um
19Proz. gestiegen, dagegen die Zahl der gelernten Arbeiter um gegen
29Proz. Auch das ist charakteristisch fr die ungeheure Entwicklung zum
Industriestaat, die sich in Deutschland vollzogen hat.

Die Frage ist nun: Woher kam der Zuwachs der ungelernten Arbeiter? Sie
fhrt auf eine sehr charakteristische Erscheinung. Zum Teil zogen
deutsche Arbeiter vom Lande als Tagelhner in die Stadt und wurden auf
dem Lande durch Auslnder ersetzt, d.h. die landwirtschaftlichen
deutschen Arbeiter gingen in die Industrie, und aus Polen und anderen
Lndern wurde ein groer Teil Arbeiter, teils als Saisonarbeiter, teils
aber auch als stndige Krfte, fr die deutsche Landwirtschaft gewonnen.
Die deutsche Arbeiterschaft konnte sich auf diese Weise ber die
polnischen usw. Arbeiter hinweg auf eine hhere Stufe erheben. Indes war
es auch fr die Polen ein Aufstieg im Verhltnis zum Lebenszuschnitt in
ihrer Heimat. Sie zogen nach Deutschland, weil sie da immerhin bessere
Lhne erhielten als zu Hause. Bei alledem bleibt es ein bemerkenswerter
Umstand, da zum Teil nur auf dem Rcken jener auslndischen Arbeiter
sich die deutsche Industrie und Industriearbeiterschaft in der
geschilderten Zeit so entwickeln konnte. Ohne jene auslndischen
Tagelhner wre ein Teil des groen Aufschwungs unmglich gewesen,
dessen Endresultat das war, da jede Arbeiterschicht schlielich etwas
hher stand als vorher, die Schicht der Gelernten im Verhltnis strker
zugenommen hatte als die Bevlkerung. In dieser Beziehung ist das Wort
von Marx, das im Kapital steht und von vielen buchstblich genommen
wurde: Die Maschine schlgt den Arbeiter tot, nicht eingetroffen. Denn
diese ungeheure Vermehrung der Arbeiter in der Industrie finden wir
nicht nur in Deutschland, sondern gleichzeitig auch in England, in
Frankreich, wie in allen Lndern moderner Entwicklung, und am strksten
davon in Amerika. Das erklrt sich aus einer Reihe von Grnden, die Marx
nicht gengend bercksichtigen konnte.

Marx hatte seine Beispiele aus der Textilindustrie genommen, die zu
seiner Zeit in England die magebende Industrie war. Aber die Faser
setzte der Behandlung durch die Maschine viel geringeren Widerstand
entgegen als Leder, Holz, Metalle usw. Whrend die Maschine in der
Textilindustrie allerdings Teile der Arbeiterschaft beiseite geschoben
hat, ist das in anderen Industrien nicht geschehen, sondern im
Gegenteil, da hat die Arbeiterschaft sich gewaltig vermehrt, namentlich
in den Industrien der Metalle, die ja allmhlich in der Welt die Fhrung
erhalten haben. Diese gesteigerte Entwicklung ist dadurch mglich
geworden, da es sich nicht nur handelte um Maschinen fr die
Herstellung von Gegenstnden des persnlichen Verbrauchs, sondern um die
groe Erweiterung der Verkehrsmittel, der Eisenbahnen, Dampfschiffe usw.
Die ungeheure Verdichtung des Eisenbahnnetzes, die in den verschiedenen
Lndern, vor allem in den Vereinigten Staaten, aber nicht zum wenigsten
auch in Deutschland vor sich gegangen ist, ist in der Hauptsache erst
eingetreten, nachdem Marx sein Kapital geschrieben hatte. Man braucht
nur eine Eisenbahnkarte aus den sechziger Jahren des vorigen
Jahrhunderts, den Jahren, wo Marx sein Kapital schrieb, mit einer
Karte von 1914 zu vergleichen, dann sieht man, welche kolossale
Entwicklung das Eisenbahnwesen genommen hat. Die Verkehrsmaschinen
selbst, die Lokomotiven, Dampfer usw., haben aber auch ihren Charakter
gendert, sie sind riesenhaft gewachsen, und ihr Wachstum wie ihre
Zunahme hat stark zurckgewirkt auf das Wachstum der Industrie und
wesentlich beigetragen zur gewaltigen Industrialisierung nicht nur
Deutschlands, sondern der ganzen Welt.

Dann haben wir aber auch ein weiteres zu verzeichnen. Die ungeheure
Vermehrung des gesellschaftlichen Reichtums, die eine Folge gewesen ist
der groen Vervollkommnung der Produktionsmittel, der ins Riesenhafte
gesteigerten Gewinnung und Verarbeitung der Erze und Erdschtze, und
fortgesetzten Steigerung der Produktivitt der Menschen an den Maschinen
hat als Zweites zur Wirkung gehabt eine groe Frderung der
Qualittsarbeit in der Industrie. Die erste Wirkung der Maschinen war im
Gegenteil die Herabdrckung der Qualitt des Fabrikats gewesen, wie das
Marx auch feststellt. Die billigen Fabrikate drngten die bessere,
solide Arbeit zurck. Aber im weiteren Verlauf der Entwicklung steigt
mit dem wachsenden Reichtum der Gesellschaft auch der Markt der
Qualittsindustrien, die wiederum eine zunehmende Beschftigung von
gelernten Qualittsarbeitern herbeifhrt. Diese Tatsachen, die groe
Zunahme des gesellschaftlichen Reichtums mit ihren technischen
Nachwirkungen, stellen uns nun vor die Frage: Wie wirkt das alles zurck
auf die Klassengliederung in der Gesellschaft?

Die erste soziale Einwirkung der Maschinenindustrie war, da sie
mittlere Schichten der Bevlkerung zurckdrngte, das Proletariat
vermehrte, und da die Schicht der Reichen und ihr Reichtum wuchsen. So
entstand in der sozialistischen Welt die Theorie, die lange Zeit
agitatorisch in Aufklrungsvortrgen propagiert wurde-- ich habe noch
stark daran teilgenommen--, da im weiteren Verlauf der
kapitalistischen Entwicklung die Mittelschichten von der kleinen Schicht
der Reichen vollstndig verdrngt werden, whrend daneben das
Proletariat und gleichzeitig auch seine Verblendung ungeheuer zunehmen.
Der in seiner Art sehr bedeutende, wenn auch mehr konservativ gerichtete
sozialistische konom Karl Rodbertus stellte das im bildlichen Vergleich
einmal so dar, da die soziale Pyramide sich in der Weise eines immer
mehr sich verengernden Flaschenhalses gestaltet. Ich habe das
gelegentlich zeichnerisch so zu veranschaulichen versucht:

[Illustration]

Figur I zeigt die gesellschaftliche Pyramide in ihrem vermuteten
Ursprung; unten die rmeren Klassen, oben, in immer schmlerer
Zuspitzung, die besitzenden Klassen. Mit dem Aufkommen der
kapitalistischen Produktion bildet sich oben eine kleine Schicht von
ganz Reichen, die Mittelschichten nehmen ab, die unteren Schichten aber
zu. Die Pyramide gestaltet sich wie auf FigurII. Allmhlich aber
gewinnt sie die Gestalt des Flaschenhalses wie auf FigurIII. Es
schwillt an der Kopf der ganz Reichen, es verengert sich vollstndig die
mittlere Schicht und immer grer wird unten die Schicht des
Proletariats. Es war Professor Julius Wolff, der die Theorie damit
ironisierte, da er sagte, nach ihr mte es dahin kommen, da eines
Tages der Hals vllig verschwinde, nur noch ganz oben der Kopf sei und,
jeder sttzenden Zwischenschicht bar, unten in den breiten Boden der
Flasche strze. Die wirkliche Entwicklung hat aber diesen Weg nicht
genommen. Wenn wir die Einkommensgliederung in den verschiedenen Lndern
verfolgen, wie sie uns die Statistik zeigt, so erhalten wir ein ganz
anderes Bild. Da fr Deutschland als ein Ganzes erst jetzt eine
Einkommensteuer eingefhrt ist, mssen wir fr Vergleichszahlen Preuen
nehmen, das fnf Achtel des Deutschen Reichs umfat. Preuen hat seine
Einkommensteuer im Jahre 1892 bei der bekannten Miquelschen Steuerreform
grundlegend reformiert. Nehmen wir an, da vor dem Kriege alle Zensiten
mit unter 3000Goldmark Einkommen zum Proletariat gehrten und mit
3000Goldmark steuerdeklariertem Einkommen die Mittelschichten beginnen.
Dann kommen oben zunchst die Schichten von 3000-6000Mk. Einkommen,
alsdann die mit 6000-10000Mk. und hierauf die mit 10000-30500Mk. Die
letzteren sind schon gut brgerliche Existenzen. Die Zensiten mit 30500
bis 100000Mk. deklariertem Einkommen knnen wir als teils wohlhabend,
teils reich rechnen und die mit ber 100000Mk. Einkommen als die
Schicht der ganz Reichen. Die letzten Zahlen ber die Zensiten nach der
alten Miquelschen Einkommensteuer liegen mir fr 1916 vor. Von 1892 bis
1916, also in der Epoche des groen Aufschwungs der kapitalistischen
Produktion, nun ist gestiegen die Schicht der ganz Reichen mit ber
100000Mk. Einkommen von 1780 auf 3561, hat sich also mehr als
verdoppelt; die Zahl der Wohlhabenden und Reichen ist in derselben Zeit
gestiegen von 6700 auf 22000, hat sich also mehr als verdreifacht. Die
Zahl der Wohlhabenden mit einem Einkommen von 6000-30500 Mark hat sich
vermehrt von 104000 auf 210000, also gleichfalls mehr als verdoppelt.
Auch diese Schicht hat weit ber die Vermehrung der Bevlkerung hinaus
zugenommen. Und schlielich hat die untere Mittelschicht, die man ganz
ausgestochen whnte, die Klasse der Zensiten mit Einkommen zwischen 3000
und 6000Mk., sich gar vermehrt von 205000 auf 578000, also auf nahezu
das Dreifache. Keine Schicht aus diesen Einkommensgruppen verschwindet
also, im Gegenteil alle Zahlen nehmen zu. Wer sich die Entwicklung der
Stdte in den letzten Jahrzehnten vergegenwrtigt, wie der Zug zur
Wohlhabenheit im Bau der Wohnungen und dergleichen sich immer strker
bemerkbar machte, der wird auch begreifen, da dies gar nicht mglich
gewesen wre ohne die Zunahme der Mittelschichten im Einkommen.

Nicht ganz das gleiche Bild zeigt sich, wenn wir die Vermehrung der
Vermgen an sich beobachten. Die Vermgenssteuer wurde in Preuen _erst_
seit 1895 erhoben. Meine Zahlen reichen bis 1911. Sie umfassen also nur
eine Periode von 16Jahren, eine Zeitspanne, in der die Bevlkerung
Preuens sich um etwa 25Proz. vermehrte. Die Zahlen zeigen nur die
versteuerten Vermgen, nicht die wirklichen, die ja hher sind, weil bei
der Steuer alle mglichen Abzge gemacht werden. Es haben sich nun in
dieser Periode vermehrt die versteuerten Vermgen der Gruppe von 6000
bis 32000Mk. von 767000 auf rund 1200000, die Gruppe 32000 bis
100000Mk. von 284000 auf 419000, die Gruppe 100000 bis 500000Mk. von
87000 auf 136099 und die Gruppe ber 500000Mk.-- die Mark immer in
Goldwert-- von 15600 auf rund 23000. berall findet man also eine
Vermehrung. Die Pyramide hat sich nicht in der Richtung des
Flaschenhalses entwickelt, sondern ziemlich gleichmig in allen
Schichten. Das Proletariat ist sehr stark gewachsen, die Mittelschichten
aber auch und ebenso die Oberschicht. Der Reichtum der Gesellschaft hat
gewaltig zugenommen, aber an ihm haben nicht nur die ganz Reichen,
sondern alle Schichten der Besitzenden teilgenommen.

Wenn die Entwicklung, wie man sie sich frher vorgestellt hatte, wie
sie nicht nur Marx und Rodbertus, sondern auch Lassalle und alle anderen
Sozialisten angenommen hatten, nicht eingetreten ist, so ist damit die
sozialistische Bewegung noch nicht als berflssig nachgewiesen. Was
sich vollzogen hat, ist, da die Spannung zwischen den groen Einkommen
und dem Einkommen der Volksmasse bedeutend zugenommen hat, und darauf
kommt es an. Die Pyramide der Einkommen und Vermgen entwickelt sich
nicht im Sinne des Flaschenhalses, sondern etwa im Sinne einer
umgekehrten Ziehharmonika. Man nehme an, eine Ziehharmonika werde auf
die Seite gestellt und so beschwert, da sie sich unten nur langsam
heben kann, whrend eine andere Kraft sie nach oben zieht. Dann wird die
Spannung zwischen der beschwerten Masse unten und den oberen Teilen
immer grer werden, und das sehen wir tatschlich in dem Verhltnis der
zunehmenden Zahl der Reichen und ihrem wachsenden Luxus zu dem, der
Masse nach am strksten wachsenden Heer derjenigen, die sozial in ihren
Diensten stehen. Die Vermehrung der Arbeiter und unteren Angestellten
bertrifft der absoluten Zahl nach die aller anderen Klassen zusammen um
ein Vielfaches. Wir sehen daran, da die Entwicklung keineswegs als eine
so gesunde bezeichnet werden kann, wie sie von Leuten hingestellt worden
ist, die aus der Zunahme aller Schichten der Besitzenden nun eine
vollstndige Rechtfertigung der ganzen sozialen Entwicklung unter dem
Kapitalismus herleiten. Nur eins ist unbestreitbar: der Kapitalismus hat
den Reichtum der Gesellschaft ganz ungemein gesteigert; aber die
Verteilung des Reichtums hat nicht in jeder Hinsicht die Entwicklung
genommen, die die Sozialisten frher voraussetzten, sondern sie hat
teilweise andere Bahnen eingeschlagen. Damit haben sich die Probleme,
vor die der Sozialismus gestellt ist, allerdings verndert, und die
Feststellung und Erkennung dieser Tatsache sowie die Frage, welche
Folgerungen aus ihr zu ziehen waren, haben lange Zeit ein gewaltiges
Streitobjekt theoretischer und praktischer Art unter Sozialisten
gebildet.

Man knnte nun die Frage erheben: Wie lt sich das Verbleiben der
Mittelschichten vereinbaren mit der Konzentration der Betriebe unter dem
Kapitalismus? Der Kapitalismus fhrt doch immer mehr zur Konzentrierung
der Betriebe, immer mehr zur Groproduktion und Maschinenproduktion in
der Gesellschaft. Wenn die kleinen und mittleren Betriebe zwar der Zahl
nach fast unbeschrnkt geblieben sind, so haben doch die Grobetriebe
gewaltig zugenommen, nicht nur an Zahl, sondern namentlich auch in der
Masse der von ihnen beschftigten Personen. Und wie lt sich jene
Entwicklung der Reichtumsverteilung damit vereinbaren? Sie erhlt zum
Teil ihre Erklrung durch die Beweglichkeit des modernen Kapitals, die
Beweglichkeit, die das Kapital erhalten hat vermittelst der groen
Ausbreitung der verschiedenartigen Formen von Genossenschaften, zu denen
ja grundstzlich ebenfalls die Aktiengesellschaften gerechnet werden
mssen, wie sehr sie auch rechtlich und in ihrer Struktur von anderen
Genossenschaften abweichen. Die Form der Genossenschaft, des
Kollektivkapitals, ermglicht es einer ganzen Reihe von Schichten der
Bevlkerung, sich am Bestand zu erhalten, die unrettbar htten
verschwinden mssen, wenn bei jeder Unternehmung immer nur eine
Einzelperson oder eine ganz kleine Personengruppe Eigentmer htte sein
knnen. In Deutschland gab es im Jahre 1909-- das ist die letzte Zahl,
die das Reichsstatistische Jahrbuch hierber angibt-- 5222
Aktiengesellschaften mit einem Aktienkapital von rund 14Milliarden
Goldmark und 626Millionen Mark Vorzugsaktien. Daneben gab es
Genossenschaften und Gesellschaften mit beschrnkter Haftung in einer
Zahl von 16500 mit 31/2Milliarden Genossenschaftskapital. Des weiteren
eine groe Zahl eingetragener Genossenschaften, wozu dann noch kommt ein
ganz gewaltiges Kapital von Obligationen der Aktiengesellschaften, das
auch viele Milliarden ausmacht, und das ganz gewaltig zugenommen hat,
nicht nur infolge der industriellen Entwicklung, sondern auch der
militrischen Entwicklung, der steigenden Rstungen usw., und nicht
zuletzt die so stark angewachsenen Staatsanleihen. Durch alles das ist
die Zahl der Inhaber von Anteilen an den Ertrgen der Volkswirtschaft
ungeheuer gestiegen. Wenn Lassalle von den Arbeiterbataillonen sprach,
so kann man heute kaum noch blo von Aktionrbataillonen sprechen,
sondern mu schon von Armeekorps reden, unter die sich die Aktien der
Industrie verteilt haben. Die Unternehmung selbst ist rtlich gebunden,
aber die Aktie, das Kapital, wird immer beweglicher und kann von Hand zu
Hand oder auch von Land zu Land gehen. Das zeigt sich sogar beim Grund
und Boden, wo die Beweglichkeit des Eigentums ermglicht wird in erster
Reihe durch die Hypotheken, die unschwer ihre Besitzer ndern und
geteilt werden knnen. Allein die Hypothek hat die volle Beweglichkeit
nicht, diese hat jedoch der Pfandbrief gebracht. Es entstanden die
Hypothekengesellschaften, die Hypotheken aufsammeln und fr sie
Pfandbriefe ausgeben, die nun, wie das Anleihepapier, jeden Tag den
Inhaber wechseln knnen. Auf diese Weise konnte eine ungeheure
Verteilung des Vermgens stattfinden, das in Grund und Boden angelegt
war.

Die groe Zunahme der Zahl der Aktionre ist brigens vom Standpunkte
des Sozialisten aus eine keineswegs erfreuliche Erscheinung. Als
erfreulich kann sie nur betrachtet werden von Anhngern des
Kapitalismus, weil damit eine viel grere Zahl von Menschen an dessen
Bestand interessiert werden, als es sonst der Fall wre. Sie erklrt
eine ganze Reihe sozialer und politischer Erscheinungen. In England sind
die Brauereien auerordentlich konzentriert, aber das Brauereikapital
ist Aktienkapital, und die Zahl der beteiligten Aktionre geht in sehr
viele Tausende. Das Braugewerbe ist nun in England in hohem Grade ein
politisches Gewerbe. Bis in die Mitte etwa der siebziger Jahre des
vorigen Jahrhunderts waren die Brauer liberal, was in England auch
demokratisch bedeutete. Sie waren freihndlerisch, weil sie interessiert
waren an der freien Einfuhr der Gerste. Es gibt in England eine groe
Tageszeitung, die auf den Straen nicht verkauft wird, die aber doch
eine ansehnliche Verbreitung hat, den Morning Advertiser. Das ist das
Blatt des Braugewerbes, das in allen Schankstellen ausliegt. Am Bier
sind natrlich die Trinker auch interessiert. Die ganze politische
Stellung des Braugewerbes hat sich nun dadurch gendert, da die
liberale Partei anfing, die Temperenz- und Migkeitsbewegung nachhaltig
zu untersttzen. Das brachte die Brauereien in Gegensatz zur liberalen
Partei. Je mehr diese sich radikalisierte und fr die Erleichterung von
Verboten und Einschrnkungen der Schanksttten eintrat, um so mehr hat
sich der Gegensatz verschrft, und so ward in England das Braugewerbe
mit seinem ganzen Anhang nicht nur von Trinkern, sondern auch Aktionren
konservativ, und das erklrt wiederum die zeitweilig so bedeutende
Strkung der konservativen Partei in England. Damit in Verbindung steht
das Interesse der Wettrennen, da die meisten Wetten in den Schanksttten
abgeschlossen werden. Auch das hat eine ganz erhebliche soziale und
politische Rckwirkung. Die ungeheure Verbreitung des Brauereikapitals
und die Beteiligung des groen Publikums an sonstigen Interessen der
Brauereien wirken hier politisch.

Die Beweglichkeit des modernen Kapitals ist also auerordentlich
gestiegen. Beweglicheres als den Pfandbrief kann man sich kaum
vorstellen. Man kann ihn um 1Uhr an einer beliebigen Brse kaufen, und
um 1/22Uhr kann er schon wieder verkauft sein. Ebenso jede Industrie-
usw. Aktie. Diese ungeheure Beweglichkeit des Kapitals hat wieder dazu
beigetragen, den Zug zur Stadt zu verstrken. Der nicht arbeitende
Kapitalist, ob er nun sein Einkommen von der Landwirtschaft, vom Handel
oder der Industrie zieht, kann jetzt in der Stadt wohnen. Wir haben das
vor dem Kriege beobachten knnen, z.B. an den Steuerquoten. In den
Orten der Berg- und Industriebezirke des Rheinlandes war der lokale
Einkommensteuerzuschlag auf die Staatseinkommensteuer 200 bis ber
300Proz., aber hier in Berlin, wo ein groer Teil der Leute lebt, die
ihr Einkommen aus jenen Produktionszweigen ziehen, ging man lange Zeit
nicht ber einen Zuschlag von 100Proz. Wir haben z.B. in meiner
Gemeinde Schneberg lange darum kmpfen mssen, um endlich einmal die
Mehrheit der Gemeindevertretung zu einer Erhhung des Zuschlages um
10Proz. auf 110Proz. zu bewegen. In den Industriebezirken aber
betrugen die Zuschlge 200 bis 300Proz., weil die Aktionre, an die der
Reinertrag der Produktion ging, eben dort nicht wohnten. Die
Industriebezirke hatten die Last fr die groe Arbeiterbevlkerung zu
tragen, whrend das Kapital sich aus ihnen entfernte. hnliches konnte
man brigens auch in der sozialen Gliederung Gro-Berlins beobachten, wo
die Inhaber und Aktionre groer Industrieunternehmungen in den
Villenvororten wohnten, whrend die Arbeiter dieser Unternehmungen in
den Industriequartieren und deren Umgebung hausten.

Auf die verschiedenste Weise wuchsen so die Stdte in Deutschland. Im
Jahre 1867 wohnten in Deutschland noch 2/3 der Bevlkerung, 66,7Proz.,
auf dem Lande, d.h. in den kleinen Gemeinden bis 2000Einwohner. An der
Jahrhundertwende waren es nur noch 5/11, rund 45Proz.; im Jahre 1910
war der Prozentsatz auf 40 gefallen, und es ist gar kein Zweifel, da
wir bis zum Vorabend des Krieges noch weiter heruntergegangen waren. Das
Land entvlkerte sich immer mehr und die Stdte wuchsen. Von
65Millionen Einwohnern, die Deutschland 1910 hatte, wohnten nur noch
26Millionen in den Gemeinden unter 2000Einwohnern. Dadurch wurde jene
berwiegende Stadtkultur herbeigefhrt, die, wie schon erwhnt, ein
wichtiges Moment mit zur Verschrfung der sogenannten Agrarfrage gewesen
ist. Mit dieser Entwicklung fast parallel ging die Steigerung des
deutschen Auenhandels. Deutschland war Industriestaat geworden, und das
Charakteristische des Industriestaates ist, da er eine groe Ausfuhr
von Fertigfabrikaten hat bei einer ziemlich groen Einfuhr von
Rohstoffen und Nahrungsmitteln. In Deutschland ist die Einfuhr von
Nahrungsmitteln nicht so gro gewesen wie in England, wo die Produktion
von Getreide im 19.Jahrhundert auerordentlich zurckgegangen ist, so
da es kaum den sechsten Teil seines Brotbedarfs selbst herstellte. Dies
namentlich infolge seiner ungeheuren kolonialen Entwicklung, wobei man
zu den englischen Kolonien im wirtschaftlichen Sinne der
Bevlkerungsgliederung im Grunde auch die Vereinigten Staaten von
Amerika rechnen mu, wenngleich diese politisch vllig unabhngig sind.
Haben sie doch jahrzehntelang einen immer greren Prozentsatz der
englischen Bevlkerung aufgenommen. Von 1848 bis Mitte 1885 sind aus
England ber 6Millionen Menschen ausgewandert, und der weitaus grere
Teil davon zog in die Vereinigten Staaten.

Diese Riesenauswanderung erklrt manche Erscheinungen, die vielen Leuten
lange Zeit unerklrlich dnkten. England hatte in der ersten Hlfte des
neunzehnten Jahrhunderts eine gewaltige Arbeiterbewegung, die
Chartistenbewegung, die einen geradezu revolutionren Charakter trug.
Allmhlich aber nimmt das ab, und als in Deutschland die sozialistische
Bewegung schon ziemlich stark war, war in England von einer solchen fast
gar nichts mehr vorhanden. Man hat dafr eine ganze Reihe Erklrungen
angegeben. Ein Faktor liegt darin, da die groe Niederlage des
Chartismus entmutigend gewirkt hatte, und ferner dmpfte den
revolutionren Drang ein gewisses Entgegenkommen der brgerlich-liberalen
Parteien. Aber auch die Gewerkschaftsbewegung der Arbeiter nahm einen
schlfrigen, fast vllig bureaukratischen Charakter an. Meines Erachtens
hat dazu auch jene groe Auswanderung beigetragen. Im allgemeinen
wandern die geistig regsten Naturen aus, die darum noch nicht immer die
besten Menschen sind. Wenn nun ein Land einen so groen Prozentsatz
seiner regsten Elemente verliert, so kann das nur die Rckwirkung haben,
da bei den Zurckbleibenden die schlfrigen, indifferenten oder
wenigstens nachgiebigen Elemente berwiegen, und so verursachte die
groe Auswanderung Englands auch jene nderung im Charakter seiner
Arbeiterbewegung.

Deutschland hatte bei einer viel zahlreicheren Bevlkerung eine
erheblich geringere Auswanderung als England. Um so mehr entwickelte
sich in den letzten Jahrzehnten sein Auenhandel. Es belief sich im
Jahre 1913, das letzte Jahr, fr das wir eine vom Kriege unbeeinflute
Statistik haben, der Wert seiner Einfuhr an Rohstoffen auf
31/2Milliarden, seine Nettoeinfuhr an halbfertigen Fabrikaten auf
86Millionen, an lebenden Tieren auf 280Millionen, an Nahrungsmitteln
auf nahezu 1,8Milliarden, zusammen 5,6Milliarden Mark Goldwhrung.
Dagegen betrug der Goldwert seiner Nettoausfuhr von fertigen Waren
4,8Milliarden. Das ist das Bild des vorgeschrittenen Industriestaates,
der Fertigfabrikate ausfhrt, in denen am meisten hhere menschliche
Arbeit steckt, und dafr Rohstoffe, landwirtschaftliche Produkte und
Halbfabrikate einfhrt, bei denen die menschliche Arbeit eine
verhltnismig geringere Rolle spielt.

Was nun die auf dem Boden der kapitalistischen Konkurrenzwirtschaft
erwachsenden groen Geschftskrisen anbetrifft, so zeigte sich die erste
davon in England, dem Heimatland der modernen Groindustrie, im Jahre
1825, zehn Jahre nach Abschlu der napoleonischen Kriege. Die
Wiederherstellung des allgemeinen Friedens in Europa hatte zunchst eine
ungeheure Steigerung der Produktion und damit verbundene Prosperitt zur
Folge, die nahezu zehn Jahre anhielt, dann aber in eine groe Krisis
auslief, whrend der das Geschft fast vollstndig stagnierte. Solche
allgemeinen Krisen wiederholten sich von da ab ziemlich alle zehn Jahre,
und es erstanden verschiedene Theorien ber ihre Natur, ihre Ursachen
und ihre Zukunft, Theorien, die bald auch in der sozialistischen Welt zu
lebhaften Diskussionen fhrten.

Hinsichtlich der Erklrung der Krisen stritten lange Zeit zwei
Auffassungen: die eine leitete sie ab von der berproduktion, die andere
von der Unterkonsumtion, was durchaus nicht das gleiche ist. Die
Unterkonsumtion wurde damit erklrt, da man sagte, es ward viel mehr
produziert als die Bevlkerung gem ihrer Zusammensetzung in der Lage
war zu kaufen und daher auch nicht konsumierte. Man ging dabei von der
Idee aus, erstens, da die sozialen Mittelschichten verschwinden-- die
berhmte Flaschenhalstheorie--, und zweitens, da die Lage der
Unterschicht, der arbeitenden Klasse infolge ihrer wachsenden Zunahme
sich bestndig verschlechtere, ihre Vermehrung also zur Verelendung
fhre. So knne die Kaufkraft mit der Entwicklung der Produktion nicht
Schritt halten und stellten sich von Zeit zu Zeit Krisen ein, die sich
von Epoche zu Epoche immer mehr verstrkten. Die Theorie der
berproduktion hat zum Teil dasselbe Bild des Kreislaufs des allgemeinen
Geschftsganges zur Grundlage wie die Theorie der Unterkonsumtion,
nmlich eine Periode mit gutem Geschftsgang, die in eine solche mit
fieberhaft erhhter Produktion ausluft, die Lager berfllen sich,
Geldknappheit tritt ein, und Zwangsverkufe fhren zu einem
Geschftskrach, an den eine Zeit der Stagnation, des allgemeinen
Stillstands sich anschliet. Dann erholt sich das Geschft allmhlich,
und der geschilderte Kreislauf wiederholt sich auf erweiterter
Grundlage. Sie sagt aber auch, da infolge der Anarchie der freien
Konkurrenz auf dem Wirtschaftsmarkt tatschlich berproduziert wird,
nicht etwa blo im Verhltnis zur Kaufkraft, sondern auf den
verschiedensten Gebieten ber den wirklichen Bedarf hinaus. Zum Beispiel
mehr Rohstoffe und Halbfabrikate, als die vorhandenen Fabriken
verarbeiten knnen. Solcher Anarchie gegenber ist die Geschftskrise
ein Mittel zeitweiliger Heilung.

Eine andere Krisentheorie ist die des englischen Philosophen und
Sozialkonomen Stanley Jevons. Sie bringt die Krisen in urschlichen
Zusammenhang mit dem Auftreten der Sonnenflecken, das sich alle zehn bis
elf Jahre wiederholt und das auf die Gestaltung der Ernten ungnstig
einwirkt, was bei der groen Bedeutung der Ertrge der Landwirtschaft,
d.h. der Preise ihrer Produkte fr das Wirtschaftsleben, die Kaufkraft
fr Industrieprodukte verringert. Die Theorie hat das sozialistische
Denken wenig beeinflut, obwohl man zugeben mu, da die Entwicklung der
Landwirtschaft bei den Krisen ein groes Wort mitzusprechen hat. Bleiben
wir daher bei den beiden vorerwhnten Theorien, von denen wir gesehen
haben, da ihr Streit die Tatsache und ihren urschlichen Zusammenhang
mit der kapitalistischen Produktions- und Wirtschaftsordnung
unbezweifelt lt. Auf Grund von bestimmten Stzen in Karl Marx' Kapital
befestigte sich in sozialistischen Kreisen die Anschauung, da eine
gleichfrmige Wiederholung der Krisen nach zehn Jahren der zunehmenden
Produktionshhe und Wirtschaftsanarchie widerspreche, sondern da
vielmehr der Zyklus allmhlich immer krzer werden wrde. Dem Wesen der
kapitalistischen Jagd um den Markt bei steigender Produktivitt
entspreche es, da die Entwicklung sich vollziehe in Form einer Spirale,
die immer enger wird, da also die Krisen sich zeitlich hufen und immer
greren Umfang annehmen.

In der Zeit, wo die sozialistische Bewegung einen besonderen Aufschwung
in Deutschland nahm, in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts,
schien diese Anschauung sich vollstndig zu besttigen. Nach dem
Deutsch-Franzsischen Kriege trat in Deutschland zunchst eine ungeheure
Prosperitt ein, die aber ziemlich schnell ein jhes Ende nahm. Schon in
den Jahren 1873/74 stellte sich ein groer Brsenkrach ein, und ihm
folgte ein ungeheurer Stillstand der Geschfte, der sich bis in die
achtziger Jahre hinzog. In der Arbeiterwelt sah man eine groe
Verelendung vor sich und folgerte daraus auf den Bankrott der
kapitalistischen Wirtschaft. Die marxistische Auffassungsweise drngte
alle frheren sozialistischen Theorien zurck, und sehr stark wuchs die
Meinung, da man vor einem vlligen Zusammenbruch der brgerlichen
Gesellschaft stehe. Dieser Zusammenbruch ist aber nicht eingetreten,
sondern es stellte sich etwas anderes ein. Von Beginn der neunziger
Jahre ab beginnt eine Prosperittsperiode, die viel lnger andauerte als
die frheren Prosperittsperioden, und der lange Zeit keine grere
Stagnation folgte. Brgerliche konomen und auch Sozialisten sahen sich
zu der Frage veranlat, wie diese Erscheinung zu erklren und was aus
ihr zu folgern sei. Vielfach erkannte man, da die Ursache in der
ungeahnten Entwicklung des Transportwesens und der Weltwirtschaft liege,
die eine gewaltige Erweiterung der Mrkte bei groer Verbesserung des
Nachrichtenwesens und der Handelsstatistik herbeigefhrt habe. Die
Geschfte konnten besser bersehen werden. Ferner vollzog sich eine
starke Organisation des Kapitals bzw. der Unternehmer in Kartellen und
Syndikaten, die es ermglichte, gewisse Wirkungen der Krisen abzuwehren,
indem man die Produktion selbst teilweise einschrnkte, um so dem
ungeheuren Miverhltnis zwischen Produktion und Absatz gewisse Grenzen
zu ziehen. Ich selbst folgerte damals aus diesen und noch einigen
anderen Erscheinungen, da wir mit Krisen, wie sie sich vorher gezeigt
hatten, wohl kaum in absehbarer Zeit zu rechnen haben wrden, und habe
das in einer Schrift, die ein gewisses Aufsehen machte, ausgesprochen.
Es hat mir allerhand Entgegnungen eingetragen, darunter ganz besonders
vom konomieprofessor Ludwig Pohle. Meine Schrift war 1899 erschienen,
und schon 1900 stellte sich eine neue Geschftskrisis ein. Das hielt mir
Pohle triumphierend entgegen. Aber Tatsache ist, da jene Krise
berraschend schnell ein Ende nahm und schon 1902 sich eine Erholung
einstellte, die sehr lange andauerte, nmlich bis 1906/07, wo wieder ein
Geschftsdruck eintrat, der aber gleichfalls nur kurz war, und dem dann
bis zum Weltkriege keine grere Depression gefolgt ist.

In der Tat ist also durch die Organisationen des Kapitals und eine ganze
Reihe verwandter Ursachen der Umstand eingetreten, da die Krisen der
frheren Jahre sich nicht wiederholt haben. Krisenmomente und -faktoren
sind ja immer da, aber auch Gegenkrfte, die zur Zeit, als Karl Marx
schrieb, noch nicht zu bersehen waren. brigens hat bis zu einem
gewissen Grade zur Milderung der Krisen auch beigetragen die gewaltige
Steigerung der Rstungen, die in steigendem Mae Arbeiter beschftigten.

Der Hinweis auf die Tendenz der Abschwchung der Krisen ist aber
durchaus nicht als Verteidigung der kapitalistischen Wirtschaft
aufzufassen. Da die Organisation des Kapitals bedeutende Nachteile
hatte, habe ich wie andere nicht verfehlt hervorzuheben, und das mu
auch hier geschehen. Die Krisen, wie sie vordem waren, hatten die eine
gute Wirkung, da das Bedrfnis der Entlastung des Marktes durch
Verbilligung der Gter nicht aufgehoben, sondern gesteigert wurde, und
damit auch die Rcksicht auf den Konsum der Massen zu ihrem Rechte kam.
Die Krisen konnten-- wie etwa das Fieber von den rzten-- betrachtet
werden als eine Art Reaktion des Wirtschaftskrpers zur berwindung
schdlicher Faktoren. Das war bertrieben optimistisch, aber ein Stck
Wahrheit steckte doch darin. Wenn sich nun das Unternehmerkapital
organisiert und die Krisen mindert, geschieht es zu dem Zwecke, durch
Koalitionen die Preise hochzuhalten. Dadurch wird ein Hauptmoment der
Verteidigung der kapitalistischen Wirtschaft, nmlich die ihr
nachgerhmte stndige Verbilligung der Produkte und dadurch die
Erweiterung des Konsums der groen Masse der Bevlkerung, beeintrchtigt
oder aufgehoben. Man kann daher dieses kapitalistische Gegenmittel doch
nur als von sehr bedingtem Nutzen betrachten und nicht als Mittel zu
vlliger Heilung von den Schden, die die kapitalistische Wirtschaft im
Gefolge hat. Es hebt die Steigerung des Wohlstandes der arbeitenden
Klassen in auerordentlichem Mae wieder auf.

Nun haben wir allerdings Gegenaktionen der Arbeiter selbst in den
Arbeiterorganisationen, Lohnkmpfen usw., die auch manches dazu
beigetragen haben, die Rckwirkung des Druckes des Kapitals auf die Lage
der Massen und die Herrschaft des Kapitals ber die Produktion
aufzuhalten. Zu erwhnen ist hierbei das Wachstum der Ansprche der
Arbeiter. Man kann es natrlich je nach den verschiedenen Standpunkten
sehr verschieden auffassen. Der Sozialist wird diese Steigerung der
Ansprche fr sehr wnschenswert halten. Er wird gegebenenfalls nur
daran Ansto nehmen, da die erhhten Einnahmen der Arbeiter falsch
verwendet werden. Vergesse man aber folgendes nicht. Der Arbeiter, der
lange Arbeitszeit hat, kann, wenn die Lhne steigen, nicht so schnell
seine Lebensweise ndern, er wird daher den in guter Konjunktur
erlangten Mehrverdienst in der Tat zum Teil vergeuden. Dazu, da er ihn
besser verwendet, gehrt ein regelmiges Steigen, nicht ein Auf- und
Absteigen und Sinken nach der Konjunktur. Abgesehen von der Berechtigung
der Arbeiter, ihre Ansprche zu erhhen, darf auch ein Zweites nicht
vergessen werden, nmlich, da mit dem Steigen des Reichtums der
brgerlichen Gesellschaft allmhlich auch dem Arbeiter die
Lebensansprche von selbst sich erhhen. Er lebt doch in der
Gesellschaft, sieht, was dort vorgeht, und mu sich der allgemeinen
Entwicklung der Lebensgewohnheiten anpassen. Gewisse Wohnungen, mit
denen er sich frher begngte, werden nicht mehr hergestellt, weil die
hygienischen Ansprche gesteigert sind, und auch die Wohnungspolizei
andere Grundstze aufstellt. Die sozialen Ansprche _an_ den Arbeiter
erhhen sich, und er mu sie auch erhhen. Das ist einer der Faktoren
des stndigen Kampfes um die Lhne, und das fhrt uns hinber zum Thema
von den Klassenkmpfen in der modernen Gesellschaft.

Vorher mchte ich jedoch noch einiges sagen ber die Rckwirkungen des
Krieges und der Revolution auf die Wirtschaftsentwicklung. Im ganzen
wre es voreilig, hier prophezeien zu wollen, weil die Rckwirkung sich
im ganzen noch gar nicht bersehen lt angesichts der vollstndigen
Ungeordnetheit der Verhltnisse, die sich eingestellt haben. Wir
bersehen noch nicht vollstndig die wirtschaftlichen Rckwirkungen der
groen Gegenstze zwischen den Nationen und die groen Verschiebungen
innerhalb der Klassen. Wir haben noch keine Statistik darber, ob die
Entwicklung der Klassen, die oben vorgefhrt wurde, in der Weise anhlt,
wie wir das im letzten Jahrzehnt vor dem Kriege gesehen haben. Wir
knnen noch nicht bersehen, ob wir noch weiterhin etwa jene Zunahme der
mittleren Einkommenschichten haben werden, die vor dem Kriege zu
verzeichnen war. Es fehlt uns eine Statistik ber die gegenwrtige
Strke der Klassen. Wie sie sich in Deutschland gestalten wird, ist ganz
besonders deshalb schwer zu sagen, weil seine Industrie mit
unberechenbaren Schwierigkeiten zu rechnen hat. Deutschlands
Absatzmglichkeiten in der Welt haben sehr abgenommen, Deutschlands
sachliche Produktionskosten haben sich ungemein gesteigert. Es mu seine
Rohstoffe, Erze usw. jetzt zum groen Teile aus Lndern mit hoher Valuta
kaufen, und daher entsteht die groe Frage, ob die Industrie noch weiter
die Stellung in der Weltwirtschaft einnehmen kann, die sie vor dem
Kriege eingenommen hat. Im allgemeinen wird wohl die Tendenz dahin
gehen, da wir eine Zunahme der Beschftigung in der Landwirtschaft
haben werden, das heit eine relative Vermehrung der landwirtschaftlichen
Bevlkerung, weil Deutschland nicht die Mittel hat, die Nahrungs- und
Genumittel in dem frheren groen Umfange aus dem Auslande zu kaufen.
Ein groer Teil der deutschen Sozialpolitik wird jetzt darauf gerichtet
sein, mehr Bevlkerung aufs Land zu bringen, als vom Lande in die
Industrie und die Stdte abfliet, eine Frage, an die sich eine ganze
Reihe von Problemen des Sozialismus knpfen. Das bloe Herausgehen der
Arbeiter auf das Land wrde unter den bisherigen Verhltnissen
tatschlich eine Herabsetzung ihres konomischen, sozialen und
kulturellen Hhenstandes bedeuten. Es mssen daher Manahmen getroffen
werden, diese Wirkung zu verhten. Eine andere Erscheinung von Bedeutung
ist die ungeheure Expropriation von Angehrigen der Mittelklassen durch
den Sturz der Valuta. Hunderttausende von Kleinrentnern sind durch ihn
vollstndig proletarisiert worden. In welchem Umfange nun andere Klassen
und Schichten durch ihn hochgekommen sind, das knnen wir gleichfalls
noch nicht bersehen. Diese Dinge sind aber bedeutungsvoll fr die
Verschiebung der politischen Machtverhltnisse in der Gesellschaft, und
auch das fhrt uns zurck auf die Frage der Klassenkmpfe in der
modernen Gesellschaft. Sie sind der Gegenstand des folgenden Kapitels
und leiten ber zu der weiteren Frage der Theorien ber den Staat in den
Reihen der Sozialisten.




Fnftes Kapitel.

Der Sozialismus und die Lehre vom Klassenkampf.


Die Frage des Klassenkampfes in der brgerlichen Gesellschaft hat in der
Literatur des Sozialismus als Streitgegenstand Boden gefat auf Grund
der von Karl Marx und Friedrich Engels in dem Manifest der
Kommunistischen Partei niedergelegten Lehre. Dieses Schriftwerk, das
Marx und Engels Ende 1847 ausgearbeitet haben und das Anfang 1848
erschienen ist, hat in der Sozialdemokratie aller Lnder eine groe
Bedeutung erlangt. Es ist in unzhlige Sprachen bersetzt worden und hat
das Ansehen einer Art von Katechismus fr die sozialistische Bewegung,
ist auch jedenfalls auerordentlich lesenswert--, schon wegen seiner
wunderbar lapidaren Sprache, zugleich aber auch wegen des groen
Einflusses, den es auf das sozialistische Denken ausgebt hat und noch
ausbt. Es sei nur daran erinnert, da die Bolschewisten, die sich
berall Kommunisten nennen, vornehmlich auf diese Schrift sich berufen.

Im Kommunistischen Manifest nun liest man im ersten Absatz gleich nach
der Einleitung:

  Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von
  Klassenkmpfen.

  Freier und Sklave, Patrizier und Plebejer, Baron und Leibeigener,
  Zunftbrger und Gesell, kurz, Unterdrcker und Unterdrckte standen in
  stetem Gegensatz zueinander, fhrten einen ununterbrochenen, bald
  versteckten, bald offenen Kampf, einen Kampf, der jedesmal mit einer
  revolutionren Umgestaltung der ganzen Gesellschaft endete oder mit
  dem gemeinsamen Untergang der kmpfenden Klassen.

Dieser Satz ist sehr stark angegriffen worden, was groenteils der
ziemlich roh simplizistischen Auslegung geschuldet ist, die er in
sozialistischen Reihen gefunden hatte. Viele faten ihn so auf, da die
ganze Geschichte aus einer Kette von erbitterten Klassenkmpfen bestehe.
Solches sagt der Satz aber nicht. Es ist Marx und Engels, diesen guten
Kennern der Geschichte, niemals eingefallen, eine so platte Behauptung
aufzustellen. Was sie tatschlich wollten, war, die Tatsache zur
Anschauung zu bringen, da durch die ganze Geschichte der Menschheit--
Engels hat das spter eingeschrnkt: mit Ausnahme der Urgeschichte--
sich Klassengegenstze ziehen, die sich stets frher oder spter zu
heftigen Klassenkmpfen zuspitzen. Marx hat denn auch 1859 im Vorwort zu
seiner Schrift Zur Kritik der politischen konomie dem Gedanken eine
mehr wissenschaftliche Form gegeben. Er knpft da an die Theorie
Saint-Simons an, da die Geschichte der Menschheit sich vollzieht in
abwechselnden Perioden, eine sogenannte organische Periode, wo sich die
Gegenstze einrenken und die Entwicklung sich verhltnismig regelrecht
vollzieht ohne groe Kmpfe, und dann eine eigentliche kritische
Periode, wo es zu Revolutionen kommt, und legt in knappen Stzen das
Wesen dieser Periodizitt dar. Solange Klassen in der Gesellschaft
bestehen, bestehen auch Klassengegenstze, die wirtschaftliche
Entwicklung erzeugt sie in immer neuen Formen und treibt sie auf die
Spitze. Eine jeweilige Unterschicht drngt nach oben, und ist sie stark
genug, um herrschende Klasse werden zu wollen und zu knnen, dann tritt
die Periode sozialer Revolution ein, die auch wiederum nicht plump
genommen werden darf als bloer Straenkampf. Der ganze
Gesellschaftszustand ist vielmehr erschttert, die sozialen Kmpfe der
Klassen nehmen grere Intensitt an, die herrschenden Schichten fhlen
sich nicht mehr sicher, und schlielich findet so oder so eine soziale
und politische Umwlzung statt. Die Tatsache lt sich auch gar nicht
bestreiten, dagegen ist gegen den obigen Satz des Kommunistischen
Manifests der Vorwurf des Plagiats erhoben worden. Ein grusinischer
Sozialist W.Tscherkesow zitiert dafr einen Spruch des konomen Adolphe
Blanqui, Bruder des Kommunisten und Revolutionrs Auguste Blanqui.
Dieser Adolphe Blanqui hatte nmlich im Jahre 1825 geschrieben:

  Es hat immer nur zwei sich gegenberstehende Parteien gegeben, die
  der Leute, die von ihrer Arbeit leben wollen und die der Leute, die
  von der Arbeit anderer leben wollen. Patrizier und Plebejer. Freie und
  Hrige, Sklaven und Freigelassene. Welf und Waibling, Rote und Weie
  Rose. Kavaliere und Rundkpfe, alles sind nur vernderte Formen
  derselben Gattung.

Dieser Satz sieht allerdings dem im Kommunistischen Manifest
niedergelegten ungemein hnlich, und die Behauptung, da Marx ein
Plagiat ausgebt habe, konnte einen Schein von Berechtigung haben. Wenn
man aber die zwei Aussprche nher betrachtet, wird man doch auf einen
gewaltigen Unterschied stoen. Bei Blanqui werden ganz verschiedenartige
Gegenstze durcheinander geworfen. Welfen und Waiblinge stehen sich ganz
anders gegenber als Proletarier und kapitalistische Unternehmer. Es
sind zwei gleichgeartete Parteien, die gegeneinander kmpfen, weil jede
Herrscherin sein will, die aber keinen sozialen Gegensatz vertreten.
Dann Freie und Hrige. Das ist ein Unterschied, aber kein
Klassengegensatz. Bei Marx heit es: Freie und Sklaven. Die Hrigen
sind schon nicht mehr Sklaven. Marx schreibt denn auch: Baron und
Leibeigener, worin sich das feudale Verhltnis scharf ausprgt. Er und
Engels beschrnken sich auf Anreihung wirklich wesensgleicher
Unterschiede. Im brigen lagen solche Gegenberstellungen so sehr im
Geist der damaligen Epoche, da es nicht schwer halten wrde, Vorgnger
auch von Blanqui zu finden. Marx hat niemals behauptet, seine Gedanken
seien nie vorher von anderen ausgesprochen worden. Aber jedenfalls
offenbart sich in der marxistischen Zusammenfassung gegenber der
Blanquischen ein bedeutender Fortschritt: eine viel strkere
Przisierung des Wesens der wirtschaftlichen und sozialen Gegenstze.

Dennoch ist auch bei Marx-Engels an manchem Kritik zu ben, auch ihre
Systematik ist nicht ganz fehlerfrei. Sie stellen schlechthin
Zunftbrger und Gesellen gegenber. Aber zwischen Zunftbrger und
Gesellen findet tatschlich jahrhundertelang kein Klassengegensatz
statt. Nichts von dem, was man ber angebliche Klassenkmpfe zwischen
Zunftbrger und Gesellen im Mittelalter liest, hlt nherer Prfung
stand. ber die Gesellenbewegungen des Mittelalters hat ein sehr
wertvolles Buch Georg Schanz geschrieben: Die Geschichte der deutschen
Gesellenverbnde. Er teilt da 53Urkunden mit, aber wenn man sie genau
ansieht, so zeigt sich, da nicht eine davon einen wirklichen
Klassenkampf zwischen Gesellen und Zunftmeistern behandelt. Bruno
Schnlank spricht in seinem Buche Soziale Kmpfe vor drei
Jahrhunderten bestndig von Klassenkmpfen, aber er fhrt nicht einen
einzigen wirklichen Klassenkampf zwischen Gesellen und Zunftbrgern vor.
Einer der berhmteren Zunftkmpfe der Gesellen des Mittelalters war der
Kampf der Kolmarer Bckergesellen, der zehn Jahre dauerte, von 1495 bis
1505. Worum drehte sich aber dieser Kampf? Um die Stellung der Bcker in
der Kirchenprozession. Nun ist das damals keine so leicht zu nehmende
Sache gewesen wie es heute erscheint. Vor der Reformation, in einer
Zeit, wo die Kirche noch das ganze brgerlich-soziale Leben erfllte, wo
die Prozessionen eine gesellschaftliche Bedeutung hatten und die soziale
Rangstellung der einzelnen und Gruppen sich darin ausprgte, welche
Stelle sie in der Prozession einnahmen, in dieser Zeit hatte ein solcher
Streit eine ganz andere Bedeutung als heute. Aber ein Klassenkampf war
er nicht, er war mehr ein Kampf von Gewerbe gegen andere Gewerbe. Ich
habe ziemlich genau verfolgt, worum die Gesellen damals kmpften. Als
ich mich mit der Geschichte eines bestimmten Gewerbes beschftigte, habe
ich eine ganze Reihe von Urkunden dieses und anderer Gewerbe
durchstudiert, und niemals bin ich einem Kampf begegnet, der ein
eigentlicher Klassenkampf war. Es hat sich oft um Streitigkeiten
zwischen Meistern und Gesellen gehandelt. Streitigkeiten sind aber noch
kein Klassenkampf. Oft waren die Streitigkeiten zwischen Gesellen und
Meistern hnlich den Streitigkeiten, wie wir sie heute etwa zwischen
Studenten und Professoren haben. Die Studenten haben gegen die Senate
manchmal Beschwerden und bringen sie in den Ausschssen zur Geltung;
aber man wird nicht behaupten wollen, da solche Konflikte Klassenkmpfe
seien.

Das fhrt uns zu der Frage: Was bedeutet berhaupt eine Klasse? Eine
Klasse ist nicht zu verwechseln mit einem Stand. Lange hat solche
Verwechslung stattgefunden, hat man das eine Wort fr das andere
gebraucht. Selbst ein so klarer Denker und in der Wahl seiner Ausdrcke
gewhnlich auerordentlich sorgfltiger Schriftsteller wie Ferdinand
Lassalle gab seiner berhmten Schrift, die spter den Namen Das
Arbeiterprogramm erhielt, den Titel: ber den Zusammenhang der Idee
der gegenwrtigen Geschichtsperiode mit der Bedeutung des
Arbeiterstandes. Es ist eine wahrhaft klassische Schrift, die ich jedem
zu lesen empfehle, der sich mit der Gedankenwelt des Sozialismus
vertraut machen will, zumal Lassalle ein Meister des Stils war. Einige
seiner populren Schriften sind so vorzglich geschrieben, da meiner
Ansicht nach es ratsam sein wrde, Stcke aus ihnen in die Schulbcher
als Lehrgegenstand einzufhren, als Muster guter, klarer Darstellung,
sowie auch als Gegenstcke gegen die schndliche Mihandlung, die die
deutsche Sprache heute in der Tagesjournalistik erfhrt. Lassalle
braucht also mit Bezug auf die Lohnarbeiter den Ausdruck Arbeiterstand.
Aber schon damals konnte man nicht mehr von einem solchen Stande
sprechen. Nach Stnden gruppiert war die Gesellschaft im Mittelalter und
Sptmittelalter. Der Stand ist eine abgegrenzte Schicht mit besonderen
Rechten, die gesetzlich geregelt sind. Die Aufnahme in den Stand ist
begrenzt, er hat seine eigenen Rechte und Gesetze. Im allgemeinen
herrscht im Stande lange eine starke Gleichheit der Lebenslage, erst
nach und nach bilden sich in einzelnen von ihnen grere konomische
Unterschiede, wie wir sie auch bei den Kasten in Indien finden, die ja
nur eine Verschrfung der Standeseinteilung sind, oder vielmehr eine
schrfere Vorstufe. In Indien kommt es vor, da eine tieferstehende
Kaste oft sehr reiche Mitglieder hat und hherstehende Kasten rmere
Mitglieder. Aber selbst die rmsten Mitglieder der hheren Kaste fhlen
sich entehrt, wenn sie mit einem noch so reichen Mitgliede einer unter
ihnen stehenden Kaste an einem Tische speisen sollen. Das war natrlich
bei uns im Mittelalter nicht im gleichen Mae der Fall, aber die Stnde
haben sich doch viel schrfer abgegrenzt als heute die Klassen, und
jeder einzelne Beruf, jede Zunft bildete einen Stand. Er grenzte sich
gegen andere ab und empfand keinerlei Solidaritt mit anderen Stnden.
Dieser Zunftgeist hat sich bis in den Anfang des vorigen Jahrhunderts
fortgepflanzt. Selbst in meiner Jugendzeit noch war allgemein zwischen
Schuhmacher- und Schlossergeselle etwa oder Tischlergesellen wenig
Solidarittsgefhl vorhanden. In der Hasenheide zu Berlin haben sie auf
den Tanzbden Kmpfe miteinander gefhrt, die Tatsache, da sie
gemeinsam einer proletarischen Klasse angehrten, haben sie wenig
beachtet. Sie kannten wohl den Unterschied von arm und reich, von
Meister und Geselle, aber sie wren erstaunt gewesen, wenn man ihnen
gesagt htte, da der Schuhmachergeselle das gleiche sei wie ein
Schlossergeselle; sie empfanden oft eine strkere Solidaritt mit ihren
Meistern als mit den Gesellen eines anderen Gewerbes. Ja, als die
kapitalistische Produktion anfing sich durchsetzen, sind die Gesellen
oft ihr gegenber viel konservativer als die Meister. Die Verfolgung der
nicht znftigen Handwerker-- im Schneiderberufe nannte man sie
Bnhasen-- und die Kmpfe gegen die eindringende Maschine sind von
seiten der Gesellen zum groen Teile viel heftiger gefhrt worden als
von den Meistern. Die Klasse ist etwas ganz anderes als der Stand. Die
Klasse ist eine soziale Schicht, die allerdings auch gebildet wird durch
Gleichartigkeit der Lebensverhltnisse, aber sie ist keine durch Gesetz
oder Satzung und Berufszugehrigkeit abgegrenzte Schicht, sondern sie
ist der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung unterworfen. Die
Klassenbildung geht neben der Standesentwicklung und spter auch
innerhalb des Standes selber vor sich. Die Klasse sprengt je nachdem den
Stand. Die Linien der Abgrenzung der Stnde gehen vertikal, die der
Unterscheidung der Klassen horizontal, d.h. nach der Hhe von Besitz
und Einkommen. Es sei hierfr auf ein anderes Stck des Kommunistischen
Manifestes verwiesen. Auf Seite24 der neuesten deutschen Ausgabe heit
es dort:

  Die aus dem Untergang der feudalen Gesellschaft hervorgegangene
  moderne brgerliche Gesellschaft hat die Klassengegenstze nicht
  aufgehoben. Sie hat nur neue Klassen, neue Bedingungen der
  Unterdrckung, neue Gestaltungen des Kampfes an die Stelle der alten
  gesetzt.

Das ist natrlich richtig, das ist eingetreten. Die feudale Gesellschaft
ging an einer ganzen Reihe von Umstnden zugrunde, die teils auf die
Entwicklung des Weltverkehrs, teils der inneren Wirtschaftsverhltnisse
zurckzufhren sind und die zur Folge hatten ein starkes Anwachsen der
Stdte, deren grere Bedeutung und Macht und zugleich eine Steigerung
des zunchst gegen die Feudalherren gerichteten frstlichen
Absolutismus. Es entsteht der absolute Staat, und die feudale
Gesellschaft wird gesprengt, zum Teil unter Mitwirkung der staatlichen
Gesetzgebung.

Das Kommunistische Manifest sagt in dem Absatz Bourgeoisie und
Proletarier weiterhin:

  Unsere Epoche, die Epoche der Bourgeoisie, zeichnet sich jedoch
  dadurch aus, da sie die Klassengegenstze vereinfacht hat. Die ganze
  Gesellschaft spaltet sich mehr und mehr in zwei groe feindliche
  Lager, in zwei groe, einander direkt gegenberstehende Klassen:
  Bourgeoisie und Proletariat.

Das nahmen die Verfasser des Manifestes, das nahmen auch alle
Sozialisten, die Schler von Marx und Engels waren, das nahm gleichfalls
Ferdinand Lassalle an. Sie alle folgerten, da die Gesellschaft sich
vereinfache zu dem groen Gegensatz: Bourgeoisie und Proletariat,
whrend die in der Mitte stehenden sozialen Zwischenschichten
verschwinden. In dieser Annahme steckt auch etwas Richtiges, aber sie
erschpft die Sache nicht. Es ist eben der groe Fehler, den auch die
modernen Kommunisten begehen, da sie das Kommunistische Manifest als
das hchste Produkt des Marxschen Geistes magebend sein lassen wollen.
Aber das Kommunistische Manifest ist ein Produkt der Frhentwicklung von
Marx und Engels, und so bedeutende Geister die beiden auch schon damals
waren, so mu man ihnen doch das Recht der Jugend zuerkennen, die einer
vorschnellen Verallgemeinerung zuneigt. Was sie in England vor sich
gesehen hatten, dem Musterland der kapitalistischen Wirtschaft, dem
sprachen sie eine Entwicklung in gerader Linie zu, verallgemeinerten und
bezogen es auf die ganze moderne Gesellschaft. Zum groen Teile ist ihre
damals gefolgerte Vorhersage aber nicht eingetroffen. Liest man die
Schriften, die Marx auf der Hhe seiner Entwicklung geschrieben hat, so
findet man eine ganz andere Sprache. Im dritten Bande seines Werkes Das
Kapital, das freilich die wenigsten gelesen haben-- von den Schlern
Marx' abgesehen werden es kaum etliche Hundert gelesen haben--,
unterscheidet Marx erstens noch einen anderen Faktor sehr streng, auf
den er in dem Kommunistischen Manifest noch gar keinen Bezug nimmt, er
unterscheidet nmlich Grundbesitz von Kapitalbesitz. Demgem teilt er
nun die Klassen anders ein. Er spricht von den drei _groen_ Klassen der
modernen Gesellschaft, die sich durch die Natur der Quelle ihres
Einkommens, nmlich Arbeitslohn, Profit und Grundrente, unterscheiden,
und dann von einer Vielheit der Schichten innerhalb dieser groen
Klassen. Er schreibt im letzten Die Klassen berschriebenen Kapitel:

  Die Eigentmer von bloer Arbeitskraft, die Eigentmer von Kapital
  und die Grundeigentmer, deren respektive Einkommensquellen
  Arbeitslohn, Profit und Grundrente sind, also Lohnarbeiter,
  Kapitalisten und Grundeigentmer, bilden die drei groen Klassen in
  der modernen, auf der kapitalistischen Produktionsweise beruhenden
  Gesellschaft.

  In England ist unstreitig die moderne Gesellschaft in ihrer
  konomischen Gliederung am weitesten, klassischsten entwickelt.
  Dennoch tritt diese Klassengliederung selbst hier nicht rein hervor.
  _Mittel- und bergangsstufen vertuschen auch hier_ (obgleich auf dem
  Lande unvergleichlich weniger als in den Stdten) _berall die
  Grenzbestimmungen._

Man sieht schon hier, da man nicht damit fertig wird, einfach zu
sprechen von den beiden groen Klassen Bourgeoisie und Proletariat.
Marx wirft alsdann die Frage auf: Was bildet die Klassen? und
schreibt, da hiernach auf den ersten Blick die Dieselbigkeit der
Revenuen und Revenuenquellen sich als magebend zeige. Indes wrden,
fhrt er fort, von diesem Standpunkte aus z.B. rzte und Beamte auch
zwei Klassen bilden, und dasselbe glte fr die _unendliche
Zersplitterung der Interessen und Stellungen_, worin _die Teilung der
gesellschaftlichen Arbeit_ die Arbeiter wie die Kapitalisten und
Grundeigentmer-- letztere z.B. in Weinbergbesitzer, ckerbesitzer,
Waldbesitzer, Bergwerksbesitzer, Fischereibesitzer-- spaltet!

Hier bricht das Manuskript zum dritten Bande ab. Marx ist leider nicht
ber die ersten Stze des fr seine Theorie so wichtigen Kapitels
hinausgekommen. Es mag dahingestellt bleiben, warum er gerade an ihm so
wenig gearbeitet hat. Wir knnen nur so viel sagen, da selbst wenn er
dazu gekommen wre, es zu vollenden, es fr heute doch unzureichend sein
wrde. Denn seit der Zeit, wo Marx das Zitierte geschrieben hat-- seine
letzten Arbeiten am dritten Bande datieren vom Anfang der siebziger
Jahre--, hat die Entwicklung so vieles an der sozialen Schichtung
gendert, so viele neue Erscheinungen gezeitigt, da das Bild, das er zu
jener Zeit geben konnte, doch heute unvollstndig und vielfach sogar
unrichtig sein wrde. Was z.B. bei ihm in der Wertung noch vollstndig
vernachlssigt wird, ist die Frage des technischen und kaufmnnischen
Personals in der Volkswirtschaft. Wir wissen, welche bedeutende Zunahme
diese Klasse seit dem Tode von Marx erfahren hat.

Wenn heute ein groer Teil der Angestellten, und zwar nicht nur der
technischen Angestellten, eine starke Gemeinsamkeit der Interessen mit
den Arbeitern empfinden, sich hnlich wie die Arbeiter organisieren und
viele sich ihnen ganz zurechnen, so hat man lange Zeit ganz anderes
beobachtet, und es bleibt auch heute noch ein ziemlich starker
Prozentsatz brig von kaufmnnischen und technischen Angestellten, die
auf Grund ihrer Klassenherkunft und Erziehung sich mehr den Unternehmern
nahefhlen, Elemente, die eine Zwischenstellung einnehmen und die die
brgerlichen Volkswirtschaftler seinerzeit als den neuen Mittelstand
begrt haben, der an Stelle der teilweise verschwundenen
Mittelstandsunternehmer getreten sei. Jedenfalls bot die kapitalistische
Gesellschaft in der Tat am Vorabend des Weltkrieges ein anderes Bild
dar, als Marx es zu seiner Zeit vorzeichnen konnte.

Marx leitet die Klassenzugehrigkeit, wie wir gesehen haben, von der
Natur der Einkommensquellen ab und gruppiert diese in Grundrente,
Profit, Lohn. Er schweigt vom Gehalt und rechnet das Gehalt offenbar dem
Lohn zu. Aber das lt die gewaltigen Unterschiede aus, die z.B. bei
den Beamten bestehen, die doch gleichfalls Gehalt beziehen. Auch die
Schicht der Beamten hat in der Neuzeit sehr zugenommen, sie ist durch
die ungeheure Ausdehnung der Verwaltung bedeutend vermehrt worden, und
wenn die Angestellten und Beamten zeitweise eine Gemeinsamkeit der
Interessen mit den Arbeitern empfinden, so kommt es doch auch zwischen
ihnen und jenen zu Gegenstzlichkeiten der Interessen. Welche
bedeutsamen Unterschiede zwischen den Grundbesitzern bestehen, je
nachdem es sich um rein landwirtschaftlichen Grundbesitz, um Waldbesitz,
Weinbergbesitz oder um Grundbesitz in Bergbau und Fischerei handelt,
lt Marx selbst durchblicken, und so sehen wir schon, da die moderne
Gesellschaft keineswegs das ganz einfache Bild darstellt, wie es sich
dem oberflchlichen Leser des Kommunistischen Manifestes zeigt: hier
Bourgeoisie, hier Proletariat, und die Mittelschichten verschwinden.

Nein, die Mittelschichten verschwinden nicht, aber sie ndern ihren
Charakter. Frher fhlte sich vielfach der Handwerksmeister den
Arbeitern viel nher als den Grounternehmern, in denen er geradezu
seine Feinde erblickte, die ihn durch kapitalistische Konkurrenz
unterdrckten. Wir haben dann noch, was Marx nicht erwhnt, die
Lebensfhigkeit des buerlichen Betriebes erkennen gelernt. Auf die
Grnde dieser Lebensfhigkeit kann hier nicht eingegangen werden, ihre
Tatsache wird berall durch die Statistik erwiesen. Im allgemeinen kann
man sagen, da der kleinbuerliche Betrieb beim Getreidebau dem
Grobesitz gegenber nicht konkurrenzfhig ist, wo es sich um ebenen
Boden handelt, der leicht mit der Maschine bearbeitet werden kann; da
dagegen das Verhltnis sich ndert bei hgeligem Boden, und ebenso ist
das Verhltnis ein anderes bei der Viehzucht. Entscheidend ist hierbei,
da die Arbeit nicht ein rein physischer Proze ist, sondern da sie
auch seelische Momente umschliet, so da die Arbeit des Kleinbauern,
der sein eigenes Gut bewirtet, sein eigenes Vieh zchtet, einen anderen
Charakter hat als die des Knechtes auf dem Gute des Grobauern und
Grogrundbesitzers. Selbst in Industrie und Handel haben sich die
kleinen und Mittelbetriebe nicht nur gehalten, sondern ihre Zahl noch
vermehrt.

Zwischen allen diesen sozialen Schichten nun findet in der Tat ein mehr
oder minder intensiver Klassengegensatz, ein Gegensatz der Interessen
statt, und wo Gegenstze der Interessen sind, da gibt es auch jeweils
mehr oder weniger heftige Kmpfe. Wo der Grogrundbesitz, namentlich der
Latifundienbesitz, vorherrscht, gibt es Kmpfe der Bauern mit diesen
Grogrundbesitzern. Es bilden sich demokratische Bauernparteien, die
sich dadurch verkrzt fhlen, da groe Teile des Bodens in den Hnden
der Grogrundbesitzer sind. In fast allen Lndern haben da zeitweilig
wirkliche Klassenkmpfe stattgefunden. In Deutschland liegen diese
Kmpfe lngere Zeit zurck, nachdem sich durch die Bewegung fr
Agrarzlle eine Interessensolidaritt zwischen einem groen Teile der
Bauern und den Grogrundbesitzern eingestellt hatte. Groe und kleine
Landwirte haben sich zusammen organisiert zum Kampf gegen die Hndler
und darber hinaus eigentlich auch gegen die Verbraucher. Sie forderten
hohe Zlle, um ihre Produkte nach ihrer Ansicht preiswert verkaufen zu
knnen, und standen damit im Gegensatz zu der groen Masse der
Verbraucher, die nicht selbst Produzenten sind. In Deutschland haben wir
ferner eine Verbindung gehabt zwischen Industriellen und Landwirten, die
groe Koalition fr einen beiden zugute kommenden Zolltarif.

Aber die Bevlkerung besteht in ihrer Mehrheit aus Verbrauchern, die
nicht Unternehmer in der Produktion sind-- Produzenten sind die
Arbeiter ja auch, aber nicht Unternehmer--, sondern Verbraucher, ebenso
sind Verbraucher die Lehrer, Beamten usw. Hier stellt sich ein
Klassenkampf ein, der sich zwar nicht auf der Strae abspielt, sondern
in den Parlamenten und in der Presse. Aber Kampf bleibt Kampf. Der Kampf
der Landwirte gegen die Verbraucher, der Verbraucher gegen die
Produzenten, der Handwerker gegen Handel und Groindustrie, alles das
sind Klassenkmpfe. Diejenigen Handwerksmeister, die ihre
Meisterherrlichkeit bewahren wollen durch das Mittel von Zwangsgesetzen,
Znften, Zwangsinnungen usw., kmpfen je nachdem einerseits gegen die
Arbeiter, andererseits gegen den Handel. Sie suchen sich gegen diesen zu
schtzen, weil er sie nach ihrer Ansicht dadurch bedrckt, da er ihre
Produkte vermeintlich billiger auf den Markt bringt, als sie sie
produzieren knnen. Ein latenter, d.h. sich nicht in der blichen Form
uernder Klassenkampf liegt vor, wo die Grokapitalisten in der
Industrie sich verbunden haben in Kartellen, er richtet sich gegen die
Verbraucher, denn die Kartelle sind immer mit dem Zwecke verbunden, die
Preise hochzuhalten. Daneben gibt es den Kampf der Kartelle gegen
diejenigen Unternehmer ihres Industriezweiges, die ihnen nicht
angeschlossen sind, gegen die sogenannten Auenseiter. Man wei, zu
welch scharfen Mitteln die Kartelle vielfach greifen, um die Auenseiter
entweder zum Eintritt zu zwingen oder ganz lahmzulegen. Man kennt die
Flle, wo die Kartelle ber die Auenseiter eine Art Boykott verhngt,
wo sie ihnen den Bezug von Rohstoffen und Hilfsmitteln vllig verlegt
haben, Mittel des Kampfes, die mindestens so scharf sind, wie sie die
Arbeiter ihrerseits im Gewerkschaftskampf anwenden. Das sind
Klassenkmpfe oder Teile von solchen in der modernen Gesellschaft, in
den Schichten der Unternehmer und relativ selbstndiger
Bevlkerungsklassen selber. Es gibt dann noch Pseudoklassenkmpfe. Als
Beispiel knnte ich erwhnen, da im Weltkrieg verschiedene Leute bei
uns, darunter ein bekannter-- ich mchte ihn nicht nennen--
Schriftsteller den Kampf Deutschlands gegen England als einen
Klassenkampf hinstellten, wobei Deutschland der arme Proletarier und
England der kapitalistische Ausbeuter sein sollte. Das war fr die
Kriegsstimmung ein sehr bestechendes Bild, aber es traf nicht zu. Denn
soweit der Kampf Wirtschaftskampf war, war es nur ein Interessenkampf,
nicht aber ein Klassenkampf. Wenn andererseits heute der Fhrer der
polnischen Partei in Oberschlesien, Korfanty, in seiner Presse schreiben
lt, was in vielen Lndern auch Eindruck macht, sein Kampf sei der
Kampf des polnischen Proletariats gegen das deutsche Kapital, so ist das
ebenfalls nicht richtig. Wenn z.B. die groe Mehrheit der Bergarbeiter
in Oberschlesien Polen sind, so sind doch die meisten Metallarbeiter
Oberschlesiens Deutsche. Auch sind viel polnisch sprechende Arbeiter
Oberschlesiens fr dessen Verbleiben bei Deutschland. Der dortige Kampf
ist, auch wenn er hier und dort Arbeitern als Klassenkampf erscheint, im
Wesen ein nationaler Kampf und nichts anderes.

Aber von allen diesen Klassenkmpfen, die sich heute in der
Gesellschaft unter den verschiedensten Formen abspielen, zeitweise sehr
heftige Gestalt annehmen und dann abflauen und zurckgedrngt werden von
anderen Kmpfen, bleibt doch der grte Klassenkampf immerhin der Kampf
zwischen der Klasse der Arbeiter, den Lohnempfngern, und der Klasse der
Unternehmer. Die groe Ausdehnung dieses Kampfes ist die natrliche
Folge der groen Ausdehnung der modernen Industrie. Die Arbeiterklasse
nimmt in der heutigen Gesellschaft einen immer greren Raum ein, einen
unendlich viel greren als zu der Zeit, wo Lassalle schrieb. Im Jahre
1907 hatten wir in Industrie, Handel und Verkehr 17Millionen
Lohnarbeiter. Wo lebten diese Arbeiter? In berwiegender Zahl in den
groen Stdten und Industriezentren, dort gerade, wo das geistige und
politische Leben der Nation am intensivsten pulsiert, whrend die
Landwirtschaft meist von diesem Leben abgetrennt ist. In den Grostdten
und Industriezentren nun spielen die Arbeiter eine wachsend
einflureiche Rolle; sie nehmen in der Bevlkerung einen immer greren
Raum ein und wirken dadurch allein schon sehr stark zurck auf das
allgemeine Urteil und, je nachdem sie sich Rechte erkmpfen, spter auch
auf die Politik. Der Kampf der Arbeiterklasse vollzieht sich in
verschiedenen Formen als Kampf um Einflu und Macht in Staat und
Gemeinden, um Einflu auf Gesetzgebung und Verwaltung. Solange die
Arbeiter eine kleine Schicht und noch nicht zu einem Klassenbewutsein
gelangt sind, ist davon wenig zu merken. Auch heute noch sind an kleinen
Orten, wo die Zahl der Lohnarbeiter gering ist, oft die meisten davon
politisch indifferent. Aber je mehr die Zahl der Arbeiter in den Zentren
anwchst, um so mehr Anteil nehmen sie am ffentlichen Leben und fhlen
das Bedrfnis, in Staat und Gemeinden vertreten zu sein und Einflu und
Macht zu gewinnen. Dieser Einflu steigert sich mit der Zunahme
demokratischer Einrichtungen, mit der Erweiterung des Wahlrechtes, das
auf die Dauer den Arbeitern auch gar nicht vorenthalten werden kann.
Selbst vor der Revolution schon haben bei uns in Deutschland die
Arbeiter einen erheblichen politischen Einflu ausgebt. Abgesehen
davon, da man ihnen 1866 bei Grndung des Norddeutschen Bundes das
allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht gab, mute man ihnen auch den
Eintritt in die Gemeinden erleichtern. Schlielich ist auch die einst so
feste Mauer des preuischen Dreiklassenwahlrechts vor ihrem Ansturm
durchbrochen worden. Unter dem erweiterten Wahlrecht drangen sie in
wachsender Zahl in die ffentlichen Krperschaften ein und, was fast
noch wichtiger ist, durch ihre Strke und Zahl und die Intensitt ihres
Kampfes erlangten sie auch einen bedeutenden Einflu auf die groe
ffentliche Meinung. Man sprach in den Hrslen, in den Parlamenten und
in der Regierung ganz anders von den Bedrfnissen und Forderungen der
Arbeiterklasse als vorher. Die Arbeiter setzten eine ganze Reihe wenn
auch nicht revolutionrer aber doch in bezug auf ihre soziale Tragweite
sehr bedeutungsvoller Reformen durch. Das ist die eine, die politische
Form des Arbeiterkampfes. Wie er seinerzeit Marx erschien, war er
wesentlich auf die Revolution gerichtet, worunter hier nicht eine
soziale nderung zu verstehen ist, die sich in den Dingen vollzieht,
sondern da eine Klasse durch Aufstand usw. sich an die Herrschaft setzt
und die an ihr befindlichen Klassen verdrngt. Darauf zielte noch die
Marxsche Bewegung ab, darauf mute sie abzielen, denn als Marx schrieb,
hatten die Arbeiter noch in keinem Lande das Wahlrecht. Sie muten es
erst erkmpfen, und nach Lage der Dinge schien es, als ob sie dieses
Recht nur auf dem Wege gewaltsamer Revolution erkmpfen knnten. Nachdem
es aber erkmpft war, was in den meisten Lndern auf andere Weise
geschah, mute sich ein ganz anderer politischer Kampf der
Arbeiterklasse entwickeln. Zum Teil haben das Marx und Engels noch
erlebt und dafr auch wachsendes Verstndnis und Interesse gezeigt. Sie
haben an den Wahlkmpfen der Arbeiterparteien geistig lebhaften Anteil
genommen. Nicht erlebt haben sie aber die unsere Epoche auszeichnende
strkere Ttigkeit der Arbeiter in den ffentlichen Verwaltungskrpern,
den Zwangsgenossenschaften, Gemeinden, Land, Reich, und in ihren eigenen
freien Verwaltungskrpern. Es ist indes zweifellos, da ohne die
Erziehung zur Verwaltung der Einflu des Proletariats in der
Gesellschaft auf die Dauer nur begrenzt sein kann. Sie selbst aber
konnte erst verwirklicht werden und ein Resultat sein einer mehr oder
weniger demokratischen Entwicklung.

Die andere Form des Klassenkampfes der Arbeiter ist die des direkten
Kampfes auf wirtschaftlichem Gebiet, der im wesentlichen gefhrt wird
durch die Koalitionen der Arbeiter, die wir heute Gewerkschaften nennen,
sowie auch Arbeitergenossenschaften, aber solche anderer Art, als sie in
der Zeit bestanden, wo Marx schrieb. Der Koalitionskampf der Arbeiter
gegen die Unternehmer ist in der Mehrheit der Flle ein Kampf um
Lohnhhe und Lohnformen, er wird aber auch gefhrt um Lnge und
Anordnung der Arbeitszeit sowie um ein Arbeiterrecht, nmlich das
Arbeiterrecht in den Betrieben usw. Diese Kmpfe spielen sich in der
Frhzeit des Kapitalismus als rebellische Kmpfe ab. So schildert sie
Marx noch in seiner Schrift Das Elend der Philosophie. Es tragen die
Gewerkschaften da einen fast unmittelbar revolutionren Charakter. Das
war in den vierziger Jahren des abgelaufenen Jahrhunderts. Schon anders
urteilt Marx ber die Gewerkschaften zwanzig Jahre spter in einem
Briefe von 1868 an J.B.vonSchweitzer, den damaligen Prsidenten des
Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins, als dieser versuchte, in
Deutschland Gewerkschaften zu organisieren. Marx kritisierte in dem
Brief den Schweitzerschen Plan, der darauf hinauslief, die ganze
Bewegung nach einem bestimmten fertigen Schema in einen groen
Einheitskrper zusammenzufassen, und legt dar, das wrde nicht angehen,
der Plan wrde auf viele Widerstnde stoen. Er sieht eben schon eine
andere Gewerkschaftsbewegung mit regelrechten festen Berufsverbnden vor
sich, drckt sich aber ber ihren Wert nicht nher aus. Den Ansatz zu
einer Theorie des Gewerkschaftskampfes finden wir berhaupt bei ihm noch
nicht, sondern nur erst eine Wrdigung der Tatsache dieses Kampfes als
einer Regung des Proletariats fr bestimmte Zwecke. In das eigentliche
Wesen und die innere Natur des Gewerkschaftskampfes tiefer einzudringen
war ihm versagt, weil zu seiner Zeit noch alles auf diesen Bezgliche im
Werden und unentwickelt war.

Um die Frage, ob Gewerkschaften zweckmig seien oder nicht, haben
damals und noch spter groe Kmpfe im sozialistischen Lager sich
abgespielt. Es gab unter den Sozialisten sehr ernsthafte Gegner der
Gewerkschaften berhaupt. In erster Reihe waren es die Utopisten, Leute,
die in der Phantasie oder Spekulation ganze Plne einer neuen
Gesellschaft ausgearbeitet hatten und nur an deren Verwirklichung
dachten. Fr sie war der Klassenkampf der Gewerkschaften ein strendes
Moment, auerdem waren die Objekte der Gewerkschaftskmpfe in ihren
Augen Kleinigkeiten, die gegenber dem Streben fr die Idealgesellschaft
nicht in Betracht kamen. So stellten sie sich den Gewerkschaften
ablehnend gegenber. Gewerkschaftsgegner waren auch die radikalen
Sozialrevolutionre, die man am besten als Blanquisten bezeichnet, und
deren Bewegung in Frankreich zu Hause war. Es gab ebenso in England bei
den Chartisten eine Richtung, welche auf den Umsturz durch die
Revolution abzielte und der daher die Bewegung der Gewerkschaften
gleichfalls strend war. Das heit, Kmpfe der Arbeiter um
Lohnerhhungen waren ihnen nicht unangenehm, die haben sie gelegentlich
selbst provoziert, um dadurch revolutionre Erhebungen zu erzielen; um
so weniger wollten sie dagegen von der langsamen systematischen
Gewerkschaftsarbeit wissen und standen mit den fest konsolidierten
Gewerkschaften meist in heftiger Fehde. Noch manche andere Sozialisten
standen den Gewerkschaften fremd oder ablehnend gegenber. So in
Frankreich P.J.Proudhon, der geistreiche Verfasser der Schrift: Was
ist das Eigentum? Er bekmpfte sie, weil er ein besseres Mittel zu haben
glaubte. Er wollte die Wirtschaft auf dem Wege der demokratischen
Organisation des Kredits und der Mutualitt im Sinne des Sozialismus
umwandeln. In Deutschland war von Sozialisten ein Gegner der
Gewerkschaften Ferdinand Lassalle. Sein Vorschlag war, durch staatlich
finanzierte Produktivgenossenschaften die Arbeiter vom Druck des
Kapitals zu befreien. Er wollte, wie er sich ausdrckte, die deutschen
Arbeiter bewahren vor dem Elend der englischen Gewerkschaftsbewegung.
Ein anderes Wort von ihm lautet: Der Gewerkschaftskampf der Arbeiter
ist der vergebliche Kampf der Ware Arbeit sich als Mensch zu gebrden.
Da Lassalle zu dieser Ansicht kam, erklrt sich daraus, da die
englische Gewerkschaftsbewegung zu seiner Zeit-- in Deutschland gab es
blo unbedeutende rtliche Versuche-- anscheinend fast nur Verluste zu
verzeichnen hatte. Im Jahre 1852 hatte sich in England ein groer Kampf
der Maschinenbauer abgespielt, der damals strksten Gewerkschaft, und
viele Arbeiterfreunde hatten sich fr ihn erwrmt, die christlichen
Sozialisten von der Richtung Maurice und Kingsley hatten ihm reiche
Geldmittel zugewandt. Trotzdem ging er nach mehrwchentlicher Dauer
verloren. Lassalle hatte ihn, wie wir aus einem Brief von ihm an Marx
wissen, mit groem Interesse verfolgt, und sein Fehlschlag scheint
groen Eindruck auf ihn gemacht zu haben. Er befestigte ihn in der
Auffassung vom wirtschaftlichen Naturgesetz des Arbeitslohnes, wonach
dieser auf die Dauer bestimmt wird durch die unbedingt notwendigen
Lebensbedrfnisse des Arbeiters, da er nie lange ber dieses notwendige
Ma sich erhebt, weil dann die Vermehrung der Arbeiter durch verstrkte
Zunahme der Geburten usw. ihn zurckwerfen wrde, und andererseits auf
die Dauer nicht tief unter ihm bleiben kann, weil dann die Arbeiter
auswandern, aussterben usw. wrden. So mute ihm denn natrlich der
Gewerkschaftskampf als vergebliches Bemhen erscheinen, wenn er auch im
letzten Jahre seines Lebens sich noch sehr begeisterte fr einen Kampf
von Arbeitern einer Hamburger Wagenbaufabrik. Er spricht davon in seiner
letzten, der sogenannten Ronsdorfer Rede und rhmt es als einen Beweis
fr die Rhrigkeit seiner Anhnger, da es solche waren, die bei diesem
Kampf sich hervorragend bettigt hatten. Indes war das doch noch keine
Anerkennung der Gewerkschaften selbst, und wie die Schler stets
orthodoxer sind als die Meister, so gab es bei den Lassalleanern lange
Zeit erregte Diskussionen darber, ob Gewerkschaften berhaupt sein
sollen oder nicht. Im Jahre 1868 nahm Lassalles begabtester Nachfolger,
J.B.vonSchweitzer, die Frage auf, nachdem vorher schon die
brgerlich-demokratische Fortschrittspartei durch ihr Mitglied Dr.Max
Hirsch und ebenso die mit der Internationale in Verbindung stehenden
Sozialisten von der Richtung August Bebel und Wilhelm Liebknecht den
Gedanken propagiert hatten. Es ging damals durch Deutschland eine starke
Bewegung zur Grndung von Gewerkvereinen, doch gab es in den Reihen
ihrer Anwlte groe Unterschiede hinsichtlich der Zwecke und der Formen.
Dr.Max Hirsch wollte die Gewerkvereine als Mittel zur Herstellung
dieser wahren Harmonie von Kapital und Arbeit, das heit Milderung des
Klassenkampfes, Schweitzer und ebenso Bebel und Genossen wollten sie im
Gegenteil als Hilfstruppen zur Fhrung und womglich Verschrfung des
Klassenkampfes, nur die orthodoxen Anhnger der Lehren Lassalles
stemmten sich gegen ihre Einfhrung. Die mit den Fortschritten der
industriellen Entwicklung Deutschlands verbundene Vermehrung und
Vergrerung der Industriezentren sprachen das entscheidende Wort. Die
noch bestehenden Verbote der Koalitionen der Arbeiter muten fallen, und
Gewerkvereine der verschiedenen Richtungen traten ins Leben.

Allerdings blieben sie lngere Zeit auf mige Mitgliederzahlen
beschrnkt und blieben daher in bezug auf die Erfolge ihrer Kmpfe noch
vllig abhngig von den Konjunkturen des Marktes. Bei steigender
Konjunktur erzielten sie Verbesserungen fr die Arbeiter, die aber
sofort wieder verloren gingen, wenn eine Geschftsstockung eintrat. Die
Lohnkurve bewegt sich einfach im Zickzack, ein Zustand, bei dem die
Arbeiterklasse sich weder materiell verbessert, noch ihren Anteil an der
Kultur hebt. Aber die Bewegung bleibt und sucht nun nach mglichst
zweckmigen Formen, wie das seinerzeit auch in England geschah. Es
spielen sich innere Kmpfe darber ab, wie die Organisationen aufgebaut
werden sollen, ob mehr zentralisiert oder mehr fderalistisch,
beziehungsweise lokalistisch, ob die Gewerkschaft verknpft werden soll
mit Untersttzungseinrichtungen, oder ob sie eine reine
Klassenkampforganisation sein soll. Der Streit darber spielt lange Zeit
in der Arbeiterbewegung und lst zeitweilig starke Leidenschaften aus.
Es geht bei ihm manchmal nicht minder heftig zu als heute, und mitunter
fehlt auch nicht Gewaltttigkeit.

Nachdem die Kriegsra und die Jahre des Ausnahmegesetzes vorber waren,
wurde in Deutschland der Streit, ob lokalisierte oder zentralisierte
Gewerkschaften, zum Austrag gebracht. Die lokalistischen Gewerkschaften
unterlagen. An einzelnen Orten behielten sie einen gewissen Anhang bei
den Arbeitern des Baugewerbes, im brigen aber siegte bei den auf dem
Boden des Klassenkampfes stehenden Gewerkschaften das zentralistische
Prinzip. Die zentralistischen Gewerkschaften nun sind zumeist verbunden
mit Untersttzungseinrichtungen, die ihnen die organisatorische
Festigkeit geben. Wo sie diese Einrichtungen nicht haben, gewinnen
Gewerkschaften fast nur in Zeiten guten Geschftsganges und
erfolgreicher Lohnkmpfe Anhnger, und strmt, nachdem diese vorber,
ein groer Teil der gewonnenen Mitglieder wieder ab und verliert das
Interesse an ihnen. Je mehr Untersttzungseinrichtungen die Gewerkschaft
hat, um so fester ist der Zusammenhalt. Allerdings nimmt sie dadurch
einen etwas konservativen Charakter an, aber sie erzielt dafr grere
Wirkungen und kann durch ihre Festigkeit den Unternehmern Arbeitstarife
abntigen, die eine mehr oder weniger lange Dauer haben. Die
Tarifbewegung hat denn auch in Deutschland einen sehr groen Aufschwung
genommen. In England lngst bekannt, ist sie hier lngere Zeit wenig
beachtet worden. Als aber bei uns im Jahre 1903 zum ersten Male eine
Erhebung der in Kraft befindlichen Tarife veranstaltet wurde, die von
1903 bis 1905 sich ausdehnte, stellte sich heraus, da Deutschland schon
1577 solche Tarife hatte, auf Grund deren 477000Arbeiter beschftigt
wurden. Die Lohnkmpfe hatten also schon in weitem Umfange jene Gestalt
angenommen-- den Kampf um den Tarif--, die ihnen statt des mehr
anarchischen einen konsolidierten Charakter verlieh und allmhlich auch
den Unternehmern zusagte. Hatten diese einmal einen Tarifvertrag
abgeschlossen, so konnten sie darauf rechnen, fr die Zeit seiner Dauer
von jedem ernsteren Lohnkampf verschont zu bleiben und daher mit
grerer Sicherheit ihre geschftlichen Kalkulationen machen.

Schrittweise haben sich dann die Tarife nicht nur der Zahl der von ihnen
betroffenen Unternehmen und Arbeiter, sondern ihrer ganzen Form nach
vervollkommnet. Sie erstreckten sich auf viel weitere Fragen als nur auf
die Lohnhhe. Mindestens ebenso wichtig wie der Lohn ist fr den
Arbeiter die Arbeitszeit, dann aber auch seine Rechtsstellung im
Unternehmen, die durch den Tarif verschiedentlich gleichfalls geregelt
ward. Der Arbeiter ist nicht nur abhngig vom Unternehmer, sondern auch
von dessen Beamten wie Werkfhrer, Aufseher usw. Vor Anfang der
kapitalistischen Produktion trat der Arbeiter bei der Arbeitssuche
schlechthin in die Werkstatt ein und fand einen Meister, der kaum einer
anderen Gesellschaftsklasse angehrte als er selbst. Er wurde begrt,
bekam sein sogenanntes Geschenk und ward nicht selten aufgefordert, an
der gerade bevorstehenden Mahlzeit teilzunehmen. Ohne sich irgendwie zu
degradieren, konnte er von Werkstatt zu Werkstatt nach Arbeit suchen.
Aber je grer die Produktionssttten der Industrie wurden, um so
vernderter nahm sich die Arbeitssuche aus. Mit der Mtze in der Hand
stand der Arbeiter vor der Fabrik und wurde schon vom Trhter schief
angesehen. Die Form der Arbeitssuche und Arbeitsvermittlung erhlt durch
die moderne Industrie also eine groe Bedeutung nicht nur unter
wirtschaftlichem, sondern auch unter dem sozialen Gesichtspunkt. Auch
Bestimmungen hierber kamen allmhlich in die Tarife hinein. Wenn man
heute sich einen Tarif zwischen Arbeitern und Unternehmern eines
bestimmten Gewerbes geben lt, so wird man oft ber seinen Umfang
erstaunt sein. Der erste grere deutsche Tarif, der Tarif der
Buchdrucker, war bald ein ganzes Gesetzbuch und ein ziemlich dickes
Gesetzbuch obendrein. Es werden darin alle Einzelheiten ber Lohnhhe,
Arbeitszeit, Kndigung, Schlichtung von Streitigkeiten usw. geregelt.
Die Zahl der Tarife der Gewerkschaften stieg bis 1913 auf 10885 fr
zusammen ber 143000Betriebe mit rund 1400000Arbeitern. Whrend des
Krieges nimmt sie etwas ab. Aber kaum ist dieser vorber und die
Revolution da, so steigt sie nicht nur sofort wieder, es nimmt auch
unter dem Einflu der Revolution ihr Geltungsgebiet bedeutend zu. Schon
im Jahre 1919 waren es 11000Tarife fr 272000Betriebe mit rund
6Millionen Arbeitern. Heute ist die Zahl noch grer, und grer auch
ihre Wirkungskraft. Zugleich erhoben sich freilich neue Probleme.

Im letzten Jahre des Krieges hatte man unter dem Einflu der Regierung
Arbeitsgemeinschaften zwischen den Organisationen der Arbeitgeber und
der Arbeiter gebildet, die eine strkere Form des Tarifvertrags waren
und eine Art Interessengemeinschaft zwischen den Organisationen der
Unternehmer und denen der Arbeiter schufen. Dadurch erhielten die
organisierten Arbeiter ein Interesse am Steigen der Preise, das nicht
ohne seine volkswirtschaftlichen Bedenken war. Zugleich schienen sie
eine Abschwchung des Klassenkampfes der Arbeiter anzuzeigen und wurden
deshalb von extrem gerichteten Sozialisten heftig bekmpft. Handelte es
sich um vereinzelte Organisationen besonders gnstig gestellter
Arbeiter, so wre die Gegnerschaft nicht unbegrndet. Bei dem
umfassenden Charakter, den die Gewerkschaftsbewegung in Deutschland
trgt und ihrer einheitlichen Zusammenfassung im Allgemeinen
Gewerkschaftsbund ist die ihr zugrunde liegende Furcht sehr bertrieben.
Die Abschwchung bezieht sich da nur auf die uere Form des Kampfes. Im
Wesen der Sache bedeutet es einen nicht geringen Aufstieg der Arbeiter
in ihrem sozialen Recht, als organisierte Klasse von den Unternehmern
anerkannt zu werden, was selbst in den machtvollen Zweigen der groen
Industrien der Fall ist, in die die Gewerkschaft vor dem Kriege nicht
einzudringen vermochte.

Viel Streit ist auch darber gefhrt worden, ob die Tarife kurz oder
langfristig sein sollen. Den radikalen Sozialisten waren die
langfristigen, ber mehrere Jahre sich erstreckenden Tarife ein Greuel.
Der kurzfristige Tarif bot ja den Vorteil, da der Arbeiter durch ihn
nicht gebunden ist, wenn eine gute Konjunktur eintritt, sondern da er
dann hheren Lohn erkmpfen kann. Das ist soweit richtig, vergessen wird
nur, da der Arbeiter dabei doch wiederum abhngig bleibt von der
Konjunktur. Denn lt die Konjunktur nach, so verliert er eben das
Erlangte wieder. Er kann den hheren Lohn nur whrend der guten
Konjunktur aufrechterhalten, whrend mittels langfristiger Tarife die
Arbeiter sich ber die schlechte Konjunktur hinweghelfen knnen. Das
aber mu gerade ihr Bestreben sein, sich freizumachen vom Druck der
Konjunktur und eine Stetigkeit der Lohnentwicklung zu erlangen, die
einen Aufstieg ihres ganzen kulturellen Daseins verbrgt. Zum Teil ist
das auch durch die Gewerkschaften schon erzielt worden. Sie umfassen in
Deutschland heute rund 9Millionen Arbeiter, und durch ihre feste
Organisation bilden sie eine Mauer gegenber der Rckwirkung der
Konjunkturschwankungen auf die Lohnhhe. Sogar schon vor dem Krieg ist
es dem deutschen Bauarbeiterverband gelungen, mitten in einer Krisis
einen Vertrag mit den Unternehmern abzuschlieen, worin festgelegt
wurde, da in keinem Betriebe eine Herabsetzung der Lhne eintreten
soll. Das ist kaum in England jemals passiert und war ein ganz
bedeutendes Ereignis innerhalb der Arbeiterbewegung. Man kann einen
echten Tarif einer starken Gewerkschaft schon bezeichnen als ein
wirkliches Stck Teilhaberschaft an der Industrie, das viel
bedeutungsvoller ist als die sogenannte Gewinnbeteiligung am
Privatunternehmen, zumal wenn ihm zur Seite geht die Erkmpfung der
politischen Demokratie.

In Betracht kommen fr den Klassenkampf auch die Konsumgenossenschaften
der Arbeiter, die als solche in Deutschland verhltnismig
jungen Datums sind, sich aber schnell zu groer Bedeutung entwickelt
haben. Schon vor dem Kriege haben sie hier angefangen, das zu werden,
was sie in England schon lngere Zeit waren, ein Hilfsmittel der
Arbeiter im Gewerkschaftskampf gegen die Unternehmer. Wo die
Arbeiterkonsumgenossenschaften stark ausgebildet sind, was allerdings
nur dort geschehen kann, wo die Arbeiterklasse zu einer gewissen
zahlenmigen Strke gediehen ist, sind sie der Arbeiterschaft eine
Sttze in ihren wirtschaftlichen Kmpfen und haben die Tendenz, zur
Eigenproduktion berzugehen. Es ersteht eine genossenschaftliche
Produktion, die nicht die Produktivgenossenschaft ist, wie Lassalle sie
geistig vor sich sah und die auf Profit abzielte, sondern von
Konsumgenossenschaften eingerichtete Betriebe, die von diesen als
Vertretern einer Gesamtheit im Interesse der Gesamtheit geleitet werden.

Alle diese Bewegungen sind Formen des Klassenkampfes der Arbeiter in
der kapitalistischen Gesellschaft. Zusammen bilden sie einen
organisierten Kampf, der jeweilig wenig revolutionr erscheint und in
seinen uerungen durchaus nicht immer die traditionellen Formen von
wirtschaftlichen oder politischen Kmpfen annimmt, der aber in sich die
Mglichkeit trgt einer wahrhaft sozialen Befreiung der Arbeiterklasse.




Sechstes Kapitel.

Die Staatstheorie und der Sozialismus.


Welches ist der Einflu der Theorien auf das Handeln der Menschen?

Vielfach stt man hinsichtlich der Frage der Beziehungen von Theorie
und Praxis aufeinander auf beraus pessimistische Ansichten. Man hrt
oft, da das praktische Verhalten bestimmt wird durch Interessen,
Leidenschaften und Umstnde, und da der Einflu der Theorie auf die
Praxis in der Politik wie auch sonst im sozialen Leben verschwindend
gering sei. Ich halte diese Auffassung fr irrig. Gewi gibt es viele
Flle, wo die Theorie das Handeln wenig oder gar nicht beeinflut, wo in
der Tat Interesse, Vorurteil, Leidenschaft usw. das entscheidende Wort
sprechen, und sehr gro ist die Zahl der Menschen, die von Theorie
berhaupt keine Ahnung haben. Aber vollstndig verneinen kann man ihren
Einflu darum doch nicht. Er ist viel strker, als die meisten annehmen,
und namentlich stark gerade in den aufstrebenden Klassen der
Gesellschaft. Welche theoretische Auffassung sie vor irgendeiner Frage
haben, wenn sie ihnen auch nicht immer als Theorie, sondern nur als
Doktrin, als Lehrsatz gepredigt worden ist, hat auf ihr Verhalten unter
Umstnden einen sehr groen Einflu. Es sei nur an folgendes erinnert:
Wenn ein Teil unserer Arbeiterjugend, wenn gerade jugendliche Arbeiter
in einem Alter, wo der Idealismus beim Menschen eine groe Rolle spielt,
sich mit Leidenschaft zu Gewaltttigkeiten haben hinreien lassen, von
denen eigentlich die vernnftige berlegung ihnen htte sagen mssen,
da sie unmglich zum Ziele fhren knnen, und man anzunehmen berechtigt
ist, da die Mehrheit von ihnen nicht aus reiner, blinder Zerstrungswut
oder Ha gehandelt haben, so wird nhere Prfung zeigen, da bis zum
Vorurteil gewordene theoretische Anschauungen ihr Handeln magebend
beeinflut haben. Man denke nur an die Rckwirkungen des Begriffs der
Ausbeutung des Arbeiters durch den Unternehmer, an die aus ihm gezogene
weitere Ausdeutung, da der Unternehmer nur ein Parasit,
volkswirtschaftlich ganz berflssig sei und faktisch nur quasi vom
Diebstahl an den Arbeitern und ihrer Kraft lebe, auf das Verhalten
vieler Arbeiter. Diejenigen, bei denen diese Auffassung mit dogmatischer
Kraft verbreitet ist, die sie als Axiom in sich aufgenommen haben,
werden fr viele Handlungen zu haben sein, die ihnen andernfalls als
unsinnig, wenn nicht unmoralisch erscheinen wrden. Und ebenso hat die
theoretische Auffassung von der Bedeutung des Staates und der Stellung
der Arbeiterklasse im Staate auf das politische Verhalten groer Massen
einen sehr wesentlichen Einflu ausgebt.

Die politische Bedeutung der Auffassung, was der Staat sei, welche Rolle
er erfllt, welche Bedeutung ihm innewohnt, die Bedeutung dieser
zuletzt, wenn auch nicht allen bewut, in Theorien wurzelnden Auffassung
fr das politische Leben ist durchaus nicht gering. Auf Grund einer
bestimmten Auffassung vom Staat wird eine feindselige Haltung zu ihm
eingenommen, die unter Umstnden, da der Staat nicht so schnell
abzuschaffen ist, zu sehr verfehlten Manahmen oder zum Versumen von
notwendigen Handlungen fhrt, wie andererseits eine gegenteilige
Auffassung, ein bermiger Kultus des Staates, wieder Leute dazu
verleiten kann, mit Parteien gemeinsame Sache zu machen, die tatschlich
nicht nur ihren Bestrebungen grundstzlich ablehnend gegenberstehen,
sondern ihnen, zur Macht gelangt, grere Hindernisse in den Weg legen
wrden, als irgendwelche andere Partei. In der sozialistischen Bewegung
nun stoen wir auf einander geradezu diametral entgegengesetzt
gegenberstehende Auffassungen vom Staat: eine freundliche, die sich bis
zum Kultus des Staats steigert, und eine gegnerische, kritische, die bis
zur direkten Feindschaft zu ihm geht. In vielfachen Abtnungen sehen wir
diese entgegengesetzten Auffassungen sich durch die Ideengeschichte des
Sozialismus ziehen.

Was aber ist berhaupt der Staat? Soviel ist jedenfalls klar, wenn wir
vom Staat sprechen, mssen wir uns zunchst darber verstndigen, was
wir unter ihm verstehen. Das ist nun auch keine ganz einfache Sache. Die
staatswissenschaftlichen Auffassungen vom Staat gehen, wie jeder finden
wird, der sich in der einschlgigen Literatur umsieht, sehr weit
auseinander. Ein mir befreundeter Staatswissenschafter sagte einmal: Ich
habe 18 verschiedene Bcher ber Staatstheorie gelesen und in allen
verschiedene Definitionen vom Staate gefunden. Indes gibt es doch
grundstzliche Merkmale des Staates. Magebend fr ihn ist zunchst
einmal: er ist ein groes Gemeinwesen, das seine Herrschaft weit ber
einen einzelnen Ort hinaus erstreckt. Denn wenn wir die griechischen
Stadtstaaten, wie schon dieser Name anzeigt, als Staaten gelten lassen,
so wissen wir alle, da z.B. Athen die Landschaft Attika, Sparta
Lakedmon beherrschte. Der Staat ist ein Gemeinwesen auf einem
bestimmten, mehr oder weniger ausgedehnten Gebiet. Das Moment des
Gebietes ist fr den Staat magebend. Wo kein Gebiet ist, da ist kein
Staat. Das Wort vom Staat im Staate ist daher nur figrlich zu
verstehen. Ein Gemeinwesen auf einem ber einen Ort ausgedehnten
Gebiete, das gemeinsame Gesetze hat und durch bestimmte Organe eine
hchste Gewalt ausbt, das ist, darin stimmen alle Definitionen berein,
der Sache nach der Staat. Fr hchste Gewalt wird vielfach der Ausdruck
Souvernitt gebraucht; aber Souvernitt als absolute Rechtshoheit
ist kein unbedingt notwendiges Attribut des Staates. Man erinnere sich:
wir hatten im Deutschen Reich vor der Revolution Einzelstaaten, denen
man die Eigenschaft von Staaten nicht streitig machte, und die doch
nicht in allen Dingen souvern waren. ber ihnen stand das Reich, das in
einer ganzen Reihe wichtiger Fragen die hchste Gewalt ausbte. Und das
war nicht in Deutschland allein so, wir knnen auch andere Lnder
nennen, wo das gleiche Verhltnis bestand und noch besteht. Es ist das
Bestreben vorhanden-- und die ersten Schritte dazu sind schon da--,
eine Macht zu schaffen, die ber allen heutigen Staaten stehen und ihre
Souvernitt in bestimmten Punkten einschrnken soll, die also einen
berstaatlichen Staat bilden wrde. Was sie soll, ist bis zu einem
gewissen Grade in jenem internationalen Gesetz, das man in Deutschland
mit ganz falscher Begriffsanwendung Vlkerrecht nennt, schon vor dem
Kriege vorhanden gewesen. Aber dieses internationale Gesetz war nicht
das Gesetz eines Staates, es war zustande gekommen auf Grund von
Vereinbarungen von Staaten, die sich in voller Freiheit auf seine
Einhaltung verpflichteten. Bei der Abstimmung ber neue Satzungen konnte
ein einziger Staat durch sein Nein deren Erhebung zu internationalem
Recht verhindern. So war die Verbindung zu lose, als da man auf sie die
Bezeichnung als berstaat htte anwenden knnen. Von Manahmen, zu einer
Macht zu gelangen, die sie rechtfertigten wrde, ist vor allem die
Schaffung des Haager Schiedshofes zu nennen, und es war ja nahe daran,
da bei einer dritten Zusammenkunft im Haag dieser Schiedshof eine
solche Natur erhielt, kraft deren er eine Macht ber den Staaten
gebildet htte. Der Krieg hat das verhindert, aber was er gebracht hat,
jene Verbindung von Nationen, die man in Deutschland merkwrdigerweise
Vlkerbund nennt, whrend sie tatschlich nur erst ein Bund von
Nationen ist, ein Bund der Regierungen, nicht schon ein Bund der Vlker
selber-- =Socit des Nations=, sagen daher die Franzosen, =Society of
Nations=, nennen es die Englnder, und in anderen Sprachen heit es
hnlich-- ist verschiedentlich geplant gewesen als ein Organismus, der
ber den Staaten stehen und in bestimmten Fragen einfach ihre
Souvernitt einschrnken sollte, ohne da sie darum aufgehrt htten,
Staaten zu sein. Darum sage ich: die absolute Souvernitt ist kein
unbedingtes Merkmal des Staates; aber ein Merkmal des Staates ist es,
da er ber das Gebiet, das er umfat, die hchste Gewalt ausbt.

Kommen wir nach diesen Bemerkungen zu den widerstreitenden Theorien
oder Auffassungen bei den Sozialisten ber ihre Stellung zum Staat. Um
mit der Gegnerschaft, der bis zur Feindschaft gehenden Gegnerschaft
gegen den Staat zu beginnen, so ist sie eine Folge, und zwar die extreme
Schlufolgerung des Kampfes gegen den bevormundenden Staat, wie er aus
dem Mittelalter hervorgegangen war, den absoluten, fast berall
monarchistisch-polizistischen Staat. Diese Gegnerschaft gegen den Staat,
die im achtzehnten Jahrhundert-- eigentlich sogar schon frher--
strkere Vertretung, strkeren Anhang gewinnt, ist der theoretische
Niederschlag der groen liberalen Bewegung, die sich in England ganz
besonders stark auf wirtschaftlichem Gebiete, aber auch in der Politik
geltend machte, und deren namhafter Wortfhrer dort der schottische
Philosoph und Nationalkonom Adam Smith war. In Frankreich fand der
Liberalismus, der die staatlichen Funktionen einschrnken wollte, in dem
Physiokraten Quesnay seinen Theoretiker und in dem Staatsmann
R.J.Turgot seinen bedeutendsten politischen Verfechter, und in
Deutschland wird er im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts durch Wilhelm
v.Humboldt vertreten. Von Sozialisten, die den Staat abschaffen
wollten, sind vor allem zu nennen die Franzosen Charles Fourier und
seine Schule und Pierre Josephe Proudhon, von dem es fraglich ist, ob
man ihn mit Recht Anarchist nennen kann, der aber jedenfalls theoretisch
Gegner des Staates war. In Deutschland war Gegner des Staates der
geistreiche Verfasser des Buches Der Einzige und sein Eigentum, Kaspar
Schmidt, der unter dem Decknamen Max Stirner geschrieben hat, in Ruland
waren es Michael Bakunin und spter Peter Krapotkin. Von Englndern wre
William Godwin, der Verfasser des Buches ber politische Gerechtigkeit,
zu nennen. Das sind die bekanntesten sozialistischen Gegner des Staates.

Der Staatskultus seinerseits hat zwei Wurzeln; die erste ist die
Auflehnung gegen die Geldherrschaft, die Gegnerschaft gegen die
Herrschaft der Finanzbourgeoisie. Sie war stark namentlich im
achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert und richtete sich tendenzis
gegen die Gesellschaftsklasse, die man bei uns auch Grobourgeoisie
nennt. Politisch fand sie ihre strkste Vertretung in der jakobinischen
Bewegung der franzsischen Revolution. Die Jakobiner sind fr die
Staatsomnipotenz, fr die grte Macht des Staates eingetreten, die man
sich denken kann. Das Verlangen nach dem Schutz des Volkes durch einen
starken Staat hatte brigens seinen Vorlufer im ausgehenden Mittelalter
beim Kampf des Brgertums gegen die Feudalherren. Die damals aufkommende
Klasse, eben das Brgertum, rief die Zentralgewalt gegen den Feudaladel
an, wie spter das breite Brgertum gegen den Finanzadel, die
Finanzaristokratie den Staat anrief. Ein anderer Kultus des Staates
entwickelt sich aus der Gegnerschaft gegen die Herrschaft der Masse. Ich
brauche absichtlich das Wort Masse, andere sprechen von
Pbelherrschaft, Ochlokratie, wie der griechische Ausdruck lautet.
Dieser Kultus stellt sich ein namentlich im Anschlu an Revolutionen,
sobald die Masse zeitweilig tonangebend auf die Bhne tritt, eine Art
Herrschaft ausbt und zerstrerisch wirkt. Er ist eine geistige
Gegenbewegung gegen die Revolution, die den Staat gegen die Demokratie
strken will. Eine Gegenstrmung, die in Frankreich zunchst zum
Bonapartismus fhrte, der eine Mischung-- man kann auch sagen: ein
Bastard-- war von jakobinischen und autokratischen Strebungen;
weiterhin aber, da der Bonapartismus, um das Wort eines bekannten
preuischen Monarchen zu gebrauchen, mit dem Ludergeruch der Revolution
behaftet war, in die Wiederaufrichtung der Bourbonen-Monarchie
ausmndete. Von dieser Seite her ist der Staatskultus-- wie z.B. die
erste romantische Literatur zeigt-- ein Ausflu reaktionren Geistes,
der allerdings nicht immer gerade politisch reaktionr auftritt, aber
den Schutz gegen anarchische Zustnde nur in einem starken
monarchistischen Staate sieht. Diese Erscheinung hat man in England in
der Epoche der groen Revolution des siebzehnten Jahrhunderts auch
gehabt. Da war der groe Philosoph Thomas Hobbes, der Verfasser des
Leviathan, der Vertreter der Theorie von der absoluten Herrschaft des
Staates, bei ihm allerdings nicht im notwendig monarchistischen Sinne.
Er gab zu: die Souvernitt des Staates kann auch ausgebt werden von
einem Parlament oder von einer hnlichen Instanz; aber diese mu die
absolute Macht haben, und am besten wrde diese durch die Monarchie
vertreten. Auch in Italien hatte diese Idee ihre Vertreter.

Nun gibt es-- wenn wir von diesen konservativen, romantisch-rcklufig
gerichteten Theorien absehen wollen-- auch eine demokratische Theorie,
die dem Staate politische Allmacht zuerkennen will. In Frankreich hatte
sie ihren klassischen Philosophen in Jean Jacques Rousseau. Die
Demokratie ist nicht immer identisch mit dem Liberalismus. Lange Zeit
ist ihre dominierende Idee Unterdrckung, allerdings Unterdrckung der
Oberschichten, whrend der Liberalismus nur befreiend wirken will. Die
demokratische Staatstheorie, die in Rousseau ihren Theoretiker hatte,
fand in Robespierre ihren Praktiker-- Robespierre war ein groer
Verehrer Rousseaus und die Schreckensherrschaft ist beherrscht von
Gedankengngen aus den Schriften Rousseaus--, kommt zur Freiheit durch
terroristische Manahmen. Da die Jakobiner Anhnger der
Staatsomnipotenz waren, ward schon oben gezeigt, und von den Jakobinern
fhrt eine direkte Linie zu Gracchus Babeuf, dem geistigen Urheber und
Leiter der Verschwrung der Gleichen, der ebenfalls Anhnger des
demokratischen Staates in seiner extremsten Auslegung war. In
Deutschland haben wir vor allen unseren groen Philosophen Fichte als
Prediger des starken Staates zu nennen, der berhaupt meines Erachtens
noch viel strker von der franzsischen Revolution beeinflut war, als
man gemeinhin annimmt. Aus vielen seiner Schriften geht das hervor. In
seiner 1800 erschienenen vielgenannten Schrift vom Geschlossenen
Handelsstaat findet man viele Berhrungspunkte mit Babeuf. Ich wei
nicht, ob Fichte nheres ber diesen gelesen hatte oder sonst Stze aus
ihm kannte; aber er hat sich jedenfalls eingehend mit der Literatur der
franzsischen Revolution beschftigt. Dann haben wir die mehr
metaphysischen Theorien der deutschen Philosophen Hegel und Schelling
vom Staat, die ganz konservativ-romantischen Staatstheorien der Bonald,
Gentz usw.

Kommen wir nun zu den sozialistischen Verehrern des Staates, so ist ihr
klassischer Vertreter in Deutschland Ferdinand Lassalle. Er ist ein
unbedingter Anhnger des Staates, und zwar ist er es als Schler von
Hegel und in diesem Punkte auch stark von Fichte beeinflut, wie man ja
manchmal im Zweifel darber ist, ob es mehr Hegel oder Fichte ist, der
aus Lassalle spricht. Man wei ja, welche hohe Verehrung Lassalle fr
Fichte empfand, und in vielen seiner Schriften hat er dessen Staatsidee
auerordentlich energisch verfochten. Sehr bedeutungsvoll schon im
Arbeiterprogramm, jenem Vortrage, den er im Jahre 1862 im Norden von
Berlin in einer Arbeiterversammlung gehalten hat ber den Zusammenhang
der Idee des Arbeiterstandes mit unserer gegenwrtigen Zeitperiode. In
diesem, von mir schon zitierten Vortrag verherrlicht er in begeisterten
Worten eine Staatsauffassung, die er die Staatsidee des vierten
Standes nennt, beilufig eine falsche Ausdrucksweise, denn er meint
tatschlich die Staatsidee der modernen Arbeiterklasse. Trotz dieses und
einiger hnlicher, in Lassalles juristischer Denkweise wurzelnder
Fehlgriffe ist die Schrift den klassischen Denkmlern der Literatur des
Sozialismus einzureihen, und zwar ist sie klassisch einmal wegen ihres
Gedankenreichtums und der auerordentlich klaren Durchfhrung dieser
Gedanken, klassisch aber auch wegen des groen Einflusses, den sie in
der Geschichte des Sozialismus gehabt hat. In dieser Schrift nun kommt
Lassalle, wo er vom Staat handelt, zunchst auf die Idee des Staates der
Bourgeoisie zu sprechen. Damals gab es in Deutschland einen sehr starken
Liberalismus, der ja berhaupt in den sechziger Jahren des neunzehnten
Jahrhunderts eine auerordentliche Neubelebung feierte, noch mit einer
gewissen naiven Frische behaftet war und auch von seinen damaligen
Wortfhrern ziemlich radikal geltend gemacht wurde. Ein Liberalismus,
der noch mit Resten des alten absolutistischen Polizeistaates zu kmpfen
hatte und-- wie es immer bei solchen Kmpfen geht-- dabei auch ber
die Schnur hieb. Literarische Vertreter der liberalen Bourgeoisie
erklrten, da der Staat wesentlich nur dazu da sei, Eigentum und Person
zu schtzen, alles andere aber dem freien Spiel der wirtschaftlichen
Krfte zu berlassen habe, was bei den damaligen sozialen
Machtverhltnissen und der Verteilung des Eigentums praktisch einfach
die Sanktionierung der Herrschaft der Bourgeoisie bedeutete. Diese Idee
nun, da der Staat nur da sei, das Eigentum und die Person zu schtzen,
wird von Lassalle als eine Nachtwchteridee verspottet, weil sie den
Staat auf die Funktion des Nachtwchters herabdrcke, statt ihm die
Funktionen zuzuerkennen, die ihm nach seiner Rolle in der Geschichte
zukommen. Ganz anders sei die Auffassung oder die Idee der
Arbeiterklasse vom Staate, das heit, die Staatsidee, die nach Lassalle
die Arbeiterklasse infolge ihrer gesellschaftlichen Lage ausbilden
werde. Hren wir seine bemerkenswertesten Stze hierber. Zuerst heit
es:

  Ganz anders, meine Herren, fat der vierte Stand den Staatszweck auf,
  und zwar fat er ihn so auf, wie er in Wahrheit beschaffen ist.

Was Lassalle hier vom vierten Stand sagt, werden wahrscheinlich nur
wenige von seinen Hrern aus der Arbeiterklasse schon wirklich empfunden
haben. Er unterstellt eben der Arbeiterklasse die Auffassung, die nach
seiner Ansicht die Idee der Arbeiterklasse werden mute und es im weiten
Umfange auch wirklich geworden ist. Er fhrt fort:

  Die Geschichte, meine Herren, ist ein Kampf mit der Natur, mit dem
  Elende, der Unwissenheit, der Armut, der Machtlosigkeit und somit der
  Unfreiheit aller Art, in der wir uns befanden, als das
  Menschengeschlecht im Anfang der Geschichte auftrat. Die
  fortschreitende Besiegung dieser Machtlosigkeit -- das ist die
  Entwicklung der Freiheit, welche die Geschichte darstellt.

  In diesem Kampfe wrden wir niemals einen Schritt vorwrts gemacht
  haben, oder jemals weiter machen, wenn wir ihn als einzelne jeder fr
  sich, jeder allein, gefhrt htten oder fhren wollten.

  Der Staat ist es, welcher die Funktion hat, diese Entwicklung der
  Freiheit, diese Entwicklung des Menschengeschlechts zur Freiheit zu
  vollbringen.

  Der Staat ist diese Einheit der Individuen in einem sittlichen Ganzen,
  eine Einheit, welche die Krfte aller einzelnen, welche in diese
  Vereinigung eingeschlossen sind, millionenfach vermehrt, die Krfte,
  welche ihnen allen als einzelnen zu Gebote stehen wrden,
  millionenfach vervielfltigt.

  Der Zweck des Staates ist also nicht der, dem einzelnen nur die
  persnliche Freiheit und das Eigentum zu schtzen, mit welchen er nach
  der Idee der Bourgeoisie angeblich schon in den Staat eintritt; der
  Zweck des Staates ist gerade der, durch diese Vereinigung die
  einzelnen in den Stand zu setzen, solche Zwecke, eine solche Stufe des
  Daseins zu erreichen, die sie als einzelne nie erreichen knnten, sie
  zu befhigen, eine Summe von Bildung, Macht und Freiheit zu erlangen,
  die ihnen smtlich als einzelnen schlechthin unersteiglich wre.

  Der Zweck des Staates ist somit der, das menschliche Wesen zur
  positiven Entfaltung und fortschreitenden Entwicklung zu bringen, mit
  anderen Worten, die menschliche Bestimmung, d.h. die Kultur, deren
  das Menschengeschlecht fhig ist, zum wirklichen Dasein zu gestalten;
  er ist die Erziehung und Entwicklung des Menschengeschlechts zur
  Freiheit.

Das ist ganz im Sinne Fichtes gedacht, und ist in dieser sich so flssig
lesenden Darstellung, dieser klassisch gedrungenen Anreihung der
Gedanken fast in der sozialistischen Literatur einzigartig. Lassalle
geht dann weiter und zeigt, was der Staat unter der Herrschaft, er sagt
nicht: des Arbeiterstandes, er sagt: unter der Herrschaft der _Idee_ des
Arbeiterstandes sein und tun wrde:

  Dies, sagt er dann, ist die eigentlich sittliche Natur des Staates,
  meine Herren, seine wahre und hhere Aufgabe. Sie ist es so sehr, da
  sie deshalb seit allen Zeiten durch den Zwang der Dinge selbst von dem
  Staat, auch ohne seinen Willen, auch unbewut, auch gegen den Willen
  seiner Leiter, mehr oder weniger ausgefhrt wurde.

Und weiter heit es:

  Ein Staat also, welcher unter die Herrschaft der Idee des
  Arbeiterstandes gesetzt wird, wrde nicht mehr, wie freilich auch alle
  Staaten bisher schon getan, durch die Natur der Dinge und den Zwang
  der Umstnde unbewut und oft sogar widerwillig getrieben, sondern er
  wrde mit hchster Klarheit und vlligem Bewutsein diese sittliche
  Natur des Staates zu seiner Aufgabe machen. Er wrde mit freier Lust
  und vollkommenster Konsequenz vollbringen, was bisher nur stckweise
  in den drftigsten Umrissen dem widerstrebenden Willen abgerungen
  worden ist, und er wrde somit eben hierdurch notwendig-- wenn mir
  die Zeit auch nicht mehr erlaubt, Ihnen die detaillierte Natur dieses
  notwendigen Zusammenhanges auseinanderzusetzen-- einen Aufschwung des
  Geistes, die Entwicklung einer Summe von Glck, Bildung, Wohlsein und
  Freiheit herbeifhren, wie sie ohne Beispiel dasteht in der
  Weltgeschichte und gegen welche selbst die gerhmtesten Zustnde in
  frheren Zeiten in ein verblassendes Schattenbild zurcktreten.

  Das ist es, meine Herren, was die Staatsidee des Arbeiterstandes
  genannt werden mu, seine Auffassung des Staatszweckes, die, wie Sie
  sehen, ebensosehr und genau entsprechend von der Auffassung des
  Staatszweckes bei der Bourgeoisie verschieden ist, wie das Prinzip des
  Arbeiterstandes von dem Anteil aller an der Bestimmung des
  Staatswillens oder das allgemeine Wahlrecht, von dem betreffenden
  Prinzip der Bourgeoisie, dem Zensus.

Der Staat als die Kraft, die, ob sie will oder nicht, dem Fortschritt
dient, das ist die sozialistische Staatstheorie Lassalles. Er trgt sie
den Arbeitern als die ihre vor, um sie fr sie zu gewinnen. Und im
Angesicht der groen Klarheit seiner Sprache erbrigt es sich, den
Gedankengang hier erst noch zu kommentieren. In spteren Reden kommt
Lassalle wiederholt auf ihn zurck. So namentlich in den Prozessen, in
die er im Anschlu an diesen Vortrag verwickelt wurde, der doch so
auerordentlich gemigt gehalten war, in welchem er sich gehtet hatte,
mit irgendeinem Wort zur Gewalt aufzufordern. Aber als er ihn als
Schrift erscheinen lie, ward diese auf Veranlassung des Staatsanwalts
Schelling, einem Sohne des Philosophen Schelling, konfisziert und
Lassalle vor Gericht gestellt, und zwar unter der Anklage, sich gegen
den 100 des alten Preuischen Strafgesetzbuches, den sogenannten Ha-
und Verachtungsparagraphen, vergangen zu haben. Das war ein richtiger
Kautschukparagraph, unter den sich alles mgliche bringen lie. Er
lautete:

  Wer Bevlkerungsklassen durch irgendwelche Schriften oder Reden zum
  Ha und zur Verachtung gegeneinander aufreizt, wird bestraft.

Die Verfolgung fhrte zu zwei sehr bedeutungsvollen Prozessen, in denen
Lassalle die berhmten Reden hielt: Die Wissenschaft und die Arbeiter
und Die indirekte Steuer und die Lage der arbeitenden Klassen. In der
letztgenannten dieser Verteidigungsreden, die im Sommer 1862 gehalten
wurde, entwickelt Lassalle noch einmal seine Unterscheidung der
Staatsidee der Arbeiterklasse von der Staatsidee der Bourgeoisie. Er
nennt unter Hinweis auf einen Ausspruch des hochangesehenen Philosophen
und Philologen August Boeckh die letztere Staatsidee eine moderne
Barbarei, und sagt dann:

  _Das uralte Vestafeuer aller Zivilisation, den Staat, verteidige ich
  mit Ihnen_ (nmlich den Richtern) _zusammen gegen jene_ (die liberalen)
  _Barbaren._

Das ist der Staat nach der Lehre Ferdinand Lassalles. Ganz anders nach
der sozialistischen Theorie, die begrndet worden ist von Karl Marx und
Friedrich Engels. Dort spielt der Staat eine wesentlich verschiedene
Rolle. In den lteren Schriften und Aufstzen von Marx, die zu Anfang
der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts geschrieben wurden, zeigt
er sich meist noch als Anhnger des Staates, beeinflut durch die Lehre
Hegels, wenn er auch schon sehr ber Hegel hinausgeht. Aber nachdem er
sich der kommunistischen Bewegung zugewandt, sie in Frankreich studiert
und ebenso ber die englischen Verhltnisse sich orientiert hatte, kommt
bei ihm und Engels, die wir immer zusammen nennen mssen, da sie von da
ab gemeinsam gearbeitet, gegenseitig sich ihre Arbeiten gezeigt haben,
so da man bei vielen ihrer nun verfaten Arbeiten nicht sagen kann, da
der eine oder der andere von ihnen der Verfasser sei, kommt in der von
ihnen ausgearbeiteten sozialistischen Theorie eine durchaus andere
Auffassung vom Staate zum Ausdruck. Man kann sie eine _kritische_
Staatsidee nennen, die nichts mit der Verehrung Lassalles fr den Staat
gemein hat. Schon in der Schrift, die Marx und Engels Manifest der
kommunistischen Partei nannten und die im Winter 1847 geschrieben
wurde, spielt der Staat eine Rolle. Am Schlusse heit es dort:

  Das Proletariat wird seine politische Herrschaft dazu benutzen, der
  Bourgeoisie nach und nach alles Kapital zu entreien, alle
  Produktionsinstrumente in den Hnden des Staates, d.h. des als
  herrschende Klasse organisierten Proletariats zu zentralisieren und
  die Masse der Produktionskrfte mglichst rasch zu vermehren.

Im Anschlu daran werden die verschiedenen Manahmen kurz aufgefhrt,
die zu diesem Zweck getroffen werden wrden, und dann heit es
abschlieend:

  Sind im Laufe der Entwicklung die Klassenunterschiede verschwunden
  und ist alle Produktion in den Hnden der assoziierten Individuen
  konzentriert, so verliert die ffentliche Gewalt den politischen
  Charakter. Die politische Gewalt im eigentlichen Sinne ist die
  organisierte Gewalt einer Klasse zur Unterdrckung einer anderen. Wenn
  das Proletariat im Kampfe gegen die Bourgeoisie sich notwendig zur
  Klasse vereint, durch eine Revolution sich zur herrschenden Klasse
  macht und als herrschende Klasse gewaltsam die alten
  Produktionsverhltnisse aufhebt, so hebt es mit diesen
  Produktionsverhltnissen die Existenzbedingungen des
  Klassengegensatzes, die Klassen berhaupt und damit seine eigene
  Herrschaft als Klasse auf.

  An die Stelle der alten brgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen
  und Klassengegenstzen tritt eine Assoziation, worin die freie
  Entwicklung eines jeden die Bedingung fr die freie Entwicklung aller
  ist.

Hier wird das Wort Staat vollstndig, und man darf annehmen
absichtlich vermieden. Das Proletariat bernimmt die Staatsgewalt,
entreit der Bourgeoisie alle wirtschaftlichen und politischen
Machtmittel, verwendet sie in seinem Sinne, und nachdem dies geschehen,
entsteht eine groe allgemeine Assoziation. Vom Staat ist keine Rede
mehr.

In spteren Schriften von Marx und Engels kommt diese Haltung zum Staat
noch schrfer zum Ausdruck. Nach der Niederwerfung der achtundvierziger
Revolution lebten sie verbannt im Exil in London. Als in den sechziger
Jahren die Arbeiterbewegung sich von neuem bildete, nahmen sie direkten
Anteil an der deutschen Bewegung nicht. Sie hatten aber in dieser
politische Freunde, mit denen sie brieflichen Verkehr unterhielten, auch
suchten sie durch Aufstze und Schriften erzieherisch auf die Bewegung
einzuwirken. Einer dieser Freunde war Wilhelm Liebknecht, und die
Fraktion, an deren Spitze er und August Bebel standen, galt lange Zeit
in Deutschland als die eigentliche Partei von Marx. In den Organen, die
Wilhelm Liebknecht damals redigierte, kamen aber naturgem vorwiegend
Ideen von Liebknecht zum Ausdruck, von denen schon erwhnt wurde, da
sie stark vom franzsischen Sozialismus beeinflut waren, da Liebknecht
ganz irrigerweise fr das theoretische Mundstck von Marx genommen ward.
Liebknecht gab dem 1869 von der damals unter seiner geistigen Fhrung
geschaffenen sozialdemokratischen Arbeiterpartei gegrndeten und von ihm
redigierten Blatt den Titel Der Volksstaat, und er wie andere sprachen
darin auch immer wieder von einem solchen Staat. Das war aber ganz und
gar nicht nach dem Geschmack von Marx und Engels, und in der 1876/77 von
ihm unter teilweiser Mitwirkung von Marx verfaten Schrift Herrn Eugen
Dhrings Umwlzung der Wissenschaft nahm Engels Gelegenheit, gegen
diese Idee vom Volksstaat, wie Liebknecht sie vertrat, zu polemisieren,
ohne letzteren zu nennen. Er legt dar, da nach der Revolution des
Proletariats die Entwicklung nicht zum Volksstaat, sondern zur
Auflsung, zum Absterben des Staates fhre. Die Kapitel der Schrift, die
speziell den Sozialismus behandeln, sind von Engels spter als Broschre
unter dem Titel: Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur
Wissenschaft herausgegeben worden, und wer es nicht vorzieht, das ganze
Buch zu lesen, das beraus wertvolle Darlegungen ber grundlegende
Fragen der Philosophie, Ethik, Geschichtswissenschaft, Nationalkonomie
und Sozialwissenschaft enthlt, der sollte sich zum mindesten diese
Broschre anschaffen. Man kann sich keine bessere Vorfhrung der
Grundgedanken der Marx-Engelsschen Soziallehre wnschen. In dieser
Schrift nun gibt Engels gegen den Schlu eine zusammengefate Darlegung
darber, was nach der von Marx und ihm vertretenen Anschauung aus dem
Staat wird, nachdem die Arbeiterklasse auf der zu ihrem Hhepunkt
gelangten Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft die politische
Gewalt erlangt hat. Er schreibt dort:

  Das Proletariat ergreift die Staatsgewalt und verwandelt die
  Produktionsmittel zunchst in Staatseigentum. Aber damit hebt es sich
  selbst als Proletariat, damit hebt es alle Klassenunterschiede und
  Klassengegenstze auf, und damit auch den Staat als Staat. Die
  bisherige, sich in Klassengegenstzen bewegende Gesellschaft hatte den
  Staat ntig, d.h. eine Organisation der jedesmaligen ausbeutenden
  Klasse zur Aufrechterhaltung ihrer ueren Produktionsbedingungen,
  also namentlich zur gewaltsamen Niederhaltung der ausgebeuteten Klasse
  in den durch die bestehende Produktionsweise gegebenen Bedingungen der
  Unterdrckung (Sklaverei, Leibeigenschaft oder Hrigkeit, Lohnarbeit).
  Der Staat war der offizielle Reprsentant der ganzen Gesellschaft,
  ihre Zusammenfassung in einer sichtbaren Krperschaft; aber er war
  dies nur, insofern er der Staat derjenigen Klasse war, welche selbst
  fr ihre Zeit die ganze Gesellschaft vertrat: im Altertum Staat der
  sklavenhaltenden Staatsbrger, im Mittelalter des Feudalismus, in
  unserer Zeit der Bourgeoisie. Indem er endlich tatschlich
  Reprsentant der ganzen Gesellschaft wird, macht er sich selbst
  berflssig. Sobald es keine Gesellschaftsklasse mehr in der
  Unterdrckung zu halten gibt, sobald mit der Klassenherrschaft und dem
  in der bisherigen Anarchie der Produktion begrndeten Kampf ums
  Einzeldasein auch die daraus entspringenden Kollisionen und Exzesse
  beseitigt sind, gibt es nichts mehr zu reprimieren, das eine besondere
  Repressionsgewalt, einen Staat ntig machte. Der erste Akt, worin der
  Staat wirklich als Reprsentant der ganzen Gesellschaft auftritt --
  die Besitzergreifung der Produktionsmittel im Namen der Gesellschaft
  -- ist zugleich sein letzter selbstndiger Akt als Staat. Das
  Eingreifen einer Staatsgewalt in gesellschaftliche Verhltnisse wird
  auf einem Gebiete nach dem andern berflssig und schlft dann von
  selbst ein. An die Stelle der Regierung ber Personen tritt die
  Verwaltung von Sachen und die Leitung von Produktionsprozessen. Der
  Staat wird nicht abgeschafft, er _stirbt_ ab. Hieran ist die Phrase
  vom freien Volksstaat zu messen, also sowohl nach ihrer zeitweiligen
  agitatorischen Berechtigung, wie nach ihrer endgltigen
  wissenschaftlichen Unzulnglichkeit; hieran ebenfalls die Forderung
  der sogenannten Anarchisten, der Staat solle von heute auf morgen
  abgeschafft werden.

Man sieht, es wird dem Staat im Grunde eine nur transitorische,
zeitweilige Rolle zuerkannt, die wesentlich die einer unterdrckenden
oder niederhaltenden Gewalt ist-- also das, was Lassalle gerade die
Rolle eines Nachtwchters der jeweilig herrschenden Klasse nennt, und
wenn mit dem Bestehen verschiedener Gesellschaftsklassen die
Klassengegenstze und der Anla zur Niederhaltung von Klassen aufhren,
hrt nach dieser Theorie auch der Staat auf. Sie zieht sich durch alle
Schriften von Marx und Engels und ist von letzterem spter in der
Schrift: Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates
nher begrndet worden. Gelegentlich spricht Engels wohl auch vom Staat
als Produkt der Arbeitsteilung in der Gesellschaft und leitendem Organ
der durch jene notwendig gewordenen Verwaltungsaufgaben, aber er geht
auf diese Funktionen und ihre Zukunft nicht nher ein, sondern lt
hinterher immer nur den Staat als Organ der Niederhaltung
aufmarschieren. Inwieweit diese Auffassung aufrechterhalten werden kann,
oder welche von beiden Auffassungen die Marx-Engelssche und die
Lassallesche, die zeitweilig in den Diskussionen der Sozialisten eine
groe Rolle gespielt haben, den Anspruch auf grere Richtigkeit hat,
wird sich vielleicht zeigen, wenn wir nun auch Marx selbst ber den
Staat gehrt haben.

Vierzehn Jahre bevor die Schrift von Engels ber den Ursprung der
Familie, des Privateigentums und des Staates erschien, im Jahre 1871,
hat Karl Marx sich genauer ber den Staat geuert in jener fr den
Generalrat der Internationalen Arbeiterassoziation verfaten Denkschrift
oder Ansprache ber die Pariser Kommune von 1871. Im dritten Abschnitt
dieser Schrift legt er dar, was eigentlich die Kommune von Paris
bedeutet habe, was ihr tieferer Sinn und ihre tieferen Absichten gewesen
seien. Er hat dabei, was ich nicht verheimlichen will, etwas sehr frei
gearbeitet. Er hat das, was den Leuten der Kommune unbestimmt
vorschwebte, in eine sehr klare und bestimmte Sprache, in die logische
Entwicklung eines leitenden Gedankens gekleidet. Nachdem er dargelegt
hat, da die Pariser Kommune eine Regierung der Arbeiterklasse war und
mit den Einrichtungen der alten Klassenherrschaft, mit Militr, Polizei
usw. gebrochen hatte, fhrt er fort:

  Die Pariser Kommune sollte selbstverstndlich allen groen
  gewerblichen Mittelpunkten Frankreichs zum Muster dienen. Sobald die
  kommunale Ordnung der Dinge einmal in Paris und den Mittelpunkten
  zweiten Ranges eingefhrt war, htte die alte zentralisierte Regierung
  auch in den Provinzen der Selbstregierung der Produzenten weichen
  mssen. In einer kurzen Skizze der nationalen Organisation, die die
  Kommune nicht die Zeit hatte weiter auszuarbeiten, heit es
  ausdrcklich, da die Kommune die politische Form selbst des kleinsten
  Dorfs sein, und da das stehende Heer auf dem Lande durch eine
  Volksmiliz mit uerst kurzer Dienstzeit ersetzt werden sollte. Die
  Landgemeinden eines jeden Bezirks sollten ihre gemeinsamen
  Angelegenheiten durch eine Versammlung von Abgeordneten in der
  Bezirkshauptstadt verwalten, und diese Bezirksversammlungen dann
  wieder Abgeordnete zur Nationaldelegation in Paris schicken; die
  Abgeordneten sollten jederzeit absetzbar und an die bestimmten
  Instruktionen ihrer Whler gebunden sein. Die wenigen, aber wichtigen
  Funktionen, welche dann noch fr eine Zentralregierung brig blieben,
  sollten nicht, wie dies absichtlich geflscht worden, abgeschafft,
  sondern an kommunale, d.h. streng verantwortliche Beamte bertragen
  werden. Die Einheit der Nation sollte nicht gebrochen, sondern im
  Gegenteil organisiert werden durch die Kommunalverfassung; sie sollte
  eine Wirklichkeit werden durch die Vernichtung jener Staatsmacht,
  welche sich fr die Verkrperung dieser Einheit ausgab, aber
  unabhngig und berlegen sein wollte gegenber der Nation, an deren
  Krper sie doch nur ein Schmarotzerauswuchs war. Whrend es galt, die
  blo unterdrckenden Organe der alten Regierungsmacht abzuschneiden,
  sollten ihre berechtigten Funktionen einer Gewalt, die ber der
  Gesellschaft zu stehen beanspruchte, entrissen und den
  verantwortlichen Dienern der Gesellschaft zurckgegeben werden. Statt
  einmal in drei oder sechs Jahren zu entscheiden, welches Mitglied der
  herrschenden Klasse das Volk im Parlament ver- und zertreten soll,
  sollte das allgemeine Stimmrecht dem in Kommunen konstituierten Volk
  dienen, wie das individuelle Stimmrecht jedem andern Arbeitgeber dazu
  dient, Arbeiter, Aufseher und Buchhalter in seinem Geschft
  auszusuchen. Und es ist bekannt genug, da Gesellschaften ebenso gut
  wie einzelne in wirklichen Geschftssachen gewhnlich den rechten Mann
  zu finden und, falls sie sich einmal tuschen, dies bald wieder gut zu
  machen wissen. Andererseits aber konnte nichts dem Geist der Kommune
  fremder sein, als das allgemeine Stimmrecht durch hierarchische
  Investitur zu ersetzen.

Diese Ausfhrungen stehen gedanklich in merkwrdiger bereinstimmung
mit dem Plane, den der von Marx so scharf kritisierte Proudhon in seiner
Abhandlung ber den Fderalismus und seiner Schrift ber die politische
Befhigung der arbeitenden Klassen entwickelt hat. Die letztgenannte
Schrift, die man Proudhons politisches Testament nennen kann, ist nie
ins Deutsche bersetzt worden. Sie ist gegen Ende 1864 geschrieben, als
die Internationale Arbeiterassoziation im Entstehen begriffen war und in
der Arbeiterschaft von Paris neues politisches Leben sich regte. Mit ihr
wollte Proudhon, an dem der Tod schon nagte, der Bewegung eine Art
politisches Geleitbuch geben. Er war, wie man wei, Gegner des Staates,
wenn er auch nicht Anarchist in dem Sinne war, wie man das Wort heute
versteht, sondern dem Fderalismus und Kommunalismus huldigte. Der Staat
sollte dadurch abgeschafft werden, da die Nation sich in freien
Kommunen und Verbnden von solchen von unten auf fderalistisch
organisierte. Der Staat wird da-- was unter dem kaiserlichen Regime
Frankreichs verstndlich genug war-- nur als unterdrckende Macht
aufgefat. Ganz wie sieben Jahre spter bei Marx, der ihn
Schmarotzergewchs, Auswuchs der Gesellschaft und unterdrckende Gewalt
nennt. Von einer hheren Aufgabe oder Funktion des Staates ist bei Marx
so wenig wie bei Proudhon die Rede, whrend nach Lassalle der Staat
sogar eine hohe kulturelle Aufgabe selbst dann noch erfllte, wenn er es
gar nicht einmal wollte. Wo ist da die Wahrheit? Nach meiner Ansicht
verkennt der von Marx entwickelte Plan vollstndig die Rckwirkung der
groen konomischen Zusammenhnge, was bei einem Manne wie Marx, der so
groen Sinn fr das Wesen und die Bedeutung der groen Produktion hatte,
ganz besonders verwundern mu. Die hier entwickelte Auffassung ist
vollstndig kleinbrgerlich. Ein Gemeinwesen mit kleinbrgerlicher
Wirtschaft und kleinbrgerlichem Verkehr lt sich allenfalls nach Art
des Kommunalismus auffassen. Ein Land aber mit modernen
Industrieunternehmungen und den durch sie geschaffenen wirtschaftlich
sozialen Zusammenhngen, die weit ber die Gemeinde hinausgreifen, ist
als bloer Bund unabhngiger Kommunen undenkbar.

Man vergegenwrtige sich zum Beispiel nur das moderne vielverzweigte
Verkehrswesen und die vielen anderen Wirtschaftsorganismen, deren
Wirkungssphre und Bedrfnisse eine Zwangsgesetzgebung notwendig machen,
die an der Selbstbestimmung der Gemeinden keinen Hemmschuh finden darf.
Der durch die groe Industrie erzeugte Wirtschaftsverkehr stellt die
Gesetzgebung der Nation vor ganz andere Aufgaben, als sie in einer
kommunistischen Organisation ausreichend erfllt werden knnten. Die
letztere wrde schon einfach an den Erfordernissen rationeller
Fluwirtschaft versagen, bei der die rtlichen Interessen so verschieden
liegen. Die Bewohner im Tale und an der Mndung haben ganz andere
Interessen als die Bewohner der Berggegenden, von denen der Flu
herkommt. Vielfach sind Flsse versandet, weil die Bevlkerung in den
betreffenden Bergdistrikten die Wlder abgeholzt hatte. Die von den
Quellen an in ihrem Lauf ungehemmten Flsse nahmen so viel Erdreich mit,
da weiter unten Bett und Mndungen versandeten. Eine Fluwirtschaft,
die den Flu schiffbar erhlt, braucht Gesetze und eine berwachung, die
vor keinen Sonderinteressen oder gar Launen der Gemeinden Halt machen.
Haben wir doch selbst internationale berwachungskommissionen fr die
Flulufe von Donau, Rhein usw. Man verweist nun gern auf diese
letzteren als Beweise dafr, da sich solche Dinge auch auf dem Wege der
freien Vereinbarung regeln lassen. Aber man vergit dabei, da diesen
Kommissionen Vertrge von _Staaten_ zugrunde liegen, bei denen schon die
Sonderinteressen von Gemeinden und Bezirken einem groen
Allgemeininteresse weichen muten. Wren nicht schon Staaten gewesen, so
wren jene Vereinbarungen nie zustande gekommen.

Der Plan des Kommunalismus ignoriert viele der bedeutenden
Gesetzgebungs- und Verwaltungsaufgaben des modernen Staates, brigens
knnen auch die Gemeinden heute sich nicht mehr auf die
kleinbrgerlichen Aufgaben beschrnken, die Proudhon im Auge hatte. Die
Bodenpolitik, Verkehrspolitik und Sozialpolitik sind bei vielen schon
ber diesen Rahmen hinausgewachsen. Ich darf daran erinnern, was meine
Wenigkeit vor jetzt beinahe 25Jahren geschrieben hatte in einem
Artikel, der betitelt ist: Die sozialpolitische Bedeutung von Raum und
Zahl.[1] Es wird dort aufgezeigt, wie sehr die rumliche Ausdehnung des
Gebiets und die Vermehrung der Bevlkerung allein schon ganz neue
Bedrfnisse schaffen und das Zustandekommen der Gesetzgebung wie ihre
Aufgaben komplizieren.

   [1] Wieder abgedruckt in Band II des Sammelwerks Zur Theorie und
   Geschichte des Sozialismus. Berlin 1904, 4.Auflage.

Man wird das in Deutschland praktisch erfahren, wenn hier Versuche
gemacht werden, die in die Reichsverfassung der Republik grundstzlich
bernommene direkte Gesetzgebung in die Wirklichkeit umzusetzen. Das in
der Schweiz heimische Referendum hat auch dort seine Ncken. Aber es ist
ganz etwas anderes, wenn die Brger der kleinen, von jeher
republikanischen Eidgenossenschaft ber eine Frage ihres weltpolitisch
gesicherten Landes abstimmen, als wenn eine solche Volksabstimmung in
einem Lande mit ber 60Millionen Einwohnern und in so schwieriger Lage
wie Deutschland vorgenommen wird. Man kann mit der direkten Abstimmung
wohl ganz einfache Fragen regeln, aber unmglich kann man alle
Angelegenheiten eines groen Landes durch solche Abstimmungen zur
Entscheidung bringen, es mte sonst jeder Brger ein Ausbund
enzyklopdischen Wissens sein.

Der Staat ist nicht nur Organ der Unterdrckung und Besorger der
Geschfte der Besitzenden. Ihn nur als solches erscheinen zu lassen, ist
die Zuflucht aller anarchistischen Systemmacher. Proudhon, Bakunin,
Stirner, Krapotkin, sie alle haben den Staat immer nur als Organ der
Unterdrckung und Aussaugung hingestellt, das er freilich lange genug
gewesen ist, aber durchaus nicht notwendig sein mu. Er ist eine Form
des Zusammenlebens und ein Organ der Regierung, das seinen
sozialpolitischen Charakter mit seinem sozialen Inhalt ndert. Wer nach
der Art eines abstrahierenden Nominalismus seinen Begriff mit dem
Begriff der Herrschaftszustnde, unter denen er einst entstanden ist,
unabnderlich verknpft, ignoriert die Entwicklungsmglichkeiten und
tatschlichen Metamorphosen, wie sie sich in der Geschichte mit ihm
vollzogen haben.

In der Praxis hat sich unter dem Einflu der Kmpfe der
Arbeiterbewegung in den sozialdemokratischen Parteien eine andere
Wertung des Staates eingestellt. Da hat in der Tat die Idee eines
Volksstaates Boden gewonnen, der nicht das Werkzeug der oberen Klassen
und Schichten ist, sondern seinen Charakter kraft des allgemeinen und
gleichen Wahlrechts von der groen Volksmehrheit erhlt. Insofern hat
Lassalle trotz mancher bertreibungen in seinen oben wiedergegebenen
Stzen vor der Geschichte, soweit wir sie bersehen knnen, recht
behalten. Allerdings mu man auch ihn =cum grano salis= verstehen. In
seinem Offenen Antwortschreiben ruft er den Arbeitern zu: Aber was ist
denn der Staat? Und nach Vorfhrung von statistischen Zahlen ber die
damalige Einkommensverteilung fhrt er fort: Ihnen also, den
_notleidenden Klassen_, nicht uns, den hheren Stnden, gehrt der Staat,
denn _aus Ihnen besteht er_, Ihre, der _rmeren Klassen groe Assoziation,
das ist der Staat!_ Ein Ausspruch, der viel hnlichkeit hat mit dem Satz
eines franzsischen Sozialisten, von dem seinerzeit geschrieben wurde,
da Lassalle ihn kopiert habe, was aber nicht richtig ist. Es ist dies
Louis Blanc, der Verfasser der Schrift ber die Organisation der Arbeit.
In einer Abhandlung, die polemisch gegen Proudhon gerichtet war, schrieb
dieser:

  In einem demokratischen Regierungssystem ist der Staat die Macht des
  ganzen, durch seine Abgeordneten vertretenen Volkes, er ist die
  Herrschaft der Freiheit. Der Staat ist nichts anderes als die
  Gesellschaft selbst, die als Gesellschaft handelt, um die
  Unterdrckung zu verhindern und die Freiheit aufrechtzuerhalten. Mann
  aus dem Volke, der Staat bist du!-- =Homme du peuple, l'tat c'est
  vous!=

Der Aufruf am Schlu ist in der Tat beinahe derselbe, den Lassalle
ausstt. Und hnlich wird argumentiert: der Staat ist aus dem Volk
zusammengesetzt, folglich _ist_ das Volk der Staat. In dieser Hinsicht
kann man freilich etwas weniger simplizistisch argumentieren. Mit der
Feststellung, aus welchen Menschen die Bevlkerung des Staates besteht,
ist der Staat noch nicht erklrt. Nur unter bestimmten Umstnden hat das
Wort einen wahren Inhalt. Hren wir darber einen anderen Sozialisten.
Der englische Sozialist James Ramsey Macdonald hat im Jahre 1909 eine
sehr interessante Abhandlung verffentlicht ber Sozialismus und
Regierung. Darin fhrt er gegen Engels aus:

  Der Staat ist nicht die Regierung und nicht die Gesellschaft, er ist
  die organisierte politische Persnlichkeit eines unabhngigen Volkes,
  die Organisation einer Gemeinschaft, um ihren gemeinsamen Willen
  geltend zu machen durch politische Mittel. Es ist ein Irrtum,
  anzunehmen, da der Staat nur das ist, was die Individuen aus ihm
  gemacht haben. Auch die Vergangenheit hat ihn gemacht.... Daher mu
  der Staat als ein Organisches betrachtet werden.[2]

   [2] Im gleichen Sinne heit es in dem obenerwhnten Aufsatz des
   Verfassers dieser Schrift:

   Wie in der Tierwelt mit der Differenzierung der Funktionen die
   Ausbildung eines Knochengersts unvermeidlich wird, so im
   gesellschaftlichen Leben mit der Differenzierung der Wirtschaften die
   Heranbildung eines das Gesellschaftsinteresse als solches
   vertretenden _Verwaltungskrpers_. Ein solcher Krper war bisher und
   ist heute der _Staat_. Da nun die Weiterentwicklung der Produktion
   ganz ersichtlich _nicht in Aufhebung_ der differenzierten Produktion
   bestehen kann, sondern nur _in neuer Zusammenfassung_ auf Grundlage
   der ausgebildeten Differenzierung -- auf die Personen bertragen,
   nicht in Aufhebung, sondern in _Ergnzung_ der beruflichen
   Arbeitsteilung (bzw. der Arbeitsteilung im Beruf. Ed.B.), so kann
   der Verwaltungskrper der Gesellschaft der absehbaren Zukunft sich
   vom _gegenwrtigen_ Staat _nur dem Grade nach_ unterscheiden. (Ed.
   Bernstein, Zur Theorie und Geschichte des Sozialismus, Berlin 1904,
   Bd.II, S.73.)

Das ist, glaube ich, die vor der unbefangenen geschichtlichen Prfung
auch wohl dauernden Bestand behaltende Definition des Begriffes Staat.
Man kann Macdonald nicht vorwerfen, da er irgendein wesentliches Moment
auslt, das beim Staat in Betracht kommt. Es hat nun eine ganze
Literatur ber den Staat gegeben, ob der Staat auf einem Vertrag beruht,
sei es auf einem bewuten oder einem stillschweigenden Vertrag, den ein
Teil der Bevlkerung einfach durch Duldung eingeht, oder ob der Staat
nur von der Gewalt herkam. Und, hat man weiter gefragt, was ist der
Gemeinschaftswille? Ist es der Wille aller, die eine Gemeinschaft
bilden, addiert, oder ist eine strkere Potenz bei seiner Bildung ttig?
Letzteres ist, soweit man berhaupt berechtigt ist, von einem
Gemeinschaftswillen zu sprechen, in der Tat der Fall. Und zwar ist es
keine mystische, bersinnliche Macht, sondern ganz einfach die
Geschichte, die Vergangenheit, die bei seiner Bildung mitwirkt, und
nicht blo die jeweilige Abstimmung einer Anzahl Menschen. Der Staat ist
ein Produkt der Entwicklung, in dessen jeweilige Gestaltung die
Vergangenheit mit hineinspielt. Aus dem Staat herausspringen ist
Unmglichkeit. Man kann ihn nur ndern. Und so fhrt die Frage nach dem
Staat den Sozialisten hinber zur Frage der Demokratie und der Regierung
berhaupt.




Siebentes Kapitel.

Der Sozialismus als Demokratie und der Parlamentarismus.


Halten wir daran fest, da der Sozialismus unserer Zeit als
Klassenbewegung Bewegung der Arbeiterklasse ist. Allerdings ist er nicht
nur Klassenbewegung, sondern auch Bewegung sozialistischer Ideologie.
Aber der Angehrige einer anderen Gesellschaftsklasse mu je nachdem
sein Klasseninteresse _vergessen_, oder sich ber es _hinwegsetzen_, um
Sozialist zu werden. Der Arbeiter aber, das ist wenigstens die
Auffassung der Sozialisten, braucht nur sein Klasseninteresse zu
_erkennen_ -- nicht sein persnliches Interesse, das kann ein anderes
sein--, um Sozialist zu werden. Da somit die sozialistische Bewegung
die Bewegung der Arbeiterklasse ist, der breiten sozialen Unterschicht
der Gesellschaft, ist sie darum schon notwendigerweise eine
demokratische Bewegung. Darber kann grundstzlich gar keine
Meinungsverschiedenheit bestehen, sondern nur darber, wie diese
Demokratie sich auswirkt, auf welchem Wege und zu welchem Ziele hin.
Streit herrscht zunchst ber ihre Form, und da berhrt die Frage der
Demokratie die Frage des Parlamentarismus. Wiederholt ist schon von
Sozialisten wie auch von radikalen brgerlichen Demokraten ein
grundstzlicher Gegensatz zwischen Demokratie und Parlamentarismus
behauptet worden. Und heute kann man in Organen derjenigen
sozialistischen Richtung, die sich kommunistisch nennt, den von der
bolschewistischen Regierung Sowjetrulands als Axiom aufgestellten Satz
lesen: Der Parlamentarismus ist die Regierungsform der Bourgeoisie.
Dagegen wissen wir, da sowohl Marx-Engels wie auch Lassalle fr den
Parlamentarismus eingetreten sind, wenn es sich um den Kampf fr das
Budgetrecht, das Geldbewilligungsrecht des Parlaments gegen
halbabsolutistische monarchistische Regierungen gehandelt hat. Und heute
tritt die groe Mehrheit der Sozialisten, die nicht bolschewistische
Kommunisten sind, fr die parlamentarische Regierung ein. Es ist daher
ntig, sich klar zu machen, was wir unter Parlamentarismus und
parlamentarischer Regierung zu verstehen haben.

Beginnen wir mit der Begriffsbestimmung. Was ist berhaupt ein
Parlament? Die Frage ist genau dahin zu beantworten: ein Parlament ist
ein beratender und jeweilig auch beschlieender Vertretungskrper,
anders ausgedrckt, eine vertretende bzw. reprsentative Versammlung,
die bert und je nachdem auch beschliet. Vertretung und Beratung sind
vom Begriff des Parlamentarismus nicht zu trennen, das Beschlieen eher.
Es hat Parlamente gegeben, die das Recht der Beschlufassung nicht
hatten. In der Frhzeit der parlamentarischen Entwicklung Englands gab
es dort solche parlamentarische Krper. Die Konsulatsverfassung
Frankreichs, die von Sieys ausgearbeitet war, und spter die Verfassung
des Kaiserreichs wurde, sah verschiedene parlamentarische Krper vor:
Senat, Tribunal usw. Das Tribunal hatte dabei nur eine beratende
Funktion, nicht die Beschlufhigkeit. Es hatte Gesetze zu beraten und
sie je nachdem dem gesetzgebenden Krper vorzulegen; aber beschlieende
Kraft hatte es nicht. Diesen Gedanken hatte Sieys entnommen der
oligarchischen venezianischen Republik, und hnliches findet man in der
brgerlichen Utopie Oceana des James Harrington niedergelegt, die in
mancher Hinsicht fr die Ideengeschichte des Parlamentarismus
interessant ist. Harrington schlug zwei Krper vor, einen beratenden und
einen beschlieenden. Da sollte aber der demokratisch gewhlte Krper
der beschlieende sein, und der nach beschrnktem Wahlrecht gebildete
Krper nur beratende Funktion haben. Dieser wesentlich die besitzenden
Klassen vertretende Beratungskrper sollte die Gesetze vorberaten, und
dann sollte das Volk durch seine Vertreter ber sie entscheiden. Man
kann sagen, das sei ein verflschter Parlamentarismus. Aber darauf kommt
es hier nicht an. In der Geschichte des Parlamentarismus hat es viele
Halbheiten und Mischformen gegeben. Auch der englische Parlamentarismus
war zunchst eine Mischform, ist es in gewisser Hinsicht selbst heute
noch. Erstens ist er nicht die unbeschrnkte Herrschaft des Parlaments.
Denn neben dem Parlament besteht in England noch die Krone, die nach dem
Buchstaben des Gesetzes noch sehr viele Rechte hat, wenn sie auch in der
Praxis von den meisten keinen Gebrauch macht. Immerhin hat sie mehr
Rechte, als man gemeinhin annimmt. Dann besteht das Parlament in England
noch immer aus zwei Husern, dem berwiegend aus erblichen Mitgliedern
zusammengesetzten Haus der Lords und dem Haus der Gemeinen, englisch:
=House of Commons=, was man in Deutschland merkwrdigerweise noch immer
mit Unterhaus bersetzt, whrend in Wirklichkeit das Haus der
Gemeinen viel weitergehende Rechte hat als das Haus der Lords. Im
englischen Volke wird denn auch allgemein nur die gewhlte Vertretung
als das Parlament betrachtet. Ebenso in Deutschland. Schon vor der
Revolution betrachtete das preuische Volk das Abgeordnetenhaus als das
eigentliche Parlament; das Herrenhaus galt ihm nur als eine Art
Hemmschuh der parlamentarischen Arbeit, und viel mehr war es ja auch
nicht. In England nennt man auch nicht das Haus der Lords die erste
Kammer, sondern bezeichnet es ganz logisch als die zweite Kammer.

Diese zweiten Kammern beruhen auch anderwrts vielfach auf dem
erblichen Recht oder sind zusammengesetzt aus ernannten Vertretern und
stndischen Vertretern. So war das preuische Herrenhaus zusammengesetzt
aus Vertretern des Adels, des Grundbesitzes, bestimmter erbberechtigter
Familien, der hohen Geistlichkeit, der Universitten, der Stdte; es war
also eine stndische Vertretung. In England sind, wie bemerkt,
Mitglieder des Hauses der Lords auch heute noch grtenteils Personen
aus ererbtem Recht, aber dieses erbliche Anrecht auf den Sitz im Hause
der Lords hat eine unangenehme Nebenwirkung. Ein Mann, der erblicher
Peer von England ist, darf nicht Abgeordneter im Haus der Gemeinen sein.
Der bekannte liberale Politiker Lord Rosebery war Mitglied des Hauses
der Gemeinen, solange sein Vater Mitglied des Hauses der Lords war. Aber
dieser Vater starb sehr frh, und da mute der Sohn ins Haus der Lords,
ob er wollte oder nicht, so da es mit seiner Abgeordnetenlaufbahn
vorbei war. Er hat das sehr bel empfunden und das Haus der Lords fr
einen vergoldeten Kfig erklrt. Da er nicht ins Haus der Gemeinen
durfte, hatte ihn als Fhrer der liberalen Partei unmglich gemacht, so
sehr ist dieses im heutigen England die erste Kammer.[3]

   [3] Eine Reform des Hauses der Lords durch eine Verbreiterung seiner
   Basis erstreben in England die Konservativen. Dem setzen die
   Liberal-Radikalen hartnckigen Widerstand entgegen, weil ein
   reformiertes Haus der Lords leichter ein der Demokratie gefhrlicheres
   Haus werden knnte als das unvernderte, aus dem Adel zusammengesetzte
   Haus, das man durch immer neue Einschrnkung seiner Rechte reformiert
   hat.

Geschichtlich waren die erblichen oder stndischen Kammern allerdings
zunchst die ersten. In England entsteht zunchst im Anfang des
dreizehnten Jahrhunderts das Haus der Lords. Aber sehr bald ziehen die
Lords Vertreter der Grafschaften und Stdte hinzu, weil sie sie
brauchen, die dann aber als Haus der Gemeinen gesondert tagen, und
allmhlich gewinnt dieses Haus der Gemeinen immer mehr Bedeutung
gegenber dem Hause der Lords, bis das Schwergewicht vllig bei der
breiten, direkt gewhlten Volksvertretung liegt. Das ist heute auch dort
der Fall, wo beide Kammern gewhlt werden, wie jetzt in Frankreich. Dort
werden der Senat und die Deputiertenkammer gewhlt, aber die
Deputiertenkammer wird gewhlt auf Grund des allgemeinen, gleichen,
geheimen und direkten Wahlrechts, der Senat aber indirekt von Vertretern
der Gemeinden, der Generalrte und Arrondissementsrte. In der Schweiz
wiederum hat man den Nationalrat und den Stnderat. Der Nationalrat wird
in Wahlkreisen auf Grund des gleichen, direkten Wahlrechts gewhlt; der
Stnderat wird zwar auch direkt gewhlt, aber von den ganzen Kantonen.
Jeder Vollkanton entsendet zwei, jeder Halbkanton einen Vertreter,
whrend die Nationalratswahlkreise nach der Bevlkerung eingeteilt sind.
Infolgedessen ist der Nationalrat viel strker an Mitgliedern als der
Stnderat und bt auch weitreichendere Funktionen aus. hnlich ist es in
den Vereinigten Staaten, wo Senat und Reprsentantenhaus die
Volksvertretung, hier Kongre߫ genannt, bilden. Der Senat wird direkt
oder indirekt von den Staaten gewhlt, das Reprsentantenhaus von den
Wahlkreisen. Aber hier wie in allen brigen modernen Lndern wird das
allgemeine und mehr direkt gewhlte Haus als das eigentliche Parlament
betrachtet.

Was nun die Rechte und Aufgaben der Parlamente betrifft, so ist das
Fundamentalrecht des Parlaments das Budgetrecht, das Recht der Annahme
oder Verweigerung der Haushalte bzw. der Steuern. Ursprnglich wurde in
England das Parlament berhaupt vom Knig nur einberufen, wenn dieser
neue Steuern brauchte, und das Recht, diese Steuern zu verweigern, war
das Mittel, mit dem es sich alle brigen Rechte erwirkt hat. Schon unter
HeinrichIV., 1407, erkmpft das Haus der Gemeinen das Recht, da alle
Geldbewilligungsgesetze ihm vorgelegt werden mssen, und dann erobert es
sich das Recht der alleinigen Geldbewilligung. Bei wechselnden
Machtverhltnissen im Staate, in immer wieder aufgenommenen Kmpfen
gegen die Krone, macht es sich die Verlegenheiten dieser zunutze. Es
wei zu gut, da ohne Geld das Regieren nicht mglich ist. Hngt die
Geldbewilligung vom Parlament ab, so kann die Krone nichts ohne dieses
machen; sie kann ohne Geld keine Soldaten beschaffen und daher auch ohne
das Parlament keine Kriege fhren. Darauf gesttzt hat z.B., als 1628
ein Krieg zwischen Frankreich und England bevorstand, das Parlament sich
die Rechte der sogenannten =Petition of Right= (Rechtsforderung)
ausbedungen. Zwlf Jahre spter, im Jahre 1640, als KarlI., der
gleichzeitig Knig von Schottland war, gegen seine aufstndischen
Schotten kmpfen wollte, sagte das englische Parlament wiederum: Ehe
wir Dir Geld dazu bewilligen, wollen wir erst einmal mit Dir abrechnen.
Karl, der zehn Jahre lang ohne Zustimmung des Parlaments Steuern hatte
eintreiben lassen, mute die Gesetzwidrigkeit dieses Vorgehens
anerkennen, eine ganze Reihe von Verfgungen zurcknehmen, neue Rechte
bewilligen und das Todesurteil gegen seinen Kanzler Strafford
unterschreiben, ehe er das Geld bewilligt erhielt. Dann kam die
Revolution, die ihm selbst den Kopf kostete, aber mit Wiederherstellung
des Knigtums endete. Als aber 1688 die zweite Revolution ausbrach und
Wilhelm von Oranien ins Land gerufen wurde, mute auch dieser erst dem
Parlament neue Rechte zuerkennen, bis er den Thron besteigen durfte.
1689 schuf das Parlament das Meutereigesetz, mit dem Vorbehalt, da es
immer nur fr ein Jahr gilt, so da, wenn es einmal nicht erneuert wird,
in England die Soldaten beliebig meutern drfen, ohne sich dadurch
strafbar zu machen. Dadurch war der Krone das Ausspielen des Heeres
gegen das Parlament unmglich gemacht.

Man kann die Geschichte des englischen Parlaments, das ja das erste
groe Landesparlament gewesen ist, in zwei groe Phasen einteilen; die
eine Phase ist die Phase des Kampfes des Parlaments gegen das Knigtum,
d.h. der Kampf um immer grere Macht des Parlaments dem Knigtum
gegenber. Die Thronfolge ist gebunden an eine protestantische Erbfolge.
Bei alledem behielt die Krone doch immer noch die Mglichkeit eines
groen Einflusses. 1714 kam das Welfenhaus auf den Thron. Der erste
Vertreter der hannoverschen Dynastie, GeorgI., konnte nicht einmal
englisch und kmmerte sich wenig um die Regierung, sondern begngte sich
damit, von Zeit zu Zeit nach England zu kommen und seine Einknfte
einzustreichen. GeorgII. brgerte sich auch nur schwer in England ein.
Anders der dritte Georg. Der wollte sein eigener Staatskanzler sein und
hat es denn auch glcklich fertig gebracht, die Rebellion und den Abfall
der Vereinigten Staaten von Amerika zu erleben. Seine Versuche, den
Einflu des Parlaments zurckzudrngen, haben aber nur kurze Zeit
gedauert. 1780 nahm das Haus der Gemeinen einen Antrag an, da die Macht
der Krone im Wachsen sei und verkrzt werden msse, und das ist auch
durch eine ganze Reihe von Bestimmungen erzielt worden.

Im Laufe der Zeit war aber das Haus der Gemeinen ebenso eine Kammer von
Privilegierten geworden, wie das Haus der Lords. Das Wahlrecht war
auerordentlich beschrnkt, die Stimmabgabe ffentlich, und wenn sie
auch nicht durch ein Reaktionsgesetz eingefhrt, sondern aus dem
Mittelalter her berkommen war, wo kein Mensch an geheime Stimmabgabe
dachte, so war sie doch das Mittel einer furchtbaren Wahlkorruption
geworden, hatte sie dazu gefhrt, da der Stimmenkauf und das
Kommandieren von Whlern ganz ungescheut betrieben wurden[4]. Ebenso
wuchs die Korruption im Parlament, das, je mehr England Kolonialreich
wurde, immer mehr wohlbezahlte Posten zu vergeben hatte. Und nun beginnt
die _zweite Phase_ der Geschichte des englischen Parlamentarismus: der
Kampf um die _Demokratisierung der Volksvertretung_ und damit in
Verbindung der Kampf des Hauses der Gemeinen _gegen das Haus der Lords_.

   [4] Trotzdem haben die Englnder sich nur schwer von ihr getrennt.
   Als die geheime Stimmabgabe eingefhrt werden sollte, haben nicht nur
   die Konservativen, sondern auch sehr liberale und sozialistisch
   gesinnte Mnner sich entschieden dagegen erklrt, u.a. der ehrliche
   und bedeutende Reformsozialist John Stuart Mill. Er fand es eines
   freien Menschen unwrdig, seine Stimme nicht offen abzugeben. Erst im
   Jahre 1872 ist die geheime Stimmabgabe und auch nur _versuchsweise_
   eingefhrt, aber nie wieder abgeschafft worden, weil man dahinter
   kam, welcher Vorzug ihr innewohnt.

Bis weit ins neunzehnte und sogar noch ins zwanzigste Jahrhundert
hinein ist das englische Wahlrecht im allgemeinen erst faktisch und dann
formal ein Privilegienwahlrecht des Grundbesitzes in Land und Stadt
gewesen. Abgesehen von den nach und nach sehr eingeschrumpften
Wahlberechtigungen stdtischer Korporationen usw. ist es immer an eine
Verfgung ber Grund und Boden gebunden gewesen, und alle Reformen an
ihm sind in der Weise vollzogen worden, da der Begriff des
Grundbesitzers schrittweise erweitert wurde. Erst waren es nur die
Freisassen gewesen, die das Wahlrecht hatten, dann kamen die in Erbpacht
sitzenden Pchter hinzu, spter die mittleren und kleinen Pchter im
allgemeinen und die Mieter von Wohnhusern-- die Englnder haben ja
vorwiegend das Einfamilienhaus--, und schlielich wurde es auch den
Abmietern von Zimmern und von Teilen von solchen verliehen, so da, wer
10Mk. Miete wchentlich zahlte, ein Whler war, auch wenn er nur ein
halbes Zimmer hatte. Ein staatsbrgerliches Recht schlechthin ist das
englische Wahlrecht aber bis zum Weltkrieg nicht gewesen. Die
Entwicklung ist formal da umgekehrt vor sich gegangen, als bei uns und
anderwrts auf dem Festland. Hier wurde das Wahlrecht als ein
staatsbrgerliches Recht eingefhrt, aber vielfach gebunden an
irgendwelche Steuerleistungen usw. In England dagegen war es ein Recht
des Grundbesitzers oder irgendeines Korporationsvertreters und gebunden
allerdings an die englische Staatsbrgerschaft[5].

   [5] Aber selbst das letztere nicht einmal unbedingt. Als ich in
   London lebte, kam eines Tages ein Agent der konservativen Partei zu
   mir und fragte, ob er mich auf seine Liste der konservativen Whler
   setzen drfe. Als ich ihm erklrte, ich sei Auslnder und daher nicht
   wahlberechtigt, erwiderte er, ich stehe aber in der Whlerliste, und
   da die Sache dadurch rechtlich erledigt sei, da man meinen Namen
   nicht vor dem Wahlkommissar angefochten habe, sei ich nun von Rechts
   wegen Whler und knne whlen, ich wrde gar nichts dabei riskieren.
   Mein Einwand, da ein Irrtum bei Feststellung der Liste mir kein
   Recht verleihen knne, das mir gesetzlich nicht zustehe, schien ihm
   nicht einzuleuchten, und erst, als ich ihm erklrte, da ich ja auch
   nicht konservativ, sondern Sozialist sei, verabschiedete er sich.

Auf die beraus charakteristischen Kmpfe um die Wahlreform in England
kann in diesem Zusammenhang nicht eingegangen werden. Fr den hier
behandelten Gegenstand ist es bemerkenswert, da mit der ersten groen
Wahlreform im 19.Jahrhundert auch der Kampf gegen die parlamentarische
Machtstellung des Hauses der Lords erneut auf die Tagesordnung gesetzt
wird. Diese Wahlreform, die im Jahre 1832 dem lange Zeit sich ihr
widersetzenden Haus der Lords abgerungen wurde, brachte eine erdrckende
liberale Mehrheit (486Liberale gegen 172Konservative) in das Haus der
Gemeinen und bewirkte damit eine starke Vernderung in den Beziehungen
der beiden Huser des Parlaments zu einander. Vom Anfang des achtzehnten
Jahrhunderts ab war nach Festlegung der Parlamentsherrschaft die
politische Beherrschung Englands abwechselnd der Partei der Whigs und
der Partei der Torys zugefallen. Beides waren aristokratische Parteien,
Parteien der Besitzenden, im Grunde nur zwei groe Bnde oder Koterien
von Adligen und Angehrigen der Grobourgeoisie. Der politische
Unterschied zwischen ihnen war nicht gro. Die Whigs waren traditionell
die Partei eines gewissen Fortschritts, sie wollten die Partei des
lebensfhigen Neuen sein und waren die besonderen Sachwalter der neu
emporkommenden Bourgeoisie. Die Torys, ursprnglich Anhnger der
Dynastie der Stuarts, bildeten sich aus zur sogenannten Partei der
Institutionen, des Knigtums berhaupt, der erblichen Aristokratie, der
Staatskirche, des befestigten Grundbesitzes und so weiter. Das waren die
prinzipiellen Gegenstze. In der Praxis verwischten sie sich sehr, da
eben in beiden Parteien Angehrige der Oberschicht der Besitzenden das
entscheidende Wort sprachen, so da eines Tages der Vers aufkam, der,
glaube ich, den Dichter Byron zum Verfasser hat:

    =Strange that such difference should be
    Twixt Tweedledum and Tweedledee.=

Was man auf deutsch etwa so ausdrcken kann:

    Ein mcht'ger Unterschied, Potz Blitz!,
    Von Prudelwitz und Strudelwitz.

In der zweiten Hlfte des achtzehnten Jahrhunderts und im ersten
Drittel des neunzehnten Jahrhunderts hatten sich die beiden Parteien
sowohl im Haus der Lords wie im Haus der Gemeinen einigermaen die Wage
gehalten, und wenn im Haus der Gemeinen die Whigs die groe Mehrheit
hatten und im Hause der Lords die Torys nicht nachgeben wollten, so
wurde das Miverhltnis durch einen sogenannten Pairsschub gendert.
Aber nach der groen Wahlreform hrt das auf. Es findet im Haus der
Lords eine so starke Abwanderung von Whigs ins Lager der Torys statt,
da diese schlielich dort eine Mehrheit erhalten, an der ein Pairsschub
nichts Wesentliches mehr ndern konnte, er htte denn mehrere hundert
Personen umfassen mssen, was auf gesetzlichem Wege nicht durchzufhren
war. Gegen Ende des Jahrhunderts war es schon dahin gekommen, da die
Torys-- jetzt Konservative genannt-- im Hause der Lords von
500Mitgliedern ungefhr 400 zhlten, die Liberalen nur gegen 100. Diese
Entwicklung vollzog sich, nachdem 1866 die zweite Wahlreform groen
Teilen der stdtischen Arbeiter das Wahlrecht gebracht hatte und die
liberale Partei sich allmhlich durch Koalition mit der Arbeiterschaft
radikalisiert hatte. Nun lag fr die Liberalen und Radikalen noch viel
strker das Bedrfnis vor, das Schwergewicht und die politische
Entscheidung in das Haus der Gemeinen zu konzentrieren. Ein groer
Schritt dazu war schon im Jahre 1861 gemacht worden, wo Gladstone den
Beschlu durchsetzte, da das Haus der Lords nicht ber Einzelheiten des
Staatshaushalts, sondern ber diesen im ganzen abzustimmen habe, womit
praktisch jenem die Mglichkeit genommen war, berhaupt in das Budget
hineinzureden, da fr eine Partei der Staatserhaltung, als die sich die
Konservativen betrachtet wissen wollen, das revolutionre Mittel der
Verwerfung des Staatshaushalts um Einzelheiten willen geradezu
ausgeschlossen ist.

Nur einmal haben die Lords denn auch einen dahingehenden Versuch
gemacht, und er ist ihnen schlecht genug bekommen. Im Jahre 1908 lehnten
sie das Budget Lloyd George's, der damals Schatzkanzler war, mit der
Begrndung ab, da das in ihm eingeschlossene Steuergesetz keine
einfache Steuermanahme sei, sondern eine soziale Umwlzung, was auch
bis zu einem gewissen Grade zutraf. Das rief heftige politische Kmpfe
hervor und machte mehrmalige Neuwahlen notwendig, die fr die Liberalen
infolge des gleichzeitig spielenden Kampfes um Home Rule fr Irland
unter erschwerenden Umstnden stattfanden, aber ihnen schlielich doch
eine, wenn auch nicht groe, Mehrheit belieen. Im Jahre 1911 wurde ein
Kompromi dahin geschlossen, da, wenn ein Parlament in derselben
Gesetzgebungsperiode in Pausen von je einem Jahr dreimal dieselbe
Vorlage beschliet, sie dann auch gegen das Haus der Lords Gesetz ist.
Damit errang sich in England das Haus der Gemeinen endgltig die
Oberhoheit. Das Haus der Lords hat heute nur eine sehr beschrnkte
Funktion als eine Art Revisionskammer und will auch kaum mehr sein. Es
beansprucht nur die Mglichkeit, je nachdem eine direkte Volksabstimmung
in der Form von Neuwahlen herbeifhren zu knnen, wenn es der Meinung
ist, das Haus der Gemeinen sei weit ber das Mandat hinausgegangen, das
es bei den Wahlen bekommen habe. So ist das Haus der Gemeinen heute fast
souvern. Der Einflu der Krone ist nur noch der eines vermittelnden
Ratgebers und kann selbst in der auswrtigen Politik nichts gegen einen
ausgesprochenen Willen des Hauses der Gemeinen ausrichten.

Aus folgenden Grnden halten die Englnder noch an der Monarchie fest:
Erstens hat seit Generationen kein Trger der Krone es auf einen
Konflikt mit dem Parlament ankommen lassen. Sie entstammten ja fremden
Frstenhusern und legten sich in diesem Bewutsein um so grere
Zurckhaltung auf. Es ist ausgerechnet worden, da EduardVII. nur etwa
ein Siebentausendstel englischen Blutes in seinen Adern habe. Die
Dynastie stammt aus Deutschland, und ihre Prinzen heirateten fast immer
wieder Deutsche. Deutschland lieferte ja Prinzessinnen in beliebiger
Auswahl. Man lese die Namen der englischen Prinzen und ihre Titel, und
man wird finden, da sie fast alle deutsch sind. Es sind Hannoveraner,
Braunschweiger, Schleswiger, Koburger usw. Das macht sie in der inneren
Politik ungefhrlich. Dagegen bildet der Trger der Krone eine
Gegenkraft gegen die Gefahren von Auswchsen der Parteiherrschaft. Er
vertritt ein Interesse, das ber den Sonderinteressen der Parteien
steht. Parteien sind stets der Gefahr ausgesetzt, ber dem natrlichen
Interesse der Selbsterhaltung Allgemeininteressen zu vergessen oder
geradezu zu verletzen. Ihnen gegenber ist der Trger der Krone durch
die Kontinuitt seines Amtes vor solchen Anwandlungen geschtzt. Die
Kontinuitt gibt ihm, sofern er mit Takt auftritt, ein groes
moralisches bergewicht. Er steht im Mittelpunkt namentlich der
auswrtigen Politik. An ihn kommen die Berichte der Gesandten, und er
ist es, der die Gesandten ernennt. Allerdings auf den Vorschlag des
zustndigen Ministers, und gegen das Ministerium kann er nichts; er kann
die Minister nicht einmal sich auswhlen. Als Gladstone im Jahre 1880
die konservative Partei besiegte und die Liberalen ans Ruder kamen,
wollte die Knigin Viktoria ihn von allen Fhrern der Liberalen am
letzten zum Ministerprsidenten, denn sie hate in ihm den siegreichen
Rivalen des von ihr hochgeschtzten Disraeli-Beaconsfield. Sie bot daher
alles auf, einen anderen liberalen Ministerprsidenten zu erhalten. Aber
das erwies sich als unmglich. Alle in Betracht kommenden Liberalen, an
die sie sich wandte, erklrten ihr nach vorgenommener Umfrage, es sei
ihnen unmglich, ein Ministerium zu bilden, sie msse Gladstone nehmen,
denn ihn wolle die nunmehrige Mehrheit des Parlaments. Und Viktoria
unterwarf sich.

Im allgemeinen aber laufen die Ernennungen durch die Hnde des
Monarchen, der dadurch eine auerordentliche Personenkenntnis erhlt.
Und noch eines kam ihm bisher zugute. Solange die meisten Regierungen
auf dem Festlande noch Monarchien waren, hatte er die persnlichen
Verbindungen mit den betreffenden Monarchen und deren Umgebung und
dadurch besondere Mglichkeiten der Information. War er dann ein Mensch
von Verstand und Klugheit, wie z.B. EduardVII., den man vor seiner
Thronbesteigung in Deutschland sehr unterschtzt hat, dann kann er
seinem Lande groe Dienste leisten und den Ministern in der Tat ein
geschtzter Ratgeber sein. Ob EduardVII. wirklich, wie man seinerzeit
hier gemeint hat, der Treiber war bei der Einkreisung Deutschlands vor
dem Kriege, will ich dahingestellt sein lassen, zumal ich der Ansicht
bin, da eine Einkreisung in dem Sinne, wie sie hier angenommen ward,
berhaupt nicht stattgefunden hat. Es ist Deutschland in der Zeit dieser
sogenannten Einkreisung ganz gut gegangen, und man knnte eher sagen,
da Deutschland, d.h. dessen damalige Regierung, eigentlich sich selbst
eingekreist hatte; aber das ist eine Nebenfrage. Vom englischen
Standpunkt aus gesehen war EduardVII. ein sehr erfolgreicher Helfer in
der friedfertigen Beilegung auswrtiger Verwicklungen seines Landes, und
Verehrer haben ihm nach seinem Tode den Beinamen der Friedensstifter
zugesprochen.

Ein sicheres Gegenmittel gegen Auswchse des Parlaments ist die Krone
aber nicht. Die Englnder halten an ihr fest, weil sie sich in ihrer
neueren Geschichte erprobt hat und die Kronentrger der letzten
Generationen klug genug waren, sich nicht vorzudrngen und nur in
solchen Fllen sich hren zu lassen, wo sie die Nation wirklich hinter
sich wuten.

Mit der Parlamentsherrschaft sind unzweifelhaft eine Reihe Gefahren
verbunden, wie sich das in England schon im achtzehnten Jahrhundert
gezeigt hat. Die sprichwrtlich gewordene Korruption der damaligen
Parlamente war eingefhrt worden von dem Whig-Minister Robert Walpole
(1676-1745), der persnlich vollstndig rein war, aber das Kaufen und
Bestechen aus politischen Grnden fr notwendig hielt. Unter seinen
Nachfolgern fra das bel immer weiter um sich. Je mehr Stellen die
Regierung zu vergeben hatte-- und im Kolonialland England wurden es
deren immer mehr--, um so allgemeiner die Korruption. Eine einseitige
Parteiherrschaft bestand lange Zeit, die das Gemeininteresse
vernachlssigte; auch wurden viele schlecht beratene Gesetze gemacht.
Dabei soll jedoch nicht verschwiegen werden, da das persnliche
Regiment sich verschiedentlich um kein Haar besser bewhrt hat. Auch bei
ihm und der mit ihm verbundenen Beamtenwirtschaft ist man allerlei
Zufllen ausgesetzt. Wie man auch grundstzlich zum monarchistischen
Regierungssystem stehen mag, so wird doch niemand bestreiten, da in
einem sehr wichtigen, fr das deutsche Volk verhngnisvollen Augenblicke
-- aus welchen Beweggrnden, darber will ich hier nicht sprechen-- in
unserer Zeit der Kronentrger versagt hat. Und ebensowenig ist eine
erbliche oder stndige Kammer ein Gegenmittel.

Es ist nun jedoch Tatsache, da die schlimmsten Auswchse der
Parlamentsherrschaft einer Zeit angehren, wo das Parlament eine auf
Grund beschrnkten Wahlrechts gewhlte Kammer von Privilegierten war.
Das englische Parlament hat eigentlich erst im letzten Drittel des
neunzehnten Jahrhunderts aufgehrt, ein Privilegienparlament zu sein.
Bis zum Jahre 1858 mute noch der Abgeordnete in der Stadt oder auf dem
Lande Grundbesitzer sein, und zwar mute er ein ganz gehriges Einkommen
aus Grundbesitz haben. In Frankreich war es bis 1848 hnlich. In der
groen Revolution wird nach dem Sturz Robespierres das Wahlrecht Schritt
fr Schritt eingeengt, von NapoleonI. scheinbar wiederhergestellt,
tatschlich aber grblich verflscht und die Kammer zum
Mameluckenparlament erniedrigt. Im restaurierten Frankreich der
Bourbonen haben nur 120000Staatsbrger das Stimmrecht, und das 1830
durch die Julirevolution ans Ruder gelangte Bourgeoisknigtum erhht die
Zahl auf ganze 200000 bei einer Bevlkerung von ber 30Millionen. Es
war also immer nur das Parlament der herrschenden Klassen. Damit soll
nicht gesagt sein, da in dem Augenblicke, wo das Parlament
demokratisiert ward, alle diese Schden sofort beseitigt wurden. Nein,
auch das Parlament des allgemeinen Stimmrechts ist zunchst vielen
Mngeln unterworfen. In der Monarchie stehen der Regierung allerhand
Wege zur Verfgung, die Wahlen zu machen. Solange es in der Macht der
Regierung liegt, das Parlament aufzulsen, wenn es ihr passend
erscheint, also etwa an einem Zeitpunkt, wo die Volksstimmung ber ein
bestimmtes Ereignis besonders erregt ist, solange kann sie auch bis zu
einem gewissen Grade knstliche Wahlergebnisse herbeifhren. In England
lste Minister Chamberlain whrend des Burenkrieges im Jahre 1900 das
Parlament auf und bekam eine glnzende Mehrheit. Es waren das die
sogenannten Khaki-Wahlen-- so genannt nach der Khakiuniform der
englischen Soldaten. In Deutschland haben wir verschiedene Male solche
Khaki-Wahlen gehabt. So die Wahlen von 1887, wo ein knstlich erzeugter
Franzosenschreck eine groe Rolle spielte, und so die Wahlen von 1907,
bei denen der Herero-Aufstand ausgespielt wurde und die danach den Namen
Hottentottenwahlen erhielten. Auch die Wahlen von 1878, wo Bismarck
nach dem Attentat des Karl Nobiling auf WilhelmI. den Reichstag
auflste, um ein Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokratie zu erzielen,
gehrten dazu. Da bildete der Sozialistenschreck das Mittel, das es der
Regierung ermglichte, eine Mehrheit zu bekommen, wie sie sie brauchte.
Auch das allgemeine Wahlrecht ist also nicht schlechthin das Mittel, die
Unabhngigkeit des Parlaments sicherzustellen. Nun trifft aber die
Kritik, die man bisher am Parlamentarismus gebt hat, soweit Europa in
Betracht kommt, immer nur erst einen Parlamentarismus, der noch nicht
vollberechtigtes Organ eines zur demokratischen Selbstregierung
gelangten Landes war, sondern entweder blo Scheinparlamentarismus oder
noch mit Resten eines solchen behaftet war. Den Scheinparlamentarismus
schildert ausgezeichnet Ferdinand Lassalle im zweiten Teil seiner in
einem frheren Kapitel von mir gewrdigten Abhandlung ber
Verfassungswesen. Lassalle war durchaus kein Gegner des echten
Parlamentarismus. Er predigte im Gegenteil den Arbeitern die
Notwendigkeit, behufs seiner Herstellung das allgemeine Stimmrecht zu
erringen. In jener Abhandlung finden wir bei ihm u.a. den Satz: Als ob
nicht in der Tat im parlamentarischen Regime und nur in ihm das Wesen
einer wahrhaft konstitutionellen Regierung bestnde. Er erklrt den
Kampf um das Parlament fr auerordentlich wichtig und prgt den
Arbeitern die Notwendigkeit ein, das allgemeine Wahlrecht zu erlangen,
von dem er ihnen im Offenen Antwortschreiben zuruft, es sei nicht nur
ihr _politisches_, sondern auch ihr _soziales Grundprinzip_, die
_Grundbedingung aller sozialen Hilfe_. Und an einer anderen Stelle
erklrt er ihnen hinsichtlich des Wahlrechts: Es wird ein paarmal
fehlschlagen-- es ist keine Wnschelrute, aber es ist die Lanze, die
die Wunde heilt, die sie geschlagen hat.

Das war zur Zeit, als Lassalle auftrat, durchaus im Widerspruch mit der
Anschauung vieler Sozialisten. In radikal-revolutionr gesinnten
sozialistischen Kreisen war man Gegner des Parlamentarismus, weil das
Wahlrecht-- man fhrte das nicht schlssige Beispiel Frankreichs an--
konservativ gewirkt habe und man den Gedanken hegte, durch die
Revolution auf der Strae die Macht zu erlangen, die man fr ntig
hielt, um die Politik und die soziale Verfassung des Landes mit
diktatorischer Gewalt ndern zu knnen. Auffassungen dieser Art hegte
unter anderen Wilhelm Liebknecht, dessen Andenken von der deutschen
Sozialdemokratie nach meiner Ansicht mit Recht als das eines
hochverdienten Vorkmpfers in Ehren gehalten wird. Liebknecht hat am
31.Mai1869 in Berlin einen Vortrag gehalten ber die politische
Stellung der Sozialdemokratie, worin er nicht nur scharf gegen die von
Lassalle den Arbeitern eingeprgte Wertung des allgemeinen Wahlrechts
polemisierte, sondern auch die Teilnahme an den parlamentarischen
Verhandlungen bekmpfte. Der Parlamentarismus sei Spiegelfechterei. Der
Sozialismus, fhrte er aus, stehe in unvershnlichem Gegensatz zum alten
Staat. Der alte Staat msse erst gestrzt werden, dann erst knne mit
dem Bau der neuen sozialistischen Gesellschaft begonnen werden. Er
wollte, man solle zwar, da das Wahlrecht nun einmal da sei, aus
agitatorischen Grnden am Wahlkampf teilnehmen und ins Parlament
eintreten, aber nur um Protestreden zu halten und sich sonst nicht
weiter an den Debatten beteiligen. Fr diese, einer Phase in der
Entwicklung der sozialistischen Bewegung entsprechende Auffassung, die
namentlich in Frankreich stark verbreitet war, ist folgende Stelle aus
Liebknechts Schrift recht bezeichnend:

  Bei Beratung der Gewerbeordnung, welche den Hauptgegenstand der
  gegenwrtigen Session bildete, glaubten einige meiner Parteigenossen
  im Interesse der Arbeiter und zu propagandistischen Zwecken eine
  Ausnahme machen zu mssen. Ich war dagegen. Die Sozialdemokratie darf
  unter keinen Umstnden und auf keinem Gebiet mit den Gegnern
  verhandeln. _Verhandeln kann man nur, wo eine gemeinsame Grundlage
  besteht._ Mit prinzipiellen Gegnern verhandeln heit sein Prinzip
  opfern. Prinzipien sind unteilbar, sie werden entweder _ganz bewahrt_
  oder _ganz geopfert_. Die geringste prinzipielle Konzession ist die
  Aufgabe des Prinzips. Wer mit Feinden verhandelt, parlamentiert; wer
  parlamentiert, paktiert.

Liebknecht, der, als er diesen Vortrag hielt, erst dreiundvierzig Jahre
alt war, hat sich spter eines anderen belehrt und ist auch damals mit
dieser Argumentation, deren Trugschlsse auf der Hand liegen, nicht
durchgedrungen. Es siegte die Auffassung derjenigen seiner
Parteigenossen, von denen er da spricht und deren bedeutendster August
Bebel war. Nun galt er zu jener Zeit in Deutschland als der berufene
Vertreter der Ideen von Karl Marx und Friedrich Engels, mit denen er bis
dahin in England im Exil gelebt hatte. Aber weder Marx noch Engels waren
mit dieser Behandlung der Frage einverstanden. Marx schrieb, nachdem er
den Vortrag gelesen hatte, am 10.August1869 an Engels:

  Wilhelms in der Beilage abgedruckter Redeteil (in Berlin gehalten)
  [Die politische Stellung der Sozialdemokratie] zeugt innerhalb des
  Falschen von nicht zu leugnender Schlauheit, sich die Sache
  zurechtzumachen. brigens ist das sehr schn! _Weil_ man den Reichstag
  _nur_ als Agitationsmittel benutzen darf, darf man _niemals_ dort fr
  etwas Vernnftiges und direkt die Arbeiterinteressen Betreffendes
  _agitieren_!

Engels aber hatte schon am 9.Juli mit Bezug auf denselben Vortrag an
Marx geschrieben:

  Auch ein Standpunkt von Wilhelm, da man vom jetzigen Staat
  Konzessionen an die Arbeiter weder nehmen noch _erzwingen_ darf. Damit
  wird er verdammt viel bei den Arbeitern ausrichten.

Die beiden Vter des wissenschaftlichen Sozialismus teilten also den
doktrinren Standpunkt Liebknechts nicht. Indes standen sie ihm doch in
vielen Punkten immer noch nahe. Auch sie dachten noch nicht an eine
wirkliche parlamentarische Bettigung der Sozialisten. Im Laufe der
Entwicklung haben sie jedoch ein wachsendes Interesse auch an den
parlamentarischen Kmpfen der deutschen Sozialdemokratie genommen. Es
ist interessant, zu verfolgen, wie diese groen Denker und geistigen
Fhrer sich schrittweise zu einer anderen Wrdigung der Ttigkeit der
Arbeiterklasse im Parlament bekehrten, was spter dann zum Teil unter
ihrem Einflu auch im Lager der franzsischen Sozialisten geschehen ist,
bei denen die alte revolutionaristische Tradition noch sehr viel strker
in den Kpfen sich erhalten hatte.

Wenn aber Friedrich Engels, der Karl Marx berlebte, im Jahre 1895, am
Abschlu seines Lebens, in einem Vorwort zu der Schrift von Marx Die
Klassenkmpfe in Frankreich 1848 bis 1850 mit grerer Bestimmtheit als
zu irgendeiner frheren Zeit sich anerkennend darber aussprach, da die
Sozialdemokratie in Deutschland das allgemeine Wahlrecht nicht nur fr
die Erwirkung sozialdemokratischer Wahlen, sondern auch zur Ttigkeit in
den Parlamenten, sowohl im Reichsparlament wie in den Landtagen und
Gemeindevertretungen ausnutzte, so mu doch dazu bemerkt werden, da
diese rckhaltlose Zustimmung immerhin noch-- wenn ich mich so
ausdrcken darf-- beim Quantitativen stehen blieb. D.h. da Engels
dabei die ueren agitatorischen Erfolge, die Tatsache, im Auge hatte,
da immer mehr Sozialdemokraten in jene Krper eindrangen und dort einen
immer strkeren Druck auf die Regierungen und die brgerlichen Parteien
ausben konnten, da er aber das Hegelsche Wort Quantitt wird
Qualitt, das heit die Rckwirkung der greren _Zahl_ der Vertreter auf
das _Wesen_ ihrer Bettigung unbercksichtigt lt. Diese Seite zu
wrdigen, war ja auch schwer fr ihn, weil er vom Ausland her unmglich
einen genauen Einblick in die Arbeit der sozialdemokratischen
Vertretungen erlangen konnte, die sich obendrein in den verschiedenen
Vertretungskrpern verschieden gestaltete. Allgemein aber lag die
Tatsache vor, da, wo die parlamentarische Ttigkeit von einer stark
angewachsenen sozialistischen Fraktion ausgebt wurde, sie damit auch
qualitativ, der Beschaffenheit nach, sich nderte. Bei zehn oder ein
paar mehr Abgeordneten legt man in einem Parlament wie der deutsche
Reichstag mit seinen 397Mitgliedern nicht allzu viel Wert darauf, was
sie sagen. Man hrt ihre Reden an, zollt ihnen je nachdem Achtung, aber
es liegt kein Zwang vor, ihren Anforderungen Rechnung zu tragen. Wenn
aber 100Abgeordnete-- die letzte Zahl, die Engels erlebt hatte, war
noch nicht halb so gro -- oder 112 (die letzte Zahl vor dem Kriege),
wenn 112Abgeordnete, also mehr als ein Viertel der Gesamtzahl, in einem
solchen Parlament die gleiche Partei vertreten, kommt unter Umstnden
schon auerordentlich viel auf ihre Stimmen an; sie gewinnen einen
greren materiellen und auch moralischen Einflu. Damit erwchst aber
zugleich fr sie durch _das reine Gewichtsverhltnis der Machtausbung_
die Notwendigkeit einer viel intensiveren Ttigkeit, einer mehr und mehr
_positiven Mitarbeit_ an der Gesetzgebung, und in den Gemeinden und
anderen Selbstverwaltungskrpern an der Verwaltung. Das war nicht nach
dem Geschmack aller Mitglieder der Sozialdemokratie. Viele der lteren
und nicht wenige gerade der jungen Generation glaubten an der alten
Taktik festhalten zu mssen, und so wurde die parlamentarische Ttigkeit
unter den Sozialdemokraten nun auch _nach der qualitativen Seite hin
Streitgegenstand_.

In Deutschland kam es darber bei verschiedenen Gelegenheiten zu
heftigen Diskussionen in der Partei. Das erste Mal nach dem Fall des
Sozialistengesetzes als im bayerischen Landtag die Sozialdemokraten--
damals noch unter der Fhrung von Georg v.Vollmar-- eine Art Znglein
an der Wage bildeten und, um ihre Macht zu vergrern, bei den Wahlen
und auch sonst dazu bergingen, bestimmten nichtproletarischen sozialen
Gruppen grere Zugestndnisse zu machen, als es bisher nach der
sozialistischen Theorie, wie man sie gelernt hatte, gerechtfertigt
geschienen hatte. Dies namentlich den Bauern gegenber, die in Bayern
eine besonders groe Rolle spielen. Das gab zu groen Streitigkeiten in
der Sozialdemokratie Anla und wurde im Jahre 1894 auf dem Parteitag zu
Frankfurta.M. zum Gegenstand sehr lebhafter Debatten, die sich ein
Jahr darauf, auf dem Parteitag zu Breslau, in gesteigerter Intensitt
fortsetzten, dort mehrere Tage in Anspruch nahmen. Es handelt sich nun
um den ganzen Fragenkomplex der Agrarfrage, und in der praktischen
Zuspitzung, wie man sich insbesondere zu den Bauern zu stellen, ob man
ihnen berhaupt noch eine Zukunft in Aussicht zu stellen habe, und ob
man fr besitzende Kleinbauern eintreten knne, ohne dadurch unter
Umstnden die Landarbeiter zu benachteiligen. Es hatte sich gezeigt, da
die Sozialdemokratie mit mehr oder weniger allgemeinen, beziehungsweise
ins allgemeine gehenden Schlagworten nicht mehr auskam, sondern
gezwungen war, tiefer in die Natur und Probleme der wirtschaftlichen
Entwicklung einzudringen.

Dazu lag um so mehr Veranlassung vor, als nunmehr in einem
Parlamentskrper nach dem anderen von ihren Stimmen soviel abhing, da
unter Umstnden sie dafr verantwortlich wurden, wenn eine
Gesetzesvorlage der Regierung, ein Entwurf oder Antrag irgendeiner
Partei nicht angenommen wurde. Lange Zeit hatten die Vertreter der
Sozialdemokratie, wenn ihnen irgend etwas in einer Vorlage oder einem
Antrag nicht genehm war, ruhig sie ablehnen knnen. Es hing nicht von
ihren Stimmen ab, ob die Vorlage oder der Antrag Gesetz wurden oder
nicht. Aber mit ihrer wachsenden Strke hrte diese angenehme
Verantwortungslosigkeit auf. Jetzt hatte man sich zu berlegen, ob man
fr ein etwaiges Scheitern solcher Gesetzesarbeit die Verantwortung auf
sich nehmen knne und drfe.

Mehr noch: In einem Lande, das parlamentarische Republik war, geschah
es, da in einer groen politischen Krisis ein Sozialist, der bis dahin
einer der Fhrer der sozialistischen Kammerfraktion war, eine Stelle als
Regierungsmitglied annahm, d.h. Minister wurde. Das Land war Frankreich
und die Persnlichkeit der Abgeordnete Alexandre Millerand; er lie sich
im Jahre 1900, als der Kampf zwischen der Republik und den
antirepublikanischen Parteien zu einer starken Hhe gediehen war, dazu
bewegen, eine Stellung in dem Ministerium Combes anzunehmen. Das gab zu
einem auerordentlich heftigen Streit Anla, der in allen Lndern, wo es
sozialistische Parteien gab, ein Echo fand, und in Frankreich selber zu
einer Spaltung der Partei fhrte. Die Frage wurde dann auf dem Kongre
der wiederbelebten sozialistischen Internationale, der in Paris zur Zeit
der Weltausstellung von 1900 stattfand, eingehend errtert. Ein Flgel
der franzsischen Sozialisten, dessen Fhrer der groe Jean Jaurs war,
war zwar mit der Art, wie der Eintritt Millerands ins Ministerium
zustande gekommen war-- er war nicht nach einem sorgfltig beratenen
Beschlu der Partei erfolgt, sondern der Partei geradezu aufoktroyiert
worden--, nicht einverstanden, hielt ihn aber unter den gegebenen
Umstnden sachlich fr gerechtfertigt, whrend ein anderer, Marxisten
oder, nach seinem Fhrer Jules Guesde, Guesdisten genannter Flgel, in
ihm eine Verletzung der Grundstze des proletarischen Klassenkampfes
erblickte und bekmpfte. Eine leidenschaftliche, auch sehr interessante
Debatte fand statt, am Schlu aber ward mit 29 gegen 9Stimmen (unter
letzteren die der Fraktion der Guesdisten) eine Kompromiresolution
angenommen, an deren Ausarbeitung der hervorragende Theoretiker Karl
Kautsky mitgewirkt hatte und der Berichterstatter der betreffenden
Kommission wurde, weshalb die Resolution dann auch den Namen Resolution
Kautsky erhielt. Sie ist bedeutungsvoll fr die damalige Stellung der
Sozialisten nicht nur zum parlamentarischen Kampf, sondern auch zur
Regierungsbildung und hat daher auf wrtliche Wiedergabe Anspruch. Sie
lautet:

  Die Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat kann in
  einem modernen demokratischen Staate nicht das Werk eines bloen
  Handstreiches sein, sondern kann nur den Abschlu einer langen und
  mhevollen Arbeit der politischen und konomischen Organisation des
  Proletariats, seiner physischen und moralischen Regenerierung und der
  schrittweisen Eroberung von Wahlsitzen in Gemeindevertretungen und
  gesetzgebenden Krperschaften bilden.

  Aber die Eroberung der Regierungsgewalt kann dort, wo diese
  zentralisiert ist, nicht stckweise erfolgen. Der Eintritt eines
  einzelnen Sozialisten in ein brgerliches Ministerium ist nicht als
  der normale Beginn der Eroberung der politischen Macht zu betrachten,
  sondern kann stets nur ein vorbergehender und ausnahmsweiser
  Notbehelf in einer Zwangslage sein.

  Ob in einem gegebenen Falle eine solche Zwangslage vorhanden ist, das
  ist eine Frage der Taktik und nicht des Prinzips. Darber hat der
  Kongre nicht zu entscheiden. Aber auf jeden Fall kann dieses
  gefhrliche Experiment nur dann von Vorteil sein, wenn es von einer
  geschlossenen Parteiorganisation gebilligt wird und der sozialistische
  Minister der Mandatar seiner Partei ist und bleibt.

  Wo der sozialistische Minister unabhngig von einer Partei wird, wo er
  aufhrt, der Mandatar seiner Partei zu sein, da wird sein Eintritt in
  das Ministerium aus einem Mittel, das Proletariat zu strken, ein
  Mittel, es zu schwchen, aus einem Mittel, die Eroberung der
  politischen Macht zu frdern, ein Mittel, sie zu verzgern.

  Der Kongre erklrt, da ein Sozialist ein brgerliches Ministerium
  verlassen mu, wenn die organisierte Partei erklrt, da es
  Parteilichkeit im konomischen Kampf zwischen Kapital und Arbeit
  bewiesen hat.

Das war im Jahre 1900. In den Jahren 1902 und 1903 spielten lebhafte
Debatten ber eine hnliche Frage in Deutschland, von denen die des
letzteren Jahres wieder eine internationale Rckwirkung hatte.

Nach dem groen Wahlerfolg der deutschen Sozialdemokratie im Jahre
1903, der die Welt in Erstaunen setzte, weil die Stimmenzahl der Partei
mit einem Ruck von nicht ganz zwei auf drei Millionen gewachsen war (bei
einem damals noch etwas beschrnkten Wahlrecht!) und 81
sozialdemokratische Abgeordnete in den Reichstag gekommen waren, war von
einer Seite-- ich kann es ruhig sagen: es war meine Persnlichkeit--
der Gedanke ausgesprochen worden, die Sozialdemokratie solle, da sie nun
das Recht habe, im Prsidium des Reichstags vertreten zu sein, die
Stelle eines Vizeprsidenten annehmen, auch auf die Gefahr hin, da der
betreffende Vizeprsident gem dem damaligen Gebrauch des Reichstags
verpflichtet werden wrde, an dem formalen Besuch, den das Prsidium des
Reichstags alle Jahre dem Monarchen machte, teilzunehmen. Das erregte
einen wahren Sturm in der Partei und hatte im Verein mit anderen, mehr
oder weniger verwandten Vorkommnissen zur Wirkung, da im gleichen Jahre
1903 auf dem Parteitage der deutschen Sozialdemokratie in Dresden die
ganzen Streitfragen der Bewegung zur Verhandlung kamen, die eine-- ich
kann nicht sagen Wandlung in der Taktik der Partei anzeigten, denn die
Partei war tatschlich schon auf dem Wege, sich immer mehr
parlamentarisch zu entwickeln--, deren Beantwortung im Sinne einer
reformistischen Politik aber dieser Entwicklung vielleicht etwas zu
vorzeitig den Stempel aufdrcken mute. Die Auseinandersetzung mit
Vertretern dieser Richtung, die man damals _Revisionismus_ nannte,
beschftigte den Parteitag in mehrtgiger Debatte, in deren Mittelpunkt
die Frage der parlamentarischen Politik stand. Am Schlu wurde eine
Resolution, die den Revisionismus verwarf, mit groer Mehrheit
angenommen-- nur wenige Personen stimmten dagegen, whrend die Mehrheit
der als Revisionisten geltenden Parteimitglieder es fr gut fanden,
selbst fr sie zu stimmen und dadurch zu zeigen, da sie sich durch sie
nicht getroffen fhlten. Der Wortlaut der Resolution braucht an dieser
Stelle nicht wiedergegeben zu werden, da sie schon ein Jahr spter-- im
Jahre 1904-- auf dem Internationalen Sozialistenkongre zur Sprache
kam, der in Amsterdam stattfand.

Auf diesem Internationalen Sozialistenkongre wollte der Flgel, der
sich Marxisten nannte, die Dresdener Resolution fr die ganze
Internationale verallgemeinern und stellte einen dementsprechenden
Antrag. Seine Gegner waren die jaursistische Fraktion der franzsischen
Sozialisten und verschiedene sozialistische Parteien und
Parteiminderheiten anderer Lnder. Es gab ber sie einen auerordentlich
intensiven und -- ich darf sagen-- fachlich bedeutsamen Streit,
dessen Krnung ein Rededuell im Plenum des Kongresses zwischen Jean
Jaurs und August Bebel ber die Fragen der sozialistischen Politik war.
Jaurs strubte sich mit allen Krften dagegen, da man eine Taktik, die
nach seiner Ansicht vielleicht fr Deutschland pate, nun
internationalisieren wollte. Er hielt den Deutschen vor: Ihr habt groe
Erfolge erzielt durch eure Wahlttigkeit, habt einen gewaltigen
Parteiorganismus aufgebaut, aber ihr habt doch keine wirkliche Macht in
den groen Fragen eures Landes, weil ihr weder die eigentlich
revolutionre, noch die parlamentarische Politik habt. Er stellte dem
entgegen, welchen bedeutsamen Einflu in Frankreich die sozialistische
Partei durch ihre parlamentarische Ttigkeit ausgebt habe, wie sehr sie
auf die Geschicke des Landes, auf die Regierungsbildung und auf die
Regierungspolitik eingewirkt habe. Mit Leidenschaft rief er aus, was
zwar nicht direkt zu der hier behandelten Frage gehrt, aber seine
damalige Beurteilung der groen europischen Fragen erkennen lt und
daher in gedrngter Zusammenfassung hier wiedergegeben sei:

  Woran die Welt leidet, was alle Vlker Europas mit Besorgnis erfllt,
  das ist die politische Ohnmacht der deutschen Sozialdemokratie. Ihr
  seid eine groe, bewunderungswrdige Partei, aber ihr habt auf die
  Politik eures Landes keinen direkten Einflu.

Die Politik des kaiserlichen Deutschland wurde danach schon damals als
uerst beunruhigend in Europa empfunden. In seiner rednerisch nicht
minder wirksamen Antwort ging Bebel auf diese Frage nicht ein, sondern
wies nur auf die Erfolge in der Reformgesetzgebung hin, welche die
Sozialdemokratie in Deutschland indirekt durch den Druck von unten
erzielt habe. Er trug den Sieg davon. Trotz Jaurs' Widerspruch wurde
mit 19 gegen 5Stimmen bei 12Stimmenthaltungen der Antrag angenommen,
der die Dresdener Resolution internationalisierte. Ihre grundlegenden
Stze lauten:

  Der Kongre verurteilt aufs entschiedenste die revisionistischen
  Bestrebungen, unsere bisherige bewhrte und sieggekrnte, auf dem
  Klassenkampf beruhende Taktik in dem Sinne zu ndern, da an Stelle
  der Eroberung der politischen Macht durch berwindung unserer Gegner
  eine Politik des Entgegenkommens an die bestehende Ordnung der Dinge
  tritt. Die Folge einer derartigen revisionistischen Taktik wre, da
  aus einer Partei, die auf die mglichst rasche Umwandlung der
  bestehenden brgerlichen in die sozialistische Gesellschaftsordnung
  hinarbeitet, also im besten Sinne des Wortes revolutionr ist, eine
  Partei wird, die sich mit der Reformierung der brgerlichen
  Gesellschaft begngt. Daher ist der Kongre im Gegensatz zu den
  vorhandenen revisionistischen Bestrebungen der berzeugung, da die
  Klassengegenstze sich nicht abschwchen, sondern stetig verschrfen.

Das daher ist hier etwas seltsam, da eine Beweisfhrung fr das
Behauptete gar nicht vorausgeschickt ist. Die Resolution fhrt fort und
erklrt:

  1. da die Partei die Verantwortlichkeit ablehnt fr die auf der
  kapitalistischen Produktionsweise beruhenden politischen und
  wirtschaftlichen Zustnde, und da sie deshalb jede Bewilligung von
  Mitteln verweigert, welche geeignet sind, die herrschende Klasse an
  der Regierung zu erhalten;

  2. da die Sozialdemokratie gem der Resolution Kautsky des
  Internationalen Sozialistenkongresses zu Paris im Jahre 1900 einen
  Anteil an der Regierungsgewalt innerhalb der brgerlichen Gesellschaft
  nicht _erstreben_ kann.

Das wre der Hauptteil dieser Resolution. Ich enthalte mich jeder
weiteren Kritik-- ein kritisches Wort habe ich bereits einflechtend
angedeutet. Auch hier kann man sich, wie immer man zu den behaupteten
Stzen steht, der einen Bemerkung nicht verschlieen: der logische
Zusammenhang zwischen Behauptung und Folgerung ist schwer zu finden. Die
Revisionisten, die fr die Dresdener Resolution gestimmt hatten,
erklrten: Ihr unterstellt der revisionistischen Bewegung etwas, was gar
nicht in ihr liegt, ihr bekmpft etwas, was die Revisionisten gar nicht
wollen! Das traf fr die zwei ersten Stze der Resolution zu. Aber auf
der anderen Seite war doch behauptet worden, die Klassenkmpfe
verschrften sich, die Partei knne keinen Anteil an der Regierung
nehmen, ehe nicht die Sozialdemokratie die politische Macht erlangt
habe. Die Sozialdemokratie msse also berall festhalten an der
intransigenten Haltung.

Jedoch die Geschichte ging weiter ihren Gang. Je mehr die
Sozialdemokratie anwuchs und in den verschiedenen Lndern sich die
politischen Einrichtungen demokratisierten, stellte sich die
Folgewirkung heraus-- sie war gar nicht zu umgehen--, da die
Teilnahme der Sozialisten an der Arbeit der Parlamente eine zunehmend
positivere wurde. Ihr Einflu wuchs, und es drngte sich die Frage, die
schon frher einmal aufgetaucht war, mit neuer Intensitt auf: wie soll
sich die Sozialdemokratie in den Parlamenten verhalten, wenn die
_Landeshaushalte zur Abstimmung_ kommen? Wenn in der Tagung des Parlaments
unter Mitwirkung der Sozialisten eine Reihe von Reformen und
Verbesserungen durchgesetzt sind, soll dann die Sozialdemokratie den
Landeshaushalt ablehnen und damit unter Umstnden bekunden, da ihre
Stimmen im Grunde wertlos sind, da sie nicht die Konsequenzen ihrer
Haltung zieht, und damit etwa den Parteien, die jene Fortschritte
bekmpft hatten, in die Hnde spielen? So stellte sich verschiedentlich
in Sddeutschland die Frage. In einigen sddeutschen Staaten waren die
Sozialdemokraten zu ziemlichem Einflu gelangt und beanspruchten nun fr
sich das Recht, den Landeshaushalt zu bewilligen. In einem Staat --
Hessen-- lagen obendrein die Dinge so, da, wenn das neue Budget nicht
bewilligt wurde, das alte Budget in Kraft blieb. In einem Jahr war mit
Hilfe der sozialdemokratischen Abgeordneten eine Steuerreform
beschlossen worden, und wenn nun die Sozialdemokraten das auf Grund
ihrer Stellungnahme aufgestellte Budget ablehnten, wre die Folge
gewesen, da mit ihren Stimmen und denen der Konservativen (die mit der
Steuerreform nicht einverstanden waren), da sie zusammen die Mehrheit
bildeten, das neue Budget verworfen wurde, die ganze Reformarbeit der
Session umsonst gemacht war und die alten Steuern bestehen blieben.
Unter diesen Umstnden glaubte die sozialdemokratische Fraktion des
Landtages das Budget bewilligen zu mssen. Aber nicht berall lag die
Sache so klar, da sich die Bewilligung jedem als eine von
grundstzlichen Fragen der Politik unabhngige Notwendigkeit darstellte,
und so gab die Frage der Budgetbewilligungen zu lebhaften Kmpfen auf
verschiedenen Kongressen der deutschen Sozialdemokratie Anla. Da nun in
Deutschland Preuen allein ber drei Fnftel der Bevlkerung umfat, in
Preuen aber die Sozialdemokratie durch das dortige Klassenwahlrecht
davon ausgeschlossen war, auf die Beschlsse des Landtags einen
unmittelbaren Einflu auszuben, erhielt die dadurch sich den
Sozialdemokraten Preuens aufdrngende Stellung zur Budgetfrage auf den
Parteitagen ein so starkes bergewicht, da schlielich im Jahre 1910
auf dem Parteitag in Magdeburg eine Resolution angenommen wurde, die es
den Abgeordneten der Partei geradezu _verbot_, Budgets zu bewilligen, ein
Beschlu, dem sich nun verschiedene einzelstaatliche Organisationen der
Partei auch zu fgen versprachen.

Aber die Ttigkeit in den Parlamenten blieb, und es stellte sich doch
wiederum in der Praxis durch die Natur der Dinge heraus, da die
Sozialdemokratie nicht bei ihm werde verharren knnen. Bei den
Reichstagswahlen des Jahres 1912 wuchs die Zahl ihrer Vertreter im
Reichstag auf 112 und gestaltete sich die Gruppierung der Parteien so,
da bei Abstimmungen ber wichtige Fragen es immer mehr auf die Stimmen
der Sozialdemokraten ankam und dadurch deren Verantwortung wuchs. Es kam
doch wiederholt vor, da bei Abstimmungen ber neue Gesetze oder
Novellen zu bestehenden Gesetzen, auch wenn sie nicht alles brachten,
was die Sozialdemokratie gefordert hatte, ja, wenn neben den
Verbesserungen einige von der Sozialdemokratie bekmpfte Bestimmungen
hineingebracht waren, die Verbesserungen aber wesentlich berwogen, die
Fraktion sich veranlat sah, ihnen doch zuzustimmen.[6]

   [6] Es sei mir gestattet, hier einer auf diese Vernderung
   bezglichen Bemerkung zu gedenken, die August Bebel nur wenige Wochen
   vor seinem Tode mir gegenber uerte. Bei einem Krankenbesuch, den
   ich ihm machte, ehe er die ihm verhngnisvoll werden sollende Reise
   nach Passugg antrat, kamen wir in der Unterhaltung auf einen damals
   den Reichstag beschftigenden Gesetzentwurf zu sprechen, der im
   ganzen eine Verbesserung der Arbeiterversicherung bedeutete, aber
   einige von der Partei bekmpfte Bestimmungen enthielt. Auf meine
   Frage, wie er sich unsere Schluabstimmung denke, antwortete er sehr
   entschieden: Annehmen! Die Zeiten sind vorbei, wo wir um solcher
   Mngel willen uns das Ablehnen gestatten durften.

Dann brach Anfang August 1914 der Krieg aus, und die Entscheidung,
welche die Mehrheit der Fraktion in der Frage der _Bewilligung der
Kriegskredite_ traf, trug einen neuen Streitfall in die Sozialdemokratie
hinein, schlug aber zugleich auf ihre Stellung zum Parlament und zur
Regierung zurck. Die bewilligende Mehrheit der Partei kam damit eine
Zeitlang in eine Beziehung zur Regierung, die sich ganz wesentlich von
dem Verhltnis unterschied, das bis dahin in Deutschland zwischen
Regierung und Sozialdemokratie obwaltet hatte. Sie hielt indes nicht bis
zum Schlu vor. Die Unfhigkeit der kaiserlichen Regierung, der
erschpften Nation den Frieden zu verschaffen, fhrte zur Revolution,
und die Sozialdemokratie wurde nun selbst Regierung, beziehungsweise im
eigentlichen Sinne des Wortes Regierungspartei. Dies fhrte eine neue
Streitfrage herbei: die Frage der Regierungskoalition.

Auf sie wird in anderem Zusammenhange einzugehen sein. Das hier
Vorgefhrte, dem Gleichartiges aus anderen Lndern zur Seite gestellt
werden kann, veranschaulicht auf das deutlichste den Satz, da das
strkere Eindringen der Sozialdemokratie in die Parlamente unvermeidlich
ihre parlamentarische Ttigkeit auch qualitativ ndert. Es vollzieht
sich das nicht ohne innere Kmpfe, nicht ohne zeitweilige Rckschlge.
Aber die Dynamik der Dinge, so mchte ich es ausdrcken, treibt doch
immer wieder zu der notwendigen Konsequenz. Es geht hiermit, wie es ein
von mir auch sonst zitierter Spruch des berhmten Kirchenhistorikers
Karl Hase anzeigt: Der Sieg einer Idee ist die Korruption der Idee,
d.h. wenn eine Idee siegt (das bezieht sich bei Hase auf das
Christentum), dann pat sie sich an die geschichtlich gegebenen
Verhltnisse an, das heit, macht sie diesen Verhltnissen
Zugestndnisse-- und das ist in wissenschaftlichem Sinne Korruption. So
knnte man auch sagen, je nachdem man zu den Fragen Stellung nimmt, da
in der Tat die parlamentarische Ttigkeit der Sozialdemokratie, die ja
eine auf Siegen gesttzte Ttigkeit war, wenn sie ihr auch noch nicht
den vollen Sieg brachte, da diese parlamentarische Ttigkeit zu
Anpassungen an die realen Verhltnisse fhrte, die eine sich der
parlamentarischen Ttigkeit enthaltende Bewegung nicht zu machen
braucht. Nur ist es mehr als fraglich, ob eine politische Bewegung, die
dem Parlamente fernbleibt, in einem parlamentarisch regierten Lande
jemals mehr als eine Sekte bilden wird, jemals die Bedeutung erlangen
wird, zu der die Sozialdemokratie es gebracht hat.

Bei alledem soll indes durchaus nicht verschwiegen werden, da der
Parlamentarismus auch seine Kehrseiten hat! Mit der parlamentarischen
Bettigung ist nicht nur eine Korruption der Idee im vorentwickelten
Sinne verbunden-- eine solche Korruption kann fr die Bewegung einen
Fortschritt gegenber der abstrahierenden Theorie, einen Gewinn an
realistischer Erkenntnis bedeuten--, unter Umstnden ist mit ihr auch
die Gefahr einer Korruption der politischen Moral verbunden. Je mehr
Parteien Macht erlangen, namentlich in parlamentarisch regierten
Lndern, desto mehr haben sie Einflu auf die Vergebung von Stellungen.
Man erinnere sich, was darber Eingangs mit Bezug auf England im
18.Jahrhundert ausgefhrt wurde, man halte sich vor Augen, was in bezug
auf politische Korruption in den Vereinigten Staaten offenes Geheimnis
ist, und es wre Verblendung, wollte man sich verhehlen, da auch bei
uns mit dem parlamentarischen Regierungssystem Mglichkeiten der
Korruption gegeben sind. Man mu schon deshalb sich dies
vergegenwrtigen, um den Sinn fr die Schaffung von Korrektiven gegen
die Gefahr nicht erschlaffen zu lassen. Denn die Sozialdemokratie kann
nicht um der mit ihr verbundenen Gefahr auf die Sache selbst verzichten.
Ist doch das Leben berhaupt ein groer Korruptor.

Welches sind aber die Korrektive gegen die Kehrseiten des
Parlamentarismus? Es gab eine Zeit, wo in der sozialistischen
Internationale die Ansicht verbreitet war, die sogenannte reine
Demokratie, wie sie in der Schweiz weite Verwirklichung gefunden hat,
nmlich die direkte Gesetzgebung durch das Volk, sei dieses Gegenmittel!
In Deutschland hatte schon frh der deutsche Sozialist Emil
Rittinghausen, der zeitweilig dem Reichstag als Abgeordneter der
Sozialdemokratie angehrt hat, diese Idee in einer Reihe von Broschren
verfochten, die auch in andere Sprachen bersetzt worden sind, und in
den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hat der franzsische
Sozialist Jean Allemane den Gedanken agitatorisch aufgegriffen und es
erzielt, da sie dem Zricher Kongre der sozialistischen Internationale
von 1893 in Gestalt eines Vorschlags vorgelegt wurde, der darauf
hinauslief, die Parlamente ganz abzuschaffen und durch die direkte
Gesetzgebung zu ersetzen. Er fand wenig Gegenliebe, denn was er wollte,
war eine einfache Unmglichkeit! So etwas konnte in kleinen
schweizerischen Kantonen mit noch nicht hunderttausend Einwohnern, die
keine auswrtige Politik, keine groen Probleme zu lsen haben,
durchfhrbar sein. Aber in einem groen Staatswesen mit Millionen von
Einwohnern, mit einer Ausdehnung wie Frankreich oder Deutschland oder
Preuen, alle Aufgaben der Gesetzgebung und Staatsleitung durch direkte
Volksabstimmung regeln zu lassen, stt sich schon an den Gesetzen--
wie ich es vorher ausgefhrt habe-- von Raum und Zahl. Um die Menge der
damit verbundenen Arbeit zu bewltigen, wrden die Staatsbrger eines
solchen Landes an jedem Abstimmungstag ber ganze Bgen von Vorlagen
abzustimmen haben, von denen sie die meisten gar nicht berdenken
knnten, weil unmglich jeder von ihnen das ntige Verstndnis von der
Tragweite jeder einzelnen haben kann. Hier liegt schon deshalb nicht der
Ersatz fr den Parlamentarismus, auch spricht gegen den direkten
Volksentscheid in groen Staatswesen die Erwgung, da, wo Millionen
abstimmen, bei dem einzelnen der Abstimmenden das Gefhl fr die
Verantwortung, die in der Abgabe der Stimme liegt, naturgem nur gering
sein kann. ber alle diese Fragen hat damals Karl Kautsky, ein nach
meiner Ansicht sehr lesenswertes Buch geschrieben, das den Titel trgt:
Parlamentarismus, direkte Gesetzgebung und Sozialdemokratie. Ferner
hat meine Wenigkeit auer in dem Aufsatz Die sozialpolitische Bedeutung
von Raum und Zahl die Fragen in der Broschre Parlamentarismus und
Sozialdemokratie behandelt, wo ich hnliche Gedanken entwickelt habe,
wie sie hier dargestellt wurden und einige Folgerungen hinsichtlich der
Zukunft des Parlamentarismus gezogen habe, der ja schwerlich das letzte
Wort der Entwicklung sein wird.

Von den vielen gegen seine Auswchse vorgeschlagenen Korrektiven kommt
unzweifelhaft an hervorragender Stelle in Betracht das Mittel der
Beschrnkung der bergriffsmglichkeiten der Zentralgewalt durch
Strkung der rtlichen und bezirklichen Selbstverwaltung und
Demokratisierung dieser Verwaltungskrper. Ein Gedanke, dem, wie frher
bemerkt, mit starken bertreibungen Proudhon in seiner Schrift ber den
Fderalismus Form gegeben, aber auch Karl Marx in seiner Schrift Der
Brgerkrieg in Frankreich weitgehend Rechnung getragen hat. Aus dieser
letzteren Schrift sei hier ein Satz noch einmal zitiert:

  In einer kurzen Skizze der nationalen Organisation, die die Kommune
  nicht die Zeit hatte weiter auszuarbeiten, heit es ausdrcklich, da
  die Kommune die politische Form selbst des kleinsten Dorfes sein und
  da das stehende Heer auf dem Lande durch eine Volksmiliz mit uerst
  kurzer Dienstzeit ersetzt werden sollte. Die Landgemeinden eines jeden
  Bezirks sollten ihre gemeinsamen Angelegenheiten durch eine
  Versammlung von Abgeordneten in der Bezirkshauptstadt verwalten, und
  diese Abgeordneten dann wieder Abgeordnete zur Nationaldelegation nach
  Paris schicken; die Abgeordneten sollten jederzeit absetzbar und an
  die Instruktionen ihrer Whler gebunden sein.

Und Marx selbst sagt dazu: Die Kommunalverwaltung wrde dem
gesellschaftlichen Krper alle die Krfte zurckgegeben haben, die
bisher der Schmarotzerauswuchs Staat... aufgezehrt hat.

Also auch er will eine starke Entwicklung der rtlichen und der
bezirklichen Selbstverwaltung, die leichter zu bersehen sind, und dann
von unten auf einen fderativen Bau, dessen letzte Instanz-- der aber
dann die erstgenannten Instanzen die Aufgaben zuweisen und nicht etwa
dieser jenen-- die Zentralbehrde bilden sollte. Ob solcher nationale
Aufbau auf der gegenwrtigen Stufe der sozialen Entwicklung sich als
mglich erweisen und die erwarteten Ergebnisse haben wrde, scheint mir
zweifelhaft, aber der Hinweis auf die Notwendigkeit einer weitgehenden
Ausbildung der demokratischen Selbstverwaltung ist sicher ein sehr
beachtenswerter Gedanke, der ja auch bis zu einem gewissen Grade bereits
Verwirklichung gefunden und manche guten Frchte gezeitigt hat. Diese
rtlichen Selbstverwaltungskrper sind Zwangsgenossenschaften genannt
worden, weil jeder Orts- bzw. Bezirksbewohner von Gesetzes wegen ihnen
angehrt, ob er will oder nicht. Zu ihnen treten als Verwaltungsorgane
hinzu die freien Genossenschaften, die heute auf verschiedenen Gebieten
bedeutsame Funktionen erfllen und Teile der ffentlichen Verwaltung
werden. Als solche haben sich Anerkennung erzwungen die Organisationen
der Arbeiter, so sehr sie im Anfang verhat waren, an erster Stelle die
Gewerkschaften der Arbeiter, dann aber auch die Konsumgenossenschaften
der Arbeiter und die freien Verbindungen fr Zwecke der krperlichen und
kulturellen Entwicklung. Indes auch Genossenschaften anderer Klassen --
man denke an die lndlichen Genossenschaften-- erfllen
gesellschaftliche Funktionen und sind damit ein Stck der groen
Selbstverwaltung der Gesellschaft. Das macht sich nicht nach einem
einzigen Schema, das gestaltet sich auf verschiedenen Wegen, aber die
administrative Selbstndigkeit der Bevlkerung nimmt zu, die Regierung
von oben nimmt an Bedeutung ab, wenngleich-- das mu denen gesagt
werden, die glaubten, den Staat abschaffen zu knnen-- sie nicht
verschwindet. Zentrale Gesetzgebungs- und Verwaltungsfunktionen werden
noch auf ziemliche Zeit bestehen bleiben. Nur schrittweise bernimmt die
Selbstverwaltung von ihr Funktionen auf Grund der gemeinsam geschaffenen
Gesetze. Das Parlament wird nicht in Bausch und Bogen abgetan. Aber man
kommt zu einer Entwicklung, von der man hoffen darf, da sie zu einem
groen Teil die Gefahren, die mit dem alten Parlamentarismus organisch
verbunden scheinen, immer mehr einengen und schlielich berwinden wird.
Man mu also verstehen, diese Fragen nicht dogmatisch, sondern als
Fragen der Entwicklung zu begreifen.

Will man erkennen, wie sich die Verwaltung mit dem Wachsen des Organismus
verndert, so kann man das beim Studium der Verfassungsgeschichte --
einfacher ausgedrckt der Geschichte der Statuten -- der
Arbeiterorganisationen verfolgen. Die Arbeiterorganisationen fangen
gewhnlich an mit der extremsten Demokratie, meist mit der direkten
Gesetzgebung und Auswahl der Beamten durch die Mitgliederversammlung. Je
mehr sie aber wachsen, sind sie gezwungen, Vertretungskrper zu bilden
und den Vertretungen bestimmte Macht- und Leitungsbefugnisse zu
bertragen. Die Masse hat dann nur noch vermittelst ihrer
Vertrauensmnner eine Art stndiger Kontrolle auszuben. Die
Organisation selbst aber gestaltet sich zu einem Organismus, der eine
Art demokratischen Staat darstellt. An der freien Arbeiterbewegung zeigt
sich, wie das ziffernmige Wachstum, die grere Quantitt die
gleichberechtigten Genossen selbst zur qualitativen nderung der
Verfassung ihrer Organisation zwingt. Wer das nicht begreift und nicht
die sich daraus ergebenden Folgerungen anerkennt, der wird auch nie
begreifen, was in dem Wort wissenschaftlicher Sozialismus liegt. Dieser
ist, wie im ersten Kapitel gezeigt wurde, soziologische
Entwicklungslehre, das heit die Auffassung der sozialistischen Bewegung
als eine Bewegung, die in ihrem Fortgang sich selbst gestaltet und dabei
eng abhngt von den organischen Gesetzen sozialer Entwicklung. Eine
Erkenntnis, die heute wiederum Streitgegenstand geworden ist im
Sozialismus der Gegenwart, und zwar auf die Tagesordnung gesetzt durch
das Erscheinen des sogenannten Bolschewismus; und mit dieser Frage
wollen wir uns nunmehr befassen.




Achtes Kapitel.

Die bolschewistische Abart des Sozialismus.


Was sind die Grundgedanken der Doktrin, die wir als Bolschewismus kennen
gelernt haben? Worauf fut sie?

Im ersten Band seines groen Werkes Das Kapital schildert Karl Marx im
25.Kapitel, sechster Abschnitt, der sich mit der Genesis der
industriellen Kapitalisten befat, die verschiedenen Methoden der
sogenannten ursprnglichen Akkumulation des Kapitals, d.h. der
ursprnglichen Bildung von Kapital. Gegenber den Darstellungen der
brgerlichen konomen, welche die Bildung von Kapital auf Ersparnis,
beziehungsweise Sparen zurckfhren, weist Marx nach, da das Kapital
auf ganz andere Weise entstanden ist, und schreibt hinsichtlich der
Methoden dieser wirklichen ursprnglichen Akkumulation des Kapitals:

  In England werden sie am Ende des 17.Jahrhunderts systematisch
  zusammengefat in Kolonialsystem, Staatsschuldensystem, modernem
  Steuersystem und Protektionssystem. Diese Methoden beruhen zum Teil
  auf brutalster Gewalt, wie das Kolonialsystem. Alle aber benutzten die
  Staatsmacht, die konzentrierte und organisierte Gewalt der
  Gesellschaft, um den Verwandlungsproze der feudalen in die
  kapitalistische Produktionsweise treibhausmig zu frdern und die
  bergnge abzukrzen. _Die Gewalt ist der Geburtshelfer jeder alten
  Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht. Sie ist selbst eine
  konomische Potenz._

Der hier gesperrte Schlu dieses Satzstcks hat in der sozialistischen
Bewegung unserer Zeit bei Parteien, die ihre theoretische Erkenntnis
direkt von Marx ableiteten, eine eigenartige Rolle gespielt. Von
franzsischen Sozialisten, die sich Marxisten nannten, und deren einer
Fhrer Paul Lafargue, der Schwiegersohn von Karl Marx, der andere, Jules
Guesde, mit Marx befreundet war, ward er in dogmatischer Auslegung als
Beweis dafr propagiert, da alle sozialistische Ttigkeit auf die
Eroberung der politischen Macht durch Revolutionsgewalt abzielen msse.
Es ist aber zu bemerken, da Marx in dem Satz einfach eine
geschichtliche Tatsache konstatiert, aber keine Formel fr die
unmittelbare Anwendung aufstellt.[7]

   [7] Wie wenig Marx mit der Auslegung einverstanden war, die Lafargue
   seinen Feststellungen gab, geht aus seinem Brief an Friedrich Engels
   vom 11.November 1882 hervor. Dort schreibt Marx dem Freunde, da
   Lafargue in Wirklichkeit Schler des Russen Bakunin sei, und ruft
   rgerlich aus: Longuet (der andere Schwiegersohn von Marx) als
   letzter Proudhonist und Lafargue als letzter Bakunist! =Que le diable
   les emporte!=

Aus dieser Feststellung einer geschichtlichen Tatsache macht indes die
Fraktion der russischen Sozialisten, die sich Bolschewiki nennen, einen
Imperativ der ganzen sozialistischen Politik: Wir mssen die Gewalt
haben, um die neue Gesellschaft zu errichten, anders geht es nicht,
unser ganzes Sinnen und Trachten mu auf die Eroberung der politischen
Macht gerichtet sein. Eine Auffassung, die sich freilich auf bestimmte
Stellen im Kommunistischen Manifest sttzen konnte. Dort heit es z.B.
am Schlu, wo von der Erringung der politischen Macht durch das
Proletariat die Rede ist:

  Wir sahen schon oben, da der erste Schritt in der Arbeiterrevolution
  die Erhebung des Proletariats zur herrschenden Klasse, die Erkmpfung
  der Demokratie ist.

  Das Proletariat wird seine politische Herrschaft dazu benutzen, der
  Bourgeoisie nach und nach alles Kapital zu entreien, alle
  Produktionsinstrumente in den Hnden des Staats, d.h. des als
  herrschende Klasse organisierten Proletariats zu zentralisieren und
  die Masse der Produktionskrfte mglichst rasch zu vermehren.

  Es kann dies natrlich zunchst nur geschehen vermittels despotischer
  Eingriffe in das Eigentumsrecht und in die brgerlichen
  Produktionsverhltnisse, durch Maregeln also, die konomisch
  unzureichend und unhaltbar erscheinen, die aber im Laufe der Bewegung
  ber sich selbst hinaustreiben und als Mittel zur Umwlzung der ganzen
  Produktionsweise unvermeidlich sind.

Dann werden eine Reihe von Manahmen aufgezhlt, die gewissen Manahmen
des Brgertums in frheren Revolutionen entsprechen. Im weiteren berufen
die Verfechter der geschilderten Denkweise sich auf eine Stelle in dem
Brief von Karl Marx ber den Entwurf zum Einigungsprogramm der deutschen
Sozialdemokratie von 1875, dem Entwurf des Gothaer Programms. Dort sagt
nmlich Marx:

  Zwischen der kapitalistischen und der kommunistischen Gesellschaft
  liegt die Periode der revolutionren Umwandlung der einen in die
  andere. Ihr entspricht auch eine politische bergangsperiode, deren
  Staat nichts anderes sein kann als die revolutionre Diktatur des
  Proletariats.

Auch dieser Satz wird von den Bolschewisten, wie man das Wort
Bolschewiki ins Deutsche bernommen hat, dogmatisch ausgelegt. Diese
Partei, die heute als Partei der russischen Kommunisten an der Spitze
der dritten oder kommunistischen Internationale steht, hat sich frher
auch Partei der Maximalisten genannt. Im Streit der russischen Marxisten
untereinander hatten sich zwei Richtungen ausgebildet: die eine wollte
den Kampf der Sozialdemokratie Rulands mit einem Programm
sozialistischer Mindestforderungen (Minimumprogramm) fhren, hnlich
wie es seinerzeit die franzsischen Marxisten mit einer fr sie von Marx
verfaten Einleitung ausgearbeitet hatten, die anderen vertraten den
Standpunkt, man msse ein Maximum von Forderungen aufstellen und es der
Bewegung als eine Art Fanal stndig vorhalten. Von diesen zwei
Richtungen ist die letztere eben die der Bolschewisten, whrend die
erstere Fraktion oder Partei der Menschewisten genannt wird --
Benennungen, die den Begriffen mehr und minder entsprechen, die man
teils auf die Hhe der Forderungen, teils auf das Zahlenverhltnis der
Anhnger bezieht. Der Streit lief zum groen Teil in ein scholastisches
Ausspielen von Aussprchen von Marx aus, wobei die eine Seite die
Tatsache ignorierte, da die ganze Marxsche Lehre vornehmlich
Entwicklungslehre ist und Marx selbst im Laufe der Jahre eine
Entwicklung durchgemacht hat. Engels hat wiederholt anerkannt, da ihm
und Marx in der ersten Epoche ihres Schaffens bedeutungsvolle Irrtmer
ber Schnelligkeit und den Gang der Entwicklung unterlaufen sind. Ist
dadurch aber die Marxsche Lehre selbst abgetan? Sicherlich nicht. Das
Groe, Bleibende am Marxismus, was ber allen Einzelanwendungen steht,
ist eben die Tatsache, da der Marxismus der sozialen Entwicklungslehre
eine neue, in ihrem Hauptgedanken, der Theorie vom bestimmenden Einflu
der Produktionsweise, unerschtterte Grundlage gegeben hat. Marx hat den
organischen Entwicklungsgedanken seiner Lehre wiederholt sehr bestimmt
zum Ausdruck gebracht. So im Vorwort zu seiner 1859 erschienenen Schrift
Zur Kritik der politischen konomie, so aber auch 1866 im Vorwort zum
Das Kapital. Im letzteren sagt Marx, was sehr bemerkenswert fr seine
Anschauungsweise ist, selbst den herrschenden Klassen der Gegenwart
dmmere die Erkenntnis auf, da die jetzige Gesellschaft kein fester
Kristall, sondern _ein umwandlungsfhiger und stndig in der Umwandlung
begriffener Organismus_ sei.

Hier ist der Gegensatz der Grundanschauungen angezeigt, der die groe
Mehrzahl der sozialdemokratischen Parteien unserer Tage von der Partei
der Bolschewisten und ihren westeuropischen Nacheiferern unterscheidet.

Die bolschewistische Partei ist hervorgegangen aus der marxistischen
Schule des russischen Sozialismus, wobei es bemerkenswert ist, da
gerade die drei Persnlichkeiten, die man als die eigentlichen Stifter
dieser Schule bezeichnen kann, der verstorbene Georg Plechanow, die
soeben verstorbene Vera Sassulitsch und der noch lebende Paul Axelrod,
Gegner der Bolschewisten waren beziehungsweise Axelrod ein solcher ist.
Wenn ich oben bemerkte, da die Bolschewisten bei ihrer Berufung auf
Marx vielfach scholastisch vorgehen, so will ich hinzufgen, da ich als
Scholastik diejenige Geistesrichtung oder Geistesttigkeit betrachte,
die darauf gerichtet ist, fr schon feststehende Lehrstze oder Gedanken
die Beweise oft mit erzwungenen Deutungsknsten deduktiv zu erbringen,
wobei das induktive Moment, die Prfung an den Tatsachen,
auerordentlich zu kurz kommt, wenn es nicht ganz unerrtert bleibt. Nun
ist gerade die wesentliche Eigenschaft der sozialen Entwicklungslehre
von Marx und Engels, da sie den Ton legt auf den engen, man kann hier
mit grtem Recht sagen, auf den _organischen_ Zusammenhang des
Politisch-Sozialen mit den Tatsachen der _konomischen_ Entwicklung, das
heit, der _Produktionsverhltnisse_. Von diesem Standpunkt aus haben die
Verfasser des Kommunistischen Manifests, so revolutionr sie fr ihre
Zeit dachten und wie rckhaltlos sie fr die kommunistischen Ideen des
vorgeschrittenen Flgels der Arbeiterbewegung ihrer Tage Partei
ergriffen hatten, doch schon, als sie ihre Theorie ausarbeiteten,
Stellung genommen gegen radikale Sozialisten ihrer Tage, die fr
revolutionre Kommunisten galten, tatschlich aber nur Anspruch hatten
auf die Bezeichnung als Utopisten der sozialistischen Revolution. Zu
ihnen gehrte der unzweifelhaft begabte, aber wissenschaftlich
ungeschulte deutsche Kommunist Wilhelm Weitling, der Verfasser der
Schrift Garantien der Harmonie und Freiheit, die 1842 erschien und von
Marx als sehr beachtenswert begrt wurde, was aber nicht hinderte, da
Marx spter sich scharf gegen Weitling wandte, als dieser in seiner
Agitation den Arbeitern mit bertriebenem Radikalismus den Kopf
verdrehte. Es ist das deshalb von Interesse, weil Weitlings Ideen mit
vielen Schlagworten hnlichkeit haben, die heute von Anhngern des
Bolschewismus den Arbeitern gepredigt werden.

Im Winter 1846/47 kam Weitling nach Brssel, wo Marx und Engels damals
lebten und ihre groe Theorie ausarbeiteten und polemisch verfochten.
Bei einem Besuch, den Weitling Marx machte, war der russische
Schriftsteller Annienkoff zugegen, und er schildert in seinen
Erinnerungen einen heftigen Zusammensto zwischen Marx und Weitling.
Weitling, der aus der Arbeiterklasse hervorgegangen war, berief sich
Marx gegenber wesentlich darauf, wie berhaupt auf die Gefhlsseite
seiner Theorie, und es ist bemerkenswert, wie energisch Marx nach
Annienkoff Weitling gegenber die Unerllichkeit konkreten
wissenschaftlichen Denkens betonte und einmal mit der Faust auf den
Tisch schlagend wtend ausrief: _Noch niemals hat Unwissenheit jemandem
gentzt!_

Vier Jahre darauf, nach der Revolution, kam Marx in Konflikt mit seinen
frheren Kampfgenossen, die in hnlicher Weise wie Weitling sich auf das
Gefhl und den Willen beriefen. Es war das die von Karl Schapper und
A.Willich gefhrte Fraktion des Kommunistenbundes. Der Gegensatz
wiederholte sich in den Jahren 1870 bis 1872 in der Internationalen
Arbeiterassoziation in dem Kampf von Marx gegen den russischen
sozialistischen Revolutionr Michael Bakunin, den, und noch mehr dessen
-- ich kann nicht sagen Schler und nicht einmal Genossen, obwohl er
auf Bakunin groen Einflu ausbte, aber -- zeitweiligen Mitkmpfer
Bakunins, den Studenten Netschajeff, der als ein Vorlufer des
Bolschewismus bezeichnet werden mu. Seine Ideen sind dargelegt und
kritisiert in der wesentlich von Friedrich Engels in bereinstimmung mit
Marx verfaten Schrift: Ein Komplott gegen die Internationale. Mit
uerster Schrfe wendet diese sich namentlich gegen den
Revolutionsromantismus von Bakunin, den Netschajeff noch ins Extrem
bertrieben hatte, so da eine Art Sozialismus im Sinne von Rinaldo
Rinaldini herauskam. Bakunin hatte speziell die russischen Ruber
verherrlicht und war soweit gegangen, zu erklren, man msse die
Zuchthuser ffnen, wenn man Revolution mache. Eine Spekulation auf
Elemente, die ohne Rcksicht auf Theorie und Moral usw. schlechthin sich
in Gegensatz zur geordneten Gesellschaft stellten. Die Abweisung solcher
Phantasien und die Betonung des Zusammenhanges der Entwicklung zum
Sozialismus mit der Entwicklung der Wirtschaft im allgemeinen, das heit
zuletzt der Produktionsweise, ist der magebende Gedanke der Marxschen
Lehre. Hierfr ist der schon zitierte Satz aus dem Vorwort zu Das
Kapital, da die jetzige Gesellschaft -- die Gesellschaft der liberalen
konomie, kein festes Kristall, sondern ein umwandlungsfhiger und
einem stndigen Proze der Umwandlung unterworfener Organismus ist,
viel wichtiger als mancher andere Satz, der oft zitiert wird. In Das
Kapital sagt Marx an einer anderen Stelle, wo er von der
Fabrikgesetzgebung spricht und die Wirkung des Zehnstundentages auf die
Baumwollarbeiter von Lancashire schildert:

  Dennoch hatte das Prinzip[8] gesiegt mit seinem Sieg in den groen
  Industriezweigen, welche das eigenste Geschpf der modernen
  Produktionsweise. Ihre wundervolle Entwicklung von 1853 bis 1860, Hand
  in Hand mit der physischen und moralischen Wiedergeburt der
  Fabrikarbeiter schlug das bldeste Auge.

   [8] Der gesetzlichen Begrenzung der Arbeitszeit. Ed.B.

Und im Zusammenhang mit dem vorher zitierten Satz im Vorwort sagt Marx:

  In England ist der Umwandlungsproze (der soziale Umwandlungsproze)
  mit Hnden zu greifen. Auf einem gewissen Hhepunkt mu er auf den
  Kontinent rckschlagen. Dort wird er sich in brutaleren oder humaneren
  Formen bewegen, je nach dem Entwicklungsgrad der Arbeiterklasse
  selbst. Von hheren Motiven abgesehen, gebietet also den jetzt
  herrschenden Klassen ihr eigenstes Interesse die Wegrumung aller
  gesetzlich kontrollierbaren Hindernisse, welche die Entwicklung der
  Arbeiterklasse hemmen. Ich habe deswegen u.a. der Geschichte, dem
  Inhalt und den Resultaten der englischen Fabrikgesetzgebung einen so
  ausfhrlichen Platz in diesem Bande eingerumt. Eine Nation soll und
  kann von der anderen lernen.

Auch das zeigt, darf ich sagen, einen stark reformistischen Einschlag in
der dem Gedankengang nach revolutionren Lehre von Marx. Je weiter er in
der geistigen Entwicklung fortschreitet, um so mehr findet bei ihm der
Gedanke des Zusammenhanges zwischen der konomischen Entwicklungshhe
und den Mglichkeiten der politischen und rechtlichen Eingriffe
genaueren Ausdruck. Im Jahre 1875 sagt er in seinem Brief ber den
Entwurf des Gothaer Programms der damaligen geeinten Sozialdemokratie:

  Das Recht kann nie hher sein als die konomische Gestaltung und die
  dadurch bedingte Kulturentwicklung der Gesellschaft.

Beim Bolschewismus nun -- ich betone nochmals: in seiner Doktrin! --
wird alles das ignoriert oder umgangen. Der Bolschewismus sttzt sich
entweder auf das Kommunistische Manifest mit seinen lapidar
zugespitzten, aber der Frhperiode von Marx und Engels angehrigen
Aussprchen, wo diese sich darin gefielen = pater le bourgeois= -- dem
Brgersmann etwas Verblffendes zu sagen. Oder er gibt spteren
Aussprchen von Marx unter Herausreiung aus dem Zusammenhang die
ungeschlachteste und vergrberteste Auslegung. So sagt Marx im
vorletzten Kapitel des ersten Bandes von Das Kapital, der die
geschichtliche Tendenz der kapitalistischen Akkumulation kennzeichnet:

  Die Konzentration der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung
  der Arbeit erreichen einen Punkt [nmlich im Verlauf der
  kapitalistischen Entwicklung. Ed.B.], wo sie unertrglich werden mit
  ihrer kapitalistischen Hlle. Die Stunde des kapitalistischen
  Privateigentums schlgt. Die Expropiateurs werden expropriiert.

Also wenn die Entwicklung selber unvertrglich wird mit der
kapitalistischen Hlle, dann werden die Expropriateurs -- Marx nennt die
Kapitalisten Enteigner, weil in der Konkurrenz die groen Kapitalisten
die kleinen enteignen --, enteignet, expropriiert. Aus diesem, eine
geschichtliche Perspektive zeichnenden Satz haben Bolschewisten den
Spruch gemacht: Beraubt die Ruber! und Arbeiter haben das
buchstblich genommen und vielfach in drastischer Anwendung befolgt. Die
Unternehmer werden schlechthin, statt als konomische Enteigner, als
moralische Stehler, als Diebe hingestellt. Dies in direktem Gegensatz zu
Marx, der im Vorwort zu Das Kapital, wo er ausfhrt, da in dem Buch
Kapitalist und Grundeigentmer nicht sehr gut davonkommen, nicht im
rosigen Lichte erscheinen, ausdrcklich sagt:

  Es handelt sich aber da um eine Personifikation konomischer
  Kategorien. Weniger als der jedes anderen kann mein Standpunkt, der
  die Entwicklung der konomischen Gesellschaftsformation als einen
  naturgeschichtlichen Proze auffat, den einzelnen verantwortlich
  machen fr Verhltnisse, deren Geschpf er sozial bleibt, so sehr er
  sich auch subjektiv ber sie erheben mag.

In jeder Hinsicht, sage ich, hat in diesen Punkten die bolschewistische
Doktrin die Marxsche Lehre vergrbert, man knnte sagen: barbarisiert.
Die geschichtliche, also bis zu einer bestimmten Hhe der
wirtschaftlichen Entwicklung notwendige Funktion des Unternehmers als
treibendes Agens der Produktion ist bei ihr ausgelscht -- auch dies
wiederum im Widerspruch mit Marx, der im dritten Band seines Buches Das
Kapital, den allerdings die wenigsten gelesen haben, in einem der
letzten -- dem 24. -- Kapitel, das von den Einkommensquellen handelt,
auseinandersetzt, da Mehrarbeit berhaupt als Arbeit des Arbeitenden
ber das Ma der gegebenen Bedrfnisse hinaus _immer bleiben msse_, und
daran den schon zitierten Satz fgt:

  Es ist eine der zivilisatorischen Seiten des Kapitals, da es diese
  Mehrarbeit in einer Weise und unter Bedingungen erzwingt, die der
  Entwicklung der Produktivkrfte der gesellschaftlichen Verhltnisse
  und der Schpfung der Elemente fr eine hhere Neubildung
  vorteilhafter sind als unter den frheren Formen der Sklaverei und der
  Leibeigenschaft.

Marx zeigt also wiederum, da das Kapital, so scharf er es sonst
angreift, wichtige, den Fortschritt frdernde, er sagt ausdrcklich
_zivilisatorische_ Funktionen erfllt in der Entwicklung der menschlichen
Gesellschaft.

ber all das und die sich daraus fr die Wirtschaftspolitik ergebenden
Folgerungen hat sich der Bolschewismus khl hinweggesetzt und die Gewalt
als Allschpferin behandelt. Bei fhrenden Bolschewisten findet man in
einer gewissen Steigerung -- mehr noch als bei Lenin bei Bucharin,
Sinowieff und anderen -- Stze, wo der Gewalt einfach die Zauberkrfte
von Allheilmitteln zugeschrieben werden. Man brauche nur die Gewalt zu
haben, dann knne man die Entwicklung nach seinem Willen lenken! Hier
einige Beweise dafr:

Marx sagt -- das ist auch wieder wichtig -- 1859 im Vorwort zu dem Buch
Zur Kritik der politischen konomie:

  Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle
  Produktivkrfte entwickelt sind, fr die sie weit genug ist, und neue
  hhere Produktionsverhltnisse treten nie an die Stelle, bevor die
  materiellen Existenzbedingungen derselben im Scho der alten
  Gesellschaft selbst ausgebrtet worden sind.

Im Vorwort zum ersten Band Das Kapital liest man:

  Auch wenn eine Gesellschaft dem Naturgesetz ihrer Bewegung auf die
  Spur gekommen ist -- und es ist der letzte Endzweck dieses Werkes, das
  konomische Bewegungsgesetz der modernen Gesellschaft zu enthllen --,
  kann sie naturgeme Entwicklungsphasen _weder berspringen noch
  wegdekreditieren_. Aber sie kann die Geburtswehen abkrzen und
  mildern.

So Marx. Nun nehme man die Schrift von N.Bucharin: Das Programm der
Kommunisten (Bolschewiki) zur Hand. Dort wird frischweg die
sozialistische Revolution durch Diktatur der Arbeiterklasse in Ruland,
diesem im ganzen noch wenig entwickelten Lande, als eine Sache der
unmittelbaren Gegenwart mit der Bemerkung verkndet: Diktatur der
Arbeiterklasse bedeutet die Staatsmacht der Arbeiterklasse, die die
Bourgeoisie und die Gutsbesitzer _erwrgt_ und gleich darauf:

  Diese Macht der Arbeiter kann nur aus der sozialistischen Revolution
  der Arbeiterklasse erwachsen, die den brgerlichen Staat und die
  brgerliche Macht zerstrt.

Und das ist geschrieben in einem Lande, das bekanntlich einen
brgerlichen Staat berhaupt noch nicht gehabt hat! Des weiteren heit
es, die Diktatur msse eisern sein, ein Wort, das, wie in dieser
Schrift, berhaupt unzhlige Male in der Literatur des Bolschewismus
wiederkehrt und in brutalstem Sinne gedeutet wird. Einige Seiten darauf
liest man:

  Wir sehen nun, da eine Verletzung jeglicher Freiheiten in Beziehung
  auf die Gegner der Revolution notwendig ist. Es kann in der Revolution
  keine Freiheiten fr die Feinde des Volkes und der Revolution geben.

Als Feinde der Revolution werden aber nicht nur alle brgerlichen
Parteien unterschiedslos hingestellt, sondern auch diejenigen
Sozialisten (Menschewisten und Sozialrevolutionre), die auf einem
anderen Standpunkt stehen als die Bolschewisten. Es ist der extremste
Terrorismus, den man sich denken kann. In der Schrift von Leo Trotzki
Die Sowjetmacht und der Internationale Imperialismus -- ein Vortrag,
den Trotzki vor ungeschulten russischen Arbeitern gehalten hat -- liest
man:

  In der Mitte aber wrden die Politiker stehen, die sich bald nach
  links, bald nach rechts drehen. Das sind die Vertreter der Menschewiki
  und der rechtsstehenden Sozialrevolutionre; sie wrden sagen: Die
  Macht mu zur Hlfte geteilt werden.

Das erzhlt er Arbeitern! Und er fhrt fort:

  Aber, Genossen, die Macht ist doch kein Laib Brot, den man in zwei
  Hlften schneiden, in vier Teile neu zerteilen kann.

Welcher Vergleich und welche Verleugnung der Geschichte! Den Zweck zeigt
der folgende Satz. Trotzki doziert:

  Die Macht ist das Instrument, mit dessen Hilfe eine bestimmte Klasse
  ihre Herrschaft befestigt. Entweder dient dieses Instrument der
  Arbeiterklasse oder es dient gegen die Arbeiterklasse.

Damit ist die Entwicklung im Leben der Vlker ausgestrichen, von einem
Gesellschaftszustand zum entgegengesetzten gibt es keinen bergang,
keine Entwicklung, sondern nur die Umstlpung durch die Macht. Es geht
so weiter:

  Hier gibt es keine Wahl. Solange es zwei Feinde gibt -- die
  Bourgeoisie und das Proletariat und mit ihm das rmste Bauerntum --,
  und solange diese zwei Feinde gegeneinander kmpfen, knnen sie
  selbstverstndlich nicht eine gemeinsame Waffe haben. Es ist doch
  nicht denkbar, da eine Kanone zugleich wie der einen Armee so auch
  der anderen dienen kann.

Um die Natur dieser Argumentation richtig einzuschtzen, mu man dessen
eingedenk bleiben, unter welchen Umstnden sie vorgetragen wurde und
welches die Entwicklungshhe des Landes war, in dem sie Arbeitern
eingeprgt wurde. Niemals haben Marx und Engels Arbeitern die politische
Frage in so kindisch-einfltiger Gegenberstellung dargestellt. Selbst
als Deutschland schon wirtschaftlich auf wesentlich hherer Stufe stand
als das Ruland von 1918 -- von der kulturellen Entwicklung ganz zu
schweigen --, haben sie immer noch eine zeitweilige Untersttzung des
vorgeschrittenen Brgertums durch die sozialistische Arbeiterschaft fr
angezeigt erklrt.

Nach dem Muster der vorstehenden, dem Begriffsvermgen sehr naiver und
unentwickelter Leute angepater Deduktionen, die sich durch den ganzen
als Propagandaschrift in alle Sprachen bersetzten Vortrag ziehen und
mit hnlich merkwrdigen Behauptungen ber die Ursachen und wirkenden
Krfte des Weltkriegs abwechseln, kommt Trotzki auf die Ausbung der
politischen Macht durch die Bolschewisten zu sprechen und erhebt mit
folgenden Argumenten Anspruch auf Entschuldigung fr deren Migriffe:

  Einige sagen: wozu habt ihr denn die Macht genommen, wenn ihr vorher
  nicht gelernt habt, sie anzuwenden? Wir aber antworten darauf: wie
  konnten wir das Tischlerhandwerk erlernen, wenn wir kein
  Tischlerwerkzeug in den Hnden hatten? Um zu lernen, ein Land zu
  verwalten, mu man das Richtscheit in die Hand nehmen, mu man die
  Staatsmacht in die Hnde nehmen. Noch hat niemand im Zimmer sitzend
  das Reiten gelernt. Um es zu lernen, mu man ein Pferd satteln und
  sich aufs Pferd setzen. Mglicherweise wird das Pferd sich bumen und
  mehr als einmal oder auch mehr als zweimal einen herunterfallen
  lassen. Wir werden aufstehen, es wieder satteln und wieder reiten, und
  so werden wir es lernen.

Wenn solches Probieren nur die Persnlichkeiten betrfe, die das Reiten
-- sprich Regieren -- lernen wollen, so knnte man sagen: gut und schn.
Aber mit einem ganzen Staatswesen in das Unbestimmte hinein gewaltttig
tiefgreifende Wirtschaftsexperimente machen in dem Gedanken, es knne
zwar auch falsch gehen, aber dann macht man es eben noch einmal, in
solcher Weise mit einem groen Volke verfahren, wobei unter Umstnden
viele Hunderttausende dem Hunger, der Not, der Vernichtung ausgeliefert
werden, ist ganz etwas anderes. Es gibt fr den Sozialreformer, den
Revolutionr, auch einen kategorischen Imperativ! Sich darum nicht
gekmmert, die wissenschaftliche Lehre der groen Denker, auf die sie
sich beriefen, dort, wo sie ihnen nicht pate, in den Wind geschlagen zu
haben, ist bezeichnend fr das fehlende Element in den Gedankengngen
der Bolschewisten.

Es fllt mir, indem ich das feststelle, nicht ein, die Beweggrnde
der Bolschewisten irgendwie zu verdchtigen. Wie in jeder
Revolutionsbewegung gibt es natrlich auch in dieser eine groe Zahl
Idealisten. Es gibt in ihr aber sicher auch andere Naturen. Indes lasse
ich dies Moment dahingestellt. Es handelt sich hier um die Doktrin, um
die Auffassungsweise und wie sie auf das Handeln der Bolschewisten
zurckwirkt. Da aber gerade zeigt sich, wie sehr sie abweichen von der
Auffassung des groen Meisters und Denkers Karl Marx! Sie geben fast gar
keine soziale Bedingtheit fr ihre Aktion zu. Ihnen gengt es, da
berhaupt mit etlicher Groindustrie auch ein Proletariat in dem Staate
da ist, stark genug, um bei Ergreifung der Gewalt die aktive Rolle zu
spielen. Aber sonst werden in den verschiedensten ihrer Schriften
diejenigen Sozialisten, ob Marxisten oder nicht, die eine gewisse Reife
des Proletariats und einen Reifegrad der konomischen Entwicklung als
Bedingung der sozialistischen Umgestaltung betonen, verhhnt,
verspottet, oder aber beschimpft. Wie das letztere z.B. einem so, man
darf sagen, echten Marxisten wie Karl Kautsky geschehen ist, den Lenin
und Genossen, weil er ihre Methoden kritisiert hat, frischweg als
Renegaten hinstellen -- von meiner Wenigkeit will ich da ganz schweigen.

Der Bolschewismus kennt nahezu keine Grenzen des Willens in der
Geschichte. Es ist das Verhngnisvollste in der Politik der
Bolschewisten, da sie tun, als ob es nichts dergleichen fr den Willen
des revolutionren Reformers gbe. In den Maximen ihrer Manahmen sind
sie weit mehr das Ebenbild des ursprnglichen Zarismus als das Ebenbild
des Marxismus; vom letzteren sind sie nur ein Zerrbild. Denn das
Bedeutungsvolle bei Marx ist ja gerade, da seine und Engels Lehre eine
wissenschaftlich begrndete Lehre ist von den Grenzen des Willens in der
Geschichte der menschlichen Gesellschaft. Man hat diese Lehre daraufhin
oft fatalistisch genannt, das ist aber vollstndig irrig. Der Marxismus
ist weit entfernt, die Bedeutung des Willens in der Geschichte zu
leugnen oder seine Notwendigkeit zu verkennen. Es hat einen
demokratischen Dichter gegeben, der seit langem vergessen ist, aber
einst viel gelesen wurde und manchen begeistert hat, der frhverstorbene
Friedrich von Sallet, der Verfasser des Laienevangeliums. In einem
seiner Gedichte Geschichtliche Entwicklung sang er in der Zeit
politischen Stillstandes in Deutschland:

    Man sagt uns: Jugend mit zu heiem Blute
    Auf schwrmerischem Schpfungsdrang verzichte,
    Geschichtlich nur entwickelt sich das Gute, --
    _Doch sprecht, wo nichts geschieht, ist das Geschichte?_

Diesen Standpunkt erkennt Marx vollstndig an, er entspricht seiner
Theorie ganz und gar. Aber was man tut, kann man nur durchsetzen im
Verhltnis der gegebenen Krfte und Entwicklungsbedingungen.

Diesem Gegenstand hat Friedrich Engels in der Streitschrift gegen
Dhring einige bemerkenswerte Kapitel gewidmet, die gerade heute wieder
sehr aktuell geworden sind. Eines davon trifft ganz besonders auch die
Methode der Bolschewisten, sehr verschiedene Dinge auf uerliche
Merkmale hin gleichzusetzen und der geschichtlichen Bedingtheit sozialer
Institutionen die ntige Beachtung zu versagen. Dhring hatte von der
griechischen Sklaverei gesprochen, auf der die ganze griechische Kultur
beruhte, und sie mit der Lohnarbeit gleichgesetzt. Darauf antwortet
Engels:

  Wenn man sagt, die Lohnknechtschaft sei nur dasselbe wie die
  Sklaverei, dann knnte man auch sagen, die Menschenfresserei sei
  dasselbe wie die Lohnknechtschaft, denn das Ursprngliche war nicht
  die Sklaverei, sondern da man die Unterworfenen auffra. Wie oft auch
  in der Geschichte die bloe Gewalt gegen die konomische Entwicklung
  war, -- entweder geht sie mir der konomischen Entwicklung, dann
  erfllt sie ihren Zweck, oder sie geht gegen die konomische
  Entwicklung, dann unter Umstnden wird der Zwang (namentlich wenn rohe
  Vlker ber kultivierte Vlker herfallen) zum Ruin der ganzen Kultur,
  oder aber dann setzt sich doch im Laufe der Zeit das konomische
  Moment durch gegen die Gewalt, _die Gewalt unterliegt_.

Nun, diese Erfahrung haben die Bolschewisten, wie sie selbst nicht mehr
bestreiten knnen, machen mssen: wo ihre Gewaltmanahmen die
konomische Bedingtheit unbercksichtigt lieen, haben sie elend
Schiffbruch gelitten. Die Kosten dieser Erfahrung aber hat leider das
russische Volk mit unendlich vielen Opfern bezahlen mssen.

Gerade das Groartige bei Marx und Engels ist die Begrenzung, die der
Wille in der Geschichte bei ihnen erfhrt -- er erfhrt sie nmlich nach
zwei Seiten hin, unter bestimmten Umstnden gegen die Revolution, dann
aber auch wieder fr die Revolution. Auf einem Blatt, das mir Friedrich
Engels aus dem Marxschen Nachla geschenkt hat, ein Stck aus dem ersten
Marxschen Entwurf (der nie gedruckt worden ist) zum Kommunistischen
Manifest, steht unter anderem ein Wort, das Marx den Vertretern der
alten Gesellschaft, die diese Gesellschaft fr in ihrem Fundament
unzerstrbar erklren, zuruft: Ihr seid nach rckwrts gekehrte
Utopisten. Das soll heien: Ihr wollt die Entwicklung aufhalten,
leugnet, da es eine andere Gesellschaftsform geben knne ber eure
hinaus, wollt behaupten, eure sei die letzte; aber wenn ihr das erklrt,
seid ihr nach rckwrts gekehrte Utopisten! Mit aller Schrfe betont der
Marxismus die Kraft des Willens. Er hlt zwar die Arbeiter von
Unternehmen ab, je nachdem die dafr erforderlichen sachlichen
Vorbedingungen noch fehlen. Aber er feuert sie auch an und schtzt sie
vor Entmutigung. Davon zeugt deutlich die vom Geist des Marxismus
beeinflute Arbeiterbewegung. Mit uns der Sieg! ist ihr Leitmotiv, ist
das Gefhl: Wir werden doch siegen! Wir vertreten die Sache der
Zukunft! Die Ignorierung der Grenzen fr die Macht des Willens aber ist
der verhngnisvolle Rechenfehler in der Politik des Bolschewismus. Er
erklrt ihre vielen wirtschaftspolitischen Fehlgriffe, die sie ja einen
nach dem anderen gentigt worden sind einzugestehen. Die
bolschewistische Politik ist eine fortgesetzte stmpernde
Experimentiererei. Eine ganze Literatur hat dafr erdrckende Beweise
erbracht. Gewi findet man in den Erlassen und Entwrfen der
Bolschewisten vielerlei Bestechendes: groartige Plne in bezug auf das
Erziehungswesen und die soziale Frsorge, in bezug auf die Organisierung
der Produktion und Zirkulation, in bezug auf die Hebung und Verwertung
der Erdschtze und hnliches mehr. Aber dergleichen ist auch sonst in
der Literatur des Sozialismus zu finden. Die Literatur der
sozialistischen Utopisten aus dem 18. und dem Anfang des
19.Jahrhunderts ist voll von oft groartigen Gedanken und sinnreichen
Entwrfen. Auerordentlich viel Geist und Intelligenz ist da
verschleudert, vieles auf dem Papier ausgezeichnet ausgedacht! Manches
hat auch im Laufe der Zeit Verwirklichung gefunden, wenn auch nicht in
dem Umfange und in der Art und Weise, wie die spekulierenden Verfasser
es sich gedacht hatten.

Fr die Plne der Bolschewisten fehlen aber in Ruland heute so ziemlich
alle Vorbedingungen, und zwar haben sie sie infolge ihrer Ignorierung
der geistigen Notwendigkeiten zum Teil selbst zerstrt. So haben sie,
als sie zur Herrschaft kamen, die Arbeiter ermuntert, sich praktisch zu
Herren der Fabriken aufzuwerfen, aber ohne da diese die konomische
Verantwortung bernahmen. Und das Resultat? Die Fabrikanten hielten es
nicht aus und die Fabriken gingen zugrunde! Die Arbeiter waren einfach
nicht imstande, sie selbstndig zu leiten, sie waren nicht Unternehmer
und wollten es auch nicht sein. Mehr noch. Ein Teil der Arbeiter -- und
merkwrdig: gerade ein groer Teil der gelernten Arbeiter -- gingen
gleichfalls davon. In den eigenen Verffentlichungen der Bolschewisten
kann man es lesen, da ein groer Prozentsatz der gelernten Arbeiter
geradezu aus den Fabriken geflohen sind und auf das Land sich begeben
haben, um als Kleinhandwerker ihr Leben zu fristen.

Im Laufe von vier Jahren bolschewistischer Herrschaft sind die Stdte
Rulands um ber ein Viertel in der Bevlkerungszahl gesunken, und auf
dem Lande gehen die Ertrge des Bodens immer mehr zurck. Von der
Diktatur des Proletariats, die kaum formal noch besteht, ist man
gekommen zur faktischen Knechtung des Proletariats, und von der
Erwrgung, um mit Bucharin zu reden, der kapitalistischen Unternehmer
zur Zchtung einer Bureaukratie, wie sie kaum ein zweites Land in
gleichem Verhltnis im Staat und in der Industrie aufzuweisen hat.

Ich will mich darber nicht ins einzelne verlieren. Es ist nicht meine
Absicht, den Bolschewisten bles nachzusagen, ich behandle nur die
Fehler des Bolschewismus, weil seine Doktrin und Methoden heute wichtige
Streitfragen des Sozialismus sind. Die Tatsachen aber, die ich
summarisch hervorhebe, findet man in der bolschewistischen Literatur
selbst hervorgehoben, sie bilden dort den Gegenstand lebhafter
Diskussionen, weil man die Konsequenzen frchtet. Bekannt ist ferner,
da die Bolschewisten neue Kapitalisten geschaffen haben und
fremdlndische ins Land ziehen. Sie sind einfach mit all ihrer
politischen Macht nicht Herren der Dinge. Eines knnen sie freilich;
gesttzt auf ihre Garden knnen sie unterdrcken und knebeln, wo es
ihnen gefllt. Der Terrorismus wird noch ungeschwcht gebt. Aber das
verstanden auch die asiatischen Despoten und die afrikanischen Sultane.
Das Elend in Ruland wchst bestndig, die Unterdrckung aller
politischen Freiheit dauert fort. Es kann kein sozialistisches Blatt
anderer Richtung erscheinen, die brgerlichen Bltter gar nicht, nur
bolschewistische Bltter werden geduldet. Es gibt auch fr
Andersdenkende keine Versammlungsfreiheit. Erttet ist die freie
wirtschaftliche Schaffenskraft, die fr Ruland einfach eine
Notwendigkeit ist, wenn es sich einigermaen erholen soll.

Ein merkwrdiges Stck Wiederholung der altzarischen Despotie. Von
NikolausI., der in der Mitte des vorigen Jahrhunderts lebte und der
Hort der europischen Reaktion war, wird erzhlt, da er, als die
Eisenbahnen aufkamen und er nun auch eine solche von Moskau nach
Petersburg haben wollte, sich eine Karte kommen lie und einen geraden
Strich zog: So wird die Eisenbahn gebaut! Sie heit noch jetzt die
Nikolai-Eisenbahn. Natrlich hat sie furchtbar viel gekostet. Die
Bodenverhltnisse, Smpfe usw. waren von ihm ignoriert worden, und wie
es der Zar gewollt hatte, so mute es gemacht werden. -- Ein Stck von
diesem Geist steckt auch in N.Uljanow Lenin. Die Folge ist zunehmende
wirtschaftliche Zerrttung.

berall, wo kein geordnetes Rechtsverhltnis besteht, wo Unsicherheit
in bezug auf das Recht herrscht, wo man heute nicht wei, welche Gesetze
morgen in Geltung sind, da findet eine Verwstung statt. Und was wir
heute von Ruland hren, von jener entsetzlichen Hungersnot ganzer
Millionen, ist zum Teil gleichfalls eine Folge dieser Experimentiererei.
Allerdings unmittelbar verursacht durch ein Naturereignis, ber das die
Menschheit bis jetzt noch keine Gewalt hat: die ungeheure Drre. Aber
man darf nicht vergessen, da selbst gegen die Drre der Mensch trotzdem
nicht ganz wehrlos ist. Wo der Boden hinreichend gedngt und intensiv
bearbeitet ist, da ist er gegen die Drre widerstandsfhiger als dort,
wo es ihm an Dung fehlt und die Bearbeitung nur oberflchlich ist. Wo
aber ein Volk, und besonders ein landbauendes Volk (Ruland ist ja
berwiegend Bauernland), wo Bauern die Gewiheit nicht haben, da sie
ihren Boden behalten, da ihnen die Ernte verbleibt, bauen sie eben
oberflchlich, legen sie nichts hinein in den Boden. Infolge dieser
Tatsache ist z.B. Kleinasien, das frher einmal geradezu ein Paradies
an Fruchtbarkeit gewesen ist, gerade an der westlichen Seite, unter der
Willkrherrschaft der trkischen Paschas und unter dem willkrlichen
trkischen Steuersystem, der Naturalsteuer, zu groen Teilen versandet.
Und leider haben wir ein gleiches Bild in Ruland. In frchterlicher
Weise offenbaren sich die Folgen der Verkennung wirtschaftlicher
Gesetze, der materiellen und geistigen, beziehungsweise seelischen
Bedingungen des Wirtschaftslebens und der Funktionen der
Wirtschaftstrger auf einem gewissen Stande der Entwicklung. Man hat es
geschehen lassen, da die groen Gter, die zum Teil sehr rationell
bewirtschaftet wurden und groe berschsse an Produkten lieferten,
unter die Bauern aufgeteilt wurden. Was war die Folge? Die berschsse
haben aufgehrt. Nun kann man nicht fr alles das System, die Partei
verantwortlich machen. In der Revolution geschehen auch viele Dinge
gegen den Willen der Revolutionre selbst. Aber um die unvermeidlichen
Auswchse auf das mglichst geringe Ma herabzusetzen und mglichst bald
zu Zustnden zu gelangen, die dem Bedrfnis der Wiederherstellung des
Wirtschaftslebens entsprachen, war das Zusammenwirken aller geboten, die
sich auf den Boden des Rechtszustandes stellten, den die Revolution des
Februar 1917 geschaffen hatte. Da man das Gegenteil in dem Wahn
herbeifhrte, es komme nur darauf an, die Gewalt zu haben, um dann --
wie Bucharin sagte --, wenn die ganze brgerliche Volkswirtschaft
erwrgt war, von neuem anzufangen, das konnte nur solche Zerrttungen
zur Folge haben. So darf es ein Kind machen, das mit seinem Baukasten
spielt. Aber die Idee, so mit den Daseinsbedingungen eines Volkes von
Millionen und Abermillionen umgehen zu knnen, ist Zsarenwahnsinn,
gleichviel ob von einem gekrnten Machthaber oder von Revolutionren. Er
konnte bei den Bolschewisten nur Boden fassen, weil der Grundgedanke
ihrer Doktrin ein durchaus falsch ausgelegter, malos vergrberter
Marxismus ist.

Hierzu ist noch folgendes zu sagen:

Der Bolschewismus hat viele Kritiker gefunden, und es lag nahe, einige
davon zu zitieren. Um indes mir nicht den Vorwurf der Parteilichkeit
zuzuziehen, habe ich an dieser Stelle davon Abstand genommen. Nur einer
Arbeit glaube ich gedenken zu sollen. Es ist das Schriftchen von
N.Gefimoff Zur Soziologie des Bolschewismus (Berlin, Verlag
Freiheit). Der Verfasser, ein Russe, der die ersten Jahre der Herrschaft
der Bolschewisten im einstigen Zarenreich mit durchlebt hat, weist den
inneren Zusammenhang des Bolschewismus mit der Bewegung der
revolutionren Terroristen des zarischen Ruland nach, die eine Bewegung
nicht der Arbeiterklasse, sondern von klassenlosen Intellektuellen war
und deren Tendenz, einander im Radikalismus zu berbieten, sich aus den
politischen Zustnden Rulands begreift. Auf diese Weise konnte es
geschehen, da die nach Ruland gelangte Marxsche Lehre eine so -- man
mu sagen, _brutale_ Ausdeutung erfuhr.

In der Tat ist der Bolschewismus eine spezifisch russische Erscheinung,
zu verstehen aus den Verhltnissen, die in Ruland lange geherrscht
haben, wo unter einem absolutistischen Regime die grten Zwangsmittel
der Unterdrckung blich gewesen sind. Zu verstehen ist sie, aber darum
noch durchaus nicht nachahmenswert. Sie ist das Beispiel der
verderblichen Wirkungen eines verhngnisvollen Fehlers im Denken, der
sich uert im Glauben an die Allmacht der rohen Gewalt, in der
Verkennung der fundamentalen Gesetze des gesellschaftlichen Daseins und
in der Miachtung des organischen Prinzips in der Entwicklung der aus
der Wildheit herausgetretenen menschlichen Gesellschaften.




Neuntes Kapitel.

Die nchsten mglichen Verwirklichungen des Sozialismus.


Dem Schreiber dieses wird der Ausspruch nachgesagt: Das Endziel ist
nichts, die Bewegung alles! Es ist mir jedoch nicht eingefallen, einen
so begriffslosen Satz aufzustellen. In Wirklichkeit habe ich seinerzeit
(im Frhjahr 1898) in einer Antwort auf den Vorwurf, da in meinen
Aufstzen fast nie vom Endziel des Sozialismus die Rede sei, erwidert,
ich habe fr das, was man gemeinhin Endziel des Sozialismus nenne,
auerordentlich wenig Sinn und Interesse. Dieses Ziel, was immer es sei,
sei mir nichts, die Bewegung alles. Ich bekannte ein persnliches
Uninteresse, war aber weit davon entfernt, einen Allgemeingltigkeit
beanspruchenden objektiven Leitsatz aufzustellen.

Der Ausspruch wurde aber so aufgefat und gab Anla zu einem gewissen
Lrm. Welche bestimmten Umstnde dies bewirkt hatten, kann hier
unerrtert bleiben. Soviel aber sei bemerkt, da unter anderen
Verhltnissen, als sie damals obwalteten, kaum jemand sich ber ihn
aufgehalten htte. Denn in der Sache sagte er nichts wesentlich anderes,
als was in den Stzen ausgesprochen ist, die Marx im Jahre 1871 der von
ihm verfaten Ansprache des Generalrats der Internationalen
Arbeiterassoziation ber den Brgerkrieg in Frankreich einverleibte:

  Die Arbeiterklasse... hat keine fix und fertigen Utopien durch
  Volksbeschlu einzufhren. Sie wei, da, um ihre eigene Befreiung und
  mit ihr jene hhere Lebensform hervorzuarbeiten, der die gegenwrtige
  Gesellschaft durch ihre eigene konomische Entwicklung unwiderstehlich
  entgegenstrebt, da sie, die Arbeiterklasse, lange Kmpfe, eine ganze
  Reihe geschichtlicher Prozesse durchzumachen hat, durch welche die
  Menschen wie die Umstnde gnzlich umgewandelt werden... Sie hat nur
  die Elemente der neuen Gesellschaft in Freiheit zu setzen, die sich
  bereits im Schoe der zusammenbrechenden Bourgeoisiegesellschaft
  entwickelt haben.

Bei mir folgte dem zitierten Ausspruch der Zusatz: Und unter Bewegung
verstehe ich sowohl die allgemeine Bewegung der Gesellschaft, das heit
den sozialen Fortschritt, wie die politische und wirtschaftliche
Agitation und Organisation zur Bewirkung dieses Fortschritts.

Es wre nun abgeschmackt, den Eindruck erwecken zu wollen, da zwischen
dem Sinn des Marxschen Ausspruchs und meiner Bemerkung berhaupt kein
Unterschied von Bedeutung sei. Ein solcher ist unbestreitbar vorhanden.
Er besteht darin, da Marx die angezeigte neue Gesellschaft schneller
kommen, den Zusammenbruch der alten rascher sich vollziehen sah, als
ich, und in dieser Annahme eine andere Sprache fhrte. Aber der Gedanke,
da die Bewegung und die sich aus ihr ergebenden Kmpfe das
entscheidende seien und auf sie alles ankomme, ist auch bei ihm das
Leitmotiv.

Seit Marx die vorgenannte Schrift verfat hat, ist ein gutes halbes
Jahrhundert verflossen, und es kann die Frage aufgeworfen werden, ob er
nicht doch geglaubt hat, da es mit dem vlligen Zusammenbruch der alten
Gesellschaft nicht so lange dauern werde. Manches spricht dafr, und
jedenfalls ist die Frage um der richtigen Beurteilung verschiedener
Marxscher Aussprche willen, die jener Periode seines Lebens angehren,
der Untersuchung wert. Fr unsere Betrachtung aber gengt die
Feststellung der Tatsache, da der Begrnder des wissenschaftlichen
Sozialismus hier unverblmt erklrt, die kommende neue Gesellschaft
werde nur das Ergebnis einer _ganzen Reihe geschichtlicher Prozesse_
sein, durch welche die _Menschen_ +wie+ die _Umstnde gnzlich umgewandelt_
werden.

Als Marx sein Hauptwerk, das Kapital, schrieb, befand sich die
europische Welt politisch wie wirtschaftlich im Fahrwasser des
demokratisch gerichteten Liberalismus. Die Verfassungen wurden in seinem
Sinne reformiert, die Einengungen der Presse und des Vereinsrechts
gemildert oder aufgehoben, die Wahlrechte zu den Parlamenten erweitert.
In England hatte der Freihandel gesiegt und schien von da aus seinen
Siegeslauf durch die ganze kapitalistische Welt antreten zu wollen.
Zollstze wurden herabgesetzt und Handelsvertrge mit der Klausel der
Meistbegnstigung geschlossen, die eine Vorstufe zum vollen Freihandel
darstellten. Die erwartete ra des Weltfriedens wurde freilich durch die
drei deutschen Kriege arg beeintrchtigt, aber die von ihnen bewirkte
Schdigung des Wirtschaftslebens nicht allzu tief empfunden. Die
kapitalistische Produktion machte Zeiten der Krise durch, blieb aber in
aufsteigender Entwicklung; der Reichtum der kapitalistischen Lnder
wuchs, der Weltverkehr in Gtern nahm steigend zu, die Stdte und
Industriezentren dehnten sich aus, die Industrie- und Handelsunternehmungen
vergrerten sich, und in Zusammenhang damit nahm auch die industrielle
Arbeiterschaft, das Proletariat, bedeutend an Zahl zu. Die liberale
Epoche kam aber mit Ende der siebziger Jahre, um die Zeit, da Marx durch
Krankheit gezwungen wurde, die Feder aus der Hand zu legen, zum Stocken.
Eine Welle schutzzllnerischer Reaktion flutete ber die Welt und zog
kolonialpolitische Strebungen imperialistischer Natur nach sich; die
Beziehungen zwischen den Gromchten erfuhren eine Wendung zum
schlechteren, die Bildung von Mchtekoalitionen begann und mit ihr eine
ra des Wettrstens zu Wasser und zu Lande. Zu gleicher Zeit aber nahm
die Arbeiterbewegung einen neuen Aufschwung, die sozialistische
Internationale ward wieder ins Leben gerufen und bertraf in
verhltnismig kurzer Zeit die alte Internationale in bezug auf Zahl
der angeschlossenen Lnder und innere Strke ihrer Landessektionen.

Unter dem Einflu all dieser Vorgnge erhielt die Welt der Lnder
moderner Entwicklung eine andere Physiognomie, als Marx sie gekannt
hatte und voraussehen konnte. Eine geistige Reaktion in bezug auf die
Beurteilung der Vlkerbeziehungen und die Sicherheit im Innern
bemchtigte sich der brgerlichen Klassen. Sie wagten nicht den Krieg zu
wollen und glaubten immer weniger an die dauernde Erhaltung des
Friedens. Sie hatten nach dem Mierfolg des Bismarckschen
Ausnahmegesetzes gegen die Sozialdemokratie den Glauben an die
Mglichkeit der Niederhaltung dieser durch Gewaltmittel eingebt und
sahen sich doch der wachsenden Arbeiterbewegung gegenber in die
Verteidigungslinie gedrngt. In Deutschland war die Wirkung eine
zunehmend schwchere Haltung des Brgertums der Regierung gegenber, und
immer neue Versuche dieser, durch gesetzgeberische Zugestndnisse an die
Arbeiter diese der Sozialdemokratie abtrnnig zu machen, was aber nicht
gelang. Das Hauptstck der Zugestndnisse, die von Bismarck eingeleitete
Arbeiterversicherung, hatte vielmehr die entgegengesetzte Wirkung. Sie
gab den Arbeitern materiell zu wenig, um sie zu befriedigen, trieb aber
in ihren sozialen Konsequenzen weit ber das von Bismarck Gewollte
hinaus. Sie schuf in den Organen der Versicherung (Krankenkassen,
Beirte der Unfallversicherung und der Invalidenversicherung) eine
Beamtenschaft der Arbeiterklasse, die dieser im Laufe der Zeit fr
Organisations- und Vertretungszwecke anderer Natur eine groe Flle
sachkundiger Persnlichkeiten zur Verfgung stellten. In der gleichen
Richtung wirkten die Gewerbegerichte durch das Institut der Beisitzer
aus der Arbeiterschaft. Untersttzt durch diese Einrichtungen breiteten
sich in Deutschland die Gewerkschaften der Arbeiter im letzten Jahrzehnt
des neunzehnten und weiter im zwanzigsten Jahrhundert in ungeahnter
Weise aus, so da sie schlielich die englischen Gewerkschaften an Zahl
der Mitglieder nahezu erreichten, an innerer Durchbildung und
wirkungsvoller Zusammenfassung der Krfte aber noch bertrafen.
Parallel damit wuchs die politische Organisation der Arbeiterklasse und
ihre Presse, und mehrte sich die Zahl ihrer Vertreter in den staatlichen
und rtlichen Parlamenten. Ein Netz von gesetzlichen und freien
Vertretungen der Arbeiter berzog das Land, jede Stadt von irgendwelcher
Bedeutung erhielt ein von der Arbeiterbewegung selbst geschaffenes und
unterhaltenes Volks- oder Gewerkschaftshaus als Sammelpunkt und ein
Arbeitersekretariat, wo der Arbeiter Auskunft ber die ihn
betreffenden Sozialgesetze erhielt, zugleich aber auch durch die Natur
der Dinge auf die politischen und wirtschaftlichen Organisationen seiner
Klasse aufmerksam gemacht wurde. Das neue Jahrhundert sah
auerdem eine bedeutungsvolle Ausbreitung und Strkung der
Arbeiterkonsumgenossenschaften, deren Leiter und Angestellte das Heer
der Beamten der Arbeiterschaft noch wesentlich vermehrten.

Auf der anderen Seite waren aber auch die Unternehmer nicht
unorganisiert geblieben. Auf rein wirtschaftlichem Gebiete waren in
allen Industrien Kartelle und Syndikate gegrndet worden, um dem Druck
der Konkurrenz auf die Preise Grenzen zu setzen, und in vielen Fllen
auch dazu bergegangen, bei eingetretener oder drohender berproduktion
produktionsregulierend zu wirken, d.h. zeitweilig die Produktion
systemgem einzuschrnken. Ein noch engerer Zusammenschlu von
kapitalistischen Unternehmungen fand in Gestalt von trustartigen
Verbindungen und Fusionen oder Konzernen der groen Industrie statt. Zum
Widerstand gegen die Gewerkschaften und sonstigen Koalitionen der
Arbeiter wiederum waren Unternehmer- bzw. Arbeitgeberverbnde geschaffen
worden, deren Zahl schlielich so gro war, da die von ihnen
vertretenen Unternehmungen erheblich mehr Arbeiter beschftigten, als
gewerkschaftlich organisiert waren. Trotz ihrer Zahl und finanziellen
Macht war ihre Widerstandskraft den Arbeitern gegenber aber doch
begrenzt. Es wuchs die Zahl der Flle, wo sie es fr klger hielten, mit
den organisierten Arbeitern Tarifvertrge abzuschlieen, statt ihnen
einseitig die Lhne diktieren zu wollen, und in der Statistik der
Gewerkschaften ist die Zahl der Flle, wo Lohn- usw. Bewegungen ohne
Zuhilfenahme von Streiks oder Aussperrungen zu Tarifabmachungen fhren,
erheblich grer als die Zahl der Flle, wo es zum Messen der Krfte im
gewerblichen Kampf kommt.

So stellte sich in Deutschland am Vorabend des Krieges das soziale Bild
der Industrie in verschiedenen Punkten wesentlich anders dar, als Marx
es in Das Kapital vorausgezeichnet hatte. In dessen Kapitel
Geschichtliche Tendenz der kapitalistischen Akkumulation hatte es bei
ihm geheien:

  Mit der bestndig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten, welche alle
  Vorteile dieses Umwandlungsprozesses [die Konzentration der
  Unternehmungen. Ed.B.] usurpieren und monopolisieren, wchst die
  Masse des Elends, des Druckes, der Degradation, der Ausbeutung, aber
  auch die Emprung der stets anschwellenden und durch den Mechanismus
  des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten
  und organisierten Arbeiterklasse.

In Wirklichkeit war die Zahl der Kapitalmagnaten trotz der starken
Konzentrationsbewegung der Wirtschaftsunternehmungen noch bestndig
gestiegen. So hatte in Preuen -- eine Reichsstatistik gibt es bis jetzt
darber nicht -- die Zahl der Zensiten mit ber einer halben Million
Vermgen in der Zeit von 1895, dem Jahr der ersten Aufstellung einer
Vermgensstatistik, bis 1914 um mehr als 50Proz. _zugenommen_, und noch
strker hatte sich die Schicht der obersten Einkommensklassen vermehrt.
Aber auch die Schicht der mittleren Einkommensklassen war strker
angewachsen als die Gesamtbevlkerung, und wenn die erreichte Lage der
Arbeiterklasse auch noch viel zu wnschen brig lie, so war sie doch
wirtschaftlich und sozialrechtlich eine bessere, als etwa zur Zeit, wo
Marx jene Zeilen geschrieben hatte. Groe Kategorien von Arbeitern
hatten den neunstndigen Arbeitstag errungen und wenige arbeiteten mehr
als zehn Stunden. Das Lohneinkommen war dem Nennwert nach erheblich, der
Kaufkraft nach weniger, aber immerhin nicht unwesentlich ber die
vormalige Hhe gestiegen. Gewerbeordnung, Gewerbegerichte, Tarifvertrge
bzw. Tarifmter, die Versicherungsgesetze, ffentliche und
freigewerkschaftliche Arbeitsvermittelung und verwandte Einrichtungen
hatten in Verbindung mit dem Koalitionsrecht dahin gewirkt, da, statt
Degradation, eine Hebung der rechtlichen Stellung des Arbeiters dem
Unternehmer und dessen Beamten gegenber eingetreten war. Elend war in
bestimmten Schichten der Arbeiterwelt noch da, aber es hatte nicht
zugenommen. Zeichen sind dafr unter anderem die Zunahme des Verbrauchs
an Brotfrchten und verschiedenen Genumitteln sowie Textilwaren auf den
Kopf der Bevlkerung; ferner der Rckgang der Sterbeziffern und die
erhebliche Zunahme der Eheschlieungen. Mit dieser letzteren ging
freilich Hand in Hand eine kontinuierliche Abnahme der Geburten. Indes
auch sie ist, wie jedem Sachkundigen der Bevlkerungswissenschaft
bekannt, ein Zeichen abnehmender Massenarmut. Die Zunahme der
Eheschlieungen in der Epoche des vorgeschrittenen Kapitalismus
widerlegte die gleichfalls von Sozialisten aus den Erscheinungen der
Epoche der aufkommenden kapitalistischen Produktion abgeleitete
Folgerung, da der Kapitalismus zur vlligen Auflsung der Familie im
Proletariat fhre.

Allerdings hatte der Mechanismus des kapitalistischen
Produktionsprozesses diese Wirkungen nicht etwa selbstttig
herbeigefhrt. Wohl war auch er nicht ganz unbeteiligt daran, in
verschiedener Hinsicht hatte er konomische Vorbedingungen der sozialen
Verbesserung geschaffen. Wie aber schon aus der obigen Aufzhlung
ersichtlich, war die Verbesserung selbst zum grten Teil Frucht
_sozialer_ Gegenaktion, einerseits der Gesetzgebung und Verwaltung, auf
welche die Arbeiter in immer strkerem Mae mittels politischen Drucks
einwirkten, und andererseits der direkten Aktion der wirtschaftlichen
Organisationen der Arbeiter selbst. Welches immer aber auch die Krfte
waren, die das Bild anders gestaltet hatten, es war in bezug auf
Klassengliederung und soziale Lage der Klassen nicht das, was Marx
vorgezeichnet hatte. Und wenn, um Marx in kein falsches Licht zu
stellen, bemerkt werden mu, da dieser eben nur eine _Tendenz_
gekennzeichnet hatte, was schon einschlo, da die Wirklichkeit eine
abweichende Entwicklung herbeifhren konnte, so war die Abweichung eben
Tatsache und damit schon angezeigt, da auch die weitere Entwicklung
sich nicht nach jenem Schema gestalten werde.

Dazu kam noch, da auf dem Lande die Entwicklung der Klassen sich
berhaupt in anderer Richtung vollzogen hatte, als in Industrie, Handel
und Verkehr. Hier war von einer Aufsaugung der mittleren und kleinen
Unternehmungen durch die groen ganz und gar nichts zu verspren. Sie
legten im Gegenteil eine grere Zhigkeit als diese an den Tag. Auch
dies wieder in hohem Grade durch Nutzbarmachung sozialer Gegenmittel,
von denen in erster Reihe das sehr ausgebildete lndliche
Genossenschaftswesen zu nennen ist, dessen volle Ausnutzung dem
mittleren und kleinen Bauern fast alle technischen Vorteile zugngig
macht, die dem mit betrchtlichem Kapital ausgersteten
Grogrundbesitzer zur Verfgung stehen. Es sind aber noch andere, in der
Produktion selber liegende Momente, welche fr die Landwirtschaft eine
andere Entwicklung der Betriebsgren zur Folge haben, als sie in der
Industrie vor sich geht. Es sei davon nur der bedeutungsvolle Umstand
erwhnt, da die landwirtschaftliche Produktion wesentlich _organische_,
auf die Zucht von Tier und Pflanze gerichtete, und nicht _mechanische_,
totes Material bearbeitende Produktion ist.

Der Krieg hat an diesem sozialen Entwicklungsgang grundstzlich nichts
gendert. Er brachte zeitweilig ungeheure Verschiebungen in den
Beschftigungen der Klassen und Geschlechter mit sich. Fr die Millionen
mnnlicher Personen, die im Feld, in der Etappe und als Garnison in
besetzten Gebieten gebraucht wurden, muten weibliche Personen die in
Industrie, Handel und Verkehr eingetretenen Lcken ausfllen; die
Berufsttigkeit der Frau erhielt eine bedeutende Erweiterung. Die
Industrie wurde veranlat, ihre Produktion dem Kriegsbedrfnis
anzupassen. Fr die Fabrikation von Geschtzen, Munition und
Sprengstoffen wurden die bestehenden Werke vergrert, neue hinzugebaut
und viele Fabriken, die vordem Fabrikate ganz anderer Natur hergestellt
hatten, auf die Produktion von solchem Kriegsmaterial umgestellt. Ferner
wurde der Handel in Nahrungsmitteln und anderen wichtigen Bedarfsgtern
aus Grnden der durch die Abschneidung der Zufuhren notwendig gewordenen
Einschrnkung des Verbrauchs unter ffentliche Kontrolle gestellt, zu
welchem Zweck Zentralstellen fr die verschiedenen Bedarfsartikel
geschaffen wurden, die deren Abgabe an die Verbraucher regelten. Sie
ward je nachdem von einem Nachweis der Bentigung abhngig gemacht,
Artikel des tglichen Bedarfs (Brot, Fleisch, Milch usw.) wurden
rationiert und durften von den Hndlern nur gegen Marken abgegeben
werden; auch wurden fr sie Hchstpreise festgesetzt, ber die hinaus
dem Kufer keine Bezahlung abverlangt werden sollte. Fr die
Zentralisierung der Beschaffung bestimmter Fabrikate wurden unter
Frderung durch die Behrden Kriegsgesellschaften gegrndet, die auf die
Produktion im Sinne der Ersparung falscher Kosten zurckwirken sollten.

Alles das zuletzt Geschilderte ist zu seiner Zeit von manchen als
sozialistisch oder Verwirklichung sozialistischer Gedanken gepriesen
worden und hat ja auch Berhrungspunkte mit dem sozialistischen
Grundsatz der Regelung von Produktion und Vertrieb unter dem
Gesichtspunkt des Gemeinschaftsinteresses und der hchsten
Wirtschaftlichkeit. Aber solche Art Zusammenfassung der Mittel und
Unterordnung von Produktion und Handel unter das augenblickliche
Interesse des groen Ganzen hat es schon oft in Kriegszeiten gegeben,
und wenn man sie Sozialismus nennen will, dann wre diese Art
Sozialismus ziemlich so alt wie berhaupt der Krieg. Man hat sie
Kriegssozialismus getauft, und in einer Hinsicht nicht ohne
Berechtigung, indem sie nmlich den Krieg nicht berdauert hat. Das hat
sie frher nicht getan, und ist in Deutschland auch diesmal nicht der
Fall gewesen. Und zwar ist hier gerade das am schnellsten in Wegfall
gekommen, was am meisten des Erhaltens wert war: der Schutz der
Verbraucher gegen berwucherung. Allerdings hatte er schon in den
letzten Kriegsjahren an Wirksamkeit stark eingebt. Fr viele Artikel
war die Festsetzung von Hchstpreisen jedesmal das Signal gewesen, da
sie aus der ffentlichen Auslage der Hndler verschwanden und nur noch
hinten herum -- im Schleichhandel -- zu Wucherpreisen zu
erhalten waren. In der ersten Zeit sorgte der ber die Gemter
gekommene patriotische Rausch dafr, da die meisten sich den im
Allgemeininteresse notwendig gewordenen Bestimmungen willig fgten. Als
er aber nachlie, gewann Schritt fr Schritt die Wucherei und ihre
Untersttzung durch die Gedankenlosigkeit der einen und die
Grundsatzlosigkeit der anderen so sehr die Oberhand, da zuletzt es fr
Narretei galt, nicht Preise zu fordern, wie die zahlungsfhigen Kufer
sie sich noch gefallen lassen wrden, und nicht sich so zu ernhren, wie
es einem die Mittel erlaubten. Die soziale Moral war schon stark
erschttert, als mit dem Zusammenbruch seiner Armee auch das Kaisertum
selbst zusammenbrach.

Die Revolution konnte das weitere Umsichgreifen des eingerissenen bels
nur zeitweilig aufhalten. Noch hatten ihre natrlichen Widersacher, die
Reaktionre der verschiedenen Grade, sich von dem sie lhmenden
Schrecken nicht erholt, da boten schon die von der bolschewistischen
Regierung Rulands in grtem Umfange mit Geld und anderen
Propagandamitteln ausgestatteten Agitatoren fr die Rtediktatur alle
Krfte auf, das Ansehen der jungen Republik im Volk zu untergraben. Von
der groen Mehrheit derjenigen, welche die im Jahre 1919 an den
verschiedenen Orten Deutschlands in Szene gesetzten Aufstnde als
Kmpfer mitmachten, darf man wohl sagen: sie wuten nicht, was sie
taten. Da die Unterwerfung Deutschlands unter die Gebote einer
Rtediktatur eine platte Unmglichkeit war, htte sich jeder sagen
knnen, der dessen konomische Lage und soziale Gliederung nur
einigermaen kannte. Woran das ganz berwiegend agrarische Ruland
zugrunde gerichtet wurde, das htte das so hoch entwickelte industrielle
Deutschland noch weniger ausgehalten. Der hher ausgebildete Organismus
ist gegenber Eingriffen der Gewalt in sein funktionelles Leben viel
empfindlicher als der tieferstehende. Immerhin wird man als Sozialist es
bedauern mssen, da die Periode der Regierung durch den Rat der
Volksbeauftragten, die ja doch der Sache nach gleichfalls eine Regierung
der Diktatur war, wenn auch, zu ihrer Ehre sei es gesagt, einer
freiheitlichen, durchaus human und weitherzig gehandhabten Diktatur, in
wirtschaftspolitischer Hinsicht nicht wirksamer ausgenutzt worden ist.
Man htte z.B. ohne nennenswerten Widerspruch aus den brgerlichen
Klassen, die froh genug waren, da es ihnen von seiten der zur
Herrschaft gelangten Arbeiterklasse nicht an den Kragen ging, und ohne
Schaden fr die Volkswirtschaft ein viel weitergehendes Anrecht des
Staates am Boden und den Bodenschtzen durch Verfgung festlegen knnen,
als es tatschlich geschehen ist. Aber in die Notwendigkeit gedrngt,
die Republik gegen die gewaltttigen Anstrme von links verteidigen zu
mssen, mit den vielen, keinen Aufschub duldenden Aufgaben belastet, die
ihr aus den Sorgen fr die Unterbringung und Auflsung des
zurckflutenden Millionenheeres, den unsicheren Zustnden im Osten und
Nordosten, den Waffenstillstandsforderungen der Siegermchte und vielen
inneren Verwaltungsangelegenheiten erwuchsen, kam sie innerhalb jener
knapp drei Monate whrenden Epoche um so weniger zur Beratung und
Ausarbeitung der fr eine solche, in Rechte verschiedenster Art
eingreifenden Verordnung, als ber die Abgrenzung der Rechte der
Gesamtrepublik und der Republiken gewordenen Einzelstaaten noch
weitgehende Meinungsverschiedenheiten herrschten und der Regelung durch
die verfassunggebende Nationalversammlung harrten.

Auerdem war sie gerade in bezug auf die Fragen der Umwandlung von
privatem in ffentliches Eigentum in ihren Entschlssen nicht frei. Nach
dem ganzen Gebahren der Siegermchte dem besiegten Deutschland gegenber
mute mit der Mglichkeit gerechnet werden, da diese sich im
Friedensvertrag fr bestimmte Flle ein Recht der Beschlagnahme
ffentlichen Eigentums vorbehalten wrden, und in der Tat ist das im
Versailler Friedensdiktat geschehen. Gleich der erste Artikel des
Abschnitts, der die Finanzfragen behandelt -- Artikel 248 --, setzt
fest, da die aus dem Diktat den Alliierten zugesprochenen Ansprche an
Deutschland als erste Last auf allen Vermgenswerten und
Einnahmequellen Deutschlands und der deutschen Bundesstaaten haften.

Mit dem Zusammentritt der am 19. Januar 1919 gewhlten
Nationalversammlung nahm die Regierung des ausschlielich aus
Sozialdemokraten bestehenden Rats der Volksbeauftragten ihr Ende. Nach
Annahme eines Gesetzes ber die vorlufige Reichsgewalt whlte die
Nationalversammlung zwar am 10. Februar 1919 mit 277 von 379Stimmen den
Sozialdemokraten Fritz Ebert zum Prsidenten der deutschen Republik, das
erste Kabinett aber war eine Koalitionsregierung aus 7Sozialdemokraten,
3Mitgliedern der Zentrumspartei, 3Mitgliedern der Demokratischen
Partei und einem der Demokratischen Partei nahestehenden parteilosen
Minister. Von da ab hat Deutschland nur Koalitionsregierungen gehabt,
die mit Ausnahme der Periode vom Juni 1920 bis Juni 1921, wo die
Regierung ausschlielich aus Vertretern brgerlicher Parteien bestand,
aus sozialdemokratischen und brgerlichen Ministern zusammengesetzt
waren. Es ist nicht undenkbar, aber nicht sehr wahrscheinlich, da die
Wahlen der nchsten Jahre eine Mehrheit von Sozialdemokraten in den
Reichstag bringen werden. Die Wahlen vom Juni 1920 zum ersten Reichstag
der Deutschen Republik haben im Gegenteil eine relative Abnahme der
sozialistischen im Verhltnis zu den brgerlichen Stimmen ergeben.
Whrend bei den Wahlen zur Nationalversammlung 13827000 sozialistische
gegen 16574000 brgerliche Stimmen abgegeben worden waren, war nun das
Verhltnis 10952000 sozialistische gegen 15065000 brgerliche Stimmen.
Von nahezu 45,50 vom Hundert war der Anteil der sozialistischen Stimmen
auf 42,1 vom Hundert zurckgegangen.

Da die strkste der sozialistischen Parteien in Deutschland, die
Sozialdemokratische Partei Deutschlands, krzer Partei der
Mehrheitssozialisten genannt, sich auf den Boden der Regierung durch die
auf Grund allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts der erwachsenen
Bevlkerung gewhlte Volksvertretung gestellt hat, wird, solange jenes
Stimmenverhltnis obwaltet, auf dem Wege der Gesetzgebung nur soviel
Sozialismus zu verwirklichen sein, fr wieviel es den Sozialisten
gelingt, auf dem Wege der Verstndigung oder der Demonstration die
Zustimmung der vorgeschritteneren Elemente der brgerlichen Parteien zu
erlangen.

Das braucht nicht notwendigerweise _wenig_ zu sein. Wie immer man sich den
vollendeten sozialistischen Zustand denkt, so kann doch niemand darber
im Zweifel sein, da er nicht mit einem groen Sprung erreicht werden,
sondern nur das Ergebnis einer ganzen Kette von Manahmen sein kann, die
in mehr oder weniger Zeit in Anspruch nehmenden Zwischenrumen zur
Durchfhrung gebracht werden. Das haben die groen Begrnder des
wissenschaftlichen Sozialismus bei verschiedenen Gelegenheiten
anerkannt. Keine dieser Manahmen aber wird, keine _darf_ unvertrglich
sein mit dem im betreffenden Zeitpunkt gegebenen Stand der
wirtschaftlich-sozialen Entwicklung. Ist sie es, dann wird sie eben
fehlschlagen und die Sozialisten, die sie forderten oder erzwangen, mehr
schdigen als die brgerlichen Parteien. Fr diejenigen Manahmen aber,
die mit dem erreichten Stand der wirtschaftlich-sozialen Entwicklung
vertrglich waren, haben sich, auch wenn sie noch so stark in die Rechte
und in die Machtsphre des Besitzes eingriffen, fast immer noch
bestimmte Flgel der nichtsozialistischen Parteien gewinnen lassen.

Es ist also ein sehr genaues Eindringen in die voraussichtlichen
Wirkungen wirtschaftlicher und sozialpolitischer Manahmen notwendig.
Die Zusammenstellungen sozialistischer Manahmen, welche Marx und Engels
bei verschiedenen Gelegenheiten -- am Schlu des Kommunistischen
Manifests, sowie als Programm der Forderungen der Kommunistischen Partei
in Deutschland nach Ausbruch der Revolution von 1848 -- fr den Fall der
Besitzergreifung der politischen Macht durch die Arbeiter ausgearbeitet
haben, knnen heute nur mit diesem Vorbehalt in Betracht gezogen werden.
Teile von diesen Forderungen sind durch brgerliche Bewegungen und
Parlamente zur Verwirklichung gebracht worden; andere setzen den Zustand
einer auf die Spitze getriebenen politischen Revolution und eine lngst
nicht mehr bestehende Einfachheit der Verhltnisse voraus und wieder
andere bergen Probleme, deren ihre Verfasser sich nicht bewut waren und
bei jener Einfachheit der Verhltnisse auch nicht sein konnten. Dahin
gehrt zum Beispiel die Forderung des Kommunistischen Manifests:
Zentralisation des Kredits in den Hnden des Staats durch eine
Nationalbank mit Staatskapital und ausschlielichem Monopol. Gegenber
dem hochentwickelten und weitverzweigten Kreditsystem unserer Zeit ist
sie von einer geradezu kindlichen Simplizitt. Ebenso die Forderung von
1848: Die Hypotheken auf den Bauerngtern werden fr Staatseigentum
erklrt, wo heute die Masse dieser Hypotheken in den Hnden
ffentlicher und halbffentlicher Institute (Sparkassen,
Versicherungsgesellschaft usw.) sind. Die Forderung des Kommunistischen
Manifests Abschaffung des Erbrechts ist von dessen Verfassern im
Programm aus der 1848er Revolution in Beschrnkung des Erbrechts
abgetnt, und spter nennt Marx sie in der Polemik gegen die Bakunisten
eine Saint-Simonistische Marotte. Mit dem Fortschritt der Gesellschaft
erhalten bestimmte Forderungen ein anderes Gesicht, mu der ihnen
zugrunde liegende Gedanke in anderer Form praktische Anwendung finden.
Es wird in der Arbeit fr sozialistische Verwirklichungen eine sehr viel
ausgearbeitetere Spezialisierung notwendig. Sie lt die Fortschritte,
die jeweilig gemacht werden knnen, kleiner erscheinen, als manche
frher vollzogenen, sie werden aber dafr auf bedeutend grerem Umfange
gemacht, als jene.

Nachdem durch die politischen Umwlzungen, die der Krieg im Gefolge
gehabt hat, die staatspolitischen Rechtsforderungen der Sozialdemokratie
in Deutschland und in den meisten anderen Lndern im wesentlichen zur
Verwirklichung gelangt sind, handelt es sich darum, den sozialistischen
Gedanken im Wirtschaftsleben zu immer strkerer praktischer Anwendung zu
bringen, Bestrebungen, fr die heute der Sammelbegriff _Sozialisierung_
gebraucht wird. Es liegt nahe, fr ihn das deutsche Wort
Vergesellschaftung zu setzen. Dieses sagt aber nicht ganz das Gleiche.
Bei ihm denkt man fast nur an die Umwandlung von privaten Unternehmungen
oder Gruppen von solchen in ffentliches und fr die Allgemeinheit
bewirtschaftetes Eigentum. Der Begriff Sozialisierung hat aber einen
weiteren Rahmen. Er findet auch Anwendung auf die Umwandlung von Rechten
auf die Unternehmung und ber ihren Betrieb. Und das ist fr das
vorliegende Problem von nicht geringer Bedeutung.

Fr die Umwandlung von Unternehmungen oder Industrien in
gesellschaftliches Eigentum war, von rtlichen Unternehmungszweigen
abgesehen, bisher die Verstaatlichung die gebruchlichste Form, bei der
es gleichgltig ist, ob der Staat Staat heit oder Reich. Welche
auerkonomischen Bedenken heute in Deutschland der Verstaatlichung
entgegenstehen, ward oben dargelegt; es nehmen aber auch aus anderen
Grnden nicht nur Bourgeoiskonomen, sondern auch Sozialisten Anstand,
der Verstaatlichung als allgemein anwendbar das Wort zu reden. Man trgt
Bedenken, die Industrie der Bureaukratisierung auszuliefern und mchte
auch nicht das Staatsbeamtentum ins Unbegrenzte vermehren.

Ganz unbegrndet sind diese Bedenken nicht. Was immer man der
kapitalistischen Produktion vorwerfen kann, eines bleibt unbestreitbar
und ist auch von Marx rckhaltlos anerkannt worden: sie war ein
gewaltiger Faktor des technisch-konomischen Fortschritts, der
konomisierung von Material und Arbeit. Es wird nun bezweifelt, da die
bureaukratisierte Produktion das gleiche leisten wrde -- nicht nur,
weil bei ihr der Antrieb zu durchgreifenden Verbesserungen der Technik
nicht der gleiche ist, sondern auch weil der Wagemut des Unternehmers in
Wegfall kommt. Es ist nicht, wie man in sozialistischen Kreisen
angenommen hat, die Gre der Unternehmung, bzw. des Betriebes, die ber
deren Reife zur Sozialisierung entscheidet. Marx spricht im zitierten
Kapitel seines Hauptwerks von dem Punkt, wo die Konzentration der
Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit unvertrglich
werden mit ihrer kapitalistischen Hlle. Aber dieser Punkt ist
keineswegs in allen Produktionszweigen der gleiche. Es kommt daher
heute, wo wir diesen Dingen nher stehen, durchaus darauf an, objektive
Merkmale fr die Eignung von Wirtschaftsunternehmungen zur
Sozialisierung und fr die besten Formen dieser zu suchen. Manches ist
in dieser Hinsicht schon geschehen. Der aus der Praxis gekommene
Stadtbaurat Alphons Horten, der sechs Jahre Direktor im Thyssen-Konzern
und dann Leiter der groen de-Wendel-Werke war, gibt in seiner sehr
lesenswerten Schrift Sozialisierung und Wiederaufbau an der Hand
praktischer Erfahrung eine Klassifizierung der Unternehmungen unter dem
Gesichtspunkt der Eignung zur Sozialisierung und zeigt auf, was
geschehen kann, bei dieser die bel der Bureaukratisierung zu vermeiden.
Magebend ist nach ihm die Frage, ob der in Frage kommende
Produktionszweig schon in das Stadium angelangt ist, wo die Leitung im
wesentlichen nur noch Routinewerk ist und bahnbrechende Neuerungen
unwahrscheinlich geworden sind oder nicht. Ein anderes Merkmal ist nach
der Ansicht des Schreibers dieses in der Natur des Erzeugnisses gegeben,
ob es einem groen, in weiten Kreisen gleichmig vorhandenen Bedrfnis
dient bzw. einen von Geschmack und Mode unabhngigen Absatz hat oder
nicht. So da also die Industrien der ersten Bearbeitung der Rohstoffe
und die der Halbfabrikate zur Sozialisierung geeigneter erscheinen
wrden als die der Fertigfabrikate, wofr auch spricht, da sie in viel
hherem Grade der Konzentration in Grounternehmungen verfallen sind als
die letzteren. Ein Beispiel dafr liefert die Textilindustrie, wo die
Spinnerei ungleich strker zentralisiert ist als die Weberei und
Wirkerei.

Es ist also nicht unmglich, die Vorbedingungen fr eine
wissenschaftlich-systematische Stufenfolge der Sozialisierungen zu
ermitteln, die das Problem aus der Sphre der kritiklosen
Experimentiererei herausheben und Fehlgriffen vorbeugen wrde. Das
Gleiche gilt hinsichtlich der Stufen der Sozialisierung. Es kann auf
vielen Gebieten sich als notwendig erweisen und ist auch sehr wohl
mglich, diese letztere gradweise in die Wirklichkeit umzusetzen. Worum
handelt es sich berhaupt bei ihr? Ihr Zweck lt sich zusammenfassend
kennzeichnen als die Erzielung spezifisch wirtschaftlicher und allgemein
sozialer Wirkungen sowie die nderung des Rechtsverhltnisses der in der
Wirtschaft ttigen Menschen. In erster Hinsicht zielt sie ab auf die
grte Produktion von materiellen Gtern unter der grtmglichen
konomie an Sachwerten und menschlicher Arbeit; in zweiter auf
die mglichst umfassende Durchfhrung des Grundsatzes der
Genossenschaftlichkeit im Arbeitsproze und bei der Regelung des
Entgelts der Arbeit sowie um die Hebung der Rechtsstellung der als
Angestellte und Arbeiter in der Wirtschaft ttigen Personen. Alle
tiefgreifenden Manahmen der Gesetzgebung und Verwaltung, die auf die
Verwirklichung dieser Ziele gerichtet sind, gehren zum Bereich der
Sozialisierung. Die Sachkundigen stimmen nun darin berein, und die vom
sozialistischen Rat der Volksbeauftragten zusammengesetzte
Sozialisierungskommission erklrte in ihrem ersten Bericht ausdrcklich,
sie sei

  ...sich bewut, da die Vergesellschaftung der Produktionsmittel nur
  in einem lnger whrenden organischen Aufbau erfolgen kann,...

und nachdem sie festgestellt hatte, da die erste Voraussetzung aller
wirtschaftlichen Reorganisation die _Wiederbelebung der Produktion_ sei
und die wirtschaftliche Lage Deutschlands gebieterisch die
Wiederaufnahme der Exportindustrie und des auswrtigen Handels
erfordere, verkndete sie es des weiteren als ihre Ansicht,

  ...da fr diese Wirtschaftszweige die bisherige Organisation
  gegenwrtig noch beibehalten werden mu. Ebenso erfordert die
  Ingangsetzung der Industrie die Aufrechterhaltung und Erweiterung des
  Zirkulationskredits und damit die ungestrte Funktion der
  Kreditbanken...

Auch werde im Interesse der Lebensmittelversorgung nicht vorgeschlagen
werden, in die bisherigen Besitz- und Betriebsverhltnisse der
buerlichen Verhltnisse einzugreifen. Hier solle durch der
Landwirtschaft angepate Manahmen und durch Untersttzung der
Genossenschaften die _Produktivitt gehoben_ und die _Intensitt
gesteigert_ werden.

Die gesperrt gesetzten Worte weisen auf das oben als spezifisch
_wirtschaftlichen_ Zweck der Sozialisierung Gekennzeichnete hin.

Im gewhnlichen Verlauf der Dinge wird in der kapitalistischen
Wirtschaft die Intensivierung und die hhere Produktivitt der Arbeit
durch den Druck der Konkurrenz erwirkt, welche die Unternehmer einander
im Kampf um den Markt bzw. den Absatz machen. Die Methoden, mittelst
deren sie erzielt werden und die zuletzt nichts weiter sind als
Ersparung von menschlicher Arbeit, sind von Marx im Kapital in den
Kapiteln ber den Kampf um den Mehrwert geschildert, denn der Kampf um
den Markt ist ein Stck des Kampfes um den Mehrwert. Nicht unter allen
Umstnden aber tritt jenes Resultat ein. Wo sich Monopolverhltnisse
entwickeln, und die sind berall vorhanden, wo die Nachfrage nach Waren
das Angebot bersteigt, nimmt der Drang der Unternehmer nach
Intensivierung der Arbeit entsprechend ab und kann unter Umstnden
einschlafen. Die Folgen sind Teuerung der Waren und Notstand in weiten
Kreisen der Bevlkerung, so da die Fragen der Steigerung der
Produktivitt beziehungsweise der Intensivierung der Produktion
Gegenstnde eines hohen sozialen Interesses werden. Zeichen davon sind
in verschiedenen Gegenden als Nachwirkungen des Krieges zu verspren.

In Deutschland haben die Pflichtleistungen an die Siegermchte
ebenfalls die Ersparung von Arbeit zu einem sozialen Interesse gemacht.
Nun sind jedoch hier infolge des Warenmangels Unternehmungen noch
rentabel, die tatschlich in bezug auf Gre und Einrichtungen hinter
der Durchschnittshhe der Produktionsentwicklung zurckgeblieben sind.
Ihr Fortbestand heit also volkswirtschaftlich Vergeudung von Arbeit
durch Produktion unter rckstndigen Arbeitsmethoden und Vergeudung von
Arbeit durch unntige Zersplitterung der Produktionssttten. Um ihr
entgegenzuwirken, sind Vorschlge zu einer Umorganisierung der
Volkswirtschaft ausgearbeitet worden, fr die der Name _Planwirtschaft_
gewhlt worden ist und die ins Gebiet der Sozialisierung gehren.

Der Gedanke der Planwirtschaft knpft an Manahmen an, die in der
Kriegszeit im Angesicht der wirtschaftlichen Kriegsnotwendigkeit auf
Anregung und nach ausgearbeiteten Plnen des ideenreichen
Groindustriellen Walter Rathenau und des Sozialkonomen Wichard von
Mllendorf behrdlich angeordnet wurden und in der groen Industrie von
kartellierten Produktionsgruppen unter Beibehaltung kapitalistischer
berschuwirtschaft mit dem amerikanischen Trust als Vorbild
durchgefhrt worden sind. Es sollen auf Grund reichsgesetzlicher
Vorschrift Verbnde von Unternehmern ganzer Produktionszweige ins Leben
gerufen werden, die nach Orten und Bezirken organisch zu gliedern sind
und in deren Leitung die Allgemeinheit, die Unternehmer und die Arbeiter
und Angestellten durch ernannte oder gewhlte Vertrauenspersonen
vertreten sind. Diese Leitungen sollen auf Organisation, Gliederung und
Gebahren der Industrie einen weitgehenden Einflu im Sinne mglichster
sozialer konomie ausben, und ihre Zentralen sollen die Einfuhr und
Ausfuhr, unter dem Gesichtspunkt der Dringlichkeit des Bedarfs und der
allgemeinen Wirtschaftslage Deutschlands, regelnden Vorschriften
unterwerfen. Sie sollen das Recht haben, unntze Zwischenglieder der
Wirtschaft auszuschalten und auf alle Verbesserungen in der Organisation
der Produktion und den Arbeitsmethoden hinzuwirken, die dem Zweck der
mglichsten Senkung der Preise dienen. Sie sollen durch Feststellung von
Tarifvertrgen und ergnzende Verordnungen solche Arbeitsbedingungen
herbeifhren, die das Arbeitsverhltnis mglichst zufriedenstellend
gestalten.

Gegen diesen Plan, den Rudolf Wissell, der erste sozialdemokratische
Wirtschaftsminister der Deutschen Republik, zu einem umfassenden System
ausgearbeitet hat, sind auer von brgerlichen Theoretikern und
Interessenten auch von sozialistischer Seite scharfe Einwnde erhoben
worden. Vor allem wird ihm vorgeworfen, da er den kapitalistischen
Unternehmer beibehalte und mglicherweise in der Praxis sogar dessen
Macht noch verstrken werde. Er stehe der so dringend notwendigen
Vollsozialisierung von Industrien allgemein gebrauchter Rohstoffe, wie
Kohle und Eisen, im Wege und knne sehr leicht das Wirtschaftsleben
schdigende bureaukratische Verfgungen und Eingriffe zchten.

Die Mglichkeit solcher Migriffe ist nicht ganz ausgeschlossen, aber
bei der vielseitigen Zusammensetzung der Leitungen sind sie nicht allzu
wahrscheinlich, auch wrden Verfgungen, welche sich als nachteilig
erweisen, unschwer abzundern sein. Ebenso ist nicht abzusehen, warum
und wie die Verbnde bei demokratischer Zusammensetzung und der im Plane
liegenden bestndigen ffentlichen Kontrolle die Macht der
kapitalistischen Unternehmer noch strken sollen. Es kommt ganz auf ihre
Zusammensetzung an, ob der dies behauptende Einwand sich als
gerechtfertigt erweisen wrde oder nicht, der dem Plan zugrunde liegende
Gedanke wird durch ihn nicht widerlegt. Das Gleiche gilt von dem
Einwand, da die planwirtschaftliche Organisation und Regelung von
Produktion die Vollsozialisierung von Kohle, Eisen usw. aufhalten oder
gar verhindern wrde. Die Widerstnde, mit denen diese zu kmpfen hat,
erweisen sich als nicht geringer, wo wir die planwirtschaftlichen
Verbnde oder etwas ihnen Nahekommendes nicht haben.

Und Deutschland wird etwas dieser Art haben mssen. Die
weltwirtschaftlichen Bedingungen seiner Volkswirtschaft und die auf ihm
lastenden finanziellen Verpflichtungen machen es ihm unmglich, lngere
Zeit bei dem Zustand der wilden Konkurrenzanarchie zu verharren, der der
Beseitigung der Zwangseinrichtungen der Kriegsjahre und der ersten Jahre
der Nachkriegszeit gefolgt ist. Zur Zeit, wo dieses geschrieben wird,
hlt der niedrige Stand seiner Whrung seine Ausfuhr und rckwirkend
seine Produktion auf solcher Hhe, da es im Gegensatz zu den Lndern
mit hoher Valuta so gut wie keine Arbeitslosigkeit kennt. Jedoch geht
eines nach dem anderen jener Lnder dazu ber, Zuschlagszlle und andere
Schutzmanahmen gegen die Konkurrenz der Lnder mit tiefer Valuta
einzufhren, und je mehr sich diese Manahmen verallgemeinern, wie das
zum Beispiel in den Vereinigten Staaten schon durch Gesetzgebungsakte
eingeleitet ist, um so mehr wird der aus der niedrigen Valuta
erwachsende Vorteil schwinden, whrend der Nachteil der erschwerten
Beschaffung von vollwertigen Zahlungsmitteln fr den Ankauf von
Rohstoffen, die Deutschland nicht selbst erzeugt, und fr die Zahlung
seiner Auslandsverpflichtungen bleibt. Der bergang zu durchgreifenden
Manahmen fr die strkere konomisierung seiner Volkswirtschaft wird
dann Gebot der Selbsterhaltung, und wenn man sie nicht den
Zuflligkeiten und Grausamkeiten des kapitalistischen Konkurrenzkriegs
berlassen will, wird man zu Manahmen schreiten mssen, wie sie in den
Entwrfen zur Planwirtschaft vorgezeichnet sind, wenn auch vielleicht
nicht ganz so schematisch. Diese Manahmen nun werden, wenn sie im
vorentwickelten Geist in die Hand genommen werden, zwar nicht _den_
Sozialismus, wohl aber ein bedeutsames Stck Sozialismus verwirklichen.
Denn sie bedeuten jedenfalls einen wichtigen Schritt vorwrts zur
gesellschaftlichen Regelung der Produktion und Erhebung der Arbeiter zur
Mitbestimmung im Wirtschaftsorganismus. Sie knnen so elastisch
gestaltet werden, da sie der Initiative der Persnlichkeit in der
Wirtschaft dort, wo sie erhaltenswert ist, das heit, wo sie
schpferisch wirkt, einen weiten Spielraum lassen und die
Vollsozialisierung der zu dieser berufenen Produktionszweige nicht
hindern, sondern im Gegenteil erleichtern.

Zu Reformen in der Richtung der Gemeinwirtschaft zwingt ferner der so
gewaltig gestiegene und noch andauernd steigende Finanzbedarf von Reich,
Staaten und Gemeinden. Man hat sich in sozialistischen Kreisen oft darin
gefallen, die ffentliche Bewirtschaftung von Wirtschaftszweigen, sobald
sie mit Erzielung von berschssen verbunden war, kurzerhand Staats-
oder Gemeindekapitalismus zu nennen, und wo letztere der einzige oder
der alles beherrschende Zweck der Sache war, war der Name auch
gerechtfertigt. Aber er verliert diese Berechtigung in dem Mae, als bei
solchen Unternehmungen der ffentliche Nutzen leitendes Motiv ist und in
bezug auf die in ihnen Beschftigten das soziale Moment in den
Vordergrund tritt, die Erzielung von berschssen dagegen nur noch durch
grere konomie auf technischem Gebiet erstrebt wird, wie das heute
immer strker der Fall ist. Dann ist die zunehmende Verwandlung von
Privatunternehmungen in ffentliche Betriebe zwar auch wiederum nicht
_der_ Sozialismus, wohl aber jedesmal ein Schritt auf seinem Wege. Und
diese mssen und werden sich mehren.

Der Finanzbedarf der Republik ist so gro geworden, da er durch eine
Mischung von direkten Steuern der alten Gattung mit Verbrauchssteuern
und Verkehrsabgaben schwerlich noch lnger wird gedeckt werden knnen.
Aus diesem Grunde und weil die Besitzer von Sachwerten -- von Grund und
Boden, Fabriken, Geschftsanlagen usw. -- durch den Fall der Valuta
ungeheure Gewinne auf Kosten der Allgemeinheit gemacht haben, ist der
Ruf nach direkter Erfassung der Sachwerte durch das Reich laut geworden
und wird ganz besonders von der Sozialdemokratie mit Energie vertreten.
Die Republik soll Miteigentmerin an den Sachwerten in der Weise werden,
da ihr durch Verschreibungen ein bestimmter Anteil an deren
Jahresertrgen sichergestellt wird. Eine Manahme, die sie unter
gewissen Voraussetzungen in den Stand setzen wrde, durch Hinterlegung
dieser Verschreibungen in der Reichsbank als Deckung fr ihre schwebende
Schuld bzw. Notenausgabe eine bedeutende Hebung ihrer Valuta
herbeizufhren, die aber zugleich auch ihr einen genaueren Einblick in
die Finanzgebahrung der Unternehmungen verschaffen und auf diese Weise
ihre Kontrollmglichkeiten steigern wrde. Es sind das Grnde, welche
den groen, man knnte sagen, verzweifelten Widerstand erklrlich
machen, den Grundbesitzer und Kapitalisten aller Gattungen der Forderung
entgegensetzen, die aber ihre Verwirklichung den Sozialisten um so
erstrebenswerter erscheinen lassen. Denn man kann es, weil sie Gebot der
Notwendigkeit ist, offen sagen, auch sie birgt ein Stck Sozialismus,
und zwar ein um so bedeutungsvolleres, weil sie auf dem ganzen Gebiet
der Volkswirtschaft sich sozial vorteilhaft auswirken wrde, ohne darum
das legitime Geschft irgendwie zu beengen.

Der Umkreis der Anwendung des sozialistischen Gedankens beschrnkt sich
selbstverstndlich nicht auf die Wirtschaftsfragen im speziellen Begriff
des Wortes und die mit ihnen verbundenen Eigentumsfragen. Er umfat den
ganzen Fragenkomplex, der fr die Hebung der materiellen Wohlfahrt, der
Erzielung der hchstmglichen geistigen und sittlichen Kultur und der
dieser entsprechenden Rechtsgestaltung von Bedeutung ist. Auch hier
handelt es sich um Neuerungen, die, einzeln genommen, nicht schon
Sozialismus sind, sondern es durch den Geist, der sie erfllt, und ihren
Zusammenhang mit vielen, vom gleichen Geist diktierten Reformen werden.
Vom Schulwesen in allen seinen Abstufungen angefangen bis zu den
weitverzweigten Gebieten der Sozialpolitik, der Rechtsgestaltung, der
sozialen Hygiene und der Kulturpolitik ist es dem Sozialismus
vorbehalten, Reformen zu verwirklichen, an welche die brgerlichen
Regierungen und Klassen bisher gar nicht oder nur in Ausnahmefllen
herangetreten sind.

Um nur von der Sozialpolitik zu reden, so hat in Deutschland die
Revolution vom November 1918 in der Epoche der politischen Herrschaft
der Sozialdemokratie neben anderen bedeutsamen Erweiterungen des
Arbeiterschutzes die Verkndung des gewerblichen Hchstarbeitstages von
acht Stunden gebracht, und wieder knnen wir uns auf Karl Marx berufen,
wenn wir diese Reform einen Fortschritt zum Sozialismus nennen. Noch
hheren Anspruch hat auf diesen Namen das Betriebsrtegesetz vom
4.Februar 1920. Dieses von der gesetzgebenden Nationalversammlung, in
der noch der belebende Hauch der Novemberrevolution nachwirkte,
geschaffene Gesetz gibt den Arbeitern und Angestellten Rechte im
Betriebe, die man zur Zeit, wo Karl Marx schrieb, fr unmglich gehalten
htte. Es ist allerdings nicht vollkommen, und seine Rckwirkungen auf
die Ertrge der Volkswirtschaft lassen sich noch nicht vllig bersehen.
Aber eines ist sicher und wird in der Praxis auch von denjenigen
Arbeitern anerkannt, die es unter dem Einflu einer bestimmten Agitation
bei seiner Schpfung bitter bekmpft haben: es ist ein Stck
Sozialpolitik, das, wie kein zweites, den Arbeitern und Angestellten die
Mglichkeit erffnet, aus Hrigen des Gewerbes zu Teilhabern oder
Genossen im sozialrechtlichen Begriff des Wortes zu werden.
Zustandekommen konnte es indes eben nur durch die Erkmpfung der
demokratischen Republik. Diese Republik ist gewi nur erst der
juristische Hebel zu konomisch-sozialer Befreiung und noch nicht diese
selbst. Aber in einem industriell so vorgeschrittenen Lande wie
Deutschland, mit einer so entwickelten, politisch und wirtschaftlich so
stark organisierten Arbeiterschaft kann dieser Hebel nur in der Richtung
zum Sozialismus wirken. Daran ndert der Umstand nichts, da es nicht
nach einer auf alles passenden Formel, da es nicht auf dem ganzen
Gebiet des sozialen Lebens mit einem Male sich durchsetzt.

Vor jetzt 36Jahren, im Jahre 1885, schrieb der Verfasser dieses im
Zusatzkapitel zu der von Jules Guesde und Paul Lafargue verfaten
Erklrung der Marxschen Einleitungsstze des Mindestprogramms der im
Jahre 1880 gegrndeten Arbeiterpartei Frankreichs:

  Gewhne man sich nur ab, von einem vollendeten Zukunftsstaat zu
  trumen, sondern halte man an der Erkenntnis fest, da es einer
  geraumen Zeit der Entwicklung bedarf, bis das Prinzip des Sozialismus
  sich auf allen Gebieten des sozialen Lebens Bahn gebrochen haben wird.

  Spekulativ, in ihrem Kopf, haben zu allen Zeiten sich einzelne
  Menschen ber gewisse bergangsstadien hinweggesetzt. Aber noch stets
  hat die Praxis solchen Phantasten einen Strich durch die Rechnung
  gemacht.

  Vages Trumen ist der Todfeind alles konkreten Denkens. Letzteres aber
  ist es, was der Arbeiterklasse nottut. Ohne konkretes Denken keine
  Erkenntnis der tatschlichen Verhltnisse, und ohne diese kein
  planmiges Zielbewutsein, zielbewutes Handeln, das Haupterfordernis
  der Befreiung der Arbeiterklasse.

In viel hherem Grade als ich es damals ahnte, haben diese Stze sich
als berechtigte Mahnung erwiesen, und es wre noch manches
hinzuzusetzen. Lie doch meine sozialkonomische Erkenntnis noch viel zu
wnschen brig. Auf Grund sehr berschtzter Erscheinungen im
Wirtschaftsleben hielt ich West- und Mitteleuropa fr der Verwirklichung
des Sozialismus viel nher, als sie tatschlich waren, und den Weg der
Verwirklichung fr viel einfacher, als er tatschlich ist. Die Erfahrung
hat uns belehrt, da die Entfernung eine bedeutend grere war, der Weg
aber ganz und gar nicht einfach, berhaupt nicht schlechthin Ein Weg
ist.

Aber wir haben keinen Grund, darum etwa kleinmtig zu sein. Ich darf es
wohl sagen: wenn ich zurckblicke auf das, was damals war, und es mit
dem vergleiche, was heute ist, dann sehe ich erst, welch groer, welch
gewaltiger Fortschritt in der fr das Leben von Vlkern doch
verhltnismig kurzen Spanne Zeit sich vollzogen hat. Der Weg ist nicht
so einfach, wie er damals erschien, aber der Krfte, die an seiner
berwindung arbeiten, sind in noch ganz anderem Grade mehr als damals.

Von den verschiedensten Seiten her, unter Anwendung sehr
verschiedenartiger Mittel und Methoden arbeitet ein mehr als zwanzigmal
greres Heer von Arbeitern aller Art, als damals an der Verwirklichung
des Sozialismus. Das, was jeder einzelne zum Ganzen hinzufgt, erscheint
klein im Verhltnis zur Gre des zu verrichtenden Werkes, und der
Fortschritt des Tages geringfgig im Verhltnis zum Stand vom Tage
vorher. Nur erst, wenn wir von einem gewissen Abstand her ihn messen,
von dem aus wir das Ganze berschauen knnen, erkennen wir den
vollzogenen Fortschritt. Mit dem Traum von dem groen Sprung geht uns
aber nichts verloren, was des Bewahrens wert wre. Junge, schwache
Bewegungen mgen seiner bedrfen, um auf dem weiten Weg, der noch keine
sozialen Erfolge verspren lt, den Mut nicht zu verlieren. Starke,
gereifte, zu schpferischem Wirken gelangte Bewegungen haben seiner
nicht ntig. Er kann ihnen im Gegenteil nur schaden. Denn ihnen wird
falsches Messen um so verhngnisvoller. Fr sie behlt im hohen Grade
das oft mibrauchte Wort des Dichters volle Berechtigung:

    Vergebens werden ungebund'ne Geister
    Nach der Vollendung reiner Hhe streben;
    Wer Groes will, mu sich zusammenraffen.

Erstarkte Bewegungen gewhnen sich daran, von ihren Zielen jeweilig
nur das auf gegebener Stufe der Entwicklung Mgliche fr den
unmittelbaren Kampf ins Auge zu fassen. In dieser konomie des _Wollens_
aber liegt die sicherste Gewhr der _Erreichung des Gewollten_.



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