Im grnen Tann


Schwarzwaldnovellen


von Arthur Achleitner




Berlin

Verein der Bcherfreunde

Schall & Grund




Inhalt

Die Herzogskerze
Giftklrle
Der Pelagier




Die Herzogskerze




ber den "toten Bhl", einen Teil der Hochebene im sdlichen
Schwarzwald Badens, braust der Herbstwind in langen Sten; es seufzt
der Tann in den niederen Lagen, oben aber auf der kahlen Hhe chzen die
wenigen alten knorrigen Buchen und am einsam ragenden Kruzifix bebt die
Holzfigur des Heilandes, nachdem Regen und Wind die Holzngel gelockert
und die Befestigung mrbe gemacht haben. d und rauh, unwirtlich ist
dieser Strich badischen Schwarzwaldlandes, den der Volksmund selbst
bezeichnend den "toten Bhl" nennt, weil die Hgelreihe wahrhaftig an
den Tod der Natur gemahnt, heimgesucht von scharfem Westwind und
hufigem starken Schneefall, der schon auf die alten Strohdcher der
Walddrfer fllt, wenn drben am glitzernden Rhein, im sonnigen Garten
des badischen Unterlandes Wiesen und Matten noch im sptsommerlichen
Glanze prangen. Einzelne Gemarkungsnamen verraten nur zu deutlich die
Selbstkritik der Wldler ber ihre engste, selten verlassene Heimat;
hier heit ein Wiesengrund das "elende Lchle", dort eine
felsendurchsetzte, von Bergfhren umwucherte Flche das "de Land". Und
verschlossen, rauh wie seine Heimat ist auch der Hauensteiner in dieser
alten Gemarkung mit seiner zhen Anhnglichkeit an die alten Zeiten, an
die sagenhaften alten "Handfesten und Privilegy" des Grafen Hans, an sie
Einung und mittelalterliche Reichsunmittelbarkeit mit ihren schweren
Kmpfen gegen Obrigkeit und neues Recht. "Hotzen" heien die Bewohner
des Hauensteiner Waldgrundes nach ihrer knstlich geflteten Pluderhose,
die oft zehn bis zwlf Ellen Tuch beansprucht, wenn die nach Geschmack
und Brauch der stmmigen alemannischen Wldler sein soll. Der ber die
unwirtlichen Hhen brausende Wind erzhlt den Wldlern manches von
goldener Freiheit, die auf den herberblinkenden Schweizer Bergen
herrscht, er singt in kraftvoller Weise von Unabhngigkeit, wie sie in
den Urkantonen des Nachbarlandes gedeiht; nichts aber dringt herein in
den Tannichtschatten und in das Waldesweben von neuer, anderer Zeit, und
unberhrt bleibt der Hauensteiner vom Getriebe einer fremden Welt.

Immer schrfer blst der Wind aus West; schwarzgrau verhangen ist das
Firmament, schon wirbeln einzelne Flocken ber den "toten Bhl" als
Vorboten des frhen Winters mit seiner unerbittlich strengen Herrschaft,
so er sich einmal eingenistet hat im den Waldstrich, der hochgelegenen
Heide und in den wuchtigen Steinfeldern. Immer dringlicher rttelt der
Wind an den mchtigen moosumwucherten Strohdchern des einsam im "toten
Bhl" liegenden Drfchens Hochschr, als will er der Bedachung Stcke
entreien und fort in die Lfte fhren, den armen Wldlern zum Trutz.
Besonders wtet die Windsbraut um das einsam seitwrts dem Drflein
stehende Wirtshaus, dessen vergilbtes Schild kaum noch erkennen lt,
da einst die drei Knige aus dem Morgenland Schutzpatrone fr zechende
Hotzen gewesen sind. Die Hochschrer haben denn auch vllig auf die
morgenlndischen Wirtshausknige vergessen und lieber dem daneben
stehenden abgeworbenen Lindenbaum zu Ehren die weltverlassene Raststtte
zum "drren Ast" benamset, wo ein Suerling verabreicht wird, der selbst
grimmig verrissene Schuhe wieder zusammen zu ziehen in der Lage ist. Das
sturmumtoste Wirtshaus ist geflickt, wo man es nur betrachtet; geflickt
durch eingefgte Strohbscheln das uralte verwitterte Dach, geflickt die
eingedrckten Fensterscheiben durch Papierverklebung; die Thren zeigen
ghnende Lcher, durch welche der Hhenwind wohl luftig pfeift und den
Qualm des Herdfeuers vergnglich durch den Flur jagt bis hinter zum Tenn
und durch das wackelige Scheuerthor hinaus auf die "Einfahr". Grimmig
grhlt und rttelt der Sturmwind am Hausgert im "Schild", im freien
Raum, der noch vom vorgehenden Dach berwlbt ist; doch mag es hier
knattern und krachen, chzen und poltern, das Getse lockt weder den
Wirt zum "drren Ast", noch sonst einen Inwohner aus dem Hause hervor,
und das Streulaub kann im tollsten Getriebe um das Haus wirbeln, niemand
wird den Hausen etwa mit Tannicht biegen oder mit Steinen beschweren, um
einer Entfhrung vorzubeugen. Streitpeterle, der Wirt zum "drren Ast"
hat wichtigere Dinge im Kopf, als sich um solche geringfgige Sachen zu
kmmern; er hockt drinnen in seiner Stube und brtet nach ber eine
Angelegenheit, die sein Sohn ihm heute morgen brhwarm aus Waldshut
hinterbrachte, so eine vertrakte Neuerung, wie sie in letzter Zeit
mehrfach die Wldler berraschten und zum sinnieren veranlagten. Mit Amt
und um eine Sache "uszuprobyre" auch mit dem Hofgericht zu Freiburg zu
prozessieren, ist fr den alten Peter eine Kleinigkeit und ob seiner
Prozelust, die sein Hab und Gut allmhlich aufgesaugt, hat der "drre
Ast"-Wirt auch den Vulgrnamen "Streitpeterle" wegbekommen, was ihn
diesmal stumm und nachdenklich macht ist die Botschaft, da die
Regierung eine Feuerschauordnung verfgt und angeordnet haben solle, da
durch bestellte Schornsteinfeger die Kamine selbst in den Walddrfern
und Eindhfen untersucht und gekehrt werden mssen. Peterle hatte
anfangs seinen flachshaarigen Buben, den zwanzigjhrigen Jakble mit
weit ausgerufenen Augen und offenem Mund angestarrt, ohne ein Wort aus
dem Schlund zu bringen. Fr ihn war die Neuigkeit so berwltigend, als
wenn Jobbeli etwa gemeldet htte, der "Salpeterhannes" sei wieder
lebendig geworden und habe die Einung zu den Waffen gegen die
vordersterreichische Regierung gerufen, wiewohl Haus Albiez schon an
die achtig Jahre im Grabe ruht.

In einem Schwarzwaldhaus, in einem Einungsgehft die Esse kehren! Und
noch dazu bei Peter Gottstein, der sich aufs Protestieren und
Prozessieren besser versteht als all' die gelahrten Herren von Freiburg
bis Mannheim! Aber es wird nichts daraus! Hat der alte Gaugraf Hans von
Hauenstein keinen Rauchfangkehrer gehabt, so kann der Streitpeterle
solchen um vier Jahrhunderte spter auch entbehren, zumal auch erst
ausprobyret werden mu, ob die Appenzeller und Graubndener ihre Kamine
fegen lassen oder ob sothane Verfgung ein uralte Rechte verletzender
Eingriff der Regierung sei, welch' letztere den Hotzen nichts zu
befehlen habe. Also sinniert Peterle vor sich hin und schiebt von Zeit
zu Zeit die schwielige Rechte in sein buschiges Grauhaar, wie wenn er
seinen Gedanken oben an der Schdeldecke Luft machen wollte. Und
zeitweilig knurrt er und beit die Zahnstumpen aufeinander. Dann springt
er auf, schreitet auf ein Regal aus Tannenholz zu, in dem sich
feinsuberlich geordnet dicke Aktenste befinden und trgt nun Fascikel
um Fascikel auf den rohgefgten Tisch, um nachzuschlagen, ob sich
darinnen etwas vorfinde, worein man sich zu einem krftigen Protest
einhngen knne. Aber soviel Peter auch blttert in den Schriften,
Nummer um Nummer durchnimmt, es findet sich nichts von Schlotfegerei.
Gerichtsbeschlsse, alte Hofentscheide von Grovaterszeiten her,
unangenehme Sachen mit ihren Erinnerungen an die unglcklich verlaufenen
Salpetererkriege und Prozeakten, kostspielige Schriftstcke, die Peters
schnste Khe und cker verschlungen und ihn schier arm gemacht haben.
Und nach Durchsicht seiner Registratur kommt Peterle folgerichtig in
seinem Gedankengang zu dem Schlu: "Enthalten seine wohlgeordneten Akten
nichts von einer Feuerbeschau und Schlotfegerei, so knne sothane
Verordnung unmglich Rechtens sein." Und daher nimmt Peter einen Bogen
Kanzleipapier, taucht die verstaubte Feder in die halb eingetrocknete
Tinte und kritzelt mit dem knisternden Gnsekiel nieder: "Beschlu! Von
einer Verpflichtung, meinen Kamin durch ein fremdes Organ fegen zu
lassen, findet sich in den Akten seit Grovaters Zeit her nichts vor,
war auch niemals Brauch im Hauensteinschen Land. Daher wird sothaner
Neuerung die Zustimmung verweigert und jeder fremde Schlotfeger
hinausgeworfen, so er sich heraufwagt. Auch wird ihm Atzung und Trunk in
der Gaststube nicht verabreicht. Gegeben am Evaristustage Anno 1805.
Peter Gottstein."

Mit vieler Mhe hat Peterle diesen "Beschlu" zu Papier gebracht und
sodann seinen Akten beigegeben. Frmlich erleichtert erhebt er sich,
bringt die Fascikel wieder Nummer fr Nummer in das Regal und spricht
vor sich hin: "Und nun soll es Einer probyre, der Peterle wird zu handle
wisse bi Gott!"

Im selben Augenblick wird die Thre geffnet und ein zierlicher
Mdchenkopf luegt herein. Es ist des Wirtes Thrinele, die beim Anblick
des Vaters und der Akten erschrocken stammelt: "Aber tti, schon wieder
hascht mit den alten Papieren zu schaffen?"

"Das hat dich nichts zu kmmern, Thrinele! Auch verstehst du davon
nichts! Das ist meine Sache, die ich ausprobyre werde bis zur letzten
Instanz!" Thrinele ist vllig in die Stube getreten und schreitet wie
das Bachstelzlein auf den Vater zu, auf dessen Arm sie ihre Rechte legt
und schmeichelnd bittet, es mge tti durch neues Prozessieren nicht
sich und alle vllig ins Unglck bringen. Zugleich sucht das schmucke
Mdel durch vorsichtiges Fragen herauszukriegen, was denn abermals die
Prozelust des streitschtigen Vaters geweckt habe. Peter poltert denn
auch rasch heraus, da aus der behrdlichen Schlotfegerei nichts werde,
so lange er seine Arme rhren und auf den Beistand der gleichgesinnten
Bhler rechnen knne.

Thrinele vermag nicht sogleich zu erfassen, worum es sich aufs neue
handle und fragt: "Schlotfegerei, was soll das bei uns? Das isch in
unserer Gegnig (Gegend) nit Brauch gsi!"

"Der alte Graf Hans wird sich im Grabe umdrehen, wenn er vernehmen
knnte, was fr Neuerungen es giebt auf dem Wald! Aber es wird solche
bei Gott nicht nicht geben! Noch leben treue Anhnger der heiligen
Salpeterersache,[1] fr die wir leben und sterben!"

"Ach tti! La' doch ab von solcher Sache! Sie hat sich berlebt und nur
Unglck gebracht in unser Land!"

"Schweig' Maidli! Eine Sache, fr die so viele Wldler das Leben
gelassen, Mnner wie Wybervlker, berlebt sich nicht, sie stirbt nicht,
so wenig wie unser alter Glauben! Wir wollen frei bleiben und treu der
Kirche, alles andere ist eitel und fr uns nicht von Rechtens! Und in
meinen Rauchfang wird kein Franzose, kein sterreicher, wie kein
anderer klettern! So wahr der alte Gott lebt und ich Peter Gottstein
heie!"

"Ist's denn aber auch wahr, da wirkliche Schlotgcksler in den Wald
kommen sollen?"

"Frili isch's wahr! Der Jakble hat die Kunde mitgebracht von Waldshut
und andere Botschaft dazu, da die Wlderchnabe ohne Ausnahm' Soldate
werden msse und die Alten neue Steuern, Accise zahle! Gott verdamm' mi,
daraus wird nichts, sag' ich!"

"tti, ich mein', das Schlotgckslen wr' aber doch noch zu ertragen!"

"Nein! Das wird nur der Anfang sein und alles andere kommt noch nach!"

"Wenn das Schlotfegen uns aber nichts kostet, mein ich--"

"Nichts kosten, haha! Ausziehen werden sie uns und schinden, bis die
letzte Ziege aus 'm Haus ist! Das haben unsere Vordern erlebt mit dem
Waldpropst wie mit 'm Vogt zu jeglichen Zeiten! Drum schwr' ich: Eher
werd' ich zum Chilchhof getragen, bevor mir ein Fremder in den Schlot
steigt! Und die Fsi (Flinten) sollen knattern wie zu Hannes Zeiten!"

Erschreckt wirst sich Thrinele an Vaters Brust und sucht ihn zu
beruhigen mit dem Hinweis, da ein Schlotgcksler doch wahrlich nicht
ein Blutvergieen und sonstiges Unheil wert sei.

Noch poltert der Alte: "Der Gcksler frili nit!" da schreit des Wirtes
blonder Jakble wie besessen zur Thre herein: "Sie kommen!" und
prasselt wieder zurck und durch den Flur ins sturmdurchtoste Freie.

Augenblicklich stt Peter sein Maidli von sich und zetert nach der
Fsi, um den Gcksler gebhrend mit einem Schrothagel begren zu
knnen. Wie umgewandelt ist Thrinele, verschwunden jegliche Sanftmut,
ein entschlossener Zug tritt in ihrem zarten Gesichtchen hervor und
scharf fordert sie den tti auf, Gewalt zu unterlassen. Doch schon
greift der Wirt nach der Flinte, die in einer Ecke hngt, immer scharf
geladen, da wirst sich Thrinele ihm entgegen, reit das Gewehr samt dem
Nagel herunter, mit zitternder Hand schlgt sie den Hahn zurck, dreht
den Lauf dem Fenster zu und drckt blitzschnell ab. Dichter Pulverdampf
erfllt die Stube, klirrend fallen die Scheibenscherben auf das Pflaster
vor dem Hause. Verdutzt blickt der Alte auf seine so urpltzlich resolut
gewordene Tochter und auf das abgeschossene Gewehr. Thrinele stellt
wortlos die Waffe in die Ecke und verlt die Stube. Dann folgt ihr
Peter, unschlssig, wie er nun den Feind abwehren soll. Und da ist sie
auch schon die Gcksler-Kommission: ein Beamter in Uniform mit langem
Schleppsbel und einer Aktentasche, einen gewaltigen Dreispitz mit
Federbusch auf dem Kopf, und neben ihm der Rauchfangkehrer in schwarzer
Adjustierung mit Kratzeisen und der Leiter auf der rechten Schulter. Des
Alten Sohn Jakble beguckt die seltsame Kommission ungefhr mit der
Andacht, mit welcher eine Kuh das neue Scheunenthor beschaut, indes
Thrinele vor dem gestrengen Kommissr einen Knicks macht und nach seinem
Begehr fragt. Zgernd ist auch der Vater nhergetreten, der seine Fuste
in den Sack gesteckt, um seinen Ingrimm nicht uerlich zu schnell
erkennen zu lassen. Es funkeln seine Augen ohnehin verrterisch genug
und die zusammengekniffenen Lippen knden keineswegs Liebe und Sanftmut.

Mit schnarrender Stimme verkndet der Beamte das neue Edikt betr. den
Schlotkehrzwang und fordert Unterwerfung und Einla fr seinen schwarzen
Begleiter im Namen des Groherzogs von Baden. Sodann fragt der
Federbuschtrger, sich zum Alten wendend, was der Schu zu bedeuten
hatte. Peter zieht sein Gesicht in hhnische Grimasse, Thrinele jedoch
giebt schnell die Antwort, da das Gewehr sich zufllig entladen und der
Schu keineswegs der anrckenden Kommission gegolten habe.

"So so! Na, ist Euer Glck! Knftig spritzt aber keinem Beamten Schrot
ins Gesicht, so Ihr nicht Bekanntschaft mit Eisenmeister und Galgen
machen wollt.--ffnet also und lat den Kaminfeger ein zur Arbeit! Bei
Euch, Peter Gottstein soll im oberen Wald begonnen werden!"

Nhertretend fragt Peter: "Warum bei mir zuerst?"

"Weil Ihr die wichtigste Person am "toten Bhl" seid!"

Geschmeichelt steht Peter eine Weile und kratzt sich hinter'm Ohr. Was
soll er thun? Da man ihn mit seinem Einflu auf die Wldler
respektiert, ihm gewissermaen den Vorrang sogar beim Schlotfegen
einrumt, schmeichelt ihm nicht wenig; aber er ist gewohnt, just das
Gegenteil zu thun, was von ihm verlangt wird, und deshalb neigt er eher
zu einer Verweigerung hin, es juckt ihn seine Protestleidenschaft. Auch
ist sicher anzunehmen, da die Salpeterer am toten Bhl berall den
Schwarzen hinauswerfen und das Kaminfegen verweigern, wenn der Peter
hierzu das leuchtende Beispiel gegeben haben wird. Und wenn der dicke
Federbuschmann mit hinausgeworfen wrde aus jeglichem Salpetererhofe,
mte das ein kstlicher Anblick sein, fglich aber ein Merks fr die
Freiburger Regierung, da noch der alte Geist der Freiheit und
Unabhngigkeit herrsche auf den Schwarzwaldhhen. Auf gewhnlichem Wege
jedoch die Kommission unverrichteter Dinge vom "drren Ast"
wegzuschieben, ducht Petern in seiner Fhrerwrde zu harmlos, vom
Gehft des Streitpeterle drfen die Kommissionsleute nicht gewhnlich
gehen, sie mssen hpfen, wie besessen rennen und ein Andenken an den
"drren Ast" mitnehmen, das ihnen das Wiederkommen verleidet.

Der Beamte wiederholt die Aufforderung und schwingt dabei die
Aktenmappe, um seiner Wichtigkeit greren Nachdruck zu geben. ber
Peters Gesicht huscht ein hhnisches Lcheln, grinsend sagt er: "Wenn
ich nicht will, kommt Ihr mir nicht ins Haus! Ich will Euch aber
einlassen, so Ihr da mit Eurem Federbusch auch mit hinauf in den Schlot
steiget!"

Erschrocken prallt der Beamte zurck und stottert: "Wie? was? Seid Ihr
verrckt? Ich--ich--habe oben nichts zu thun--das ist des Kaminfegers
Sache!"

Auch Thrinele kann das Lachen ber die drollige Erscheinung des
Federbuschmanns und dessen Schrecken nicht verbeien und kichert vor
sich hin, indessen Jobbeli in Vorahnung eines Spaes die Hausthre
angelweit aufreit und durch eine linkische Armbewegung zum Eintritt
einladet.

Peter besteht darauf, da der Kommissr unter der Esse auf den Vollzug
der Kehrordnung warten msse, andernfalls lasse er den Schornsteiner
nicht ein. Dem Beamten ist es zu thun, den Streitpeterle 'rum zu
bekommen, auf da er bei den brigen Waldbauern nicht auf Widerstand
stt. Vielleicht ist es lediglich eine Marotte des eigensinnigen
Hotzen, und Peter ist ja der grte Starrkopf der Wldler. Auch tobt der
Wind so grimmig um den Bhl, da der Aufenthalt selbst in der ruigen
Kche vorzuziehen sein wird. So entschliet sich denn der Kommissr zum
Eintritt und hinter ihm und den Schornsteiner drngen die Andern nach
ins Haus. Schon hinter der Thr beginnt der Federbuschmann zu husten,
der Qualm des glimmenden Herdfeuers benimmt ihm schier den Atem. Der
Schwarze meint, das Feuer msse ausgelscht werden, sonst knne er nicht
in den Rauchfang aufsteigen.

Mit Entschiedenheit aber fordert Peter nun sofortigen Beginn der
"Regierungsthtigkeit" des Schornsteiners und droht im Weigerungsfalle
mit gewaltsamer Entfernung der ganzen Kommission. Das Faceletto vor den
Mund haltend, giebt der Kommissr Befehl, den Schlot zu kehren, und
gehorsam steigt der Schwarze auf seiner Leiter in die Esse.

Kaum ist der Schornsteiner oben verschwunden, packt Peter blitzschnell
einen Bund trockenen Reisigs und wirft es auf die glimmende Glut, und
Jobbeli beeilt sich augenblicklich, des Vaters Beispiel krftig und
flink nachzuahmen. Gierig zngeln die Flammen auf, es prasselt das
Reisig wie Zunder, im Nu ist die Kche raucherfllt und in dicken
Schwaden steigt der Qualm in den Schlot. Vergebens poltert der Kommissr
gegen solch' boshaftes Beginnen und wischt sich die brennenden Augen
aus; doch die Gottsteins kmmern sich nicht den Pfifferling um das
Gezeter und werfen immer neues Reisig auf die prasselnde Glut. Nur
Thrinele thut nicht mit und flchtet vor Qualm und Rauch hinweg in ihre
Stube. Ihr Beispiel ahmt hustend, schier erstickend der Bebuschte nach
und strmt ins Freie. Gleich darauf rasselt der Schornsteiner die Esse
herab, betubt vom Qualm und krachend fhrt er mitten in die
aufspritzende, funkensprhende Glut des Herdfeuers, worber Peter und
Jakble ein wahres Freudengeheul anstimmen und sich die Seiten halten
vor Lachen ber das sie hchlich belustigende Schauspiel. Wie besessen
springt der Schwarze aber vom Herd hinweg, heulend vor Schmerz und
strmt ins Freie, eine schwarze Fhrte ziehend im frischgefallenen
Neuschnee. Brllend vor Vergngen strzen Peter und Jakble ihm nach, um
das Auge zu weiden an der rasenden Flucht der geprellten Kommission,
bis der dicke Kommissr mit dem wackelnden Federbusch und hinterdrein
der toll springende Schwarze hinter den Husern von Hochschr
verschwinden.

       *       *       *       *       *

Gegen die neunte Abendstunde hat es zu schneien aufgehrt. Die Wolken
sind verzogen, klar ist der Himmel, best von mildstrahlenden Sternen,
und der Mond sendet sein Silberlicht herab auf den berzuckerten Tann
und die weischimmernden Bhlhhen des Schwarzwaldes. Das Kreuz auf dem
toten Bhl wirst vom magischen Licht bergossen, einen langen Schatten
auf den schneeigen Grund und geisterhaft strecken die entlaubten Buchen
ihre ste gen Himmel. Es flimmert die de Landschaft im glitzernden
Schmuck winterlichen Geflockes, und gegen die Helle am Bhl sticht
schaurig das Schwarz der Tannenwlder ab mit ihrer unheimlichen
Finsternis und geheimnisvollen Starrheit. Der Wind hat sich gelegt;
still ist's weit um, tot und leer. Nur zeitweise rutscht in kleinen
Ballen der Neuschnee von den Tannengipfeln tiefer herab auf die ste und
von der weien Last befreit schnellen die Zweige wieder hinauf zur
normalen Lage. Das giebt ein knisterndes Gerusch im sonst
kirchenstillen Tann, das sich zum dumpfen Getse verstrkt, wenn die
grer gewordene Schneelast durchbrechend auf den Waldboden aufschlgt.
Schneestaub quillt dann fr einen Augenblick auf, alles verhllend; dann
aber legt sich der weie Staub, schwarz ragt die befreite Tanne auf in
schauriger Hoheit und nchtlicher Majestt.

Vom Kirchturm zu Hochschr schlgt es zehn Uhr nachts in langgedehnten
Tnen. Wohl blinken die Fenster der wenigen Huser des kleinen Dorfes im
Mondenschein, doch ist jegliches Licht erloschen. Die Drfler sind wohl
lngst zur Ruhe gegangen und schlafen den Schlaf des Gerechten, mit
Ausnahme vielleicht jener Hochschrer, die dem Drflein den blen Ruf
eingebracht haben, von dem Scheffel schreibt: "So einem in der Umgebung
nachts in dem Keller eingebrochen und Kartoffeln geholt, oder ihm das
frischgeschlachtete Schweinlein aus dem Kamin ausgefhrt wird, so
heit's: es wird den Weg alles Fleisches nach Hochschr gegangen sein."
Von einigen Huschen lsen sich richtig schwarze Gestalten ab,
hochgewachsene Mnner, die dunklen berwurf, wallende Mntel und auf dem
Kopf gewaltige Pelzmtzen tragen. Schweigend stapfen diese Gestalten
alle einem Ziele zu: hinauf zum Kreuz am toten Bhl. Und auch von
anderen Seiten her pilgern Mnner dicht vermummt gegen Frost und Klte;
die einen durch den Tann von Gebisbach her, andere von Altenschwand und
Hottingen, von Sgeten, jenem Drflein, von dem es heit: Hochschr und
Sgeten giebt eine Trgeten (Traglast, d.h. sie wiegen [im Rufe] gleich
schwer), und von Herrischried. Seltsam dster heben sich die Gestalten
ab vom glitzernden Schnee, schier geisterhaft in ihren schwarzen Mnteln
und hohen Mtzen. Von allen Seiten klimmen und steigen sie den toten
Bhl hinan, schweigend, ernst, feierlich, und stellen sich im Kreise um
das Kreuz auf, vor dem sie die Mtzen lfteten und das Knie beugten,
zugleich das Kreuz auf der Brust schlagend. Doppelt und dreifach wird
der Menschenring auf der Bhlhhe, die Mnner stehen wie die Mauern im
rasch zusammengetretenen Schnee und harren der kommenden Dinge im
gespenstischen Mondenschein, die Augen auf den Christus am Kreuze
gerichtet.

Und wie die Uhr von Hochschr die Geisterstunde schlgt, hebt einer aus
der nchtlichen Versammlung an zu sprechen: "Im Namen der heiligen
Jungfrau Maria. Gottwilche! (Willkommen)."

"Gottwilche!" tnt es mit gedmpfter Stimme in dem dreifachen
Menschenring.

Streitpeter ist's, der den Willkomm ausgesprochen als der Vertrauensmann
der Salpeterer am toten Bhl, der die Versammlung einberufen hat zur
Besprechung wichtiger Dinge, und der nun den Ring verlt, sich an den
Kreuzstamm stellt und zu reden beginnt: "Gott wilche! 's isch e gheimi
Sach, die mer han z' verhandle heroben am toten Bhl. Sin Ihr alle da,
die ich g'lade han zur Geischterstund? Die Mnner von Gebisbach,
Altenschwand, Hottingen, Sgeten, Hochschr und Herrischried?"

Mit dumpfer Stimme melden sich die Verschworenen aus den ausgerufenen
Orten.

"Sind annere aus 'm Wald aach noch chomme?"

"Ja! Ich, gidius Riedmatter von Kuchelbach bin aach chomme!" ruft ein
alter Mann aus dem dritten Ring.

Tiefe Bewegung geht durch die Menschenreihen, summendes Geflster der
berraschung, da sich ein Salpeterer auch aus dem Albthal eingefunden,
der drben Fhrer ist und Hauptverfechter der heiligen Sache.

Peter fordert Riedmatter auf, ans Kreuz zu treten und der Versammlung
zu sagen, was er als richtiger Salpeterer auf dem Herzen habe.

Die Mnner treten etwas zur Seite, um den alten Riedmatter
durchzulassen, und mit festem Schritt tritt derselbe auf das magisch
beleuchtete Kreuz, entblt das von weiem Haar umrahmte Haupt und
spricht mit krftiger Stimme: "Im Namen der heiligen Jungfrau Maria seid
gegrt, Salpeterer! Was ich euch han ze sage, isch kurz und bndig das:
Wer ich bin, wisset ihr alle! Und mir, gidius Riedmatter isch in
stiller Nacht der Geischt des Salpeterhannes, Albiez' Geischt wirklich
und wahrhaftig erschienen, und selbiger Geischt hat mich eingeweiht und
bezeichnet als Hannesle's Nachfolger in der Fhrerschaft der Salpeterer.
Ich soll den Kampf aufnehmen und fhren wie einst der Hannes selber! Und
dem Mahnruf des Geischtes han ich Folge geleistet und drben im Albthal
mein heilig und schweres Amt bernommen. Heute in verschwiegener Nacht
am Kreuz des toten Bhl bin ich erschienen und frage euch, ihr Mannen
des Murgthales: Wollt Ihr mitkmpfen fr die heilige Sache?"

"Ja! Wir wollen, im Namen des dreieinigen Gottes fr die Freiheit
unseres Volkes und fr unseren Glauben!" tnt es rauh, aber feierlich
aus dem dreifachen Menschenringe.

Nun frgt Peter den alten Riedmatter: "Ischt der Geischt des Hannes dir
wirklich erschienen? Erhebe die rechte Hand zum Kreuz und schwr' es uns
zur heiligen Dreifaltigkeit!"

"Ich schwr' es!"

"Dann glauben wir dir! Und du, gidi, sollst frder auch unser Fhrer
sein im heiligen Kampfe. Willst du?"

"Ja, ich will! An der Hand der alten Festen und Privilegy, der
kaiserlichen Briefe will ich unsere Sache fhren und nicht erlahmen in
der Verteidigung unserer alten Rechte. Schwrt mir Gehorsam und
Gefolgschaft!"

"Wir schwren!"

"Und nun hret: Wie einst Hans Albiez mssen auch wir die uralten Rechte
der Grafschaft Hauenstein verteidigen. Unsere Vereinigung, der im
stillen auch tapfere Weiber, Shne und Tchter angehren, ist bereit,
dafr das Leben zu lassen. Ein offener Aufruhr mit den Waffen in der
Faust kann uns jedoch nur das Schicksal unserer Grovter, die
gewaltsame Verbannung, Verlust des Lebens und Eigentums eintragen. Wir
mssen der bermacht anjetzo noch weichen! Aber was wir knnen, was wir
mssen, ist die Hochhaltung unserer alten Rechte, auf die wir niemals
verzichten werden, auch dann nicht, wenn man uns die Bajonette auf die
Brust setzt und zum Galgen schleift! Kein Verzicht, aber auch kein
gewaltsam Auflehnen. Wir huldigen nicht, niemandem, wir wollen frei und
unabhngig bleiben! Und groe wichtige Dinge bereiten sich vor! Unser
rgster Feind, das Kloster zu St. Blasien, wird bald nicht mehr sein!"

Jhe berraschung fhrt durch die Menschenmenge, und laute Rufe tnen
zum nchtlichen Himmel.

"Ruhe! Das Kloster wird aufgehoben werden! Ich, der Nachfolger Albiez',
sage es euch! Und haben wir diesen Feind los, so winkt die alte Freiheit
wieder, die uns dort drben die freien schweizer Berge verheiungsvoll
zuwinken! Niemals hat irgend eine Herrschaft ber uns zu Recht
bestanden, nicht der Frst von St. Blasien, nicht die Franzosen, nicht
der Groherzog von Baden! Letzterer ist nicht unser Landesherr, er ist
nur Meier (Verwalter), gesetzt vom Kaiser! Und niemals bestand die
sterreichische Herrschaft zu Recht! Wir verweigern auch dieser
Herrschaft die Huldigung! Nur der Kaiser ist Schutzherr ber uns und die
Schweiz! Wir mssen ihn bitten, uns behilflich zu sein zur
Wiedererlangung unserer alten Rechte, so da sind: Kein Schutzgeld,
Freiheit von Steuern und Schatzungen, von Zinsen und Zehnten! Nur
freiwillig stellen wir Milizen! Das alles haben die Kaiser uns zugesagt,
so Kaiser Josef im Jahre 1782, so Kaiser Franz anno 1802. Ich habe die
kaiserlichen Briefschaften und sage, wie Hans Fridli Gersbach von
Bergalingen sagte: ""Wer diese Briefe lesen will, kann zu mir kommen:
wer's nicht glauben will, hat hier in meinem Knorrenstock seinen
Schulmeister. Ich hab's gesagt, ich sterbe dafr. Bedenkt zu Hause, da
Handschuhe hinter'm Ofen liegen,[2] ihr versteht mich!"" Wir hoffen auf
Gott und den Kaiser und warten, wie es komme! Und was die Blutsteuer,
die Stellung von Rekruten betrifft, die man wohl bald von uns fordern
wird, so schafft bei Zeiten die Jungen fort. ber der Grenze wohnen auch
Leute! Unterschreibt, so ihr schreiben knnt, nichts, versprecht nichts,
verzichtet auf nichts! Und huldiget nicht! Weiteres werdet Ihr von mir
hren! Im Namen der heiligen Mutter Gottes geht jetzt auseinander und
schweiget, was ihr gehrt. Amen!"

Mann fr Mann tritt nun zu Riedmatter und schttelt ihm wortlos die
Hand, damit ein stummes Gelbnis zur Gefolgschaft leistend. Und nach
abermaliger Begrung des Kreuzes verlassen die Mannen stumm den Bhl.
Riedmatter und Peter bleiben zurck in geheimer Zwiesprache. Erst als
die Turmuhr eins schlgt, schreiten auch sie den weischimmernden Bhl
hinunter. Nur der vertretene Schnee giebt noch Kunde von der nchtlichen
Versammlung. Bald darauf aber verhllt der Mond sein leuchtend Antlitz,
schwarze Wolken ziehen auf, der Westwind blst aufs neue, und Neuschnee
deckt abermals alles zu und verwischt jegliche Spur....

  Winterszit, schweri Zit!
  Schnee uf alle Berge lit....

       *       *       *       *       *

In einem der Huser am Ausgang des Drfleins Rtte gellt eine
Frauenstimme durch die Rume, und die Zornesrufe sind schier herauen am
schneebedeckten Strlein zu verstehen. Es ist des Josef Binker's
Eheweib, die scharfe Vroni, welches den gutherzigen Gatten abkanzelt und
ihm wieder einmal den Standpunkt klar macht. Der Josef ist ein sozusagen
lammfrommer Mensch, dem man es vom Gesicht ablesen kann, da er das
Pulver nicht erfunden hat. Kleiner von Gestalt als die meisten der
stmmigen Hotzen, hat er auch nichts vom kriegerischen Geist jener
Hauensteiner, die vor 80 und 100 Jahren ihr Leben fr die
Salpeterersache einsetzten. Ihm geht Ruhe und Frieden ber alles, und
weil er immer und berall sich nachgiebig zeigt, hat ihm das Schicksal
in seinen oft sonderbaren Launen ein Eheweib beschieden, das weit eher
die Pluderhose zu tragen berechtigt wre, als der Hotze selber. Fleiig
und arbeitsam erledigt Sepli seine Kleinhuslergeschfte und ist am
Abend glcklich, in der behaglich durchwrmten Stube sein Pfifli Tubak
rauchen und sinnieren zu knnen. Was um ihn vorgeht im Wald, heroben
oder drauen in der Welt mit ihren Kmpfen, das kmmert Binker nicht im
mindesten; soll nur jeder sehen, wie er sich durch's Leben bringt. Ihm
ist's viel wichtiger, die schlecht gedeihenden Kartoffeln zu ernten und
rechtzeitig Holz fr den Winter aus Haus zu schaffen. Ganz anders
veranlagt ist seine Vroni, die, lebhaften Sinnes, trotz ihrer gesetzten
Jahre, sich um alle ffentlichen Dinge kmmert und namentlich fr die
alte und neue Salpeterersache sich lebhaft interessiert, von der sie
eine Besserung der Lage und ihrer eigenen Verhltnisse sich erhofft. So
sehr Vroni aber bisher in ihren gutmtigen Mann hineingeredet hat,
erzielt hat sie nichts, denn Josef ist nicht zu bewegen, fr die
Salpeterersache auch nur einen Schritt zu thun, und immer setzt er ihrem
Andrngen passiven Widerstand entgegen und lt Vroni belfern und
schwtzen. Diesmal zieht das Weib alle Schleusen der Beredsamkeit und
zetert, da die Fenster klirren. Erst heute frh beim Wasserholen hat
ihr eine Salpeterin von der nchtlichen Versammlung am toten Bhl
erzhlt und vertrauliche Mitteilung ber die gefaten Beschlsse und die
Fhrerschaft des gidius Riedmatter gemacht: Dinge, die Vroni ungemein
interessierten und veranlaten, ihren Beitritt zur Salpeterervereinigung
durch die Nachbarin anmelden zu lassen. Und vom Dorfbrunnen heimgekehrt,
war es Vroni's wichtiges Geschft, alles liegen zu lassen und Josef
aufzufordern, sich zum Ausgehen fertig zu machen und dem Vertrauensmann
Peter Gottstein, dem Wirt zum "drren Ast" den Beitritt des Binker'schen
Ehepaares zu erklren. Josef hatte diese Mitteilung ruhig und geduldig
wie immer angehrt, sein Pfifli in Brand gesteckt und dann gelassen zur
Antwort gegeben: "I mog nit!" Nun war's um ihn geschehen, und Vroni
legte los, da es eine Art hat. "Hesch du au e Kuraschi, bisch du e Ma?!
Was bisch du? E Lamm, e Schof, das hockt de ganze Zit im Stbli und
trumet und wartet, bis die bratene Tubli ihm ins Maul flieget!
Dunderschi, bisch du e Ma! Di soll der Dunder in Erdsbode verschlage,
du Waschlappe du!" Und was der erzrnten Vroni in die Hnde kommt, wirft
sie dem Gatten an den Leib, Hfele, den Besen und zu guterletzt den
Milchkbel mit der Ziegenmilch, so da heute wohl Fasttag bei Binkers
sein wird, wenn Sepli die verspritzte Milch nicht vom Boden aufschlecken
will. Das zornige Weib htte das Gezeter aber ebenso gut vor einem
Holzklotz halten knnen, die Wirkung wre dieselbe geblieben. Josef
rhrt sich nicht und lt die Vroni schreien, als sie aber anhebt aufs
neue und ihm droht, ihn und das Haus zu verlassen mit den
schwerwiegenden Worten: "Die Eh' isch ab, so du nit Salpeterer wirsch!"
da erhebt sich Sepli zitternd und sagt stotternd, so weit solle es denn
doch nicht kommen. Augenblicklich nimmt Vroni diese Gemtsbewegung und
den erreichten Vorteil wahr und bekrftigt ihre Rede mit der
verschrften Drohung, da sie noch in dieser Stunde von hinnen gehen
werde, wenn Sepli nicht sofort dem Streitpeterle das Gelbnis in die
Hand leisten werde. "Ja, ja, i goh!" stammelt der eingeschchterte
Wldler und sucht nach seinem Mantel. Ein Freudenschimmer fliegt ber
Vroni's runzeliges Gesicht, und flink trgt sie dem besiegten Gatten
Mantel, Pelzmtze und Stock herbei und drngt zur Eile. So ist Josef in
seinem ganzen Leben noch nicht bedient worden, er fhlt sich wie ein
Herr, und freut sich, es durch Nachgiebigkeit so wohlbehaglich zu haben.
Freilich der Gang ist unangenehm und die Salpeterei ihm zuwider; aber
vielleicht bekommt er frder den Hausfrieden und wird's Vronele knftig
sanftmtiger sein! Drum stapft Sepli mit 'm Pfifli im Mund hinber durch
Schnee und Wald gen Hochschr zum Wirt zum "drren Ast". Vroni aber mu
eine Weile verschnaufen und berlt sich ganz dem Wonnegefhl des
erreichten Sieges. Da die Drohung so gewirkt, berrascht sie eigentlich
selbst, denn insgeheim hat sie eher befrchtet, da Sepli sie gehen
heien wrde. Hat sie ihm doch das Leben bisher sauer genug gemacht und
verbittert und das Regiment scharf, fast zu scharf gefhrt. Und
bermig jung und sauber ist's Vronele auch nicht mehr; Sepli knnte
unschwer eine hbschere Gesponsin bekommen. Aber an so was denkt der
Mann ja nicht und der Pfarrer wrde ihm solche Gedanken schon
austreiben. Ein Wldler hat noch niemals sein angetrautes Weib
verlassen. Freilich auch nicht eine Wldlerin ihren Mann; aber die
Salpeterersache ndert Brauch und Ordnung, Gewohnheit und Recht, weil
sie ein Kampf um heilige Rechte ist. Und Sepli mu ein richtiger
Salpeterer werden; dafr wird Vroni schon sorgen.

       *       *       *       *       *

Des Streitpeterle hoffnungsvoller Sohn, 's Jakble, hat zeitig frh aus
den Federn gemut, so frh, da der Bursch im ersten Augenblick des
Gewecktwerdens nicht wute, ob es Mitternacht, Abend oder Morgen sei.
Sein Zgern, die Langsamkeit, mit welcher er aus dem Bette kroch, hatte
tti fuchtig gemacht, und Vaters Zornesrufe lieen Jobbeli flink in die
Kleider fahren und fragen, wo es denn "frig" sei (wo es brenne)? Aber
da kam der Bursch bel an, denn der Vater wetterte: "Dunderschi, nu
numme kein Wrtle mehr, steh uf und lueg, was i dir z'sage han: Du
gohsch uf Herrischried und seist m Hottinger im Hus neben der Chilch:
gid Basel! Er soll no ht am Rhi uf'm Riedmatter warte, Botschaft
abnehme und ruftrage bis Herrischried. Du wartsch dort und tragsch no in
der Nacht Kundschaft her zu mir. Vostehsch, Jobbeli? Und steh' uf und
la di nit sehe, sei an nt ze de Halunke! Uf jez un bhdi!" Damit
drckte Peter dem Jobbeli etwas Geld in die Hand und schob den Burschen
zur Thr hinaus in den bitterkalten, nebligen Wintermorgen. Der scharf
um den Bhl wehende Wind trieb Jakble zur Eile, auch schien ein
Stehenbleiben nicht rtlich, weil tti unzweifelhaft in solchem Falle
dem Bbli flinke Fe machen wrde. Jedenfalls mu die Sache heillos
pressant sein, sonst htte Jobbeli nicht so frh aus den Federn gemut.
Freilich wenn der Hottinger vormittags noch nach Sckingen mu, heit es
sich sputen. Hernach aber hat Jobbeli heidenmig viel freie Zeit in
Herrischried und kann hinterm warmen Ofen im "Roten Ochsen" wartend
liegen, bis der Hottinger vom Rhein wieder herauf zurckkommt. Also
stapft Jakble flink durch den harstigen Schnee nach Herrischried, wo
die Essen rauchen zum Zeichen, da die Morgensuppe gekocht wird. Das
Haus neben der Kirche ist bald gefunden und der Hottinger erfragt,
welcher alsbald forteilt, der Ordre gem, um den Salpetererfhrer in
Sckingen zu erwischen. Jobbeli aber schlendert gemtlich zum "Roten
Ochsen", in dessen Gaststube eben der Ofen in Brand gesetzt wird. Der
Bursch fragt nicht viel und kriecht auf die Bank hinterm Ofen um den
Schlaf nachzuholen. Chngi (Kunigunde) schaffet fleiig, die Stube in
Stand zu setzen und kmmert sich nicht weiter um das Bhler Bebli.

Gegen Mittag aber, als der Kuckuck in der Schwarzwlder Uhr unter
Verbeugungen elfmal seinen Ruf in der behbigen Stube erschallen lt,
kriecht Jobbeli hervor, reibt sich die Augen klar, streckt und dehnt die
Glieder und bittet Chngi, ihm ein Mittagsppli zu geben, "ume Chrtzer"
und aufgeschmlzte "Grundbire" dazu und auch ein Schppli Kaisersthler.
So setzt sich Jobbeli an den einen Tisch nahe dem Ofen und harret als
einziger Gast in der braungerucherten Stube seiner Atzung, welche die
braunbezopfte Chngi denn auch bald herbeitrgt und darauf das Knnlein
badischen Weines. Still ist's in der Stube; nur Jobbelis Lffel
klappert zuweilen und im dickbauchigen Ofen prasselt das Tannenholz, das
frisch nachgefllt worden. Drauen hat sich der Nebel gehoben und ist's
lichter sonniger Tag geworden. Es flimmert und glitzert schier blendend;
die Huser tragen weie Hauben und blitzende Streifen liegen auf den
Fenstersimsen. Dicht beschneit sind die nahen Tannen, deren tiefes Grn
neben dem berwltigenden Wei kaum durchzudringen vermag. Ein
Holzschlitten mit Blochen beladen, von Khen gezogen, fhrt vorber mit
pfeifendem Schleifen ber den trockenen Schnee, geleitet von einem gegen
die Klte vorsorglich vermummten Knecht. Dann wird es wieder ruhig und
still drauen. Drinnen tickt nur die Uhr in der Ecke ber dem
schwarzgerucherten Kruzifix. Chngi leistet nach dem Abtragen des
leeren Geschirres dem Jobbeli Gesellschaft und fragt ihn nach dem Zweck
seiner Anwesenheit in Herrischried. Und der Bursch, ein Schwerenter,
versichert gekommen zu sein, um in Chngis schne Rehaugen zu schauen,
er hascht nach ihrem Hndchen.

Unglubig wehrt das Maidli ab und schlgt Jobbeli auf die zudringlichen
Pfoten: "O Jesis, was bisch du mer fr e verlogenes Bebli!"

Lachend beteuert Jobbeli seine Behauptung und sucht Chngi an der Hfte
zu umfassen, doch schwapp sitzen ihm des Mdchens fnf Finger im
Gesicht, und der Bursch reibt sich verdutzt die geschlagene Wange. Im
selben Augenblick wird die Thr geffnet und ein stattlicher Bursch
tritt ein, die Scene mit Hallo begrend und zu Jakble gewendet,
fragend: "Isch was gange, Jobbeli?"

Etwas zaghaft meint der Bhler: "'s isch nt gange!"

Der wehmtige Ton reizt nun auch Chngi zum silberhellen Gelchter,
indes sich Michel, des Martin Biber zu Herrischried Einziger, zu Jobbeli
an den Tisch setzt, ein Schppli Durbacher bestellt und dem Bhler auf
die Achsel klopft: "Musch es annersch mache, Jobbeli, ze Herrischried im
Wald balzet der Urhahn annersch, haha!"

Das glaubt Jakble gern nach den eben gemachten Erfahrungen, doch
versprt er wenig Lust, neue Balzversuche anzustellen.

Der stmmige Martin verlt auch das Thema gleich und fragt: "Jobbeli,
hesch du Kuraschi, so mschet mer Charte und spiele mer'n Win aus!"

"Isch recht!" stimmt Jobbeli zu, und Chngi bringt die abgegriffenen
Karten. Bald ist das Spiel im Gange und hin und her wendet sich das
Glck, bis Fortuna ihre Gunst ausschlielich dem Bhler Bebli schenkt,
so da Jobbeli zechfrei wird und Groschen um Groschen in Bargeld
einstreicht.

"Zum Teufel, i verlier' heut no mi Rckli!" ruft rgerlich Michel und
wirft einen Sechsbtzner auf den weinbetropften Tisch. "Halt zu mer,
Heckener, bisch mi letzter!"

"Was isch Trumpf?"

"Alleweil oebbis e Herz! Weisch Jobbeli, e Herz het e jeder!"

"Gstoche sell Herz! Her ze mer, Heckener!"

"Dunderschi, hesch du e Glck!"

"Wos mache mer jez? Hesch du no oebbis ze setze?"

"I will doch probire, un 's Glck hassadire, weisch wos, Jobbeli? Jez
spiele mer ume Ohrlppli vonemer!"

"Topp, 's gilt! Was isch jez Trumpf?"

"Chrtz!"

"Gstoche! Hesch wieder verlore!"

"Bisch du ne Glckskind!" staunt Michel.

Jobbeli aber streicht das gewonnene Geld insgesamt ein und zieht sein
Messer.

"Was wilsch bi Gott du miterm Messer, Jobbeli?"

"'n Gwinnst will i einkassiere!"

"Mitem Messer?"

"Frili! Dein Ohrlppli werden mer gli habe!"

"Tod und Teufel!" prasselt Michel auf und fhrt zurck; doch Jakble
fat zu, es ist ihm Ernst, das im Spiel gewonnene Ohrlppchen
abzuschneiden. Chngi zetert und schreit aus Leibeskrften um Hilfe; die
Burschen raufen, Michel sucht dem Gegner das Messer zu entwinden, und
Jobbeli sticht wutentbrannt blindlings zu. Mit einem Weheruf sinkt
Michel zu Boden, die Hand auf die Brust pressend, aus welcher warmes
Blut quillt. Jobbeli flchtet zur Thr hinaus, auf den Ochsenwirt
prallend, der schleunigst dem Verwundeten zu Hilfe springt, so da der
belthter ungehindert entfliehen kann. Zwei Knechte tragen den
Schwerverletzten ins vterliche Haus.

       *       *       *       *       *

Der gutmtige, schlfrige Sepli ist richtig gehorsam und ob der
Eheabbruch-Drohung ganz verdattert den toten Bhl hinangestapft durch
Nebel, Wind und Schnee und hat den Streitpeter aufgesucht im Wirtshaus
"Zum drren Ast". Der Vertrauensmann ist gottlob zu Hause; das
verkndete Thrinele gleich beim Eintritt in das windschiefe, verklebte
Haus, und Sepli atmete auf, wie von banger Sorge befreit, nachdem er vor
der Hausmauer den Schnee von den Fen abgestoen hatte. Von der
Salpetersache will er freilich jetzt ebenso wenig wissen, wie vordem;
aber es ist ihm doch lieb, den Wirt anzutreffen, damit er seiner Vroni
doch wenigstens beteuern kann, mit dem Salpeterer-Vertrauensmann
gesprochen zu haben. Was aus der Unterredung werden wird, das mag der
Himmel wissen, der Sepli wei es nicht. In der warmen Gaststube begrt
Sepli, sich an dem einzigen Tisch niederlassend, das Maidli mit der
Bitte, dem tti zu sagen, da er mit ihm reden mchte. "Und leng mer e
Schppli, Thrinele!" fgt er bei und ffnet sein Wams, denn die
Stubenwrme setzt ihm bereits tchtig zu. Rasch ist Sepli bedient, und
auch der Astwirt findet sich gleich darauf ein, um nach dem Begehr zu
fragen. Jetzt ist der kitzlige Moment gekommen, wo Sepli mit der Farbe
herausrcken mu. Und so stottert er denn etwas dergleichen, da er auf
Wunsch seines Eheweibes wegen der Salpeterersache heraufgekommen sei und
dieserhalb mit dem Peter reden wolle bezw. mte.

Der Wirt sattelt augenblicklich um, als er das Wort "Salpeterer" gehrt,
vergewissert sich, da kein Unberufener in der Stube ist und wispert
dann dem Besucher ins Ohr, doch lieber in die obere Stube zu kommen, wo
sie die Angelegenheit zeugenlos und in aller Ruhe besprechen knnten.
Oben sei es noch nicht gar so warm, fgt Peterle bei als Empfehlung des
oberen Gelasses und beschwichtigt den um sein Schppli besorgten Gast
augenblicklich durch die Mitnahme von Wein und Brot. "Den Rock tragsch
selber!" bedeutet Peter und schreitet voran.

In der oberen Stube angelangt, verschliet der Wirt sorgsam die Thre
und fragt den Besucher nach seinem Begehr.

Da ist nun der gefrchtete Augenblick; was soll Sepli nun sagen? In
arger Verlegenheit kratzt er sich hinterm Ohr und stottert dann mhsam
heraus, da sein Weib der Vereinigung beitreten wolle.

berrascht blickt Peter auf den Gast und fragt dann entgegen: "Und du,
Sepli?"

"Ja, ich, no!"

"Wie, du willsch nit?"

"I weisch ja gar nt!"

"So, du weisch nt von unserer Sach! Na, da will i dir oebbes verzhle!"

Und tief Atem holend, beginnt Peterle, sichtlich von der Hoffnung
erfllt, den Gast fr die Salpeterersache zu gewinnen, die Entwicklung
derselben zu schildern. "Hr zu!"

"Ja!" sagt Sepli und strkt sich durch einen Schluck.

"Die Salpeterer sind entstanden als politisch-religiser Bund, als der
Propst von Sankt Blasien im Jahre 1719 ein Dinggericht zu Remetswil
ankndigte und auch richtig durch seine Amtsluit, den Waldvogt und die
zwlf Waldrichter, erffnete. Der Vogt verlas den Dingrodel von Anno
1467 als erneute Grundlage des Gerichts. Gegen diese Grundlage von Anno
dazumal erhob der Einungsmeister Friedolin Albiez zu Birdorf Protest
wegen Verjhrung, wasmaen der Dingrodel durch die Gnade der Kaiser
lngst abgethan, die Leibeigenschaft aufgehoben worden sei. Schwer
stritten sich der Vogt und der Einungsmeister, und schlau erklrte der
Waldvogt, da es sich nicht um das abgeschaffte Wort Leibeigenschaft,
sondern um die damit verbundenen, von dem Kaiser selbst als
rechtskrftig anerkannten und deshalb unentwegt fortbestehenden Gebhren
und Schuldigkeiten handle?[3] Aber alle Schlauheit der Deutung und
Wortklauberei ntzte dem Waldvogt nichts, die Wldler hielten zum
Einungsmeister und gingen unter Protest vom Dinggericht weg. Damit fing
die Grung an--ich han's alles genau in den Akten--, die sich
verstrkte, als einige Jahre spter der Abt Blasius III. unter
Genehmigung der Regierung eine Verzeichnung der Ehen, Kinder, der
Entlassenen, Urgroahnen, Klosterluit und Unfreien zur Feststellung der
Leibeigenschaftsgeflle in der Grafschaft Hauenstein vornehmen lie. Und
in dieser Zeit war's unser Hans Albiez zu Buch im Pfarrsprengel Birdorf,
der Salpeterhannes, mit Schweizerblut von mtterlicher Seite in den
Adern, der fest eingriff mit seiner Rede Gewalt, mit durchdringendem
Verstand und trutzigem Sinn, mit Begeisterung fr die zu Recht erkannte
Sache. Hannes verkndete die Lehre, da die Grafschaft nicht zu
sterreich, sondern zum Deutschen Reich gehre, da sie frei,
reichsunmittelbar sei, und dem Kaiser lediglich pro Kopf jhrlich zwlf
Kreuzer Schirmgeld zu zahlen habe. Auch Sankt Blasien habe kein Recht
auf das Land, das wider der Hauensteiner Willen zu Wien an den
Waldpropst verkauft worden sei. Und so kam's zum Krieg gegen die
Machthaber, der grte Teil der Waldeinung schlo sich der gewaltigen
Bruderschaft unter Albiez Fhrung zusammen. Blo die 'Halunken' thaten
nicht mit, die feigen Schufte."

"Wer seist?" warf Sepli erstaunt ein.

"Die Halunken, die zum Propst und zu sterreich hielten! Die Salpeterer
aber verschworen sich, die fremden Frsten abzuschaffen, die Steuern,
Zinsen und Abgaben aufzuheben in der ganzen Grafschaft. Frei soll jeder
Hotze sein, nur Gottes Wort soll allein richten ber uns! Und Hans ging
nach Wien zum Kaiser, unsere heilige Sache verfechtend; er redete tapfer
fr unser Recht und unsere Freiheit. Ihm glaubte der Kaiser und gab ihm
einen Gnadenbrief, die Salpeterersache siegte.[4] Nur die Trndle's
thaten noch immer nicht mit, aber der neue Redmann und die
Einungsmeister aus unseren Reihen besorgten ihnen das Ntige. Die
Regierung zu Freiburg aber setzte ihre ganze Macht ein, den kaiserlichen
Gnadenbrief[5] zu erlangen, lie Albiez verhaften, im Gefngnis
schmachten, wo ihn eine bse Krankheit von allen Leiden und aus seinem
Martyrium erlste. Seine Mahnung zu geeintem Widerstand hielten die
Salpeterer heilig, fest standen sie gegen St. Blasien, dessen neuem Abt
Franz Schechtelin die Huldigung ebenso tapfer verweigert ward, wie dem
frheren Propst Blasius. Weg mute die Leibeigenschaft! Mann fr Mann
stand auf, und auch die Weiber thaten mit! Lieber die Ehe ab, als hrig
sein!"

"Ah, ah!" stammelte Sepli.

"Was seist?"

Unwillkrlich plappert der verwunderte Sepli heraus, da sein Eheweib
ihm heute morgen mit der gleichen Drohung zugesetzt und ihn dadurch
veranlat habe, zu Petern zu gehen.

Frohlockend prahlte Peter, da solche Weiber die richtigen
Bundesgenossen seien, vor schier hundert Jahren so gut wie heute.
Handeln die Weiber auf dem Wald alle derart, so kann es nicht fehlen,
und mu die alte Freiheit wiederkehren wie einst zur Zeit der Grafen
Hans von Hauenstein! Peter gratuliert dem Sepli zu solch' tapferem Weib,
um das Sepli zu beneiden wre.

Den Sepli frstelt es bei solcher Rede, und am liebsten wr' er auf und
davon.

"I will dir aber weiter verzhle: was die Regierung auch befehlen
mochte, es ntzte nichts; fest stand der Bund, eitel war jegliches
Patent, die Salpeterer rissen die Schriftstcke von den Kirchentren und
schonten nur des kaiserlichen Adlers. Wer in der Familie nicht zur
heiligen Sache stand, wurde ausgestoen. Man nennt das 'purifiziere'!
Bei Nacht, an geweihten Orten, wurden Versammlungen abgehalten, immer
mehr Anhnger scharten sich um die Waldfahne und um den neuen Fhrer
Martin Thoma, den frigen Mller am Haselbach. Er nahm zu Gurtweil und
Hochsaal Anno 1727 den gesamten Salpeterern den Treuschwur ab und gab
die Losung aus: Los von St. Blasien, los von sterreich! Und vor
Weihnachten selbigen Jahres kamen die Sendboten von Wien zurck mit drei
kaiserlichen Befehlen, wonach das Wort "leibeigen" auf ewig abgethan
sein soll, doch bestnden die Pflichten fort, und St. Blasiens Rechte
mten ungekrnkt bleiben. Der Kaiser forderte: Man solle auf dem Wald
Ruhe halten, dem Stift alle Gebhren zahlen und mit Handgelbde
huldigen, auch den Sicherungsbrief[6] ausstellen; dagegen drfe St.
Blasien das Wort "leibeigen" nie mehr gebrauchen. Und mit dem dritten
Kaiserbrief wurde die Friburger Regierung aufgefordert, die verhafteten
Achtmannen allsogleich auf freien Fu zu setzen[7]. Sepli! Das mu
herrlich gsi si! Und dem Abt mu der Schreck in alle Glieder g'fahre si,
denn er zeterte und lehnte jegliches Handgelbde ab. Und gezittert
werden die Halunken auch gehrig haben, denen es nun an den Kragen
ging.[8] So mute der Biber Hannes von Herrischried dran glauben, wie
der Halunken-Redmann Trndle von Niederalpfen...."

"Was ist diesen geschehen?" fragt Sepli, dem der Angstschwei auf der
Stirne steht, dazwischen.

"Den Biber Hannes, weisch, dem Grovater vom jetzigen Biber in
Herrischried, hat man fast zu Tode "behandelt"; dem giftigen Trndle
nahm man die Pferde, lie ihm den Weiher ab, fischte ihn aus, verstopfte
seine Brunnen und nahm ihm den Mammon ab fr die heilige Sache!"

"Das isch ja Raub!"

"Das verstehsch du nit, Sepli! Jeder Halunke isch Gegner und mu
bekmpft were!"

"Ah, ah! Also bekmpft Ihr au mi?"

"Wenn du nit Salpeterer wirsch, schon!"

"I mag aber nit! I fercht' mi!"

Einlenkend sucht Peter den ruheliebenden furchtsamen Besucher zu
beruhigen mit dem Hinweis, da es ja heutzutage nicht mehr so scharf
zugehe wie damals, und da die jetzige Bruderschaft lediglich durch
passiven Widerstand kmpfe. Heute sei auch nicht zu befrchten, da
wieder Soldaten auf Bauernkosten ins Land gelegt werden.

"Soldaten seist?"

"Ja, weisch, damals waren die Salpeterer noch strammer, nit so landsem
(langsam), man versteckte sich nicht hinem Ldemli (hinter dem kleinen
Fensterladen) und schielte oebsch (etwa) nach den Husaren, man klopfte
die Soldaten, besonders an jenem Pfingstdienstag[9] mit Fsi (Flinten),
Spieen, Heugabeln und Prgeln."

"Wer isch hernach 'prgelt wore?"

"Hm! Es isch bide Thile schlecht gange. Doch fercht' di nit, Sepli! Wir
mache die Sach' annersch, wir fhre nimme Krieg mit Waffen. Es goht au
minem Papier!"

So sehr sich Peter bemht, den Besucher fr die Salpeterersache zu
gewinnen, Sepli will nicht anbeien, er macht Ausflchte und schickt
sich zum Gehen an. rgerlich begleitet Peter den Gast hinunter ins
Erdgescho und sagt zu Sepli, er solle sich die Sache wenigstens noch
einmal berlegen. Im selben Augenblick stolpert Jobbeli zur Hausthre
herein, erhitzt, verstrt, blutbespritzt, so da der Vater erschrocken
fragt, was denn passiert sei. Der ngstliche Sepli steht wie
angewurzelt, und Thrinele springt aus ihrer Stube herbei, zu fragen, was
sich ereigne. Jobbeli will nicht mit der Sprache heraus und sucht sich
davon zu drcken, doch der Vater besteht fest und scharf darauf, da
Jakble beichte. Auch fragt der Vater, ob der Bursch Botschaft vom
Hottinger ber Riedmatter's Gang nach Basel habe.

Jobbeli stottert heraus, da er auf Hottinger nicht mehr warten konnte,
weil er schleunigst flchten mte.

"Hat 's en Chlapf gebe? Red', Jobbeli!"

Nun kann der Bursch nicht mehr entrinnen, er erzhlt, seine
Handlungsweise nach Krften beschnigend, den Vorfall im "Ochsen" zu
Herrischried bis zu dem Stich in Michels Brust.

Angstvoll hat Thrinele diesem Bericht gelauscht; wie Jobbeli aber
erzhlt, da er--aus "Notwehr"--den Michel niedergestochen habe, schreit
Thrinele entsetzt auf und sinkt in die Kniee. Gleich darauf rafft sich
das Maidli auf, packt ein Umhngtuch und strmt hinaus in die abendliche
Dmmerung. Ihr folgt nach kurzem Abschiedsgru Sepli, der froh ist, das
Haus hinter sich zu haben, und nun durch Schnee und Abendnebel heim geht
zu seinem Salpetererweibe. Der Wirt aber zieht Jobbeli in die Wohnstube,
um sich alles haarklein erzhlen zu lassen und zu berlegen, was nun zu
geschehen habe. Ein "Mordchlapf" und eine Halunkenfamilie: ein bles
Ding, das durch Wehrgeld kaum "abzuschaffen" sein wird. Wenn es doch
wenigstens Salpetererleute wren, da wrde selbst bei einem Mordchlapf
die Abschaffung[10] mglich sein. Aber so wird es seine Schwierigkeit
haben, denn der tti des Gestochenen als Halunke, als Mitglied der
Partei der "Ruhigen", wird hchst wahrscheinlich nach dem Bttel
schreien und zu Amt laufen. Und bald genug werden die Schergen den Bhl
heraufkommen, um den Jobbeli zu holen. Drum wird es besser sein, wenn
sich der Bursch bei Zeiten auf die Strmpfe und eine Wallfahrt nach
Maria-Einsiedeln macht. ber der Schwyzer Grenze ist Jobbeli geborgen,
doppelt gesichert, denn wie lang wird's dauern, dann mchten sie Jobbeli
auch noch unter die Soldaten stecken. So giebt der schlaue tti dem
Brschli weisen Rat und hartes Geld, wie Jobbeli sich hinber drcken
soll in die freie Schweiz; doch der Bursch meint, so arg werde es doch
nicht pressieren. Bis der alte Biber zum Amt nach Sckingen kommt und
die Bttel wieder herauf zum Bhl werden leicht einige Tage vergehen.
Lauft 's Brschli dann ber Riwihl durch's Albthal hinunter zum Rhein,
so kriegen die Bttel ihn sicher nicht. Der Alte glaubt zwar, eine
sofortige Flucht wre das Sicherste; da aber Jobbeli die eine Nacht
wenigstens noch daheim verbringen und sich ordentlich ausschlafen
mchte, so giebt der tti sich schlielich zufrieden. Dann aber fllt
ihm bei, da 's Maidli ja gleich nach der Ankunft des Jobbeli das Haus
verlassen habe und wie toll davongerannt sei. Was das wohl zu bedeuten
haben mag? 's Thrinele war ja ganz auseinander, wie Jobbeli verzhlte
vom Gerufe und dem Messerstich: "Dunderschi! Sollte der Michel oebbe
gar 's Maidli's Holderstock (Geliebter) sein! Dunderschi, da soll doch
der Dunder und 's Wetter Bide in Erdsboden abe verschlage! So en
Verdru!"

Jobbeli hat sein Lager aufgesucht, und auch tti lscht das Licht und
begiebt sich zur Ruhe, hin und her berlegend, wie die bse Sache zu
schlichten sei. Sein Haus darf Thrinele, die ungeratene Tochter, nimmer
betreten; hat sie sich mit einem Halunken eingelassen, soll sie auch bei
ihm bleiben. Lange meidet den sinnierenden Alten der wohlthtige Schlaf;
doch endlich berkommt ihn der Schlummer, er trumt hinber in die
himmlische Grafschaft.

       *       *       *       *       *

Still fallen drauen die Schneeflocken hernieder; es ist vllig
windstill, totenruhig am einsamen Bhl und weit und breit kein
Lebewesen. Doch aus dem Tann keucht eine dunkle Gestalt herauf, sich
zeitweilig vergewissernd, da niemand der frischen Fhrte im Neuschnee
folge. Der Mann nimmt die Richtung zum Wirtshaus und stapft quer ber
die Bhlhalde, hastig, als frchte er just die letzte Strecke. Und
endlich vor dem Hause stehend, wartet der nchtliche Wanderer nicht
erst, bis der hochgehende Atem sich beruhigt, er klopft dreimal stark an
die Thr und erneuert das Pochen, als alles still im Hause bleibt.
Endlich regt sich etwas, ein schlrfender Schritt wird hrbar, und
gedmpften Tones fragt der Wirt hinter der verriegelten Thre, wer
Einla fordere.

"Im Namen der seligsten Jungfrau Maria, mach' uf!" ruft der Mann. Jetzt
ffnet Peter und lt den nchtlichen Besucher ein und macht in der
dumpfen Gaststube Licht, bei dessen Aufflackern der Wirt den Hottinger
von Herrischried erkennt. "Bi Gott, du bisch selber! Was bringsch du?
Hescht 'n gidi troffe am Rhi? Was seit er?"

Hottinger fordert zunchst Labung, ein christlich gemessenes Schppli,
und erst als der Wein vor ihm auf dem Tische steht und Hottinger sich
durch einen tchtigen Schluck gestrkt, vermeldet er flsternden Tones
die Botschaft, dass gidi richtig in Basel beim Advokaten gewesen sei
und einen sterreichischen Oberst[11] gesprochen habe.

Unwillkrlich fhrt Peterle auf, in hchster Spannung fragt er, was der
sterreicher gesagt habe.

Der Oberst habe--so fhrt Hottinger fort--versichert, mit dem
sterreichischwerden sei 's augenblicklich nichts, es ginge demnchst
gegen die Franzosen, doch sei einstweilen der Accis aufgehoben.[12]

"Was seist?"

"Jo, sell hat er gseit, der sterreichische Obrist, und gidi hat gseit,
ich soll dir's noch heut Nacht vermelde. Und wil der Jobbeli nit in
Herrischried gsi isch, bin ich selber chome!"

Peter ist ganz Feuer und Flamme; die Kunde von der Accisaufhebung erregt
ihn in hohem Mae. Er denkt nicht weiter ber die Wahrscheinlichkeit der
Meldung nach; die Kunde klingt wie Sphrenmusik, sie wird die Sumigen,
die ngstlichen aufrtteln und in die Arme der Bruderschaft fhren. Die
Salpeterersache wird aufs neue aufblhen. Den Accis wird man rundweg
verweigern und Chriesi (kleine Waldkirche) brennen frei, ohne Steuer,
und wenn's der Regierung nicht recht ist, soll sie's nur sagen, die
Salpeterer werden ihren Mann stellen. In diesem Sinne spricht sich Peter
aus und fragt sodann, ob gidi als Fhrer besondere Verhaltungsmaregeln
gegeben habe.

Hottinger erzhlt, da gidi befohlen habe, es solle heimlich alles sich
bewaffnen und die Kunde vertraut von Mund zu Mund getragen werden. Der
Accis soll rundweg verweigert, der Accisor dort, wo er grob wird,
hinausgeworfen werden. Es gelte diesmal ernstlichen Widerstand zu
leisten. Die Bewaffneten werde gidi's Sohn, der Magnus fhren, dem die
Salpeterer gehorchen sollen. Weitere Kunde werde erfolgen, worauf
losgeschlagen werden soll.

Peter reibt sich vergngt die Hnde; nun wird die ersehnte Zeit des
Dreinschlagens endlich anbrechen. Hottinger erhebt sich, hlt vor der
Thre Auslueg, drckt dem Bundesgenossen stumm die Hand, und stapft den
Bhl hinab durch die stille Winternacht. Peter holt noch in selber
Stunde das alte Schrotgewehr aus dem Winkel hervor und macht es
schufertig. Er will jeden Augenblick bereit sein zum Kampf. Dann lscht
er sorglich wie immer das Licht und legt sich nochmals zur Ruhe.

       *       *       *       *       *

War das ein Jammer im Hause bei Bibers, als man den guten Michel totwund
gestochen auf der Bahre brachte! Der alte Martin hatte behaglich auf der
"Chauscht" ("Kunst", die Ofenbank) gelegen und die Glieder am riesigen
Kachelofen gewrmt, das ausgerauchte Tubakpfifli im Munde und seinen
Gedanken nachhngend. Mtterchen sa am Fenster und lie das
Spinnrdchen surren, emsig arbeitend mit fleiiger Hand. Die schweren
Mnnertritte im Flur lieen Mtterchen auffahren, erschrocken horchte
sie, und auch tti zuckte zusammen: solcher Lrm ist etwas Unerhrtes im
Biberhause. Und dann pochte es an der Stubenthre, der "Ochsen"wirt
schiebt den Kopf herein und flstert, die Alten sollten nicht
erschrecken, aber dem Michel sei etwas passieret.

Mit einem gellenden Schrei namenloser Angst strzt die Mutter auf den
Wirt zu, der erschrocken zurckprallt, sie reit die Thre vollends
auf, und unter Weherufen wirst sie sich auf den todesblassen,
blutberstrmten Sohn, der ohnmchtig auf der Bahre liegt. Zitternd
folgt ihr der alte Biber, dem die Kniee schlottern und die Pfeife aus
dem Mund gefallen ist. Rasch fat sich die Alte; hier thut Hilfe not.
Auf ihr Gehei wird Michel entkleidet und in sein Bett gebracht. Eine
Dirn mu schleunigst zur Kruterkthe um Heilkruter laufen. Mit
bebender Hand legt Mtterchen einen neuen in Schnee getauchten Verband
auf die Wunde, indes Biber sich vom "Ochsen"wirt den Hergang des
Unglckes erzhlen lt. Gestochen, gemordet sein Bueb von einem
Salpetererbueben! Unheil ber Unheil kommt doch von diesen Leuten! Aber
der Mordchlapf soll gerochen werden! Nicht durch neue Blutthat, doch das
Gericht soll eingreifen.

Der Wirt erbietet sich, einen Knecht zu Amt nach Sckingen zu schicken,
auf da Anzeige erstattet werde. Ob auch der Pfarrer geholt werden
solle?

tti will damit noch warten; so weit werde es hoffentlich doch noch
nicht gefehlt sein. Kommt der Pfarrer mit dem Sterbsakrament in's Haus,
so geht es Michel wirklich aus Leben. Lieber will der Alte den
Kreuzvogel[13] in die Krankenstube stellen.

"Hesch aber an en richtigen Kreuzvogel, Mrte?" fragt der Wirt.

"Frili, er het en Schnabel uf de rechte Sit, das hilft vor Tod!"

"Gott gib's! B'het Gott derwil, Mrte! Und wege 's Amt will ich 's
schon besorge!" Der "Ochsen"-wirt begiebt sich heim, und tti nimmt das
Vogelbauer mit dem Kreuzschnabel und trgt es in Michels Stube, wo er
den Sympathievogel aufs Fensterbrett stellt und dann leise Mtterchen
fragt, wie es mit Michel stnde.

Die Alte schttelt den Kopf und horcht, das eine Ohr auf Michels Brust
legend, ob das Herz noch schlgt. Und einzelne Tropfen aus ihren
rotgeweinten Augen fallen auf das Linnen.

Unten im Fltz werden abermals Schritte laut, und die Hausthre fllt
schwer ins Schlo; die alte Biberin winkt tti, er solle nachsehen.
Vielleicht ist die Kruterkthi gekommen! Sie hofft es wenigstens und
bedenkt im Augenblick nicht, da diese noch gar nicht da sein kann.

tti schleicht hinunter. Gedmpftes Stimmengewirr dringt in die stille
Krankenstube; Mtterchen horcht auf das Gemurmel, doch vermag sie kein
Wort zu erfassen. Wer wohl gekommen sein mag zu abendlicher Stunde? War
das nicht ein Schluchzen, ein Ruf aus gequlter Menschenbrust?

Unwillkrlich verlt Muetti das Krankenbett und horcht zur Thre
hinaus. Seltsam, eine Weiberstimme! Und tti schilt, er will vom Maidli
nichts wissen, er weist ihr die Thr! Und das fremde Maidli beschwrt
den tti, weinend, in Verzweiflung, sie zu Michel zu lassen, um ihn zu
pflegen und zu warten.

Muetti humpelt die Treppe hinunter, sie mu sehen und hren, was das zu
bedeuten hat.

Groer Gott, 's Thrinele vom toten Bhl ist's, die zur Nachtzeit
gekommen ist und Krankenpflegerin bei Michel sein will! Woher das Maidli
von dem Unglck wei!

Der Bruder, Jobbeli hat die Unthat eingestanden, und in ihrer
Herzensangst ist's Thrinele auf und davon und durch Schnee und Nebel
nach Herrischried gelaufen, weil es ihr das Herz abdrckt vor Angst und
Schrecken.

Das Herz abdrcken vor Angst! Wegen dem Michel. Der Alten dmmert etwas
auf, das Maidli hat ein Herzensgeheimnis verraten vor Angst und
Schrecken. Muetti fhlt Mitleid, doch tti will nichts vom Maidli
wissen. Wr' nicht bel! Der Bruder bringt 'n Michel schier um, und die
Schwester vom Mrder will als Pflegerin ins Haus! Und die ganze Sippe
gehrt zum Streitpeterle und ist salpeterisch! Nein, nein, tti will
davon nichts wissen. In wilder Verzweiflung wirft sich Thrinele auf die
Kniee und umklammert Muetti, laut schluchzend und bittend, und in
bitterster Angst und Herzensnot gesteht 's Maidli, da es den Michel
liebt, treu, ehrlich und ehrsam und fr ihn in den Tod gehen wolle. Und
im Namen der barmherzigen Gottesmutter sollen die Alten erlauben, da
sie den Totwunden pflegt Tag und Nacht, bis Michel wieder gesundet. Dann
wolle Thrinele gerne das Haus wieder lassen und niemand mehr belstigen.

Muetti hat sich begtigend, gerhrt zu Thrinele herabgebeugt und das
Maidli dann zu sich heraufgezogen. Ihr ist so weich um's Herz. Noch ein
Wesen, das den armen Michel liebt aus ganzer Seele. Und tti ist stumm
geworden; sich abwendend wischt er sich eine Thrne aus dem Auge. Muetti
nimmt Thrinele unter'm Arm und sagt. "So goh mit in Gottes Namen!" Beide
begeben sich in Michels Stube, wo Thrinele alsbald das Amt freiwilliger
Krankenpflege bernimmt. Und seltsam! Kaum hat Thrinele die Stirn des
Schwerverwundeten berhrt, da hebt sich die Brust, das Leben kehrt
zurck. Welch' ein Glck!

Muetti lt Thrinele nun beim Kranken und verkndet dem tti die frohe
Kunde. "Wirsch sehe, tti, 's Maidli bringt uns den Michel durch und
machet ihn wieder gesund!"

"Gott geb' 's!" Und damit erteilt tti seine Zustimmung, Thrinele bleibt
im Hause des Biberhannes.

In spter Nachtstunde kommt die Kruterkthi angehumpelt, doch Thrinele
versichert, all' das Ntige von heilsamen Krutern schon selber
mitgebracht zu haben, und Michel habe auch schon den ersten Trank
eingenommen. tti entlohnt die alte Kthi und berlt die gesamte
Pflege vertrauensvoll dem Thrinele, die still und doch geschftig ihres
Amtes waltet, dankbar und berglcklich, hoffnungsfreudig. Und Michel
selbst ist wieder vllig bei Sinnen; wohl schmerzt die tiefe Stichwunde,
doch scheint nichts Edles verletzt. Der Kruterumschlag khlt, und
wohlig schmeckt der von Thrinele bereitete Trank. ber Thrineles
Anwesenheit hocherfreut, mchte Michel gern sein Entzcken uern, doch
Maidlis kleine Hndchen drcken den Patienten sanft und doch bestimmt
wieder nieder, und das Reden wird Michel ganz und gar verboten. Sobald
der Bueb noch ein Wrtchen spricht, werde Thrinele ihn verlassen und
heimkehren. Diese Drohung wirkt, doch Michel liegt mit leuchtenden Augen
im Bette, und seine Blicke verfolgen jede der zierlichen Bewegungen des
heigeliebten Maidli. Ab und zu kommt Muetti wohl nachsehen, und die ist
berglcklich ber die Besserung in Michels Zustand.

       *       *       *       *       *

So winterstarr und still es ist am toten Bhl, so lebhaft geht es zu im
Wirtshaus zum "drren Ast", wo eines Morgens die Amtsbttel erschienen
sind, um den Jobbeli zu holen. Ihnen htte Streitpeter sicher einen
warmen und eisernen Empfang aus seiner Flinte bereitet, wenn er nicht
eben mit dem Accisor beschftigt gewesen wre, der die seit der
Brennzeit fllige Branntweinsteuer einforderte und sehr energisch wurde,
als Peter scheinheilig hoch und teuer sich verschwor, berhaupt nicht
Schnaps gebraut zu haben. Beide stritten hei und schwer, und Peter
verweigerte rundweg jegliche Abgabe unter Androhung scharfen
Papierprotestes. Doch der Accisor lachte darber und spottete ber den
"Streitpeter", den man demnchst Mores lehren werde. Der Hohn in dieser
Ankndigung machte Peter stutzig, und unwillkrlich ruhiger werdend
fragte er, was man denn just mit ihm vorhabe.

Spttisch lchelnd deutete der Beamte an, da die Regierung auf
Landeskosten den Streitpeter als Oppositionstypus in das
Wachsfigurenkabinet aufnehmen werde.

Peter stutzt, er versteht den Ausspruch nicht zu deuten und bittet
sanfter, als es sonst seine Art ist, um eine Erklrung.

Sein Gesicht in ernste Falten legend, sagt der Accisor: "Du kommst ins
Wachskabinet als Msterle fr alle Wldler, wie man sich um Haus und Hof
und um den Kopf bringt aus starren Eigensinn und Prozewut!"

"Sell isch' mein Sach'!" brllt Peter, dem ein Licht im Hirnkasten
aufgeht. "Und unsere Fsi werden euch flinke Bine mache!"

"Ah! So plant ihr, Rebellen! Nun, auch dafr kann man helfen!"

Derweil nun beide streiten, sind die Bttel ins Haus eingedrungen, und
der gesuchte Jobbeli lief ihnen sozusagen in die Hnde, als er, durch
das Gerusch der in den Angeln quietschenden Thre angelockt, nachsehen
kam, wer als Gast vielleicht einen Trunk verlange. "Bisch du der
Jobbeli?" fragte der eine der Bttel, und wie der Bube bejahte, war er
auch gefat und hatte die Hnde auf den Rcken gebunden. Wohl zeterte
Jobbeli und schrie nach dem tti, doch die Bttel drngten den Burschen
hinaus und machten ihm durch krftige Pffe flinke Beine. Auf das
Geschrei hin kam Peter wohl nach vorne, doch war die Stube wie der Flur
schon leer, und vor das Haus tretend, sah Peter gerade noch, wie sein
Bueb in Gesellschaft zweier Bewaffneter in den Waldpfad einbog. Ein
Wutschrei gellte durch das Haus. berrumpelt! Zu spt gekommen! Der Bueb
fortgeschleppt trotz schufertig gehaltener Flinte! Peter ist vllig
rasend! Er packt das Gewehr und strmt hinaus. Doch kehrt er bald wieder
um. Die Bttel haben zu viel Vorsprung, und daheim schnffelt derweil
der Accisor alles aus! Das wre noch gefhrlicher. Peter luft ins Haus
zurck, die Flinte schubereit haltend, und fordert den Beamten auf,
nunmehr schleunigst abzuziehen. Die Lage wird kritisch, doch der Accisor
lt sich nicht einschchtern; er verlangt unter Androhung schwerer
Strafe Bezahlung der Branntweinaccise. Peter brllt vor Zorn und backt
an. Jetzt weicht der Beamte und rettet sich durch eiligste Flucht. Peter
aber drckt ab, donnernd kracht der Schu, der ins Ges geschossene
Accisor macht einen Luftsprung und strzt vorne ber in den glitzernden
tiefen Schnee.

Der Schu alarmiert die Hochschrer, die bewaffnet herbereilen zum
Ast-Wirtshause und vom Peter wissen wollen, ob es nunmehr losgehe gegen
die Regierung. Hhnisch deutet Peter hinber, wo der niedergeschossene
Accisor liegt. Die Salpeterer stimmen ein Freudengeheul an; ist doch um
einen Feind weniger. Der Wirt stachelt sie auf durch die weitere
Mitteilung, da die Bttel seinen Jobbeli fortgeschleppt htten. Jetzt
gelte es, scharf vorzugehen! Wer Waffen habe, solle sich ihm
anschlieen; er wolle nach Sckingen und seinen Bueben befreien. In
jedem Walddorf solle geworben werden, auf da die Schar der Salpeterer
immer grer werde. Den Accisor aber solle man, wenn er auch bereits tot
sei, zum mahnenden Exempel hngen, am Bhlkreuz aufhngen, damit die
Regierung wei, was ihren Leuten blht im Hauensteiner freien Wald!

"Mer hngenem!" (Wir hngen ihn) brllen die fanatischen Hochschrer und
drngen ins Freie. Vor dem Hause warten sie, bis Peter die Thr
abgeschlossen hat; dann brechen sie auf, johlend und grhlend, und
folgen der Accisorfhrte im Schnee. Was ist das? Dort, wo der Mann
offenbar gestrzt ist, deuten die Blutstropfen auf schwere Verletzung,
der Schrothagel hat sein Ziel erreicht, der Schnee ist niedergedrckt
und rot gefrbt, aber der Accisor ist nicht mehr da, verschwunden. Eine
Rotfhrte zieht hinab den Bhl: der Tote ist flchtig gegangen.
Aberglubisch bleiben einige der Salpeterer zurck; der Zug gegen den
Tod dnkt ihnen unheimlich. Vergeblich hetzt Peter und stachelt sie auf.
Sie gehen nicht weiter; Peter habe gesagt, der Accisor sei tot, mausetot
geschossen, das Blut im Schnee deutet es richtig, und trotzdem ist der
Tote verschwunden. Also geht die Sache nicht mit rechten Dingen zu, es
hat der Leibhaftige seine Hand im Spiel, der Teufel hilft der Regierung!
Die Hochschrer kehren um und laufen wie von Hunden gejagt heim. Nur
Peter bleibt stehen, die feigen Kerle verfluchend, unschlssig, was er
nun beginnen solle. Allein kann er Jobbeli nicht befreien. Aber er kann
zu gidi gehen und von ihm Beistand erbitten. Also stapft Peter ber
Riwihl gen Kuchelbach.

       *       *       *       *       *

Im Wald ist's schwarz geworden: verschwunden der glitzernde, leuchtende
Schnee von Hang und Tann, schwarz der ungeheure dichte Forst,
dunkelbraun die Wiesen und Matten, schmutziggelb drngen die Bergwasser
durch die Schluchten und Thaler. ber die Schneewaldberge blst der
Fhn, und warmer Regen rieselt hernieder, stetig, ausdauernd,
schneeverzehrend. Die Klte hat sich ber Nacht gebrochen, es taut
allerorten trotz Winterszeit; die engen Dorfgassen gleichen groen
Pftzen, die langen Eiszapfen an den Dachrinnen beginnen zu tropfen und
fallen dann knisternd in sich zusammen. Verschwunden der Schnee von den
Strohdchern, in sich zerfallen die weien Hauben auf den Steigrohren
der Brunnen. berall sickerndes Schmelzwasser, ein Trpfeln, ein
Trufeln und Spritzen, wenn der Regen in langen Strichen auf die Gassen
und Pftzen schlgt und Wasserfulchen aufzieht. Auch im Wald zischt und
brodelt es; das warme Himmelsna schlgt klatschend hernieder von Ort zu
Ort, die schneeige Brde zerreiend, durchfressend; Kruste um Kruste
fllt geborsten, und gierig nagt das Meteorwasser an den Eisflchen und
Wehstellen. Dazu rauscht es schaurig im befreiten Tann, der Fhn
streicht ber die Wipfel, ein Sthnen, ein Seufzen, bald ein Brausen und
Wirbeln fortgefhrten und welken Laubes, das regenschwer tiefer fllt
und sich in geschtzteren Lagen vllig senkt, um weiter zu modern. Es
dunstet der Tann, die vom Riesenpanzer befreite Erde strmt ihren
scharfen erquickenden Duft aus, ein Atmen der Natur, eine Vorahnung des
weit, weit in Ferne stehenden Wald- und Bergfrhlings. Und immer neue
Regenschauer bringt der scharfe Fhn herein in den Hauensteiner Wald,
Bche schwellend, Wiesen berschwemmend. Schon zischen die Wsser die
Wege entlang, und selbst das Strlein ist von den braunen Wellchen
benagt, auf dem gleich schwarzen Gespenstern mehrere Mnner in
Uniformmnteln nach Herrischried schreiten, fluchend ber das
schandbare Unwetter und die frh hereingebrochene Nacht. Finster ist's,
da man die Hand vor Augen nicht sieht, und der Fu sich weitertasten
mu auf dem quitschigen Strlein. Allmhlich wird indes der Regen
dnner, er verliert sich zu einem feinen Wasserstaubrieseln und hrt
endlich ganz auf; nur der Fhn peitscht den Tann und rttelt an den
Dchern und Fensterlden in den Drfern und Siedelungen.

Es ist die Militrassentkommission, die Rekruten ausheben und
zwangsweise einreihen will, nachdem auf alle bisherigen Einberufungen
sich kein Hauensteiner gestellt hat. Der Kommission folgt in grerer
Entfernung ein Trupp Hartschiere zur Bedeckung fr alle Flle, da den
Salpeterern nicht zu trauen ist und selbe wahrscheinlich ganz aus dem
Huschen geraten werden, wenn man ihnen die Shne wegnimmt. Der Major
und Fhrer der Kommission ist in dieser pechschwarzen Finsternis
unsicher geworden ber die Gegend, in der man sich befindet. Nach seiner
Schtzung mu nun doch wohl bald das Seitenthlchen kommen, in welchem
der Hauptort des Hotzenlandes liegt, und wo morgen geamtet werden solle
mit Waffengewalt, so letztere notwendig werden sollte. Wo der Fhrer
stecke, fragt der Major stehenbleibend.

"Der Fhrer vor!" wird von Mund zu Mund gerufen, doch der Bursche, den
man unterwegs gedungen, ist verschwunden. Der Kommandant flucht und
wettert: das hat ihnen wahrlich noch gefehlt. Doch was ist das? Drben
auf einer Berghhe flammt ein mchtiges Feuer auf, grell zum
schwarzverhangenen Himmel lodernd. Und bald darauf wieder eins, von Bhl
zu Bhl flammt es schaurig in rotem Scheine, und vom Fhn getrieben
stieben die Funken auf, weithin den dunklen Tann und die Matten
beleuchtend. "Wenn das nur nicht uns gilt!" meint einer der Herren, der
in den Bergfeuern Alarmzeichen vermutet. Auch der Major neigt dieser
Anschauung zu und drngt nun zur Eile, auf da Herrischried sobald als
mglich erreicht werde. So wird denn die mhsame Wanderung fortgesetzt
durch Nacht und Wind, bis endlich das Thlchen mndet, in das eingebogen
wird.

Bis vor die ersten Huschen stapfen die ermdeten Herren, ohne die
unmittelbare Nhe des Dorfes zu gewahren. Jegliches Licht ist erloschen,
schwarz ragen die Mauern und Holzhtten in die ghnende Nacht auf.
Endlich findet die Kommission das Wirtshaus zum "Ochsen", gleichfalls
finster, lichtlos. Man klopft den Wirt heraus nach langem Bemhen, und
nun beginnt ein Parlamentieren. Der Kommandant fordert Quartier fr die
Kommission, auch msse der Brgermeister geholt und Unterkunft fr den
Trupp Hartschiere geschaffen werden.

Vom Fenster des oberen Stockwerkes erklrt der "Ochsen"wirt es fr
unmglich, die Herren aufzunehmen.

"Tod und Teufel! Warum nicht?" wettert der Kommandant.

"Hent ihr nit die Flammenziche bemerkt?"

"Was kmmert das uns! Aufgemacht, oder ich lasse Euch die Thr mit
Kolben einschlagen!"

"Ich kann nit, Herr!" ruft der Wirt und schlgt klirrend das Fenster zu.

Ratlos stehen die Herren. Wenn doch nur die Hartschiere da wren! Ihre
Bajonette wrden gleich Wandel schaffen. Was huschen denn da um das
Dorf so seltsame Gestalten? Bald nahe, bald sich entfernend, wie wenn
etwas ausspekuliert werden sollte. Und pltzlich flammt eine Heuhtte
auf, grausigen Schein ber das Dorf werfend.

"Fr!" tnen wilde Rufe, Gewehre knattern, in dichten Scharen drngen
unheimliche Mnner, vermummt, geschwrzt im Gesicht, heran und eine
mchtige Stimme gebietet: "Sie sind's! Im Namen der heiligen Jungfrau,
nehm' jeder seinen Mann, und fort mit ihnen! Druf!"

Schreiend werfen sich die Salpeterer auf die Kommissionsherren, die wohl
mit gezckten Degen sich wehren, aber doch rasch berwltigt, gebunden
und fortgeschleppt werden. Und ein anderer Trupp der fanatischen Menge
zieht beim Scheine des gierig aufzngelnden Feuers vor die Huser der
"Halunken", deren Inwohner vor das Strafgericht fordernd. Bald flammt es
wieder auf, ein Halunkenhaus ist in Brand gesteckt worden, jammernd und
heulend flchten die Gepeinigten heraus, die wilde Bande raubt, was zu
erwischen ist, johlend und grhlend. Und jetzt zieht die tolle Schar vor
das Biberhaus, des Erzhalunken, der niemals mitgethan und stets auf
Seite der "Ruhigen" gestanden.

"Bibermrte rus!" heult die Menge, wirst mit Steinen die Fenster ein und
stt mit Dreschflegeln nach der Thr. Schon schlagen einige mit Stein,
Messer und Schwamm Funken, um auch diesem Haus den roten Hahn aufs Dach
zu setzen; da taucht an einem Fenster des oberen Stockwerkes ein
Mdchenkopf auf, grell vom Feuerschein beleuchtet, und scharf ruft
Thrinele: "Haltet in, im Namen der heiligen Mutter Gottes!"

berrascht, verblfft schauen die Salpeterer empor; einzelne Bhler
erkennen in dem mutigen Mdchen die Tochter ihres Vertrauensmannes Peter
Gottstein und rufen: "'s isch by Gott s' Thrinele, e Salpetererchind!"
Wie das Maidli vom toten Bhl in das Halunkenhaus kommt, das fhrt den
Leuten wohl durch den Kopf, aber es ist jetzt keine Zeit zu langen
Fragen. Auch lenkt der Ruf eines Wachpostens: "D' Hartschiere chomen!"
die Aufmerksamkeit von Thrinele ab, und aller Augen richten sich zur
Thalmndung. Manche Burschen und Bauern zeigen Lust, sich zu drcken;
sie wollen es doch lieber nicht auf einen regelrechten Kampf ankommen
lassen. Doch da strmt ein Weib heran, grell beleuchtet von den gierig
zum nchtlichen Himmel schlagenden Flammen, die Vroni ist es, die ihren
Mann hinter sich herzerrend zur Salpetererschar stt, um in ihrer
fanatischen Begeisterung mitzukmpfen gegen die Unterdrcker und
Tyrannen. Mit gellender Stimme ruft das exaltierte Weib: "Druf, druf,
schlagt sie tot, die Soldatenknechte! Lengt mer her e Fsi un fr'n
Sepli au bbes ze schlage! Druf! Druf!"

Und da sind sie schon, die Hartschiere als Bedeckungsmannschaft der
gebunden in den Gassen liegenden Kommission. Der Trupp rckt bei
Feuerschein im Laufschritt an, und unheimlich blitzen ihre Bajonette.
Einige Salpeterer schieen, doch gehen die Kugeln pfeifend ber die
Kpfe weg. Nun wird's Ernst, die Hartschiere verstehen keinen Spa, ein
Kommando ertnt: "Feuer!" Weherufe werden laut, einige Salpeterer
strzen zu Boden, wimmernd und sthnend, der groe Haufen aber stiebt
hinweg in rasender Flucht und verschwindet im Dunkel der Nacht. Die
Soldaten aber durchsuchen nun die Gassen des Dorfes, binden die
Offiziere los und pochen den "Ochsen"wirt heraus, der jetzt bereitwillig
sein Haus ffnet und mit seinem rasch zur Stelle geschafften Gesinde die
militrischen Gste bedient. Dem Brgermeister werden die Verwundeten
bergeben und die "ruhigen" Drfler mssen Hilfe leisten. Das Dorf wird
von Wachen umstellt wie im Kriege und fr den Rest der Nacht die Ronde
abgehalten.

Scharf geht der Kommandant mit dem "Ochsen"wirt ins Gericht, dem sein
feiges Verhalten vorgehalten wird. Demtig sucht dieser sich zu
entschuldigen; er habe nicht anders gekonnt, wenn er in Kenntnis von dem
beabsichtigten berfall der Salpeterer sein Hab und Gut schtzen wollte.
Htte er die Herren eingelassen, so wre ihm sicher das Haus berm Kopf
angezndet worden. Doch der erboste Kommandeur lt dies nicht gelten,
grimmig belegt er den Wirt mit kriegsgemer Kontribution: Verpflegung
und Beherbergung von Stab und Mannschaft ohne Entgelt, fr die Dauer der
Rekrutierung.

Wie der "Ochsen"wirt sich windet, wie er jammert und winselt! Aber es
ntzt nichts. Auf Befehl mu Wein in Fssern aus dem Keller
heraufgeschafft und auf den Dorfplatz getragen werden, wo die
Hartschiere biwackieren und vergngt die sffige Kontribution in Empfang
nehmen. Und die Rauchkammer wird ihres Inhaltes entleert, Rauchfleisch
und Schinken verschwindet geschwind fr immer. Und all das Fluchen ntzt
dem Wirt gar nichts. Er hat sich bs verrechnet mit seinem Kalkl. Hol'
der Satan die Salpeterei!

Im Hause des Bibermrte ist's nach der Flucht der Salpeterer ruhig
geworden; die Gefahr ist vorber. Die Alten frchten zwar noch, da sich
auch die Soldaten bemerkbar machen werden und bleiben daher auf der
"Kunst" hocken, horchend und wartend. Dem tti ist die Rauchlust
vergangen und Muetterli lt die sonst so arbeitsfrohen Hnde in den
Scho sinken. Leise knistert das Licht, und emsig tickt die Uhr in der
Ecke. Oben aber in Michels Stube wartet Thrinele des langsam Genesenden,
dem sie leise erzhlt von dem Vorgang im Dorfe. Wie Michels Feueraugen
glhen! Schade, da er unthtig zu Bette liegen mu; gesund und heil
htte er den Salpeterern auf die Kpfe geschossen, da es eine Art
gewesen wre. Thrinele beschwichtigt Michel und mahnt ihn, wieder weiter
zu schlummern. Aber Michel findet die ntige Ruhe nicht mehr, es hmmern
die Schlfen, und wild tobt das Blut in den Adern. Der Vorfall hat ihn
erregt, die Wunde beginnt aufs neue zu schmerzen. Sanft drckt Thrinele
den Fiebernden in die Kissen und legt ihr Hndchen auf seine glhende
Stirn. Das beruhigt den Kranken sichtlich, noch mehr aber das se
Geflster des geliebten Mdchens.

"Liebsch mi no, Thrinele?" fragt leise der stillliegende Michel.

Und 's Maidli flstert unter holdem Errten: "Bis in den Tod, Michel!"

"Weisch noch, Thrinele, wich ich 's erstemol chomen bin zu "Kilt" und
han di 'beten um di Herzli!?"

Wieder nickt Thrinele mit dem Chpfli und sagt dann: "Ich han dir 's
aber verbote!"

"Ja sell isch wahr by Gott! Un mir war 's, als isch d' Sunne g'storbe!"

"Es ha so si msse, Michel! Doch mut nit so viel rede!"

"So red' du, Thrinele! O wie chlopft mir mi Herz! Lueg, Thrinele! Weisch
wie ma seit: 'ne Chu in Ehre, wer will 's verwehre? Cht 's Blmeli
nit si Schwesterli? Gi mir ne Chu, i wer na schon gesunde!"

Und treuherzig bietet 's Maidli die kirschroten Lippen dem kranken
Michel dar und drckt ihn dann wieder in die Kissen.

       *       *       *       *       *

Die Nacht ist vorbergegangen; der Fhn hat gegen Morgen nachgelassen,
es ist ruhig im Wald geworden. Noch tropft es im Tann, und die
Wsserlein sickern zu Thale. Schwerer Dunst liegt ber den Bergen, und
im Thalgrunde wogt der Nebel, grau in grau. Auf dem Dorfplatze
schlummern in ihre Mntel gehllt die Hartschiere am erloschenen
Biwakfeuer; in Pyramiden zusammengestellt stehen die Gewehre, bewacht
von den Posten. Und einsam stehen statuengleich um's Dorf die Wachen.
Einzelne Hhne krhen den jungen nebligen Morgen an, das Hhnervolk
weckend. Im "roten Ochsen" regt's sich, eine Ordonnanz mit dem Trompeter
verlt das Haus, und gleich darauf schmettert der Alarmruf hell durch's
Dorf. Flink springen die Hartschiere auf und greifen nach den Waffen;
die Drfler gucken verschlafen aus den Fenstern, es wird lebendig
allenthalben in Herrischried. Die Offiziere eilen zur Truppe, den Wirt
unwillig zur Seite stoend, der noch in den Kleidern von gestern
steckend, sich nach der Alarmursache erkundigen will. Und da ist auch
schon der Major, grimmig und verdrossen. "Holt den Brgermeister!"
befiehlt er und schreitet stolz zum Dorfplatze, wo die Hartschiere
marschbereit stehen. Bald ist der Brgermeister da, der nun Leute als
Fhrer beschaffen soll zur zwangsweisen Herbeifhrung der Rekruten.

Unter tiefen Bcklingen versichert der Dorfchef: Wer zu den "Halunken"
gehre, werde selber kommen; die Rekrutenaushebung sei allenthalben
bekannt gemacht. Von den Salpeterern aber werde nicht einer kommen!

"Dann holen wir die Kerle!"

"Mit Verlaub! Da isch nt ze hole! Die Bebli sin alle marsch us, fort!
Die heutige Nacht hat's bewiese!"

"Tod und Teufel, dann sind wir vergebens heraufgekommen!" flucht der
Major.

"Doch nit, Ew. Gnaden! Von den Halunkenbueben wird jeder chome und sin
Pflicht genge!"

"Wer wird kommen?"

"Die Buebe von den Halunken!"

Verwundert beguckt der Major den Ortsvorsteher, ihm klingt es nahezu
spanisch, da die Halunken sich fgen und Soldaten werden wollen,
whrend die anderen flchtig gegangen sind. Der landkundige
Zivilkommissr giebt indes die ntige Aufklrung, worauf der Kommandeur
die Mannschaft wieder austreten und ihr vom "Ochsen"wirt die Morgensuppe
reichen lt.

Gegen neun Uhr soll das Aushebungsgeschft beginnen. Neugierig ob der
kommenden Dinge stehen die Hartschiere umher, und von Luken und Fenstern
gaffen die Dorfdirnen herunter. Selbst auf die Gasse herunterzukommen,
wagen sie nicht, denn sie frchten die rauhen Soldaten.

In einer Stube des Wirtshauses harrt die Kommission der mnnlichen
Dorfjugend und der Burschen aus den Einden des hintersten Waldes.
Allmhlich trottet einer, zwei davon an, zaghaft, scheu und tief das
Hetli lpfend vor den Hartschieren, die den Weg weisen zur gefrchteten
Kommission. "Behalten" wird natrlich jeder, so er nicht Krppel ist,
denn die strmische Zeit verlangt mglichst viel Kanonenfutter. Noch
riesig lang ist der Zettel mit den Namen der auszuhebenden Burschen, und
grimmig berfliegt der Major immer wieder die Namen der Fehlenden. Eine
Bewegung unter den Herren ist wahrnehmbar, aller Augen sind auf die Thr
gerichtet, durch die mit tiefen Bcklingen der alte Biber tritt. Die
Leutnants flstern sich Witzworte ber den "alten Rekruten" zu, gespannt
blickt der Major auf den Alten und fragt ihn dann barsch, was dessen
Erscheinen vor der Kommission zu bedeuten habe.

Der Alte zuckt erschrocken zusammen und stammelt dann, um Verlaub
bittend, da er an Stelle seines Bueben komme, der krank, von einem
Salpeterer gestochen, zu Hause liege und daher nicht erscheinen knne.
Wenn der Herr General aber wissen lassen thte, wohin nach erfolgter
Genesung der Bueb kommen solle, werde der Michel sicherlich sich
stellen, freiwillig kommen, wasmaen die Biberischen "Halunken" seien
und zur Ordnungspartei auf dem Walde gehren.

Der Major kann sich einer gewissen Rhrung kaum erwehren, und weich
gestimmt, sagt er: "Es giebt doch seltsame "Halunken"! Ihr "Halunken"
oben im Walde seid ordentliche Leute, und die andern sind die rechten
Halunken. Rein die verkehrte Welt! Aber wir brauchen Soldaten, wir
knnen auf Euren Michel nicht verzichten. Geb Er, Biber, also dem
Schreiber das Nhere an; sobald Euer Michel gesund ist, soll er sich
beim Platzkommando in Freiburg stellen. Nun b'het Gott, Alter, Er ist
ein wackerer Mann! Und fr Euren Bueben will ich selber sorgen!"
Leutselig reicht der Major dem Wldler die Hand und entlt ihn mit dem
Wunsch fr baldige Besserung des Michels.

Stunde um Stunde vergeht, es kommt niemand mehr. Die paar Burschen der
Ordnungspartei von Herrischried, Engelschwand und Rtte und aus einigen
Einden sind "verassentiert" und ausgehoben, die Salpeterer aber fern
geblieben und offenbar flchtig gegangen. Der Major sieht allmhlich
ein, da der Brgermeister richtig prophezeite. Indes soll doch noch
eine kleine Streifung in Salpetererwohnsitze unternommen werden;
vielleicht haben sich welche von den Auszuhebenden versteckt. Es geht
also eine Patrouille, von einem lteren Leutnant befehligt, ab.
Mittlerweile machen die Kommissionsherren es sich an der Mittagstafel
bequem, die der arme "Ochsen"wirt abermals kontributionsgem kostenlos
stellen mu. Die Hartschiere besetzen die gewhnliche Gaststube und
nehmen dort ihre Atzung ein, die Chngi mit dem Fleischerknecht
herbeischleppt. Der Wirt selbst zpflet am Weinfa und berechnet den
Schaden aus der heillosen Geschichte, die er so pfiffig angepackt
glaubte. Hol' der Kuckuck das vorsichtige Neutralsein! Was hat er jetzt
davon, da er zwischen Speicher und Dachsparren stand und zu keiner
Partei hielt! Als "Sparrengcksler" ist er erst recht unter die Wgen
gekommen. Fr die Salpeterer hatte er Heiwasser bereitgehalten zum
"Gottwilche", wenn sie gekommen wren, ihm das Thor einzuschlagen, und
die Offiziere hat er abgewiesen, ihnen die Einkehr verweigert.
Wahrscheinlich htte die Kommission ohne Widerstand alles bei Heller und
Pfennig bezahlt, und jetzt kriegt der "Ochsen"wirt keinen Chrtzer!

Die Patrouille ist resultatlos zurckgekehrt, die Eindhfe sind leer
bis auf die Wybervolk und weniges Greise. Die Mnner und Burschen, alles
Salpeterer, sind fort ber die Waldberge. Nheres war aus den Weibern
nicht herauszubringen. Dem Major dnkt weiteres Verweilen zwecklos, er
lt zum Sammeln blasen und rckt mit seiner Mannschaft ab ber
Todtmoos, um ber Todtnau gen Freiburg zu marschieren. Wie der Wirt den
letzten Hartschierfrack von rckwrts erblickt, macht er einen
Luftsprung vor Freude, denn er hat lngere Einquartierung befrchtet.

       *       *       *       *       *

Die Hhenfeuer der verwichenen Nacht haben ihre besondere Bedeutung
gehabt; es waren Alarmzeichen, die gidis Befehl an die gesamten
Salpeterer bermittelten, in Eilmrschen bewaffnet ins Albthal zu
ziehen und sich bei Kuchelbach zu sammeln. Durch vertraute Mnner
war die Kunde von Dorf zu Dorf, von Weiler zu Weiler bis in die
entlegensten Eindhfe getragen worden mit dem Beifgen, da die
Rekrutierungskommissionen dort, wo sie in geringer Bedeckung sich
befnden, unschdlich gemacht werden sollten. Und wie das erste Feuer
emporflammte, steckten die Auslueger ihre Ste in Brand, von Bhl zu
Bhl lohte es auf, und in wenigen Stunden riefen die Flammenzeichen
durch die ganze Grafschaft die Salpeterer zu den Waffen. Mann fr Mann,
die Burschen im Rekrutenalter, Weiber und Mdchen, zogen aus in selbiger
Nacht ber Berg und Thal, durch den ungeheuren Tann mit Fackeln und
Mordinstrumenten. Wer sich unterwegs strubte mitzugehen, ward
niedergeschlagen, Halunkenhuser wurden wenigstens in Bezug auf Proviant
ausgeraubt, und die Schnapsflaschen gingen von Mund zu Mund, die immer
anschwellende Schar vllig trunken machend, so da die Wlder von
Geschrei und Gejohle widerhallten. Krhten an einsamen Waldhfen die
Gckel und gackerten Hennen, grunzten Schweine: flugs begann die wilde
Jagd und mit brllendem Halloh ward die Beute mitgeschleppt, so der
Hfler zu Hause war und damit bekundete, da er zur Halunkenpartei
gehrt. Jeder echte Salpeterer mu sich ja nach dem nchtlichen
Alarmsignal auf der Wanderung nach Kuchelbach befinden! Wer zu Hause
bleibt, ist ein Halunke! Es gilt die Freiheit der Grafschaft, es gilt
den Glauben!

Wie sonst die Bevlkerung der Hauensteiner Gemarkung am
Allerseelensonntag von den Berghalden herabsteigt und frommen Sinnes zum
Drflein pilgert, um die Grber der Verstorbenen zu schmcken und mit
brennenden Kerzen unter Glockengelute laut betend in feierlicher
Prozession die Raststtten ewiger Ruhe zu umgehen: diesmal wallen die
Scharen erregt, grhlend, aus dem Tann herab gen Kuchelbach, dem Rufe
zum Aufstand folgend. Der Friedhof des Dorfes ist der Sammelpunkt, und
in der Kirche soll Gottes Segen erfleht werden fr den Kampf ums heilige
alte Recht. Die Glocken wimmern im frischen Morgen; Riedmatter, der
Fhrer der weitverzweigten Bruderschaft, hat das Sturmgelute befohlen
und den protestierenden Pfarrer einfach im Pfarrhofe gefangen gesetzt
und bewachen lassen. Wer gegen den Fhrer ist im Denken und Handeln, ist
Halunke, auch der Pfarrer, auf den sonst der Hauensteiner viel hlt, so
dieser nicht neumodisch sich der Fremdherrschaft beugt und der Obrigkeit
zu Willen ist.

Es wimmelt auf den Halden, in dichten Scharen ziehen die fanatisch
erregten Menschen herab, Kreuze tragend, bewaffnet bis an die Zhne mit
altem Geraffel, Sensen, Gewehren, Dreschflegeln, Sicheln und Prgeln.
Weithin ist das Gekreisch der trunkenen Weiber, das Gejohle der Mnner
hrbar; das Sturmgelute stachelt zur Sinnlosigkeit auf. Der Friedhof zu
Kuchelbach gleicht einem Kriegslager; die Salpeterer des Dorfes haben
zwischen den Grbern ihr Hauptquartier aufgeschlagen; es sollen auch die
Toten ihren Anteil am Befreiungskriege haben! Waffen aller Art liegen
wirr durcheinander auf den Grabhgeln, und auerhalb der Kirchhofsmauern
sind fliegende Schnken errichten, in denen geraubter Halunkenwein fr
die "Brder" verzapft wird. Auf einem improvisierten Podium, mit
Totenschdeln aus dem Beinhaus garniert, thront gidius Riedmatter, von
buerliche Adjutanten umgeben. Der alte Mann hat einen ungeheuren
Husarensbel umgeschnallt, und seine Hotzenmtze trgt einen
Gardistenfederbusch in sterreichischen Farben zum Zeichen seiner
Generalswrde. Mit Genugthuung sieht Riedmatter, dem das Machtgefhl zu
Kopf gestiegen, auf die heranwallenden Scharen, die seine "Armee" rasch
verstrken. Auf solch' groen Zuzug hat der "Feldherr" selbst nicht
gerechnet. Wie die vielhundertkpfigen Scharen verkstigt und fr die
Nacht untergebracht werden sollen, kmmert gidi in seinem
Hoheitsgefhle wenig. Was den Halunken in Kuchelbach, Unteralpfen und
Birndorf abzunehmen war aus Rauchkammern und Kellern, ist im
Requisitionswege genommen und ins Hauptquartier geschleppt worden. Das
Weitere wird sich wohl finden, im Notfalle knnen die Scharen in der
Kirche bernachten. Krieg und Not kennt kein Gebot. Wer wei, wann es
schon zum Angriff geht; je eher, desto besser, denn die versammelten
Salpeterer sind voll guter Hoffnung und voll des Weines, der
Begeisterung schafft. In solcher Stimmung kmpfen die Leute besser als
abgehetzt und mit leerem Magen. Drum lt gidi immer neue Fsser
anzapfen; sie sollen toll werden, bis die Husaren und Panduren von
Waldshut anrcken. Die "Adjutanten" empfangen jeden neuen Trupp und
geleiten die grhlenden Leute vor den "Thron" des "Feldherrn" zur
Huldigung. Riedmatter steht mit hocherhobenem Sbel auf dem Podium und
lt sich umjauchzen. Dann winkt er, Ruhe heischend, und befiehlt: "Hut
ab und Mtzen 'runter! Ich will reden!" Allmhlich wird es still im
Kirchhof und dessen nchster Umgebung. Riedmatter reckt sich und wirft
sich in die Brust. Dann hebt er an: "Gottwilche! Seid gegrt im Namen
der heiligen Mutter Gottes! Und seid bedankt fr euer Kommen! Es gilt
jetzt einen Hauptschlag! Mit kleinen Mitteln haben wir uns bishero
gewehret gegen Bedrckung jeglicher Art, gegen Zehent und Steuern und
neumodische Verordnungen, die im Widerspruch stehen gegen alte Brief,
Privilegy und Handfesten von unserem Grafen Hans von Hauenstein. Wie mir
gemeldet, wollen sie uns jetzt die Blutsteuer auferlegen, unsere Shne
nehmen und zu Soldaten machen. Und weil auf meinen Befehl die
Rekrutenkommissionen berall im Walde verjagt sind, wird man uns wohl
Panduren, Kroaten und Husaren auf den Leib schicken, um uns zu zhmen
und zu bndigen. Es soll ihnen aber by Gott bel bekommen. Denn fest
geschlossen ist unser Bund, heilig unsere Sache! Ich sage es, und das
gengt! So lange auch nur _drei_ Salpeterer zusammenhalten,[14] werden
wir obsiegen, denn unsere Sache ist gerecht. Dafr ein Beispiel: Ein
Halunke hat den Anspruch gethan: wenn die Salpeterer recht htten, so
wolle er den priesterlichen Segen nicht mehr empfangen. Und gestern
begegnete der Mann zwischen Waldshut und Oberalpfen einem Kaplan, der
ihm an einem Kreuz den Segen gab. Da ist der Halunke pltzlich tot
niedergefallen. Also ist unsere Sache gerecht, vom Himmel, von Gott
gesegnet! Des Himmels und des Papstes Beistand ist uns sicher! Und wir
gehen freudig und mutig in den Kampf fr Gott, den Glauben und unser
Recht! Die Freiheit ber alles! Schwret mir anjetzo Treu' und Gehorsam,
Tapferkeit vor dem Feinde! Schwret!"

Mit erhobenen Armen und ausgespreitzten Fingern leisten die Scharen den
verlangten Schwur, es kreischen die Weiber, es grhlen die Mnner und
Jnglinge. Nur der Sepli von Herrischried, den seine Vroni zum
Mitmarschieren gezwungen, rhrt sich nicht, und er erhebt die Hand auch
nicht, als sein fanatisches Weib ihm Rippensto ber Rippensto
verabreicht, und ihm abermals mit Eheabbruch droht. Im wirren Tumult
beachtet niemand diese eheliche Streitscene; um die fehlende Schwurhand
zu ersetzen, hebt Vroni ihre beiden Hnde empor und schwrt doppelt,
gleichzeitig aber den bockbeinigen Gatten mit Futritten traktierend.

Nach geleistetem Schwur drngt alles, rcksichtslos ber die Grber
steigend, Kreuze achtlos brechend, hinaus zu den Weinfssern, die mit
Gebrll und Gejohle gestrmt werden wie die Berge von Rauchfleisch und
Schinken. Eingekeilt in die Menge, wird auch der ruhige Sepli mit seiner
Vroni hinausgeschoben. Kaum sprt Sepli etwas Freiheit, so trifft er
Anstalt, sich zu drcken; ihm ist der ganze lcherliche und ebenso
gefhrliche Rummel in die Seele hinein zuwider. Er erkennt, da die
trunkenen Leute, ohne es zu ahnen, um ihr Leben spielen und vor dem Tode
stehen, und drum will er sich fr seine Person rechtzeitig in Sicherheit
bringen, denn sind die Panduren einmal da, so wird einfach geschossen
und nicht lange gefragt, ob einer Halunke oder Salpeterer sei.
Mitgefangen, miterschossen, heit es da. Vroni scheint zu ahnen, was
Sepli beabsichtigt, und mit einem festen Griff packt sie den Ausreier
am Rockkragen und zerrt ihn mitten in die wilderregte Menge.

Riedmatter sitzt noch immer gebieterisch auf seinem Thron und spricht
einem dickbauchigen Weinkrug fleiig zu. Er will sich Mut antrinken. Da
kommt kreidebleich ein Adjutant heran und stottert: "Die Kroaten
kommen!" Riedmatter das hren, den Sbel und die Mtze wegwerfen, mit
einem Sprung vom Podium herabsetzend und wie rasend flchtend, ist eins!
Und wie besessen, zeternd, kreischend, um Hilfe schreiend eilen die
Nchststehenden nach, indes von den jngeren Burschen mehr aus bermut
und Ulk Schsse abgefeuert werden. Und das ist zum Unglck, denn die im
Laufschritt herankommenden Panduren glauben, die Schsse der Rebellen
haben ihnen gegolten und feuern nun in das zurckgebliebene
Menschenhuflein. Eine Kugel trifft den armen Sepli, der mit dem Rcken
gegen die Panduren stehend, die Gefahr nicht wahrgenommen hatte und sich
nicht mehr rechtzeitig retten konnte. Aufschreiend strzt Sepli vornber
zu Boden mit durchschossener Brust. Sein Weib hat sich gleich hinter
Riedmatter in Sicherheit gebracht. Drei, vier Salpeterer sinken
gleichfalls tdlich verwundet nieder; alles andere ist flchtig davon.
Wie beset ist der Platz am Kirchhof von Waffen und Germpel,
zertretenen Fssern, Fleischresten und dergleichen. Die Panduren
schwrmen aus, Husaren sausen im Galopp den Flchtigen nach, das Dorf
wird im Sturm genommen ohne Widerstand. Die Halunkengreise, Mnner,
Weiber und Kinder bieten dem Kommandeur die Schlssel an und erklren
den Sachverhalt, worauf sie pardonniert werden. Die Salpetererhuser
werden scharf durchsucht; sie sind leer, die Rebellen haben sich in den
schtzenden Tann geflchtet. Vorsichtshalber wird auch noch die Kirche
durchsucht, und in einem Beichtstuhl versteckt, finden die Panduren den
Truppenfhrer der Salpeterer, den tapferen Magnus Riedmatter, der sofort
gebunden und gefangen gesetzt wird. Und von den zurckkehrenden Husaren
wird auch der alte Riedmatter, mit einem langen Strick an den
Sattelknopf gebunden, gleich einem Kettenhunde eingebracht; auf
flchtigen Pferden haben die ungarischen Reiter den Messias der
Salpeterer just noch berritten, als gidi in den schtzenden Tann
einspringen gewollt.

Die Rebellen sind verschwunden, verstreut wie Spreu vom Winde. Verlassen
ihre Gehfte und Siedelungen, Felder und Wiesen. Das war ihr "Sieg" zu
Kuchelbach und Birndorf. Panduren schaufelten dem Opfer dieses
unheilvollen Tages, dem armen Sepli, das Grab, und vor Anbruch der Nacht
war er beerdigt. Tags darauf hauchten auch die brigen angeschossenen
Leute das Leben aus und fanden die Ruhesttte in einem gemeinsamen
Grabe.

       *       *       *       *       *

Was einem eingeborenen Hauensteiner wohl selten oder nie passiert: sich
im Tann zu verirren und den Pfad, die Richtung zu verlieren, dem
Streitpeter ist's passiert auf seiner Wanderung vom toten Bhl durch den
Wald, ber Berge, durch Schluchten hinber ins Albthal. Peter ist irr
gegangen und merkte dies erst, als nach langem Marsche der muntere
Albbach noch immer nicht in Sicht treten wollte. Er ist zuviel in
sdliche Richtung geraten und steht schlielich vor Oberwihl, whrend er
doch ber Riwihl nach Kuchelbach wollte. Der Vorgang ist nun zwar kein
Unglck, aber eine heillose Versptung bleibt es doch. Da Peter Hunger
und Durst versprt, will er sich im Wihler Wirtshaus strken und hernach
gen Thal heruntersteigen, um dann dem Steinbach entlang nach Kuchelbach
zu marschieren. Was Peter noch nie als Glck betrachtet hat, was im
Gegenteil in seinen Augen Schande ist: der Wihler Wirt ist Halunke und
deshalb zu Hause geblieben. Schier das ganze Dorf ist leer, fast alles
hat dem Aufgebot Folge geleistet und ist zum Kuchelbacher
Friedhof-Hauptquartier gezogen. Durch die Anwesenheit des Wirtes bekommt
daher Peter erwnschte Atzung, die ihm sonst sicher nicht geworden wre
bei versperrtem Hause. Freilich erkennt Peter aus den Mitteilungen des
Halunken-Wirtes, da er spt, sehr spt daran ist, denn die Wihler
Salpeterer sind schon seit geraumer Zeit fortgezogen, wie toll, sagte
der Wirt, und sicher ins Verderben.

Peter horcht auf und fragt dann mglichst harmlos, wieso die Leute ins
Verderben gezogen wren. Der Wirt erklrt, da das Aufgebot auch in
Albbruck bekannt geworden sein mte, weil bald darauf reitende Boten
nach Sckingen und Waldshut abgegangen seien. So htte wenigstens ein
Wihler, der in Albbruck die wie rasend fortstrmenden Reiter gesehen
habe, heimgekommen in Wihl erzhlt.

Peter meint, das knne aber doch mit anderen Dingen zusammenhngen, und
an Verrat des Aufgebotes glaube er nicht.

Verrat brauche das--entgegnet der Wirt--nicht zu sein: die Salpeterer
haben es laut genug ausgeschrieen, da sie nach Kuchelbach zur Sammlung
ziehen, und dann in geschlossenen Reihen nach Waldshut marschieren
wollen, um Abrechnung zu halten und die alte Einungsordnung einzusetzen
im Wald.

"Ausgeschrieen? Das isch frili dumm!" stammelt Peter ganz verdattert.
Ihm will solche Ungeheuerlichkeit nicht zu Kopf: Aufgebot, den ganzen
Kampfplan ffentlich auszuschreien und den Halunken preiszugeben--was
mssen die Albthaler Salpeterer fr Schafskpfe sein.

Und wegen der Reiterboten glaubt der Wirt, da Panduren und Husaren wohl
nach Kuchelbach kommen und die ganze tolle Gesellschaft einfangen, wenn
nicht niederhauen werden. "Mit de Salpeterer goht's nidsi: (abwrts)!"
versichert der Wirt.

Petern leidet's nicht mehr in der Wirtschaft; er will eiligst zu gidi
laufen und ihn warnen, ihm das Gehrte vertraulich mitteilen, die
Bruderschaft in gute Deckung bringen und vor berfall sichern.

Eine Angst befllt Petern, der lauft wie noch nie im Leben. Schon sieht
er den Albbach glitzern tief unten im Thale, eine kurze Stecke noch und
er wird in Kuchelbach sein. Was ist das fr ein Lrm? Wie rasend
flchten Menschen die Hnge hinan, schreiend, von Verzweiflung
getrieben, und hinterdrein jagen Husaren; Gewehre knattern, Pulverdampf
steigt auf--eine entsetzliche Menschenjagd ist's--die Salpeterersache
ist verloren!

Peter starrt einen Augenblick hinab ins Thal, dann aber regt sich der
Selbsterhaltungstrieb in ihm und jh kehrt er um, zurck in rasendem
Lauf, hinein in den Wald und heimwrts mit fliegendem Atem. Verloren die
Salpeterei! Verloren, bevor sie zum Sieg ausgezogen! Verloren die
Grafschaft, das alte Recht, die alte Einung! Sie werden nun Soldaten in
alle Drfer legen, die Mitglieder der Bruderschaft einzeln
herauszufangen und zu Freiburg vor'm Hofgericht massakrieren. Drum
hinein in den dichtesten Wald--der Tann allein schtzt den
Schwarzwlder--dort, wo die Nadeln am dichtesten sind.

Atemlos, abgehetzt, von Angst gefoltert, an allem verzweifelnd, erreicht
Peter sein heruntergekommenes rmliches Haus am Bhl; scheu blickt er um
sich, namentlich gen Hochschr hinber, er frchtet berall Panduren und
Husaren hervorbrechen zu sehen. Alles ist ruhig wie vordem: schwarz der
Tann, graugelb die Matten und Hnge, weggewaschen der Schnee--eine
Totenstille liegt ber dem Bhl. Gottlob! Hier herauf sind die Hscher
noch nicht gedrungen. Aber sie werden kommen! Hastig sucht Peter nach
dem Thorschlssel; endlich findet er ihn und schliet auf. Schnell rafft
er Proviant zusammen und bindet alles in ein Linnen. Soll er auch einen
Krug Wein mitnehmen? Ein Gerusch drauen lt Petern davon Abstand
nehmen, schreckerfllt packt er das Linnen und jagt, wie von Furien
verfolgt, in den Tann. Sogar seine Akten hat er im Stich gelassen, und
angelweit offen steht die Hausthr.

Vom "Schild" rasselt ein leerer Blumentopf vllig herunter, den die
Hauskatze ins Rollen gebracht; das war das Gerusch, das Peter in die
Flucht gejagt.

       *       *       *       *       *

Es ist wieder Winter geworden auf dem Wald; erst zog es an und wurde
scharf kalt in der Nacht, dann schob der Westwind graue Wolken heran,
aus denen die Flinsen anfangs zaghaft herabfielen, bis die Flocken Mut
bekamen und in tollem Wirbel zur Erde flatterten. Immer grer wurde das
Geflock, Hgel und Matten kleiden sich wieder wei, ins Leichentuch der
Natur, und geduldig halten auch die ernsten Tannen still bei dieser
Liebeswerbung des weien Wintergastes. Es schneit ununterbrochen
stundenlang; dann wird es kalt, bitter kalt, wie sich's gehrt zur
Adventszeit. Steif gefroren ist alles, ein ungeheurer Panzer hlt die
Schwarzwalderde umschlungen, fest, ehern und silberwei.

  "Und wo me luegt, isch Schnee un Schnee,
  Me sieht ke Stro' und Fueweg meh."

So grimmig der Winter wiedergekommen mit Ungestm und Macht, im alten
Hause bei Biber ist Frhling: Michel ist wieder gesundet, er steht, wenn
auch noch etwas schwach und matt, wieder auf den Beinen und verbringt
die kurzen Tagesstunden auf der "Kunst" beim warmen Kachelofen im
Untergela. Thrinele hat ihre Kruterreste zusammengepackt und sich
fertig gemacht, das Haus zu verlassen. Ihre Pflegeraufgabe ist gethan,
und damit der Zweck ihrer Anwesenheit erfllt. Mit rhrenden Worten hat
sie der alten Biberin herzlich gedankt fr die gtige Aufnahme und
Erlaubnis, da sie dem Michel Pflegerin sein drfte. Und Muetti nahm das
Maidli in die Arme und kte es ab und nannte Thrinele "Tochter"; und 's
Maidli weinte Freudenthrnen am Herzen der alten seelensguten Frau. Ob
es freilich dazu kommen werde, da Michel und Thrinele vereint am Altar
stehen werden, das kann nur Gott allein wissen. Die Zeiten sind schlimm,
und bse die Verhltnisse. Wollten auch Bibers--der tti mu doch auch
erst gefragt werden--zustimmen in der Erkenntnis, da es weit und breit
auf dem Wald kein braveres Maidli gebe, Thrineles Vater ist
streitschtig und der Salpeterersache ergeben. Und niemals hat man
gehrt, da Kinder aus Halunken- und Salpetererfamilien im Wald zusammen
geheiratet htten. Sicherlich wird der Streitpeter bse sein, da
Thrinele ber Hals und Kopf das Vaterhaus verlie und Aufnahme bei
Halunken gefunden; von einer Heirat wird er erst recht nichts wissen
wollen. Ist ja doch landbekannt, da er lieber verderben, als die Sache
der Salpeterer aufgeben wolle, fr die er nahezu alles geopfert, fr die
er sozusagen bettelarm geworden ist. Ein halbdutzend Khe, Pferde und
Fahrnisse hat seine Streitlust, sein Kampf gegen die Obrigkeit schon
verschlungen, das Anwesen ist verschuldet, heruntergekommen, aber zh
hlt Peter an seinem Wahne fest. Das wei man am Bhl wie zu
Herrischried, und drum--so meint Muetti--msse man das Weitere Gott, dem
Lenker der Schicksale berlassen. Wortlos, das Kpfchen geneigt, hat
Thrinele der Alten zugehrt; 's Maidli nickt unter Thrnen und ist
bereit sich zu fgen, zu entsagen. Nur dem tti mchte sie noch danken,
sich von ihm verabschieden. Aber der alte Biber ist seit einigen
Tagen--Thrinele hat das gar nicht bemerkt--von Hause fort und nach
Sckingen zu Amt gegangen. Heute wird er zurckerwartet; bis zu seiner
Rckkehr solle Thrinele daher im Hause bleiben, und solle es dann zu
spt zum Heimgehen auf den Bhl werden, so msse 's Maidli eben noch
eine Nacht bei Bibers verbringen. Und so wartet denn Thrinele, rckt die
Kunkel ans Fenster und spinnt fleiig, da das Rdli summt und surrt.
Zartfhlend hat Muetti auf ein Weilchen die Stube verlassen und sich
anderwrts zu schaffen gemacht, auf da das Prchen Abschied nehmen
knne, wer wei auf wie lange Zeit.

Michel kommt denn auch, noch etwas unsicher gehend, auf das emsig
spinnende Maidli zugeschritten, legt liebkosend seine Hand auf Thrineles
Kpfchen und flstert: "Will d'Sunne wirkli von mir goh?"

Seufzend nickt's Maidli, und salziges Wasser fllet die uglein.

"Gohst licht von mir?"

Weinend bittet 's Maidli: "Mach' mir 's Herz nit schwer, Michel! Lueg:
Wenn im Frehlig 's Schwlmli wieder singt: vielleicht das Glck uns
zusamme bringt! Wir msse warte und uf Gott vertraue!"

Schwere Schritte vor dem Haus unterbrechen das Gesprch der beiden; es
ist tti, der von Sckingen zurckgekehrt ist und lrmend sich den
Schnee von den schweren Schuhen abflt. Schon im Flur begrt ihn
Muetti, gleichzeitig fragend, wie es sei zu Amt und was tti
ausgerichtet habe.

Lachend mahnt der Alte: "Zit lasse, Muetti, sust erstickst am viele
Frage!"

In die Stube eintretend, wird Biber herzlich begrt und willkommen
geheien vom Sohn und der Thrinele.

"Potz tausig! Isch der Bueb au wieder uf de Bine! Gottwilche uerm
Bett!"

Damit hat nun das Reden beim tti vorerst ein Ende; er langt nach dem
Pfifli, es mu erst ein Weilchen Tubak geraucht werden, dann kann's ans
Verzhlen gehen. Muetti bringt zur Strkung ein Glschen Chriesiwasser,
das tti bedchtig leert und dann mit der Zunge schnalzt. Dann wird's
still in der warmen Stube, und Thrineles Rdchen summt und brummt.

Das Pfifli ist zu Ende geraucht. Jetzt spricht tti: "Michel!"

"Was isch, tti?"

"Nt isch!"

"Wie sagsch?"

Schmunzelnd vor innerem Vergngen erzhlt der Vater, da der Amtmann
erklrte, der Michel knne ruhig zu Hause bleiben. Die Geschichte von
der Anmeldung des Kranken, seine Bereitwilligkeit nachzudienen, sobald
er wieder gesund sei, in Verbindung mit der Salpetererschlacht bei
Kuchelbach habe die Regierung veranlat, den Michel vom Militrdienst zu
befreien. Es wrden lediglich Salpetererbuben zwangsweise eingereiht,
Halunkenshne aber wieder losgegeben. Unter anderen werde auch Jobbeli,
des Streitpeters Sohn, nach Verbung seiner Gefngnisstrafe unters
Militr gebracht zum warnenden Beispiel fr andere Salpeterer.

Wie Michel aufjubelt! Seine bleichen Wangen rten sich, er zittert vor
Freude, drckt dem tti die Hand und bittet Thrinele, seine Freude zu
teilen und zu bleiben in Vaters Haus.

Herzlich wnscht 's Maidli dem Michel Glck, erhebt sich aber dann,
verabschiedet sich dankend fr all das Genossene bei tti, Muetti und
Michel, und hllt sich in ihr Tuch. "Bhet Gott mitsamme, bhet Gott!"
Und fort ist 's Maidli. Michel ist vors Haus getreten; kaum erblickt er
noch 's Thrinele, wie es hastig durchs Thlchen eilt, der Strae nach
Hottingen zu. Und weit drauen, an der Biegung des Thalstrleins dreht
Thrinele um und winkt zurck, einen Augenblick nur, dann stapft es in
abendlicher Dmmerung heim zum toten Bhl.

       *       *       *       *       *

Von Leuten, die zu Freiburg waren und trotz Schnee und Wintersnot ber
Todtnau in den Wald heimgekehrt sind, ist die Kunde von Bhl zu Bhl
getragen worden, da das Gericht die erwischten Salpeterer abgeurteilt
habe. Den alten Riedmatter wie seinen Sohn habe man ins Arbeitshaus
gebracht, wo beide schimpflich das Rad drehen mten. Andere seien zu
ffentlichen Strafarbeiten verurteilt, und diejenigen, die glcklich in
die Schweiz gelangten, dann aber nach einiger Zeit ber die Grenze
gingen, um zu Haus und Hof zurckzukehren, seien am Rhein abgefat und
in den Amtsgefngnissen eingekerkert worden. Auerdem brachten die Leute
die Kunde mit, da nach der Schneeschmelze eine allgemeine Streife nach
Salpeterern vorgenommen, jeder, ob an Kuchelbach beteiligt oder nicht,
eingefangen und alle Jungens zum Militr gesteckt werden, die kleinen
Kinder aber weggenommen wrden. Mit Bangen sahen die eingeschchterten
Salpeterer daher der trben Zukunft entgegen, und bei manchem stiegen
Zweifel auf, ob denn wirklich die "heilige Sache" recht behalten werde.

       *       *       *       *       *

Spt am Abend langte Thrinele am Heimatshause auf dem toten Bhl an und
fand zu ihrer groen Verwunderung die Thr offen, den Eingang
schneeverweht, das Haus menschenleer. Wo Jobbeli steckt, wei Thrinele
aus Bibers Munde; wo aber tti weilt, das kann sich das Mdchen nicht
denken. Der jungfruliche Schnee im Hausflur deutet darauf, das seit
lngerer Zeit das Haus unbetreten geblieben sein mu; es ist nirgends
eine Spur, ein Menschentritt wahrnehmbar. Und kalt ist es in allen
Stuben, erloschen jegliches Feuer. In der Gaststube liegen wirr
verstreut Brotreste, Messer und Gabel, Wsche durcheinandergeworfen, wie
wenn jemand in groer Eile darnach gesucht htte und verscheucht worden
wre. Sollten Hochschrer das verlassene Haus "heimgesucht" haben? Mit
dem flackernden Kienspahn sucht Thrinele den Keller ab und findet einen
abgefllten Krug neben dem Fasse stehen, der offenbar vergessen worden
ist. In den brigen Stuben fehlt nichts, es liegt und steht alles, wie
es Thrinele vor ihrem Abgang zurckgelassen. Nur die Rauchkammer ist
eines Teiles vom Inhalte beraubt. Also werden Schinkenfreunde aus
Hochschr dagewesen sein, deren Vorliebe fr Rauchfleisch und
Schweinskeulen landbekannt ist. Thrinele fegt zunchst den Wehschnee aus
dem Flur, schliet die Thr ab und macht im Ofen der unteren Stube Feuer
an; ebenso sorgt sie fr Erwrmung ihrer Schlafstube. Wie das wohlig
prasselt! Geschftig subert Thrinele die Stuben und fegt sie rein,
emsig und unverdrossen. Wo nur tti sein mag? Auf einen Rffel wegen
ihrer pltzlichen Flucht zur Pflege des Gestochenen macht sich Thrinele
vorweg gefat: tti wird hchst wahrscheinlich heillos poltern und
fluchen. Aber Thrineles Gewissen ist rein, sie hat so handeln mssen,
ihr Herz hat sie dazu gedrngt. Dafr will 's Maidli jetzt um so treuer
das Haus beschtzen und bewahren. Wie tti den "Drren Ast" nur so
leicht verlassen konnte, die Thre offen, alles preisgegeben dem
nchstbesten Stromer?! Das soll jetzt anders werden; ja Thrinele ist
fest entschlossen, verdchtige Gste berhaupt nicht einzulassen. Lieber
nichts verdienen! Eben kommt Thrinele zum Nachschren wieder ins
Erdgescho, da schreckt ein Klopfen sie auf, es pocht jemand an der
Thr. Mit verhaltenem Atem horcht Thrinele.

Eine dumpfe Stimme ruft auen: "Flieh', Peter! Im Namen der heiligen
Maria, bring' dich in Sicherheit! Alles isch verloren!"

Thrinele bebt an allen Gliedern. Was soll die Warnung bedeuten? Der
Fremde entfernt sich wieder; deutlich vernimmt das Mdchen die Schritte
im knirschenden, steif gefrorenen Schnee. Thrinele eilt die Treppe
hinan, reit im oberen Gela ein Fenster auf und beugt sich hinaus, um
vielleicht noch sehen zu knnen, wer der Warner gewesen ist. Im
Zwielicht des flimmernden Schnees und des schwachen Blinkens der wenigen
Sterne am Himmel kann sie nur noch eine schwarze Gestalt wahrnehmen, die
eilig den Bhl hinunterluft. Eine eilige Warnung, offenbar eines
Freundes, der selbst die Hscher frchtet und sich gar nicht die Zeit
genommen hat, auf das ffnen der Hausthre zu warten. Dem tti droht
also Gefahr; Thrinele wird wach bleiben mssen. Wer wei, ob nicht schon
in dieser Nacht die Bttel oder Soldaten kommen werden. "Alles ist
verloren!" hat jener Mann gerufen; das kann doch nur die Salpeterersache
angehen, fr welche Thrinele sich noch nie hat begeistern knnen. Sie
ist, seit sie die Ruhe und den Frieden bei Bibers, in der
Halunkenfamilie, kennen gelernt, jetzt vllig fr die Partei der
"Ruhigen", die ber kurz oder lang wohl Oberhand im Wald wird gewinnen
mssen. Was bei stndigem Streit, bei der Prozewut herauskommt, hat
Thrinele im Vaterhause zur Genge kennen gelernt; die letzte Kuh ist aus
dem Stall und vom Advokaten verschlungen worden, die wenigen Felder sind
unbebaut geblieben und ttis Waldgrund ist gelichtet. Verarmt die ganze
Familie, Gott sei's geklagt! Wenn je an Hochzeit gedacht werden drfte:
was kann's Maidli dem Michel anheiraten und mitbringen? Nichts als ihr
gutes Herz und den guten Willen, ihm, dem Geliebten, treu zu dienen! Und
das, so flstert Thrinele im einsamen Haus vor sich hin, ist ja so
wenig!

Die Nacht geht rum, ohne da sich etwas ereignet; Thrinele hat
angekleidet im Bette gewacht, nur auf kurze Zeit sich wohlttigem
Schlummer berlassen. Am frhen, dmmerigen Morgen hlt Thrinele
Nachsuche in den Kchenvorrten, und da sieht es bel genug aus. Mehl
und Butter mu ergnzt werden, auch Salz geht zur Neige. Zum Glck
findet das Mdchen etwas Kleingeld zum Einkauf in der Schublade ttis,
und damit pilgert Thrinele, nachdem sie das Haus wohl verwahrt, hinber
nach Hochschr und trgt den Proviant im Rckenkorb dann wieder ins
winterlich einsame Haus.

       *       *       *       *       *

Wienechtzit! Weihnachten im Walde naht, schneebeladen stehen die dunklen
Tannen als richtige Weihnachtsbume, festgefroren klammert sich das
erstarrte Geflock ans Gest. Eisig kalter Wind pfeift um die Bhlhhen
und heult in den eisgeschmckten Schluchten. Mehr denn je umlagern die
einsamen Wldler den Ofen und verbringen die Zeit auf der "Chauscht".
Strohumhllt stehen die Brunnen, auf da das ntige Wasser nicht
einfriert. berall tiefer Schnee, starres Eis, und eine bittere Klte!
Wer nicht mu, verlt das schtzende Haus nicht, und drauen giebt es
um Weihnachten keine Arbeit, zumal die Holzarbeit lngst erledigt ist.

Die Feiertage stehen vor der Thr. Thrinele hat es sich angelegen sein
lassen, die Stuben sauber zu fegen und verbringt die langen, stillen
Abende am schnurrenden Spinnrad, mit Gedanken an den Geliebten und an
den verschwundenen Vater. Bittere Sorge um ihn erfllt das junge Herz,
seit Thrinele in Hochschr erfahren, da in Kuchelbach die
Salpeterersache ein so bses Ende nahm. Niemand will aber an jenem
Unglckstage den Streitpeter gesehen haben; die Hochschrer Salpeterer,
so sie sich durch rasende Flucht retten konnten, verstehen es auch
nicht, warum just der Vertrauensmann beim Zuge nach Kuchelbach gefehlt
hat. Da er etwa Halunke geworden sei, ist nicht wahrscheinlich, dagegen
spricht sein Verschwinden. Es mte nur sein, da er verunglckt, an
einsamer, wenig begangener Stelle von einer Pandurenkugel
niedergestreckt und noch nicht aufgefunden worden sei. Ein ganz
rtselhaftes Verschwinden! bel genug steht die Salpeterersache an sich,
wenn auch fr die nchsten Monate, so lange des starren Winters Macht
auf dem Walde gebietet, keine Gewaltmaregeln gegen die Bruderschaft zu
gewrtigen sind. Und jener fremde Warner wird ein Salpeterer, vielleicht
aus Herrischried gewesen sein, der von der Kuchelbacher Niederlage
erfahren hat und den tti eilig verstndigen wollte in der Meinung, da
die Panduren auch zum toten Bhl heraufkommen wrden.

Frh dmmert es am Bhl, doch wirft die groe Schneeflche noch so viel
Schimmer in die Stube, da Thrinele eine Weile ohne Kienspan spinnen
kann. Im Kachelofen knistert und prasselt das eingeschrte Tannenholz,
behagliche Wrme verbreitend. An Einsamkeit gewohnt, empfindet 's Maidli
die winterliche Gefangenschaft nicht so schrecklich, zumal ja die
Arbeit die Zeit krzt. Ein Knirschen im Schnee wird hrbar, das
knarrende Gerusch nhert sich dem Hause. Sollte ein Gast kommen? Fast
frchtet sich Thrinele. Ein Ausblick durch die mit Eisblumen gezierten
Fenster ist nicht mglich, zum Aufhauchen eines Guckloches im Fenster
fehlt die Zeit. Es pocht am sorglich verschlossenen Thor, erschrocken
fhrt Thrinele auf und eilt hinaus. "Wer isch draue?" fragt das Mdchen
im kalten Flur.

"Ufgemacht! Ich, der Peter Gottstein bin's und will in mi Haus!"

"tti, tti!" ruft Thrinele berrascht und schliet, zitternd vor
berraschung und Erregung auf.

"Rasch, rasch! schlie' zu!" schreit Peter und eilt in die warme Stube,
um sogleich am Ofen die "Chauscht" aufzusuchen und sich die steif
gewordenen Hnde zu wrmen.

Ob verdchtige Gestalten, Soldaten in der Nhe gesehen wurden, fragt
Peter und beruhigt sich erst, als Thrinele versichert, seit vielen Tagen
niemanden in der Umgebung gesehen zu haben. Dann wr' es gut, meint tti
und fordert Atzung nebst Wein, langentbehrte Dinge im Waldversteck.

Verwundert steht 's Maidli vor dem verwildert aussehenden Vater, der
ihre Anwesenheit im Hause als selbstverstndlich zu betrachten scheint
und alles Vorhergegangene ignoriert. "Versteckt warsch, tti?"

"Leng' mir e Schppli!" befiehlt der Alte; das Weitere werde er schon
erzhlen. Thrinele holt gleich einen Krug voll Wein aus dem Keller und
bringt den Rest Rauchfleisch, den die Hochschrer Schinkenfreunde
zurckzulassen die Gte hatten. Peter labt sich und haut ein, tchtig
und eilig.

"Hasch Hunger, tti?"

"Dummes Geschwtz! I wenn d' chasch (kannst) un nt hasch! Ich han
schon drei Tag' nt mehr 'gesse! Lueg!" Und nun erzhlt tti, inzwischen
immer nach verdchtigen Schritten horchend, wie er am Abend nach der
Kuchelbacher Schlacht heimgerannt, mit wenig Proviant in den tiefsten
Tann geflchtet sei und sich dort in einer Rindenhtte verborgen
gehalten habe.

"Bi diese Klte?!"

Es sei furchtbar kalt gewesen, namentlich zur Nachtzeit, und knapp die
Nahrung. Als alles aufgekehrt gewesen, habe er in tiefer Nacht es
gewagt, neuen Proviant zu holen.

"Dann war tti selber der Schinkendieb?" wirft Thrinele ein.

"Wie?"

Thrinele setzt dem Vater auseinander, da die Rauchkammer nahezu
gnzlich ausgeraubt sei.

Peter schttelt den Kopf; den bentigten Proviant habe er keineswegs aus
seinem eigenen Hause geholt, sondern einem Hochschrer Keller,--es war
ein Halunkenkeller--wo ein frischgeschlachtetes Schweinlein hing,
entnommen, und--weil es pressierte--die Zahlung auf spter verschoben.
Fehlt etwas im "Ast"-Wirtshause, dann haben andere ihm seine
Vorrte--gestohlen. Ja die Hochschrer!!! Also niemand von den Panduren
war heroben am Bhl; auch niemand von den Behrden!

Abermals versichert Thrinele, da sie niemanden gesehen habe.

Hm! Dann hat Peter die furchtbare Entbehrung gelitten ganz grundlos!
Ebenso gut htte er zu Hause in seinem Bett liegen knnen. Aber zu
trauen ist der Geschichte nicht. Und verloren ist die Salpeterersache
doch!

"Wie sagsch, tti?"

"Es ist nicht mehr an einen Sieg zu glauben. Aber ich will mich an
Gottvater selber wenden, er soll entscheiden zwischen uns und dem
Groherzog, und darnach wollen wir uns halten und frder leben. Ich habe
es mir grndlich berlegt drauen im bitterkalten Tann, und der Zweifel
sind immer mehr geworden, ob wir allein recht htten oder ob vielleicht
doch der badische Herzog Herr ist und nicht blo "Maier" (Verwalter) vom
Kaiser!"

"tti! Du glaubsch an den Herzog?!" ruft freudigst berrascht Thrinele
aus.

"Noch nicht! Der Herrgott soll entscheiden! Und nun halt' du Wache!
Weck' mich beim geringsten Gerusch! Morgen soll sich's entscheiden.
Guete Nacht, Thrinele!"

Wie eine Katze schleicht der Alte in seine Stube, um nach langer
Entbehrung wieder einmal in einem Bett zu schlafen.

Gerne wacht Thrinele fr den Vater; kann sie doch jetzt ungestrt ihren
Gedanken nachhngen, die diesmal freudiger Art sind. Ist tti auch noch
nicht ganz fr den Groherzog, so befindet er sich doch bereits auf dem
Weg, der zur Partei der "Ruhigen" hinberfhrt, und kann tti berzeugt
werden, da die Einungszeiten vorber sind und der Groherzog zu Recht
herrscht in seinem Lande, dann wird tti sicherlich die Salpeterer
aufgeben und badisch werden. Und dann freue dich, junges Herz! Ist tti
selber Halunke, wird ihm auch die Halunkenfamilie Biber nicht mehr als
Feind erscheinen....

       *       *       *       *       *

Der nchtlichen Sternenpracht machen rasch aufziehende graue Wolken ein
Ende; ein steifer Nordwest jagt sie heran, es schneit bei groer Klte:
hartgefrorner kleinkrniger Schnee, der klirrend ausschlgt bei
Berhrung der harstigen alten Schneedecke. Und immer dunkler frbt sich
das Firmament; tief hngen schwarze Wolken, bald hierhin, bald dorthin
gejagt, ein eigentmlich Sausen erfllt die Luft, grelle Blitze zucken
hernieder: ein Gewitter ist im Anzuge. Dann springt der Wind um und
blst aus Sd, weicher werden die Flocken, Regentropfen fallen
dazwischen: ein tolles Chaos in schwarzer Nacht mit unheimlichem
Knistern, das auch noch forttobt am Morgen, die Tageshelle
zurckhaltend. Verwundert betrachtet Peter den Sturm der Elemente von
seinem offenen Stubenfenster aus; solche Gewitterstimmung verbunden mit
Knistern und Sausen hat er um Weihnachten noch niemals wahrgenommen. Und
aberglubisch fragt er sich unwillkrlich, was diese Trbung, diese
Gewitterstimmung zu auergewhnlicher Zeit wohl bedeuten mge. Will die
Natur Unheil drohen, wie sonst blutigrote Kometen Krieg verknden? Steht
der druende Himmel in Verbindung mit der niedergehenden
Salpeterersache? Schwarz, dster wie das Firmament ist ja die Zukunft
der Wldler seit der Metzelei am Friedhof zu Kuchelbach! Ein schauriger
Beginn des Weihnachtsfestes, ein unheimlicher Heiliger Abend im Walde!
Aber just bei solchem Himmel soll das Gottesgericht abgehalten werden.
Gottvater soll entscheiden am Heiligen Abend ber die heilige Sache und
den Groherzog! Peter will nicht lnger zgern; das Gottesgericht soll
mit zwei Kerzen abgehalten werden und zwar um die siebente Abendstunde
oben am Kreuz der Bhlhhe. Drum sucht er, sich ins untere Gela
begebend, nach Kerzen, wie solche, als sein Weib noch lebte, hufig
whrend eines Gewitters angezndet worden sind, geweihte, sorglich
aufbewahrte Wetterkerzen, bei deren Brand gebetet wurde, auf da der
Herr der Heerscharen und Elemente jeglich Unheil vom Hause ablenken und
den Blitzstrahl in den Tann fhren mge. In die Gaststube tretend,
findet der Alte Thrinele schlummernd im Stuhl am Fenster mit einem
verklrten Lcheln auf den Lippen. Wie die Thr ins Schlo fllt,
schreckt das Mdchen zusammen und erwacht.

"tti, verzeih'! Der Schlaf hat mich berwltigt! Es isch aber niemand
chommen!"

Wohl grollt Peter ber solche "Wacht", bei welcher einem das Haus
weggetragen werden knnte; doch ist sein Sinn zu sehr auf das geplante
Gottesgericht gerichtet, und milder, als es sonst seine Art ist, fragt
er 's Maidli, wo denn die Wetterkerzen aufbewahrt seien.

"Wetterkerzen! Jez ze Wienechtszit?"

"Wienecht hin, Wienecht her! Ich mue die Kerze han!" Thrinele eilt in
ihre Stube und kommt alsbald mit zwei schwarzen Kerzen zurck und
berreicht sie dem tti.

Sinnend betrachtet der Alte die alten Kerzen, die noch keine Verwendung
gefunden und wohl noch von Muetti aufbewahrt worden sind. Wenn man nur
gewi wte, ob die Kerzen auch richtig geweiht worden sind. Wenn nicht,
so kann das Gottesgericht nicht richtig abgehalten werden. Sie aber
nochmal, der Sicherheit wegen, weihen zu lassen, ist auch nicht
angngig, denn der Pfarrer wrde unzweifelhaft nach dem Grund einer
abermaligen Weihe fragen, und Peter ist nicht gewillt, Grnde anzugeben
und sich dreinreden zu lassen. Was aber thun? Peter will sicher gehen,
die Kerzen mssen geweiht sein. Ob die Weihe aber nur der Geistliche
vornehmen kann? Ein Gedanke fhrt dem Alten durch den Kopf, und
urpltzlich fragt er die Tochter, ob Weihwasser im Hause sei.

"Weihwasser?" Thrinele vermag sich vor Verwunderung nicht zu fassen. Was
doch der tti fr sonderbare Dinge verlangt. Weihwasser ist vor Jahr und
Tag in die sogenannten Weihwasserkesselchen neben der Schlafstubenthre
gegeben worden. Thrinele selbst hat es dem Taufbecken der Kirche
entnommen und in einem Flschchen heimgetragen. Wenn 's nicht vllig
eingetrocknet ist, wird es wohl noch vorhanden sein. tti meint, da
solche Rede beweise, da Thrinele nicht gar oft den Finger mit
Weihwasser genetzt und das Kreuzzeichen gemacht hab. "Leng' es her!"

Gehorsam und ber den Tadel des Vaters betroffen holt Thrinele das
Kesselchen, worin sich ein Rest des geweihten Wassers befindet. Das
gengt fr den beabsichtigten Zweck. Peter schafft die Tochter aus der
Stube, er will allein sein fr eine Weile. Sodann bekreuzt sich der Alte
und spricht vor sich hin: "Heiligste Jungfrau und Mutter Gottes Maria!
Ich beschwre dich durch das Blut des Heilandes, der fr uns am Kreuz
gestorben, steh' mir bei, nimm mich auf in die Zahl deiner Diener und
sei Frsprecherin fr mich!" Sodann nimmt er die beiden Kerzen, senkt
sie mit dem unteren Teil in den Rest des Weihwassers und spricht: "Es
steige herab in diese Quelle des Wassers die Kraft des Heiligen Geistes
und gebe ihm wie den Kerzen die heilige Weihe! Amen!" Dreimal macht
Peter das Kreuzeszeichen ber die Kerzen und beendigt die nach seiner
Meinung nun bettigte "Weihe". Sein Gewissen ist nun beruhigt, die
Kerzen sind zum Gottesgericht geeignet. Sorgsam wickelt er selbe nun in
ein Stck Papier, das er dem Kalender entreit, und steckt sie in seine
Rocktasche. Sodann ruft er nach der Tochter und fragt, was alles zu
besorgen sei fr die Weihnachtstage. Er giebt Thrinele einige Btzner,
womit 's Maidli, so der Schnee einen Gang ins Dorf verstatte, das Ntige
einkaufen solle. Er selber werde, der Sicherheit halber, den Tag im
Walde verbringen und erst nach Einbruch der Dunkelheit zurckkehren.

Trotz des schweren Schneefalles und der unheimlichen Witterung verlat
Peter das Haus und watet, bis an den Bauch in den Schnee sinkend, ber
den Bhl dem Tann zu. Thrinele bahnt sich mhsam den Weg in's Dorf, um
Vorrte einzukaufen. Bei Bekannten spricht sie vor, um die mden Fe
etwas ausruhen zu lassen, und wie es schon geht, giebt ein Wort das
andere. Auf die Frage, wie es zu Hause, im "drren Ast" gehe, platzt 's
Maidli glcklich heraus, da tti vergangenen Abend nach lngerer
Abwesenheit pltzlich heil und gesund, blo arg verfroren, heimgekehrt
sei und heute morgen die geweihten Wetterkerzen verlangt habe, mit denen
er das Haus verlassen habe und in den Tann gegangen sei. Ist das eine
Neuigkeit! Der Streitpeter zurck, gesund! Und alles hat bereits
geglaubt, er liege irgendwo erschossen und verschneit! Und um
Weihnachten verlangt er Wetterkerzen und geht damit in den Wald. Was das
bedeuten mag? Offenbar will er sie opfern am Bhlerkreuz fr die "gute"
Sache der Salpeterer. Das ist ein frommes, verdienstliches Werk, an dem
man sich eigentlich auch beteiligen sollte, zum Nutzen der
Salpeterersache.

Thrinele beendet das Gesprch; ihr ist immer unbehaglich, wenn von der
"guten" Sache gesprochen wird, weil sie stets insgeheim befrchtet, um
ihre Meinung gefragt oder als heimliche "Halunkin" erkannt zu werden.
Unter der Vorgabe, da der Weg durch den tiefen Neuschnee beschwerlich
sei und Zeit verlange, entfernt sich Thrinele, ahnungslos, da sie mit
ihren Mitteilungen die Neugierde der Drfler, die sofort verstndigt
wurden, aufs hchste wachgerufen hat. Es dauert auch nicht lange, da
stapfen Mnner und Burschen tapfer durch den Schnee und waten der
Bhlhhe zu. Am Waldesrand aber verbergen sie sich hinter den mchtigen
Tannen, um der kommenden Dinge zu harren.

Frh wird es dunkel--hell ist's den ganzen Tag ber nicht geworden--die
Gewitterwolken hngen noch immer druend, pechschwarz tief herab, der
Schneefall hat Nachmittag aufgehrt, doch saust und knistert es ganz
unheimlich, ein sonderbarer phosphoreszierender Schimmer strahlt von der
Schneedecke am Bhl aus. Unverdrossen harren die Drfler aus im Schnee
stehend und auf das "Ereignis" wartend.

Und da taucht auch richtig der alte Peter auf oben auf der Bhlhhe und
schreitet, mhsam im Schnee watend, dem Grenze zu, an dessen Schaft er
die Wetterkerzen befestigt und selbe dann anzndet. Peter knieet nieder
und ruft mit lauter Stimme: "Entscheide du, o Herr des Himmels und der
Erde! Gott soll richten zwischen uns. Es brennt die Kerze fr unsere
heilige Sache und neben ihr die Kerze fr den Herzog! Entscheide, o
Herr, bestimme durch das Kerzenlicht und la' erkennen dein Urteil! Ich
fge mich der Sache, fr welche die Kerze am lngsten brennt! Verloren
ist jene, die zuerst verlscht! Entscheide, o Herr! So walte das
Gottesgericht! Amen!"

Lautlos sind die Drfler nhergerckt, die Augen in hchster Spannung
auf das Kreuz und die brennenden Kerzen gerichtet. Peter starrt
unverwandt auf die beiden Kerzen, die seinen Zweifeln ein Ende machen,
entscheiden sollen, wessen Sache die gute und richtige ist.

Und nun knistert die Salpetererkerze, sie flackert auf, glost und
verlscht------. Ruhig, stetig brennt die Herzogskerze fort.

"Der Herzog hat recht!" schreit Peter mit gellender Stimme und erhebt
sich. Im selben Augenblick strahlt heller weier Lichtschimmer vom
Kreuze aus in Bschelform, es saust und knistert geisterhaft ringsum,
ein seltsam Lichtbschel, weiglhend flammt von der Herzogkerze aus, es
leuchtet Peters Hut in einem blulich weien Licht, seine ganze Gestalt
ist von weivioletten Strahlen umflossen, eine blendende weie
Lichtsule flammt vom Kreuz auf: Elmsfeuer!

Peter, berwltigt von dieser Lichterscheinung und dem Gottesgericht
wirft sich in die Kniee, und desgleichen beugen sich die herangekommenen
Drfler, kreuzschlagend, fassungslos die erloschene Kerze und die ruhig
brennende, weischimmernde Herzogskerze anstarrend. Jetzt bemerkt Peter
die Salpetererschar und ruft ihr zu mit vor Aufregung bebender Stimme:
"Gott hat entschieden, aus ist's mit den Rechten vom Grafen Hans! Der
Groherzog ist Herr, Gott ist fr ihn! Ich werde Halunke, ich werde
badisch, so wahr mir Gott helfe!"

Fassunglos, berwltigt starren die Salpeterer den Peter und das
Kerzengericht an. Richtig ist eine Kerze erloschen, die andere brennt,
und das Elmsfeuer leuchtet mit magischem Licht dazu. Unwillkrlich
flstern die Leute: "Der Groherzog ist Herr!"

Und mit einemmale erlischt das Elmsfeuer, es ist dunkel ringsum, nur der
Schnee flimmert. Fort sind die Wetterwolken, klar der Himmel, milder
Sternenschein glitzert herab, und unentwegt brennt am Kreuzesschaft die
Herzogskerze. Peter ist befreit von seinem Zweifel, fr ihn ist die
Salpeterersache abgethan; er will badischer Unterthan werden. Schier mit
Ehrfurcht tastet seine zitternde Hand nach der Herzogskerze, die er
brennend vom Kreuzesschaft nimmt und wie ein Heiligtum vor sich
hertrgt. Und seltsam: es brennt diese Kerze trotz des Luftzuges; Peter
bringt sie brennend durch den tiefen Schnee und durch dunkle Nacht heim
zum toten Bhl, die Kerze wie ein Kleinod bewahrend. In scheuer
Entfernung, Abstand haltend, folgen ihm die Drfler, denen das
Gottesgericht ein Wunder dnkt, vor dem sie vorerst fassungslos sind.

Schon viel frher als tti angegeben, luegt Thrinele nach dem Vater aus:
ein Gefhl der Freude, eine unbestimmte Ahnung, eine innere Unruhe nimmt
dem Mdchen die Ruhe. Thrinele vermag nicht zu spinnen, sie kann nicht
ruhig sitzen, nicht stehen bleiben. Es ist ihr, als werde sie in der
nchsten Stunde etwas Ungewhnliches, fr ihre Verhltnisse
Auergewhnliches erleben, und tti werde ihr das Glck heimbringen.

Und da kommt der Vater richtig vom Bhl herab, eine Kerze tragend! Was
das wohl zu bedeuten hat?

Wie verklrt im Gesicht tritt tti feierlich in sein windschiefes Haus,
krampfhaft die Kerze tragend, und begiebt sich in die Gaststube, wo er
die Kerze sorgsam in einen Leuchter steckt und weiterbrennen lt.
Verwundert folgt Thrinele ihm nach; sie hat die Frage, was es denn mit
dieser zum Stmpfchen herabgebrannten Kerze sei, auf den Lippen, doch
wagt sie keine Anrede angesichts der feierlichen Haltung des tti. Nun
knieet der Vater nieder, betet andchtig ein Ave Maria, bekreuzt sich
und sagt: "Ich bin geheilt von allem Zweifel und Wahn, ich werde
badisch, Amen!"

Ein Jubelruf tnt durch die stille kleine Stube, und Thrinele fliegt
dem Vater an den Hals, tti kssend und umarmend.

Sanft wehrt der Alte die strmischen Liebkosungen ab und mahnt Thrinele,
nun die Kerze auszublasen, das Stmpfchen aber solle als Heiligtum
frder aufbewahrt werden als sichtbares Zeichen des Gottesgerichtes am
toten Bhl.

Gehorsam befolgt 's Maidli diesen Auftrag. Dann aber fragt Thrinele
bewegten Herzens, wie denn das Wunder gekommen sei. Lange dauert es, bis
tti seiner inneren Erregung Herr wird. Er hockt auf der "Chauscht" den
Blick auf das Kerzenstmpchen gerichtet, mit gefalteten Hnden.
Allmhlich findet er die Sprache wieder und flstert vor sich hin:
"Badisch! Der Groherzog ist Herr! Gott ist fr ihn, der Herzog ist mein
Landesherr, ich halt' zu ihm!"

"tti!"

"Was isch?"

"tti! Darf ich an badisch were?"

"Gewi wirsch du an badisch!"

Wieder tnt ein heller Jubelruf durch das Gemach, der Petern veranlat,
der Vermutung Ausdruck zu geben, da es Thrinele am Ende weniger um den
Groherzog als um einen anderen Badener zu thun sei.

Eine jhe Rte fliegt ber des Mdchens Wangen; Thrinele huscht zu tti
auf die Ofenbank und weint sich an Vaters Brust aus vor Glckseligkeit.
Weich gestimmt, fragt tti, zu wem Thrinele denn damals geflchtet sei,
und erglhend stottert 's Maidli heraus, da sie Jobbelis Unthat durch
freiwillige Krankenpflege einigermaen gut machen wollte.

Also war 's Maidli bei Bibers in Herrischried?

Thrinele nickt und birgt das glhende Kpfchen an Vaters Brust.

"Also isch Bibers Michel der Holderstock?"

Thrinele haucht ein "Ja!" vor sich hin und hebt die Hnde bittend empor.

tti erhebt sich, und angstvoll sieht Thrinele auf den Vater, der vom
Aktengestell einen Pack Schriften herabnimmt, auf den Tisch legt und auf
einen frischen Bogen zu schreiben beginnt: "Es ist usprobyrt am heutigen
Tage und erledigt die Appellation an den hchsten Richter der Lebendigen
und Toten durch sothanes Gottesgericht, allwo heute stattgefunden am
toten Bhl zu Fen des Kreuzes und geendet zu Recht und Gunsten des
Groherzogs von Baden! Es erflieet daraus der

  Beschlu:

  Ich, Peter Gottstein, Wirt zum "drren Ast", anerkenne fr mich und
  meine Kinder die Herrschaft des Groherzogs ber mich und Familie, und
  werde mit Heutigem badisch. Als "Halunke" genehmige ich--die
  Zustimmung des anderen Teiles vorausgesetzt--die Neigung meiner
  Tochter zu Bibers Michel mit daraus entgehenden Folgen i. e. eventuell
  Heirat, wozu die braungefleckte Kuh zu verkaufen ist, die bei
  Hottinger im Pfand steht fr zu Salpetererzwecken gegebene Darlehen.
  Der Hottinger kriegt, was maen ich mich von der "Sach'" wende,
  nichts--die Kuh wird einfach geholt. Auch wird durch heutigen Beschlu
  jegliches Prozessieren gegen badische Behrden eingestellt, wobei der
  Erwartung Ausdruck gegeben wird. Es werde auch badischerseits unntze
  Drngelei hinfro unterlassen. Der Groherzog hat meinen Sohn Jakob
  von der Militr freizugeben, wofr ich zwei Weihkerzen geopfert habe.

  Gegeben im Wirtshaus zum "drren Ast" am heiligen Abend vor
  Weihnachten

  Peter Gottstein,

  verflossener Streitpeter und badischer Unterthan."

Peter setzt einen mordsgroen Punkt am Schlusse hin und reicht das
mhsam gekritzelte Schriftstck der Tochter, die den "Beschlu"
berfliegt und berglcklich dem Vater aus tiefstem Herzensgrunde dankt.
Nur wegen des Jobbeli meint Thrinele, es werde Schwierigkeiten haben,
den Bruder vom Groherzog freizubekommen, denn der Herrscher werde von
Jobbeli wenig oder gar nichts wissen.

"So? Meinsch?! Dann werd' ich's ihm sage! Ich goh nach Karlsruh' un wer
minem Groherzog selber rede! So thue ich by Gott, ich der Peter
Gottstein als badischer Unterthan!"

Als badischer Unterthan leistet sich Peter am heiligen Abend einen
Extraschoppen Durbacher, an dem sich auch Thrinele beteiligen mu, die
am liebsten mit ihrem glckseligen Herzchen durch Nacht und Schnee nach
Herrischried in ein bekanntes Haus laufen und die wundersame Kunde vom
Badischwerden des guten tti den Biberschen vermelden mchte. Doch ist
daran heute in spter Abendstunde nicht mehr zu denken. Still und einsam
wird denn die "heilige Nacht" gefeiert im Wirtshause zum "drren Ast"
am toten Bhl.

       *       *       *       *       *

Mit steifer Klte ist der Weihnachtstag angebrochen, ein echter
Wintermorgen auf einsamer Waldeshh'. Thrinele hat sich zum Kirchgang
stattlich in der Landestracht herausgeputzt, wnscht tti glckstrahlend
einen "guete Morge" und stapft dann eilig durch den knirschenden Schnee
nach Herrischried. Peter hat sich mit dem Tubakpfifli auf die "Kunst"
zurckgezogen und hngt seinen Gedanken nach. Er sinnirt darber, wie er
es anfangen soll, um seinen Bueben vom Militr los zu bekommen. Es mu
ja frder anders werden auf dem Bhl! Viel Zeit zum Nachdenken bleibt
ihm indes nicht, denn die Hochschrer rcken in Scharen an, um sich
Peter, den neuen "Badener", anzugucken. Soviel Gste hat die Wirtsstube
zum "drren Ast" noch nicht gesehen; Kopf an Kopf hocken die Leute, das
Tubakspfifli im Munde, drinnen und trinken ihre Schppli und debattieren
den auerordentlichen Fall. Peter hat alle Hnde voll zu thun, um die
Gste zu bedienen und erneut zu versichern, da der Akt bereits
geschlossen, da er thatschlich die Salpeterersache aufgegeben habe und
badisch geworden sei auf Grund des vorgenommenen Gottesgerichtes.

Mancher Hochschrer bringt den Mund nicht mehr zu vor Staunen, und mit
Ehrfurcht und Bewunderung wird das auf den Akten thronende
Kerzenstmpchen betrachtet, das eine so ungeheure Wirkung bei
Streitpeterle hervorgebracht hat. Unter den Gsten herrscht arger
Zweifel bezglich weiteren Verhaltens: die einen wollen nicht so
geschwind "umsatteln", den alten Einungstraum aufgeben, wiewohl nicht zu
leugnen sei, da die "guet Sach" heillos bel stehe. Andere neigen zur
Nachahmung von Peters Beispiel hin, da die Kerze fr den Groherzog
gesprochen und sogar der Himmel selbst durch das Elmsfeuer sich fr die
"badische Sach" erklrt habe. Nur fragt es sich, welcher Profit fr
einen Anschlu zum Groherzog herausspringe. Gar manchem blht zum
Frhjahr Einziehung zum Militr und das Freiburger Arbeitshaus fr die
Kuchelbacher Beteiligung.

Wenn man daher dem Groherzog wirklich huldige, mte dieser doch wohl
sich erkenntlich zeigen und zum mindesten die drohenden Strafen
nachlassen. Was Peter dazu meine?

Und Peter spricht zu den Gsten: "Loset! Ich will euch sage: Gihmer zu
ihm, ich will minem Groherzog rede als jetziger Vertrauensma der
badischen Halunke, un ihm usenandersetze, was geschehe mu by Gott fr
die neuen badische Unterthane! Wer will mitgohn?"

Sogleich melden sich zwei Hochschrer, die sich von solcher Deputation
mehr versprechen, denn vom zhen Festhalten am alten Trutz und
Widerstand. Eine Weile berlegen die andern, das Gottesgericht giebt den
Ausschlag, die Anhnger Peters vermehren sich und schlielich erklren
smtliche anwesende Drfler, dem Groherzog huldigen zu wollen in der
Voraussetzung, da sie ihren alten katholischen Glauben beibehalten
drfen. Und der Peter soll der Fhrer sein. So ward es abgeredet und
durch Handschlag bekrftigt. Der Groherzog hat um ein Dutzend
Unterthanen mehr im Lande.

Gegen Mittag brechen die Hochschrer auf und kehren ins Dorf zurck. Wie
Lauffeuer verbreitet sich, da gehuldigt und der tote Bhl badisch
werden solle, und maloses Erstaunen erfat die Salpetererweiber, die
bisher energisch fr die "guet und heilig Sach'" agitiert haben. Was da
die "Wybervlker" ber den Streitpeter und seinen Umfall redeten, klang
nicht schmeichelhaft fr den "Astwirt" und auch fr manchen Salpeterer
fiel ein scharfes Wort ab. Doch die Hochschrer Mannen erklrten, unter
allen Umstnden die Deputationsreise "usprobyre" zu wollen; nach
Karlsruhe werde gegangen und mit dem Groherzog geredet, wie's Brauch
sei im Hauenstein. Derlei Versicherungen wurden von Salpeterern
abgegeben, so fest und bestimmt dem Eheweib gegenber, da manche den
Pantoffel schwingende Salpeterin starr vor Staunen wie steinern stand
und die Worte nicht fand, um ihren altgewohnten Standpunkt dem sonst so
unterwrfige Gatten zu przisieren. Ja, der Groherzog! Der imponiert
sogar den Wybervlkern auf dem Wald und verschlaget ihnen die Rede. Wenn
diese Wirkung anhlt, wird jeder Pantoffelknecht unter den Salpeterern
bereitwilligst badischer Unterthan und pfeift auf die mittelalterliche
Einung und die alten Rechte des Grafen Hans. Drum sind die meisten
Hochschrer hochvergngt und frmlich lstern auf die badische
Staatsangehrigkeit. Wo sich indes die Weiber ganz und gar weigerten,
badisch zu werden und auf die "heilige Sach" zu verzichten, wurde
feierlich die Geschichte vom Gottesgericht und der Herzogskerze mit dem
Elmsfeuer erzhlt und dadurch manch aberglubisches Salpetererweib
eingeschchtert und gewissermaen zum Badischwerden vorbereitet.

Am Nachmittag des Christtages hat der "drre Ast" einen Besuch erhalten,
auf welchen der Wirt nicht vorbereitet war: die Vroni von Herrischried
ist gekommen trotz Schnee und des heiligen Tages, grimmig und voll
Entrstung, gewillt, mit dem abgefallenen Vertrauensmann der Salpeterer
Abrechnung zu halten. Der alte Peter guckte und horchte nicht wenig, wie
das aufgeregte Weib ihm in die stille Stube prasselte und polternd
loslegte, da es eine Art hatte. Sie htte es bereits gehrt, da Peter
sein Volk, den Glauben und die "heilige Sach'" verraten habe und
abgefallen sei wegen einer dummen Kerze! Aber sie, die um der "heiligen
Sach'" willen ihren Mann verloren, aus Begeisterung fr die Salpeterei
zur Wittib geworden, sie dulde es nicht, da Peter badisch werde und
andere mit verfhre zur Huldigung fr Einen, der nur Verwalter sei im
Lande. Das wre eine schne Ordnung in der Einung: Zuerst beredet der
Vertrauensmann die Leute und hetzt sie zur Salpeterersache, jagt sie ins
mrderische Feuer der Panduren, und wie's schief geht, lt er alles im
Stich und tritt zum Groherzog ber! Vroni glaubt die Kerzengeschichte
nicht, das sei Schwindel, elende Flunkerei, und sie werde ihm die Augen
auskratzen, wenn er nicht zur "heiligen Sach'" zurckkehre und
Salpeterer bleibe. Und wehe ihm, wenn er auch noch andere zum Abfall
veranlasse! Wisse er nicht, was Treu und Glauben und ein heiliger Eid
sei, so soll's ihm beigebracht werden am eigenen Leib! "So sag ich und
du bisch e Lump und Schuft, e ganz miserablichs Masbild, e Gauner und
Verrter!--Aber du pasch ze de Herre, du Lumpekerli!"

Peter hat den Ergu ber sich ergehen lassen, stumm und geduldig; jetzt
aber ist's genug, er nimmt 's Pfifli aus den, Mund, legt es auf den
Tisch, fat das zeternde Weib am Genick und spricht: "Im Namen des
Groherzogs von Baden, hinaus!" Ein Ruck, ein Krach--das zeternde Weib
fliegt durch die rasch aufgerissene Thr hinaus in den Schnee.

Gelassen schliet Peter wieder die Thr und setzt sein Pfifli in Brand.

Vroni rafft sich auf, klopft das Geflock von den Kleidern, droht
zornglhend mit erhobener Faust dem ganzen Hause und trollt ab. Der Wirt
soll's ben!

Unterwegs stt Vroni auf Bibers, die Thrinele begleiten und deren Vater
besuchen wollen. Mit einer Flut von Scheltworten berschttet das Weib
diese Halunkensippe, die sich jetzt breit mache im Hauenstein und das
Land verrate. Der alte Biber aber lacht der Vroni vergngt ins Gesicht
und wnscht ihr "en guete Obe". Das Prchen aber stapft vergnglich
voran im Schnee, Michel berglcklich und stillfrhlich 's Maidli.

Und bermtig ist der Michel in seiner Glckseligkeit ber die Bekehrung
von Thrinele's tti, so bermtig, da er manchmal hpft und in den
tiefsten Schnee springt zugleich klglich jammernd: "Thrinele, wo
simmer? Mer seige verirret! Wo me loft und lueget, berall Schnee! Hilf,
Thrinele!" Und wenn 's Maidli gutmtig dem im tiefen Schnee hockenden
Buebli die Hand hilfreich bietet, zieht der Schalk 's Thrineli herunter
mit starkem Ruck, fngt 's Maidli in seinen Armen auf und kt es ab,
da die Kreuzvgel und die geschftigen Meisen verwundert gucken und der
Gimpel noch sehnschtiger als sonst nach seiner aschgrauen Gefhrtin
fltet im eintnigen Lied.

Und kommen die Alten dann nher und sieht tti das Geschmatz und
Getuschel der Jungen, so droht er wohl mit dem Finger: "Lat doch, ihr
Thunichtgut und Liebesgesindel! Es isch mer, mer seige numme wit vom
drre Ast! Seiget manierlich, was msset sust Thrineles tti von euch
halte"!

Und Michel ruft zurck: "tti wasch seist: bisch au emal jung gsi nu
hasch es nit anersch gemacht, hihi!" Dabei hilft Michel dem glhenden
Thrinele wieder heraus aus dem Schnee und stellt 's Maidli manierlich
auf den Weg, den Vroni's Fustapfen markieren.

Vorm Hause angelangt, ruft Bibers tti absichtlich polternd, wobei es
zuckt in seinen Mundwickeln: "He, Streitpeterle, ufgemacht s' Hsli,
Herrluit wllent in, badische Luit!" Verwundert kommt der Wirt
herausgelaufen und schlgt die Hnde berm Kopf zusammen vor
Verwunderung.

"Gell, da guckt Er!" spottet Bibers tti, und Michel reicht Petern die
Hand.

"Gottwilche!" ruft Peter und schttelt den Bibers der Reihe nach die
Hand, indes Thrinele ins Haus huscht, um zum Willkomm alles schnell zu
bereiten.

Der Astwirt geleitet sodann die seltenen Gste in die warme Stube und
setzt ihnen vom Besten aus seinem Keller vor, denn solcher Besuch mu
geehrt werden am Weihnachtstage. Bibers tti fllt auch gleich mit der
Thr ins Haus durch den Einwurf in Peter's Rede: "Vergi by Gott nit ze
erwhne, was inegschriebe hesch in d' Akte den Beschlu, un lasse mer
lebe beim Win en Groherzog von Bade, hoch, hoch, hoch!"

Es klingen die Glser zusammen, eine weihevolle Stimmung erfat die
Gemter. Es ist ja auch zum erstenmale in seinem Leben, da Peter in ein
Hoch auf den Landesherrn einstimmt. Und wie getrunken ist auf die
Gesundheit des Frsten, meint Peter, nach seinem Pfifli langend: "Wos
weisch denn du, Biber, von mine Akte?"

"Gell, da guckt Er! Weisch, s' Thrinele isch gar gesprchig, hihihi!
Aber sell Akte gfalle mer, hesch Recht by Gott, Peter! Allewil guet
badisch und Ordnung mu si!"

Ein wundersam Plaudern ist's auf der "Chauscht" im "drren Ast", so
wohlig und behaglich, so lebensfroh und hoffnungsfreudig. Die Alten
hocken tapfer beisammen, weniger sehaft sind freilich die Jungen, und
Michel findet immer eine andere Ausrede, um mit 'm Thrinele zu
verschwinden und 'm Maidli drauen Ku um Ku zu rauben. Haben die Alten
die Politik errtert des Langen hin und her, wobei Biber es billigt, da
Peter mit dem Groherzog selber ber die Lage reden will, so zieht
Bibers Muetti dann die Zukunft der Jungen ins Gesprch, weil darber ja
doch auch etzliche Wrtlein gesprochen werden mssen. Peter fhlt sich
da freilich etwas befangen, und seine Prozewutsnden fallen ihm schwer
aufs Gewissen; aber ehrlich sagt er es rund heraus, da durch seine
frhere Streitlust und die fanatisch betriebene Salpeterei Kuh um Kuh
aus dem Stalle zum Advokaten ging und frs Thrinele jetzt kein
Kuhschwanz mehr im Hause sei. Die Neigung habe er freilich aktenmig
protokolliert und in Gnaden genehmigt, aber mit einer Mitgift hapert es
gewaltig, wenigstens fr die nchste Zeit. In Zukunft wolle er sich
statt um Parteihader und Advokatenkniffe mehr um Kartoffeln und Wiese
und Feld kmmern; vielleicht geht es dann wieder auswrts mit der
Wirtschaft.

Solche guten Vorstze lobt der alte Biber tchtig und erklrt, da
Thrinele auch ohne Mitgift einziehen knne ins Biberhaus, wasmaen die
Sinnesnderung Peterles auch was wert sei. Auch Muetti stimmt bei, weil
ihr die Hauptsache ist, die Kinder glcklich vereint zu sehen.

Bei Petern aber regt sich doch noch etwas, was dem alten Trotz, der
Streitlust hnlich sieht: er will die Geschichte nicht berstrzt sehen;
von Hochzeit knne erst geredet werden, wenn er mit 'm Groherzog ins
Reine gekommen ist. Bedingungslos wolle er sich nicht unterwerfen und
huldigen. Den Jobbeli mu der Herzog 'rausgeben und die alten
Salpeterersnden verzeihen. Thut's der Frst nicht, so wird aus der
ganzen Geschichte nichts und die Anerkennung wird dem Groherzog
aktenmig verweigert. Davon lt sich der alte Starrkopf nicht
abbringen, so viel sich Muetti auch bemht. tti meint indes, der
Groherzog werde schon einwilligen, so ihm die Lage richtig geschildert
werde, denn darauf komme es hauptschlich an. Und morgen braucht ja
nicht schon nach Karlsruhe gewandert zu werden; es wird besser sein,
wenn sich der gute Wille inzwischen bei manchen Leuten noch weiter
verbreitet. Ist dann der Winter 'rum und besteht die gute Absicht noch,
dann solle Peter die Bekehrten zum Groherzog fhren, ihm huldigen und
ihn hbsch um Verzeihung bitten. Dann werde alles gut werden!

So ward es abgeredet im "drren Ast", und widerspruchslos erklrte sich
Peter einverstanden. Den Groherzog wird es auch nicht umbringen, wenn
er auf die Huldigung der Bhler Salpeterer noch etliche Wochen warten
mu, meint Peter.

Biber lacht, da die Scheiben klirren, und hlt sich die Seiten. Muetti
will dann noch Thrineles Kche besichtigen, worauf der Heimgang
angetreten werden soll. Peter holt zum Abschiedstrunk eine Kanne alten
Durbacher aus dem Keller; heut lt er sich nicht lumpen. Und wahr
ist's: So wohlig war ihm noch nie ums Herz.

Schon zieht die Dmmerung ber den Bhl, da treten Bibers nach
herzlicher Verabschiedung den Rckweg an. So lange man sich sehen kann,
winkt Thrinele fleiig ihre Gre nach, und auch Gottstein-tti
entbietet vorm Hause stehend seinen Abschiedsgru. Und vor dem
Schlafengehen kritzelt er zum Gedenken in seine Akten den Besuch und die
Absprache mit Bibers ein, der Ordnung halber, und der Passus: "Der
Groherzog hat auf die Huldigung noch etzliche Zeit zu warten" wird
zweimal dick unterstrichen. Auerdem rutschte dem Peter ein mchtiger
Klecks aus dem Gnsekiel, so da es aussah, als habe der Skribent ein
Trauersiegel darunter gesetzt.

       *       *       *       *       *

Auf dem Wald hat der Schnee allmhlich doch dem Drngen des Frhlings
weichen mssen; Fhn und warmer Regen haben des Winters Macht gebrochen,
schwarz steht der Tann, dunkel die Wiesen, auf denen die ersten Anemonen
und Schlsselblmelein vorwitzig und neugierig die Kpfchen in die Welt
stecken und zartes Gras zu sprieen beginnt. Nur in den tiefen, wilden
Schluchten liegt noch Schnee. Goldiger Sonnenschein lacht ber Berg und
Thal, und wrziger Odem streicht ber die Bhlhhen: Frhlingshauch
erquickend und labend.

An einem Frhlingstage, wonnig und sonnig, war es, da Biber-tti dem
Peter auf dem toten Bhl sagen lie durch Michel, es sei jetzt Zeit zur
Wanderung nach Karlsruhe.

Im ersten Augenblick machte diese Botschaft Petern stutzig, und
unwillkrlich dachte er, wieso denn der Biber wissen knne, da es jetzt
Zeit sei. Fast mchte Peter eine versteckte Absicht wittern; doch er
beruhigt sich bald, zumal Michel meinte, der Schnee sei weg, daher knne
man gut und bequem ber Todtnau nach Freiburg und dann auf der
Landstrae ber Offenburg nach Karlsruhe wandern. So gescheit wre Peter
selbst auch gewesen. Wie dann Michel dringlich wurde und bettelte, es
mge Peter-tti doch seinetwegen recht bald zum Groherzog gehen, da
lachte Peter, weil er die Absicht merkte, und ging sofort nach
Hochschr, um seine Mannen aufzubieten zum Gang nach Karlsruhe. Michel
labte sich unterdessen an Thrineles Kirschenlippen.

       *       *       *       *       *

In der Residenz zu Karlsruhe steht unter Peter Gottsteins Fhrung ein
wohlgezhltes Dutzend Bhler Hotzen in ihrer malerischen Landestracht,
stramm und stmmig wie die heimatlichen mchtigen Tannen. Wie sie
aufmarschierten, gab es ein Geschau, und die Leute liefen der Deputation
nach, als sei wunder was zu sehen. Peter fhlt sich, stolz steht er in
dem hohen Saale. Er hat den Lakaien beim Eintritt nur gesagt, er sei der
Peter Gottstein vom toten Bhl und Fhrer der Hochschrer Deputation und
wolle mit dem Groherzog reden, und augenblicklich fhrte man ihn und
seine Mannen hinauf in die Residenz zu einem Herrn mit gromchtigen
glitzernden Dingern auf der Brust und einem goldenen Schlssel hinten am
Gef ober dem Rckli, das aussieht wie ein Schwalbenschwanz. Wie der
Herr freundlich und lieb mit Peter that! Die Hand hat er dem
verflossenen Salpeterer gegeben und gesagt, er habe ihn bereits jeden
Tag erwartet und freue sich, die wackere Hotzendeputation zum Regenten
fhren zu knnen. Da gab es denn auch gleich das erste Miverstndnis,
denn Peter platzte heraus: "Nt da, Herre! Ze nem Regente gihmer nt,
mer wllent zem Groherzog selber!" Erst wie der freundliche Herr
ausdeutschte, da der Regent ja der allergndigste Groherzog selber
sei, gab sich Peter zufrieden und fragte gleichzeitig, ob das lange
Warten auf die Deputation dem Groherzog etwas geschadet habe. Da guckte
der Herr mit dem Schlssel hinten am Rckli verwundert, hie die Leute
im Saale warten und ging dann fort, um den Groherzog zu verstndigen.

Eine Weile schon stehen die Hochschrer und begaffen die Pracht und
Herrlichkeit im Saal, und Peter meint, der Groherzog msse aber weit
weg wohnen, weil er so lang braucht auf dem Weg hierher. Und ein
Hochschrer verweist auf das schlechte Wetter, es regnet fest, und in
der Stadt haben die Leut' oft so dnne schlechte Schchle. Und ein
Dritter glaubt, die Stuben seien gro und breit genug, da der Herzog
fahren knnt', wenn ihm der Weg zu weit wre.

Endlich regt sich was; die Flgelthren werden aufgerissen, Fouriere
treten ein, der freundliche Herr von vorhin kommt herangeschritten,
ernst, wrdevoll und so steif, als htte er einen Butterrhrstecken
verschluckt. Die Hochschrer reien Mund und Augen auf; gar manchem
klopft das Herz hrbar.

Ein paar Herren in schimmernder Uniform kommen heran und stellen sich
spalierbildend auf, und jetzt, als der Letzte, schreitet Karl Friedrich,
leutselig grend auf die Deputation zu und fragt nach dem Fhrer
derselben. Peter soll jetzt vortreten und reden; aber viel lieber mchte
er eine Maus sein und sich ins nchste Loch verkriechen. Wie hoheitsvoll
der Groherzog vor ihm steht, machtgebietend und doch so gtig. Nochmal
fragt Karl Friedrich: "Wer ist euer Fhrer?"

Ganz verdattert steht Peter wie versteinert, so da einer der
Hochschrer ihm laut zuruft: "Peterle, gang fri, er frit di nit!" Das
wirkt; Peter tritt vor, reicht dem Frsten treuherzig die Hand und
spricht: "Gre Gott, Herr Groherzog! Der Fhrer bin by Gott ich, der
Wirt zum "drren Ast" am toten Bhl im Hauenstein!"

"Schn von dir, mein Sohn! Ich wei bereits! Was wollt ihr nun von mir?"

"Wartet e bitzeli, Herre! Sell chomt sptli! Wisset oder wissent Er nt:
Mer seig jez Halunken un wllent badisch were!"

Verwundert blickt der Groherzog auf den Sprecher und dann wie fragend
auf den nebenstehenden Minister, der flsternd den Ausdruck "Halunke"
erklrt. Hoheit schmunzelt; die Unterhaltung mit den urwchsigen Leuten
aus dem tiefsten Schwarzwald belustigt den Frsten sichtlich.

"Red' Er nur weiter, Peter!"

"Also lueg! Die Kerze hent gsproche fr Euch mit Licht ufm tote Bhl!
Mit de Bruederschaft isch us! Mer geruhe Euch anzuerkennen als unsern
Groherzog un wllent Euch huldige, sothanermaen Ihr de Bedingungen
erfllen wollet!"

Karl Friedrich hustet in sein Taschentuch vor Vergngen, und die Herren
des Hofdienstes haben grte Mhe, das Kichern zu unterdrcken.

"Wennder nit wollet, huldige mer nit un weret wieder Salpeterer, un Ihr
heut de Schade!"

"Nunu, nicht gleich so obenaus, Er Schwerenter! Habt mich lange genug
warten lassen!"

"Jo, Herre, im Wald lit de Schnee lang un de Weg isch wit! Geh du rus
by de Schnee, wenn d' chasch! Un umgebracht het's Warte di au nit!"

Karl Friedrich lacht Thrnen des Vergngens und die Herren platzen auch
eine Lachsalve nach der andern heraus.

"Un wissenter wos: Ihr seigt Halunke un mer schlieent Euch an, so Ihr,
Herre Groherzog, gelobet an Idesstatt frizegebe mi Jobbeli von de
Soldate! Mer were huldige, wennder uns lasch unsere alte Glaube, denn
mer wollet blibe katholisch!"

Karl Friedrich richtet sich auf und spricht ernst und weihevoll: "Hret,
ihr Leute vom Schwarzwald! Es ist Mein Wille, jedem Meiner Unterthanen
zu lassen seinen Glauben, in dem er aufgewachsen. Jeder bete zu seinem
Gott! Aber Ordnung mt ihr halten, euch fgen den Anordnungen der
Behrden, aufgeben alte, nie erfllbare Trume! So ihr tchtige
Unterthanen werdet, soll euch Salpeterern verziehen, den Eingekerkerten
die Strafe geschenkt sein! Haltet Euch frder brav und wacker, so sollt
ihr in Mir alle Zeit einen treu um euer Wohl besorgten Landesvater
haben!"

"Ihr redet wie en Buch, Herre, und mer wllent's befolge, aber sagsch:
Wos isch minem Jobbeli?"

Wieder flstert einer der Herren Seiner kniglichen Hoheit etwas ins
Ohr, worauf Karl Friedrich lchelnd spricht: "Ihr sollt Euren Sohn
freibekommen, Streitpeter!"

"Halt' in, Herre! Seller bin i nimeh, un wennder sell Wrtli nomal seit,
seigt mer gschiedene Luit!"

"Um so besser, Peter! Begrabt jeglichen Streit und werdet frder gute
badische Unterthanen!"

"Sell wllent mer were!" ruft freudig Peter aus und kniet nieder zur
Huldigung. Mit zum Schwur erhobenen Hnden geloben die Hochschrer Treue
bis in den Tod und Befolgung der Gesetze. Und aufbringend schreit Peter:
"De gndigst' Groherzog soll lebe, hoch, hoch, hoch!" Donnernd braust
der Jubelruf aus den rauhen Schwarzwldler Kehlen durch den weiten Saal:
"Hoch, hoch, hoch!" Peter fat die Hand des Monarchen und kt sie
bewegten Herzens, und alle seine Mannen folgen seinem Beispiel. Am
liebsten htte der glckselige Peter den Frsten gleich ganz umarmt,
aber er frchtete, den lieben guten Groherzog zu verdrcken, und
unterlie daher die Liebkosung.

Gerhrt dankt Karl Friedrich den Leuten, drckt jedem die Hand zum
Abschied mit den Worten: "Bleibt frder gut badisch!" Dann zieht sich
der Monarch leutselig grend vom Gefolge begleitet zurck.

Der Kammerherr aber hndigt den Hochschrern ein Geldgeschenk ein, und
Peter insbesondere bekommt noch einen Zettel mit der Freigabe seines
Sohnes, den er gleich aus der Kaserne holen kann.

Jubelnd ziehen die Hotzen aus der Residenz, und noch am gleichen Tage
verlassen sie, Jobbeli in ihrer Mitte, die schne Stadt. Peter aber
tauscht mit keinem Frsten um sein Frohgefhl und um die Freude, da
sogar der Groherzog ihn gleich gekannt und mit ihm wie seinesgleichen
gesprochen hatte. Da Peter anfangs etwas Scheu empfunden, hat er
bereits glcklich wieder vergessen. Jetzt zieht er stolz an der Spitze
der Deputation heimwrts durch den "Garten Badens" hinauf zu den
schwermtigen Schwarzwaldbergen.

Je nher es der Heimat zugeht und endlich die Murg wieder sichtbar
wird, desto schneller wird Peter im Schritt; er brennt frmlich darauf,
seine Fhrererlebnisse den Leuten zu erzhlen, und sich namentlich mit
dem Biber-tti auszusprechen. Am Eingang in das Seitenthlchen, das nach
Herrischried fhrt, verabschiedet sich Peter von der Deputation, schickt
selbe heim mit Gren ans Thrinerle und eilt nun, was er laufen kann, zu
Bibers.

Biber-tti hockt beim "Ochsen"wirt und mu auf Peters Bitte sofort
geholt werben, weshalb Michel geschwind hinberspringt. Unterdessen
setzt Muetti dem vielgewanderten Gast einen Krug alten Chriesiwassers
vor und lt sich frs erste erzhlen, da die Reise von Erfolg
begleitet war und die Deputation wirklich dem Groherzog gehuldigt habe.
Peter sei also wirklich und leibhaftig hinfro badisch. Die anderen
werden wohl in die Hnde des Amtmanns den Treueid leisten, bis auf die
Unverbesserlichen, die Salpeterer bleiben werden. Doch da ist ja der
tti! Schmunzelnd reicht der alte Biber dem Gast die Hand zum Willkomm,
und nun lt Peter seiner Zunge freien Lauf. Er erzhlt umstndlich
haarklein seine Erlebnisse bis auf das Herzklopfen beim Erscheinen des
Groherzogs, und prahlt nicht wenig, da der Frst seine
Lebensgeschichte so genau gewut und mit ihm so fein, schier brderlich
gethan habe.

Trocken wirft Biber-tti dazwischen die Bemerkung ein: "Isch kein
Wunder!"

Betroffen guckt Peter den Sprecher an und fragt, wie das gemeint sei.

Und nun setzt Mrte dem aufhorchenden Peter auseinander, da ein
Landesherr, zumal in so schwerer, ereignisreicher Zeit, etwas mehr zu
thun habe, als sich um einen Salpeterervertrauensmann im tiefsten
Schwarzwald kmmern zu knnen. Da Peter Gottstein badisch werden wolle,
ist sicher sehr lblich und selbst fr den Groherzog erfreulich, aber
das Groherzogthum geht deswegen noch nicht aus dem Leim. Damit Peter
aber entsprechenden Empfang finden sollte, und man bei Hofe auch wute,
um was es sich handle, habe Biber den Gang nach Skkingen nicht gescheut
und dem Amtmann alles haarklein erzhlt. Darauf sei ein langer Bericht
nach Karlsruhe abgegangen, und als die Antwort eintraf, da die
Deputation empfangen werden und die Huldigung stattfinden knne in der
Residenz, da habe Biber den Peter wissen lassen: es sei Zeit! Und
dementsprechend werde die Sache auch ihren Lauf in Karlsruhe genommen
haben.

Peter wei nach dieser Aufklrung nicht, soll er sich rgern oder
lachen. Doch ist eines sicher, Mrte hat ihm die Geschichte wesentlich
erleichtert, denn ohne den vorangegangenen Bericht htte Peter wohl
langmchtig mit dem Groherzog reden mssen, bis dieser alles begriffen
htte. Und die Hauptsache ist ja doch der Frieden mit der Regierung und
die Freigabe des Jobbeli.

"Hasch en Buebe mit?" fragt Biber und meint, als Peter freudig die Frage
bejaht, man knne dann die Geschichte von dem damaligen Messerstich
durch Abschaffung nach dem alten Brauch zum Austrag bringen. In diesem
Augenblick aber schlgt bei Peter die alte Pfiffigkeit durch, und
schlau, schlagfertig erwidert er, da der alte Brauch wohl bei den
Salpeterern zur Einungszeit Geltung gehabt, bei badischen Unterthanen,
die frisch gehuldigt, jedoch nicht mehr in Anwendung gebracht werden
drfe.

tti lacht aus vollem Halse. Die Prozekunst und all' die
Advokatenschliche habe sich Peter trotz des Huldigungseides doch
glcklich in sein badisches Unterthanendasein hinbergerettet. Es soll
brigens die Geschichte nicht weiter aufgerhrt werden; Jobbeli mute
feierlich auf Michels verspieltes Ohrlppchen verzichten und den
Biberbueben fr den Stich um Verzeihung bitten. Damit aber die
Gottsteinsippe dennoch ihre verdiente Strafe erhalte, solle die Hochzeit
zwischen Thrinele und Michel in Blde stattfinden. "Wilsch, Peterle?"

"Jo, ich will's by Gott!"

Ein krftiger Handschlag beschliet den Pakt.

       *       *       *       *       *

Als Mann von Wort, ein edler Frst, lie Karl Friedrich den zu Freiburg
und Breisach gefangen gesetzten Salpeterern die Freiheit wiedergeben[15]
und schenkte allen jegliche Strafe.

Und als Thrinele mit Michel glcklich vereint war, da sagte Peter im
Kreise der Hochzeitsgesellschaft, das Badischsein sei doch nicht so
ohne, ihm habe Glck und Segen gebracht die--_Herzogskerze_.


Funoten:

[1] Die Bewohner des Hauensteins hatten sich im Mittelalter dank seiner
kraftvollen Einungsverfassung zu einer Bauernschaft zusammengeschaart,
die spter sich energisch gegen Leibeigenschaft und jegliche Bedrckung,
namentlich gegen die Hoheit des Klosters St. Blasien wehrte. Auf fiktive
alte "Handfeste und Privilegy" pochend wollten sie sich, nachdem es mit
allerlei Mitteln gelungen war, sich von St. Blasien loszukaufen, auch
der sterreichischen Herrschaft gegenber zur reichsunmittelbaren freien
Bauerngrafschaft emporringen. Zu offenem Aufruhr rief der Einungsmeister
von Birndorf, Johann Fridolin _Albiez_, der den Salpeter im
Haunsteinschen Lande gewann und allgemein "Salpeterhannes" genannt
wurde, ein Mann von ungewhnlicher Thatkraft und Rednergabe bei schier
mystischer Hingabe an den Katholizismus. Albiez predigte das Mrchen,
da der letzte Gaugraf Hans von Hauenstein Vogt gewesen sei und in
seinem Testament beurkundet habe, da die Grafschaft nach seinem Tode
frei an Reich und Kaiser zurckfalle und reichsunmittelbar zu bleiben
habe. Es sei nur der Kaiser Schutzherr des Landes, die Grafschaft aber
frei, niemandem mit Pflichten unterthan. Diese Lehre verbunden mit
altwiedertuferischen Ideen entfachte mehrere sogenannte
Salpetererkriege, die mit maloser Erbitterung gefhrt wurden,
schlielich aber mit vlliger Niederlage der Salpeterersache und
Verbannung der Hetzer nach Ungarn und Siebenbrgen endeten. Die Rckkehr
einiger "Salpeterer" aus Belgrad, durch die Gnade Maria Theresias,
entfachte neue Erhebungen, ein Auflodern der Salpeterersache bis in den
Beginn des 19. Jahrhunderts. Die Anhnger der Albiez, Riedmatter &c.
hieen "Salpeterer", die ruhigen Waldbewohner, die sich fgten in die
Zeitverhltnisse und Ordnung hielten, wurden "Halunken" gescholten und
bitter verfolgt.

[2] D.h.: Es sind Unberufene oft in der Nhe.

[3] J.L. Meyer, Geschichte der Salpeterer, Freiburg 1837.

[4] So prahlte Albiez, in facto aber wurde er verhalten, binnen 24
Stunden Wien zu verlassen und der Landestelle in Freiburg die
Beschwerden vorzutragen. Auch wurde er, heimgekehrt, fr seine Lsterung
gegen St. Blasien vom Waldvogt mit Gefngnis und dreiig Thalern gebt
und erst nach abgelegtem Handgelbde: "Frder wider St. Blasien nicht zu
schimpfen," entlassen.

[5] Der Brief ist fiktif, es wurde sogar in den Wiener Kanzleien nach
etwaigem Konzept nachgeforscht, aber nirgends etwas gefunden. Die Mr
von diesem Brief diente lediglich als Agitationsmittel.

[6] Der Sicherungsbrief von 1720 sprach aus, da trotz der Umwandlung
des Wortes Leibeigen in Eigen alle bisherigen Pflichten erfllt werden
mssen.

[7] Wien schuf durch diese zweckwidrigen Maregeln auf dem Wald heillose
Zustnde, eine horrende Gesetzlosigkeit und schrte statt zu dmpfen das
Feuer des Widerstandes zu offener Rebellion, die denn auch 1728 zu
Thatsache geworden ist, welche der neue Waldvogt Freiherr von Reischach
nicht aufzuhalten vermochte.

[8] Eine Rotte vllig Fanatischer durchstreifte den Wald, raubte und
plnderte und schuf grauenhafte Zustnde. Dazu hetzten einzelne
Schweizer (ein Prediger zu Wandach und der Advokat Dr. Lieder in Basel)
die Rasenden zu wilden Gewaltthaten.

[9] Am 18. Mai 1728 erhob sich unter Fhrung Thoma's im Rcken der
Truppen des Oberst Baron Thngen ein allgemeiner Landsturm, der jedoch
rasch erstickt wurde, als scharf geschossen und verschiedene Aufrhrer
gettet wurden. Auerdem wurde ein Teil der Truppen stndig in die
Walddrfer gelegt und die Huldigung zwangsweise vorgenommen. Die
Salpeterer verlegten sich hierauf auf einen zhen schriftlichen Streit,
der mit der Ablsung der Rechte St. Blasiens endete, gegen welche
Ablsung wieder ein Teil der verbissensten Salpeterer protestierte. Das
Urteil gegen die Rebellen aus den Maitagen wurde 1730 zu Waldshut, wohin
die Salpeterer gelockt wurden, vollzogen: Thoma in Dogern an den Pranger
gestellt, auf Lebenszeit in die Festung Belgrad verbannt, und sein Name
schandenhalber in Stein eingegraben. Andere kamen nach Ungarn und
Siebenbrgen, auch nach Breisach und wurden eingekerkert. Mit Beginn des
Trkenkrieges entlie man die Verbannten, die nach ihrer Heimkehr sofort
auf's neue randalierten und den zweiten Salpetererkrieg
heraufbeschworen.

[10] Die Hauensteiner pflegten um jene Zeit technisch festzustellen,
welcher Art die Krperbeschdigung ist, und nach diesem Befund wurde die
Entschdigung bestimmt. Nach Zahlung des "Wehrgeldes" war die Sache
abgethan oder, wie der technische Ausdruck auf dem Wald heit,
"abgeschafft". Scheffel schreibt diesbezglich in seinen "Reisebildern":
"Wenn die Hauensteiner wegen Strung des ffentlichen Friedens (nach
einer solennen Keilerei) noch vor's Amt zittert wurden, so brachten sie
gewhnlich das Dokument ber die Abschaffung durch die Familienhupter
mit und wunderten sich hchlich, wenn sie hie und da noch 'im
ffentlichen Interesse' auf einige Wochen ins Gefngnis wandern muten."

[11] sterreichische Truppen wurden in Basel konzentriert. Dieser
Umstand lie die Salpetererfackel aufs neue auflodern. Riedmatter war
thatschlich in Basel, erzielte aber natrlich fr seine Sache bei den
sterreichischen Truppenfhrern, die in Kriegsbereitschaft standen und
andere Gedanken im Kopf hatten, nicht das Mindeste; dennoch versicherte
Riedmatter daheim, wesentlich Resultate erzielt zu haben, und hetzte die
Bevlkerung zu offenem Widerstand gegen badische Verfgungen auf.

[12] Diese handgreifliche Lge brachte Riedmatter in den Wald und
entfachte dadurch den wilden Schnapskrieg.

[13] Kreuzvogel, Kreuzschnabel (Loxia curvirostra) wird als Stubenvogel
gehalten in dem Glauben, da er vom Hause Blitz, Krankheit und Tod
abhlt, so der Vogel ein "rechter" ist, d.h. ein solcher, dessen
Oberschnabel nach rechts gerichtet ist. "ber den Kreuzvogel geht kein
Tier, der ist ber Schwalben und Strche."

[14] Aktenmig festgestellt.

[15] Auch Riedmatter wurde in Freiheit gesetzt und sank alsbald, da
seine Unfhigkeit zur Fhrerschaft selbst dem dmmsten Salpeterer bald
einleuchtete, in vllige Vergessenheit. Die Sekte machte sich alsdann in
den fnfziger Jahren nach der religisen Seite hin wieder bemerkbar.
Heutzutage sind wohl die wenigen Sonderlinge im Aussterben.




Giftklrle




Aus dem Flur des schwarzgrau verwitterten Hauses, das in einer von
dunklen Tannen umrahmten Thalbuchtung unweit des malerischen Drfleins
Lauterbach an der Strae von Schramberg ber den Fohrenbhl nach
Hornberg liegt, gellen zornige Rufe, und gleich darauf erscheint auch im
Rahmen der weitgeffneten Hausthre die Person, die durch Scheltworte
ihrem rger Luft macht. Es ist Klrle, die prchtig gewachsene
schwarzhaarige Tochter des Giftbauern und knftige Erbin des Gehftes,
das einst ein Vergabungshof (Lehen) war, eine Begiftung.[16] In der
ueren Erscheinung ist Klrle unstreitig ein allerliebstes, herrlich
gebautes Schwarzwaldkind von zwanzig Jahren, ein Mdel zum Dreinbeien,
aber immer rgerlich, kurz angebunden gegen jedermann, nie zufrieden und
tyrannisch gegen den alten Vater wie gegen das Bschen Brbel, das die
selige Mutter einst aus Mitleid und Barmherzigkeit in den Gifthof
aufgenommen und mit Klrle aufwachsen lie. Kann es der alte Vater dem
Klrle nie recht machen, Brbel in ihrer Abhngigkeit schon gar nicht,
und bei jeder Gelegenheit kann die etwa achtzehnjhrige Waise es hren,
da sie nur geduldet sei auf dem Hof aus Gnad' und Barmherzigkeit, die
aber auch einmal ein Ende nehmen kann und mu, wenn 's Brbele sich
nicht bessert und alles verkehrt angreift. Wieviele Seufzer aus Brbels
junger Brust gestiegen, wei nur der liebe Gott im Himmel. Wenn Brbel
gelegentlich verweint mit gerteten uglein ihre Arbeit verrichtete und
der wrdige Pfarrer von Lauterbach just bedchtig des Weges kam, da
fragte Hochwrden wohl nach der Ursache der Thrnen, verstummte aber
sofort, wenn die Scheltworte Klrles an sein Ohr drangen. Wie's im
Gifthof zugeht, war nicht schwer zu erraten, und der Pfarrer trstete
die arme Waise durch milde Worte und den Hinweis auf spteren
Himmelslohn. Der geistliche Herr hat es wohl einmal versucht, der
Giftklrle ins Gewissen zu reden und ihr Herz zu rhren, aber erzielt
hat er nichts und mute sich schnippisch genug abkanzeln lassen. Daher
ist der gute Pfarrer der Meinung, da Klrle wohl ein Herz von Stein
habe, hnlich wie der Kohlenmunkpeter, dem der Hollndermichel am
Tannenbhl das warme Herz genommen und ihm ein steinern Herz in die
Brust gegeben hat. Und so betet der geistliche Herr wohl des fteren, es
mge Gott selbst eingreifen und Klrles harten Sinn bessern.

Unter der Thr stehend, ruft Klrle hinber in den kleinen Garten, wo
die Waise beschftigt ist, etwas Gemse abzuschneiden. "He, Brbel! Wie
lang soll es noch dauern? Bleibst wohl ber Nacht drauen im Kraut?
Eil' dich, es isch e Schand! Drinen in der Kch' geh'n die Tpfe ber,
aufgerumt isch au nit ordentlich! Eine Schand' isch's mit der
langweiligen Person! Eil' dich, Fauldirn!"

Brbel, ein schmchtig Mdel mit wundersamen Rehaugen, fhrt bei diesen
Scheltworten erschrocken auf, rafft das Gemse zusammen und eilt dem
Hause zu. "Gleich, Klrle, ich bin ja schon da!" ruft das Mdchen und
trgt die gefllte Schrze in die Kche, um dann die Tpfe vom Feuer zu
ziehen. Diesen Handgriff htte Klrle leicht selber machen knnen, aber
die Gifttochter thut niemals das, was sich eigentlich von selbst
versteht, und schiebt jegliche Arbeit der Waise zu. Mhsam unterdrckt
Brbel die vordringenden Thrnen und hantiert flink in der
rauchgeschwrzten Kche, indes Klrle sich auf den Rain begiebt, um nach
dem Wetter zu sehen. Im Vorbergehen wird eine aufgeblhte Nelke der
Ehre des Abpflckens gewrdigt, und wie das Mdchen sich eben die Blume
ans Mieder stecken will, tnt es von der Strae her, gesungen von einer
krftigen sonoren Mnnerstimme:

  "Was guckscht denn so traurig?
  Sei luschtig und froh!
  's isch oimol ein Leaba
  's isch oimol no so!"

Unwillig dreht Klrle den Kopf nach dem Snger, und beim Anblick des
feschen Burschen, dessen Augen die prchtige Mdchengestalt schier
verschlingen mchten, wirst Klrle spttisch die Lippen auf und zuckt
geringschtzig die Achseln.

Der Bursch aber lt sich nicht so khl schnippisch abspeisen und singt
weiter:

  "Alt wirscht ja von selber,
  So tanz noh ond spreng,
  Ond weischt a sei's Liedle:
  Sei luschtig ond seng!"

Erwartungsvoll sieht der Bursch hinber zur trutzigen Dirn und zwirbelt
sich den herrschen Schnauzer auf. Doch Klrle bckt sich, reit einen
Zwiebelknollen aus dem Erdreich und wirft ihn unter spttischem Lachen
auf die Strae hinaus, gleichsam zum hhnischen Lohn fr das Gesangel.

Nicht faul, hebt der Bursch die Zwiebel auf, befestigt sie an seinem Hut
und erweist dem Maidle eine spttische Reverenz durch eine tiefe
Verbeugung, zugleich rufend: "Schnsten Dank, gndig's Frula!"

Mit jhem Ruck wendet sich zornglhend das Mdchen zu dem Sptter auf
der Strae, drohend den schngeformten Arm erhebend und ruft ber den
Zaun: "Jetzt gang aber, oder ich lupf' dich bern Rain, du Bnkelsinger
und Straengauner!"

Statt zu gehen, hlt sich der Bursch die Seiten und lacht aus vollem
Halse: "Klrle, so g'falscht mir! Bischt e rassig's Maidle!"

Starr vor Staunen sieht Klrle, wie der fremde Bursch mit gewandtem
Schwung ber den Zaun setzt und auf sie zukommt. Bebend vor Entrstung
ber solche Frechheit guckt Klrle, wo sich ein Prgel finde, mit dem
sie den Eindringling zchtigen knne, aber da ist der Bursch schon, fat
das Maidle um die Hften und drckt ihm trotz verzweifelter Gegenwehr
einen krftigen Ku auf die rosigen Lippen. Lachend lt der Bursch nun
die glhende Klrle los und spricht: "Muet nit so wild sein, schn's
Klrle, hihi!" Den Hut lupfend, geht der Bursch von dannen.

Klrle zetert jetzt aus vollem Halse und ruft den alten Vater zu Hilfe.
Doch der Giftbauer, der im Fenster des oberen Stockwerkes liegend den
Vorfall beobachtete, grinst vergngt und kichert herunter: "Ganz recht
isch dir g'scheh'n! Der hat dir's grndlich b'sorget, hihi!"

Klrle macht zornglhend eine jhe Wendung, guckt sprachlos vor
Entrstung zum Vater hinauf und springt ins Haus. Gleich darauf gellt
ihre Stimme durch den Flur: wieder ist's Brbel, an der das Mdchen
seinen Zorn auslt, und Tellergeklirr und prasselnde Scherben knden
nichts Gutes. Wenn das so fort geht, wird bald kein Geschirr mehr im
Hause sein und knftig alles aus Holzschsseln gegessen werden mssen.
Der Giftbauer, ein schwchlich, von Gicht hufig geplagtes Mnnlein,
humpelt die chzende Holztreppe hinunter ins Erdgescho, um sich den
Kampf in der Nhe zu besehen. Kaum aber guckt er in die Kche, da
schmettert ihm Klrle schon entgegen: "Was willscht? Mannerluit hent nt
z'suchen in der Kch'! Gang nur glei, oder i gang!" Und zur Bekrftigung
ihrer scharfen Aufforderung greift Klrle nach einem Besen, so da der
Giftbauer schleunigst den Rckzug antritt und in die Wohnstube flchtet,
wo er im Lehnstuhl am Fenster ber sein harbes Tchterlein nachdenken
und auf das Mittagsmahl warten kann. Es ist eine bse Sach' mit dem
Klrle! Zwar hlt sie die Wirtschaft ganz ordentlich zusammen und
dirigiert das Gesinde wie ein General seine Truppen, hlt es zur Arbeit
an, besser, als es der Giftbauer in rstigen Jahren selber vermochte.
Aber Lust und Frhlichkeit ist mit dem Heranwachsen der Tochter vllig
aus dem Hause geschwunden; man hrt kein frohes Liedel mehr, kein
Lachen, dafr Gezeter und Gekeife, so schlimm, wie es sogar bei Mutters
Zeit nicht gewesen, und Mutter war gewi scharfzngig und hatte eine
Schneid' entwickelt, wie solche die schrfsten Lauterbacher Bueben nicht
besaen. Tief aufseufzend flstert der Alte vor sich hin: Wenn nur der
Rechte einmal kme und Klrle zhmen wrde! Aber der darf gehrig Haare
auf den Zhnen haben, sonst verspielt er und mu sich ducken und kriegt
den Teufel ins Haus. So eine Zhmung wnscht der Gifter seiner Tochter
vom ganzen Herzen, doch qult ihn auch wieder der Gedanke, wie es einsam
im Hause sein werde, wenn Klrle einmal fort sein wird. Freilich ist
dann immer noch die Brbel da, aber die ist eben doch nicht sein eigen
Fleisch und Blut.

Den Dienstboten macht Klrle heute ganz besonders flinke Fe, denn es
ist ja Vorabend vor Pfingsten und mu daher gefegt und gescheuert werden
mehr denn je im arbeitsreichen Jahre. Wie's Gewitter ist Klrle
hinterdrein und ihre scharfen Worte treiben die Leute an wie Geielhiebe
die Pferde. Kaum da die scharfe Tochter dem Gesinde Zeit zum
Mittagessen lie, so drngte sie zur Arbeit; sie selbst rhrte keinen
Bissen an und hielt whrend des Mittagsmahles nach ihrer Eigenart die
Hnde vor das Gesicht, um nur ja niemanden sehen zu mssen. Der Vater
wagte die Bemerkung, da es doch wohl nicht so arg pressieren werde mit
der Arbeit, der Tag sei lang genug, und bis zur Dmmerung drfte doch
alles auf dem nicht zu groen Hof gerichtet sein.

Spitz kam es augenblicklich von Klrles Lippen, wobei das Mdchen zornig
mit den kleinen Fusten auf den Tisch schlug: "So, meint der Vater? So
wird's recht! Den Dienstboten auch noch die Stange halten und vorreden,
da sie sich Zeit lassen sollen! Das wr' mir die rechte Wirtschaft!
Warum denn nicht gleich der Stalldirn eine Seidenmantill' umhngen und
den Kuhhirten regieren lassen! Nein, daraus wird nichts! Ich hab' die
Verantwortung, und so lang ich im Hause bin, regier' ich,
verstanden!--Auf jetzt, es ist abgegessen! Brbel, bet' den Vaterunser
und dann fort zur Arbeit!" Gehorsam betet Brbel vor und das Gesinde
nach. Dann verschwindet alles aus der Stube, froh, der hantigen Tochter
aus den Augen zu kommen. Auch der Alte humpelt von dannen, verdrossen ob
der ihm gewordenen Abkanzlung, wo er es doch so gut gemeint hat. Brbel
begiebt sich wieder zur Splarbeit in die Kche, indes Klrle die
Fegarbeit vor dem Gehft beaufsichtigt und die eine Dirn schilt, da sie
so viel Staub aufwirbelt und das Wassersprengen vergessen habe. Gleich
darauf wettert das Mdchen, da die Milchgeschirre, die Buttergefe
nicht blank genug gescheuert seien und Flecken aufweisen, die
augenblicklich mit Seife und Sand nochmal gerieben werden mten. Und
ber dem einen Fenster im oberen Stockwerk zeigen sich gar Spinnweben!
Ob man wohl ersticken soll im Gifthof? Zornerfllt packt Klrle einen
Besen, streckt sich und sucht das Spinngewebe wegzuwischen. Um sich eine
grere Krperlnge zu verschaffen, steigt das Mdel rcksichtslos auf
ein umgestlptes, eben frisch gescheuertes Butterfa und stochert nach
dem Gewebe. Doch das Fa schwankt, Klrle verliert das Gleichgewicht,
sucht mit dem Besen am Fensterrahmen einen Halt zu gewinnen, und
klirr--eine Scheibe ist eingestoen, und die Glasscherben fallen
knirschend herunter. Mit einem Satze ist Klrle herabgesprungen und
stt das Fa mit dem Fue vor. Das schadenfrohe Gekicher der Mgde
entfacht ihren Zorn und rger zur hellen Wut, und ein wahres
Donnerwetter prasselt auf die Dirnen herab.

Immer nher klingendes Schellengelute heimziehender Khe lt Klrle
mitten in der Rede einhalten, wie versteinert steht das Mdchen und
starrt auf den Hirten, einen etwa zwanzigjhrigen Burschen, der mit
lautem "Hh!" die ihm anvertraute Herde dem heimatlichen Stall zutreibt
und frhlich dazu die Geiel schnalzen lt. Und einmal von der Strae
weg, setzen sich die prchtigen Hornisten in Trab trotz des vollen
Gesuges und drngen der Stallthre zu. Jetzt findet Klrle die Sprache
wieder; im Sturmschritt eilt sie auf den Hirten zu und fhrt ihn an: "He
Mrte, bischt nrrisch worde?! s' Dunnerwetter soll di versprenga, was
kommst denn du gant am helllichten Tag hoim!"

Gelassen nickt Martin, der Hirt, der Hoftochter zu, schiebt sich
zwischen den Khen durch, ffnet die Stallthre und lt seine Hornisten
ein; dann stellt er sich ganz gemtlich vor Klrle hin und meint, sobald
die Khe getrnkt seien, knne Vrenele mit dem Melken beginnen.

Klrle ist ob solcher Frechheit vllig perplex; am helllichten Tage das
Vieh von der Weide abzutreiben, das ist unerhrt, und der Bursche
entschuldigt sich darob noch nicht einmal und thut, als sei das
selbstverstndlich.

"Nrrisch, rein nrrisch isch es und zum greina! Aber dir soll der Grind
gewaschen werde, du Bengel, du Tagedieb! Vom Lohn soll dir's abgezogen
werde!"

Die letztere Drohung schchtert Martin wohl etwas ein, doch meint er, am
Vorabend vor Pfingsten werde eine Ausnahme schon erlaubt sein, weil ein
Hirt sich doch auch vorrichten msse zum morgigen Schellenmarkt.

Klrle zetert mit voller Lungenkraft, da ihr der Schellenmarkt vllig
gleichgltig sei und sie nichts kmmere. Auch verweigere sie die
Erlaubnis zum Besuch des Schellenmarktes aus Strafe fr das vorzeitige
Verlassen des Weideplatzes.

Der sonst so gefgige Hirt aber lehnt sich jetzt entschieden auf; ein
Hirt gehre von altersher am Pfingstsonntag auf den Schellenmarkt am
Fohrenbhl, und wenn's den Bauern nicht recht sei, knnen sie zu
Pfingsten ihr Vieh selber hten. So war's immer Brauch im Schwarzwald,
und er, der Martin, werde diesen Brauch der Klrle zu lieb nicht ndern.

"Du bleibscht daheim, sag' ich!"

Martin zuckt die Achseln und schickt sich an, das Mdchen einfach stehen
zu lassen. Diese Respektswidrigkeit ahndet Klrle jedoch augenblicklich,
und schwapp hat der Hirt einen Schlag um die Ohren, da es patscht. Im
Burschen kmpft es sichtlich, doch gewinnt alsbald die Vernunft die
Oberhand; hochrot im Gesicht reibt sich Martin die geschlagene Wange und
meint, es wre nicht ntig gewesen, ihn zu schlagen, denn noch sei er
nicht zum Schellenmarkt gegangen, das Verbot sei also noch nicht
bertreten.

Hhnisch rt Klrle ihm, er soll es nur nicht wagen, den morgigen
Schellenmarkt zu besuchen. Frhmorgens habe er wie immer die Khe
aufzutreiben, und wehe ihm, wenn er sich am Fohrenbhl sehen lasse. "Und
jetzt geh' deiner Arbeit nach!"

Der Giftbauer hat sein Nachmittagsschlfchen gemacht und humpelt eben
vors Haus, um seinen alten Krper etwas zu sonnen. Der scharfe
Wortwechsel lockt ihn an und eiliger als sonst stapft er um die
Hausecke, um zu hren und sehen, was denn schon wieder los sei. Beim
Gerusch der klatschenden Ohrfeige bleibt der Alte erschrocken flehen,
hebt seinen Krckstock wie abwehrend in die Hhe und ruft Klrle zu, sie
solle es in ihrem Zorn und rger nicht zu weit treiben und die
Dienstleute nicht auch noch krperlich mihandeln.

Augenblicklich dreht sich Klrle um und schreit erregt dem Vater zu:
"Soll ich mich vielleicht von dem rebellischen Volk schlagen lassen! Wer
nicht pariert, der kriegt Hiebe; wer nicht hrt, mu fhlen. Ist das
auch eine Art, am helllichten Tag die Weide zu verlassen? Und wegen was?
Blo damit der Kerl seine Vorbereitungen zum Schellenmarkt machen kann!
Haha! Ich werd' ihm den Schellenhandel austreiben!"

"Na, Klrle! Es ist ja alter Brauch, da die Hirten sich am
Pfingstsonntag zum Schellenmarkt auf dem Fohrenbhl versammeln!"

"So, und soll dann vielleicht ich das Vieh hten am Pfingstsonntag?"

"Wer redet denn von dir?! Das kann doch der nchstbeste Knecht
besorgen. Der Pfingstsonntag gehrt nun einmal seit undenklichen Zeiten
den Hirten, und die Bauern des ganzen Bezirkes haben sich diesem Brauch
gefgt und hten am Jahrtag ihr Vieh selber!"

"Mgen die anderen thun, was sie wollen: ich leide es nicht, und der
Gifthof fgt sich diesem Brauch nicht! Und ein Feigling ist der Martin,
da er sich schlagen lt!"

"So? Was httest denn gesagt, wenn er dir den Schlag zurckgegeben und
die stolze Gifttochter nach Gebhr durchgeprgelt htte?"

"Was mich----"

"Ja, dich durchgeprgelt! Das Recht htte der Hirt gehabt, und mehr als
davonjagen httest den Martin auch nicht knnen! Er ist aber ein braver
Bursch und hat den Schlag ruhig hingenommen. Ich rate dir ernstlich,
anders umzugehen mit unseren Leuten! Du knntest einmal an den Unrechten
kommen, und dann erlebst was! Und dann vergi nicht, da einem
weiblichen Wesen solches Drauf- und Dreingehen nicht gut ansteht!"

"Ich hab' auf niemanden aufzupassen!"

"Doch! Auf dich selber, Klrle!"

Martin hat, unter der Stallthre stehend, diesem Wortwechsel zugehrt,
ebenso standen die Dirnen hinter den Fenstern des unteren Gelasses und
preten die Nasen an die Scheiben, um ja kein Wrtchen zu berhren. Wie
nun der Alte sich wendet, um sein gewohntes Pltzchen auf der Bank vor
dem Hause aufzusuchen, und Klrle mit zusammengekniffenen Lippen dem
Hause zuschreitet, stieben die Mgde auseinander wie eine Schar
aufgescheuchter Spatzen. Und zum erstenmal schweigt das Mdchen auf
eines anderen Rede. Wortlos auch besichtigt Klrle am Abend die gethane
Arbeit; da die Gestrenge nicht laut tadelt, ist fr die Dienstboten
nach bisheriger Erfahrung das hchste Lob und ein auerordentliches
Ereignis, das denn auch im geheimen grndlich durchgesprochen wird. Zum
Abendessen ist Klrle nicht erschienen; man wartete auf sie, und als sie
gar zu lange auf sich warten lie, schickte der Vater hinauf in Klrles
Stube und lie sagen, da Essenszeit sei. Die Dirn kam jedoch mit dem
Bescheid wieder herunter, da Klrle nicht komme und man ohne sie zu
Abend essen solle. Verwundert schttelt der alte Gifter den grauen Kopf
und lffelt dann langsam sein Abendspplein. Bei Tisch schwiegen die
Dienstboten; aber nach Beendigung der Mahlzeit lieen sie ihre Muler
laufen, und wurde hin- und herdebattiert, ob vielleicht doch der Alte
mit seiner kernigen Ansprache das Mdel eingeschchtert habe.

       *       *       *       *       *

In den stillfriedlichen Feierabend und das liebliche Gelnde des
entzckenden waldreichen Lauterbachthales blickt, am geffneten Fenster
sitzend, Klrle, den schnen Kopf auf den Arm gesttzt, und ihre Lippen
flstern immer wieder die Worte des Vaters: "Pa' auf dich selber auf!"
Diese Mahnung giebt Klrle zu denken; sie geht ihr mehr zu Herzen, als
sie sich selber eingestehen will. Was der Vater damit sagen wollte? Ist
sie so schlimmer Art, da sie jede ihrer Handlungen, jedes Wort knftig
einer Selbstberwachung unterziehen soll und mu? Thut sie denn
Schlechtes, wenn sie scharf ist und den Leuten auf die Finger sieht zum
Nutzen des Hofes? Und sind denn die Dienstboten nicht berall und immer
faul und nachlssig? Was ist denn berhaupt geschehen am heutigen Tage?
Brbel mu scharf behandelt werden, sonst geht es nicht vorwrts im
Hauswesen; den Bnkelsinger kanzelte Klrle doch verdientermaen ab,
leider rchte sie sich nicht fr die freche Umarmung und den infamen
Ku. Die vorzeitige Heimkehr des Martin von der Weide ist eine
Ungehrigkeit, die Strafe verdient. Freilich, der Schlag ins Gesicht des
sonst braven, treuherzigen Burschen war eine bereilte That und nicht
gerade notwendig. Wie das wieder gut gemacht werden knnte? Wenn sie dem
Hirt den Besuch des Fohrenbhler Schellenmarktes morgen gestattet, wre
eine Shne gegeben. Shne! Ist denn das Verbrechen so gro, einem
Burschen handgreiflich zu zeigen, wer der Herr ist im Hause? Und ist
denn nicht alles wie verschworen gegen sie? Auf Schritt und Tritt stt
sie auf Widerstand und Ungehorsam. Nur durch strenges Auftreten und
scharfe Zucht sind die Leute im Zaum zu halten. Es geht nicht anders!
Oder doch? Wie weihevoll vom Lauterbacher Kirchturm die Ave-Glocke
herbertnt! So friedlich und feierlich! Und leise rauscht es im nahen
Tann, der wrzigen Odem ausstrmte. Stimmengeflster unter Klrles
Fenster erregen des Mdchens Aufmerksamkeit, Klrle horcht, sich etwas
vorbeugend, was gesprochen wird.

Der Stimme nach ist's Brbel, die spricht: "Nein, Martin, du darfst es
glauben: schlecht ist Klrle nicht! Sie meint es auch nicht so schlimm
und geht nur etwas arg scharf ins Zeug! Sie ist die gute Seele selber!
Ihr fehlt ein vertrautes Wesen, die richtige Aussprache! So lang' sie
Freud' und Leid, rger und Verdru immer allein in sich verarbeiten und
hinunterwrgen mu, wird ihre Verbitterung nicht schwinden."

Und Martin erwidert: "Sie hat doch dich, Brbel!"

"Du darfst nicht vergessen, Mrte, da sie alleweil die Herrin ist und
ich nur geduldet bin auf dem Hof! In mir sieht sie nichts als eine
dienende, aus Gnad' und Barmherzigkeit aufgenommene Person, was ich ihr
schlielich nicht einmal verbeln kann."

"Na, just dreinschlagen braucht sie auch nicht! Mich hat es elend
gejuckt, als ich den Hieb um die Ohren sprte--"

"Nimm ihr's nicht bel, Mrte! Wer wei, ob es Klrle hinterher nicht
selber leid ist. Und besonders mnnlich und tapfer war's auch nicht
gewesen, wenn du ihr den Schlag zurckgegeben httest, mein' ich!"

"Zurckgeschlagen htt' ich nie! Es hat mich nur gejuckt in den Fusten!
Nein, nein! Ich, und Klrle schlagen, sie, die ich am liebsten auf den
Hnden tragen mcht'!"

"Wie sagst, Mrte?"

"Ich mein' nur blo! Weit, die Klrle ist ja so viel schn!"

Brbel pret die Lippen aufeinander und wird bla.

In den lauen Abend blickend bemerkt Martin davon nichts und spricht
mehr fr sich leise vor sich hin: "Ja, ein wundersam Mdel ist die
Klrle! Freilich viel zu noblicht fr unsereinen, aber anschmachten darf
einer sie doch! Und ihr zu lieb' geh' ich trotz Brauch und Recht morgen
nicht auf den Schellenmarkt, so gern ich mein zweites Gelut ergnzen
mchte! Weit, Brbel, mir fehlt zum zweiten Gelut noch eine Glocke!
Hab' ich die dazu paffende im Ton, dann kommt meinen Schellen keines
gleich im ganzen Schwarzwald! Aber es wird schwer halten, denn ich hab'
keine Tauschschelle und zum Kaufen kein Geld. Vom Bauern kann ich nichts
fordern, und bis Weihnachten ist noch lang hin."

Brbel hat sich jh erhoben, und verwundert fragt Martin: "Wohin laufst
denn? Willst schon zur Ruh'?"

"Wart' einen Augenblick, Mrte! Ich komm' gleich wieder zurck!"

Und weg ist das schmchtige Mdel.

Martin guckt Brbel verdutzt nach und brummt dann: "Die hat auch ihre
Mucken wie die andere!"

Wie von einer Natter gestochen, ist Klrle, die alles gehrt,
zurckgefahren, sie hat im Nu begriffen, weshalb Brbel in ihre Stube
gelaufen ist, und die Einhndigung der Spargroschen zum Schellenkauf
will Klrle verhindern, sie wei selbst nicht warum.

Ein schriller Ruf dringt durch das kirchenstille Haus: "Brbel!" Martin
zuckt zusammen und bringt sich in Sicherheit, indem er eiligst die
Knechtstube aufsucht.

       *       *       *       *       *

Ein herrlicher Pfingsttag ist angebrochen mit all' der Sommerpracht und
goldigstem Sonnenzauber. Grn schimmert es von den Wiesen und Hngen,
frisch und saftvoll; mild ist selbst der Tann geworden, dessen dsteres
Schwarz sich lichtet durch die jungen Triebe. Durch den jungen
Sommermorgen zittern die Glockentne herber, die mit eherner Zunge
mahnen zum Gottesdienst. Schon sind die Ehehalten fort, festlich
gekleidet, die Dirnen geputzt in der schmucken Wldlertracht mit
hngenden Zpfen.

Der alte Giftbauer steht zum Kirchgang gerstet vor dem Hause, denn zu
heiligen Zeiten pflegt er, wenn auch humpelnd, seiner Christenpflicht zu
gengen, wenn anders das Wetter es erlaubt. Und heute ist ja ein
Pfingsttag, wie er schner nicht ertrumt werden kann. Doch die Zeit
drngt, die Glocken rufen schon zum zweiten Male, und Klrle ist noch
immer nicht fertig. Ungeduldig klopft der Alte mit seinem Krckstock auf
die Bank vorm Hause und ruft in den Hof: "He, Klrle, wo steckst so
lang! Wir versumen sicher noch Amt und Predigt!"

Von drinnen tnt es durch den Flur heraus: "Geh nur voraus, Vater, ich
komme gleich nach!"

rgerlich humpelt der Giftbauer der Strae zu. Da doch Klrle immer was
Extriges haben mu! Und niemals ist ein Fertigwerden mit den
Weibsleuten.

Als Letzte verlt richtig Klrle den Hof, nachdem sie das Hausthor
vorsorglich abgesperrt und den Schlssel in der Tasche ihres
Festtagsrockes geborgen. Eilig luft das wundersam geputzte Mdel gen
Lauterbach und erreicht das Gotteshaus just im Augenblick, wie Pfarrer
und Ministrant die Sakristei verlassen und die Orgel ertnt zum Beginn
der heiligen Handlung. Bis zur Bank, wo seit Menschengedenken die
Giftischen ihren Platz in der Kirche haben, kann Klrle nicht mehr
vordringen, die Andchtigen bilden eine dichte Menschenmauer, und Klrle
ist gezwungen, inmitten des "geringen Volkes" von verspteten Knechten
und Mgden stehend der Messe anzuwohnen. Das rgert die stolze Klrle
nicht wenig, doch ist's nicht zu ndern. Von besonderer Andacht ist bei
Unmut und Arger keine Rede; Klrle mchte am liebsten die Kirche wieder
verlassen, doch stehen die Glubigen hinter ihr in so dichten Scharen
hinaus bis auf den Friedhof, da an ein Durchdrngen jetzt mitten im Amt
nicht zu denken ist. Auch wrde es heilloses Aufsehen erregen, wenn just
die Tochter des Giftbauern die Kirche whrend des Gottesdienstes
verlassen wrde.

Mit besonderer Wrde und Feierlichkeit besteigt der Pfarrer die Kanzel
und beginnt die Predigt, nachdem er die versammelte Gemeinde gesegnet.
Des wrdigen Mannes scharfes Auge hat Klrle eingekeilt in der Knechte
Schar wahrgenommen, und unschwer errt Hochwrden, da das Mdchen sich
versptet habe und sich nun wohl nach seiner Art ber diese Umgebung
schwer rgern werde. Der Pfarrer erinnert an die Verheiung Christi, die
am zehnten Tage nach des Heilandes Himmelfahrt in Erfllung ging. In
Jerusalem waren die Apostel, Maria und wohl an hundertzwanzig Glubige
versammelt, und alle beteten gemeinschaftlich um die dritte Stunde (neun
Uhr morgens). Da entstand pltzlich ein Brausen, das das ganze Haus
gleich einem Sturmwinde erfllte, und der Geist Gottes kam in Gestalt
feuriger Zungen ber die Betenden herab, erfllte sie mit seinen Gaben
und bewirkte bei ihnen, da sie die Lehre Jesu klar begriffen, gab ihnen
die Gabe der Sprachen und erfllte sie mit Mut, um die Lehre Gottes
berall zu predigen. An jenem Tage hielt Apostel Paulus eine
erschtternde Rede an das Volk, und dreitausend Juden bekannten sich zur
Lehre Jesu und lieen sich taufen. Und heute ist das Pfingstfest, eine
Gedchtnisfeier zur Erinnerung an die Grndung der christlichen Kirche
fr die ganze Menschheit. Mit der Feier dieses Festes steht auch die
Natur im Einklang; das heilige Pfingstfest fllt in eine Jahreszeit, wo
die Natur im Sinnbilde die Wirkungen darstellt, welche der heilige Geist
bei seiner ersten Ausgieung in der Menschheit im Ganzen hervorrief, und
welche er noch immer hervorruft, wenn er in die Seele der einzelnen
Christen einkehrt. Unter dem wohlthtigen Einflu der Sonne entwickeln
sich in schnellem Wachstum die Keime und Knospen, welche die Frchte des
Sommers und Herbstes tragen sollen, die ganze Natur prangt in
vollendeter Schnheit. Die Knospen im christlichen Sinne sind aber
hauptschlich die Liebe, der Friede, Geduld, Milde und Gte, und um
diese Frchte des heiligen Geistes sollen alle jene zu Gott flehen, in
deren Herzen diese himmlichen Tugenden nicht wohnen.

Ist es Zufall, da der Prediger den Kopf eben in die Richtung dreht, wo
Klrle mit hochrotem Kopf steht?

Geduld, Milde und Gte und die Gifthof-Klrle----?!

Unwillkrlich guckt alles in nchster Umgebung auf das Mdchen, das
zornglhend am liebsten in die Erde versinken mchte. Die Knechte stoen
sich gegenseitig mit den Ellbogen, ein leises Gezischel bei den
Weibsleuten wird hrbar; die Leute haben erfat, da die Worte von der
Kanzel offenbar auf die Gifttochter gemnzt sind, und darber ist sich
auch Klrle klar. Wild drngt ihr heies Blut zum Herzen, es hmmern die
Schlfen, sie glht vor Zorn ber diese Blostellung nach ihrer Meinung
und einem unwiderstehlichen Drange folgend, drckt das Mdchen die
nchststehenden Burschen zur Seite, schafft sich Platz durch Pffe und
Ste und drngt sich durch die Menschenmauer hindurch ins Freie. Ein
Gemurmel des Unwillens, des Staunens erfllt den Raum, niemand achtet
der weiteren Worte des Pfarrers; die Thatsache, da die Gifttochter
beleidigt und absichtlich die Kirche verlassen, wirkt zu berraschend.
Das rgernis vergrert sich, da auch noch der Gifthofhirt, der, auf der
Chortreppe stehend, die Entfernung Klrles wahrgenommen hat, unter
krftigen Sten und Pffen zum Ausgang drngt und sichtlich bestrebt
ist, dem Mdchen Beistand zu leisten.

Klrle hat sich durch den Menschenwall durchgearbeitet und steht, tief
Atem holend, an allen Gliedern bebend und hochrot im Gesicht, im
Friedhof, begafft von den Burschen, die im Gotteshause keinen Platz mehr
gefunden und nun ihrem Erstaunen ber den verfrhten Austritt Klrles
unverhohlen Ausdruck geben. So spottet einer der Lauterbacher Buben:
"He, Klrle! Isch dir's zu warm worden drinnen, oder hat der Pfarrer
gestichelt!" Das Mdchen wird bla bis in die Lippen, es flimmert
Klrle schwarz vor den Augen vor Erregung. Im selben Augenblick tritt
Martin an ihre Seite, fat sie bei der Hand und fhrt sie mit den
Worten: "Komm, Klrle, dir isch bel!" hinweg.

Auf der Strae angelangt, reit sich Klrle unwillig los und strmt
davon. Verdutzt guckt Martin dem Mdchen nach, Klrles Sinnen, Denken
und Fhlen verstehe ein anderer, der Hirt kann's nicht verstehen.
Gemchlich trollt Martin heim, unterwegs sich die Worte des Pfarrers
zurechtlegend, die der Hirt wohl auch fr richtig findet, nur htte der
Pfarrer nicht so deutlich auf Klrle sticheln sollen, die ja so arg
empfindlich ist. Jedenfalls hat es der Pfarrer jetzt bei Klrle
grndlich verschttet. Die wird nun einen Humor entwickeln! Na, guet'
Nacht! Das kann hbsch werden. Und wie von einer Vorahnung erfat, reibt
sich Martin seine Wangen, entschlossen, der schlagfertigen Haustochter
knftig sorgsam auszuweichen.

Im Hause steht das Thor angelweit offen, doch von Klrle ist nichts zu
sehen. Martin sucht seine Kammer auf, kleidet sich wieder werktglich,
weil er ja doch laut gemessenem Befehl der Haustochter auf die Weide mu
und ihm der Besuch des Schellenmarktes verboten ist. Und nach dem
Vorfall in der Kirche ist an eine Zurcknahme des Verbotes ganz und gar
nicht zu denken.

       *       *       *       *       *

Auf dem engen Kirchplatz zu Lauterbach ist es wohl seit der
Kriegserklrung gegen Frankreich und der Thronbesteigung Knig Wilhelms
II. des Guten nicht mehr so lebhaft zugegangen, als nach Beendigung des
Gottesdienstes am heutigen Pfingsttag. Die Leute drngten aus der
Kirche in einer Eile, als stnde das Dach in Flammen, und in
Weiberrcken und Mdchenzierrat gab es Risse, die willig in Kauf
genommen wurden, wenn es nur gelang, so schnell wie mglich das Ereignis
der Predigt auf die Gifthofklre besprechen zu knnen. Da der Pfarrer
recht hat, ist eine ausgemachte Sache; das besttigt jedes, das mit der
spitzen Klrle je in Berhrung gekommen ist. Und unverdient ist diese
Kanzelmahnung sicherlich nicht; dagegen ist die Nippenburg gegen ein
Zndholzschchtelchen zu wetten, da die Kanzelmahnung bei Klrle just
das Gegenteil erzielen wird. Die jungen Lauterbacherinnen wundert daher
die Kurasche des Pfarrherrn, den 's Klrle doch schon einigemale
heidenmig respektwidrig schnippisch behandelt hat. ltere Leute wieder
uern die Ansicht, da damit der Pfarrer nur l ins Feuer gegossen
habe.

Ein wahres Kreuzfeuer von Fragen und Bemerkungen hatte der alte
Giftbauer auszustehen, als er ahnungslos aus der Kirche kam. Da seine
Tochter das Stichblatt der Pfingstpredigt gewesen, hat er nicht im
geringsten gemerkt; im Gegenteil war er der Meinung, da der wrdige
Pfarrer seit Langem nicht so eindringlich und gut das Wort des Herrn
verkndigt hat. Und so ganz im geheimen hat der Alte gebetet, es mchte
der Geist der Liebe, Milde, Gte und Geduld auch in Klrle einziehen und
deren Herz weicher stimmen. Der Ansturm der Lauterbacher berrascht
daher den Alten hchlich, er verblfft ihn; der Gifter kann es nicht
fassen, da der "Stich" auf Klrle allein gemnzt gewesen. Aber da
versichert wird, da seine Tochter in hchster Erregung vor Beendigung
des Gottesdienstes die Kirche verlassen, sich gewaltsam den Austritt
erzwungen hat, so wird dem wohl so sein, und der Alte seufzt, und flink,
wie seit Jahren nicht, stapft er von dannen, die Leute einfach stehen
lassend. Die Gichtschmerzen sind ihm ganz verflogen, schier gebraucht er
den Krckstock nimmer im Bestreben, dem Geschwtz so rasch als mglich
zu entkommen. Der Kaspar vom Jrgenmicheleshof mit der Zwiebel auf dem
Hut, dem Andenken an die Begegnung mit der Gifthofklrle, hat Mhe, den
fortstrmenden Gifthofer einzuholen und sich zusammenzureimen, wie doch
das Zipperlein die Leute laufen lt, wenn's pressiert. Und dem Gifter
pressiert es, als stnde sein Hof in Flammen; er biegt eben von der
Strae ab, wie Kaspar mit der Zwiebel am Hute in Rufnhe kommt. Soll er
den Alten aufhalten? Lieber nicht! Auch knden erregte Laute aus dem
Gehft, da das durch den Pfarrer heraufbeschworene Gewitter sich eben
entladet. Offenbar lt Klrle jetzt in ihren vier Wnden den Gefhlen
freien Lauf. Kaspar entfernt sich gegen den Fohrenbhl zu, um vom
Schellenmarkt mglichst viel zu profitieren, der nach dem Lauterbacher
Gottesdienst seinen Anfang nimmt.

Im Gifthof sind die Dienstboten nach Amt und Predigt wieder vollzhlig
erschienen, und gemchlich freuen sich die Knechte der Festtagsruhe vor
dem Essen, nur die Dirnen mssen Hausarbeit in der Kche verrichten.
Martin, werktglich gekleidet, mit der langen Geiel bewaffnet,
schreitet eben der Stallthre zu, um seine Khe loszuketten und auf die
Weide zu treiben, da kommt Klrle aus dem Fltz und ruft ihn an: "He,
Mrte, was soll's?"

Verwundert dreht sich der Hirt um und guckt Klrle an.

"Wohin willst, Mrte? Warum steckst du am heiligen Fest in
Werktagskleidern?"

"Auf die Weide will ich! Hast es ja ausdrcklich befohlen!"

"Du bleibst hier! Augenblicklich ziehst dich um, dem Pfingsttag zu
Ehren! Und die Khe treibt Vrenele aus bis zum Abend!"

Martin starrt Klrle fassungslos an.

"Hrst schlecht? Dageblieben sag' ich! Und nach dem Essen begleitest du
mich zum Schellenmarkt, verstanden!"

Den Befehl hat der Hirt verstanden, aber warum die Gifttochter jetzt den
Sinn so gendert, warum sie sogar ihn zur Begleitung auffordert, das
will ihm nicht in den Kopf. Aber ihm kann's recht sein! Vergngt begiebt
er sich wieder zurck in seine Kammer und kleidet sich abermals um. Mit
offenen Mulern stehen die Knechte herum und staunen; der heutige Tag
bringt eine berraschung nach der anderen. Klrle geht dann hinber in
den Garten, um den Vater zu verstndigen, da sie nach Tisch mit dem
Hirt auf den Fohrenbhl gehen werde. Es mge der Vater mit Brbel
unterdessen das Haus hten.

Der Alte hat alles schon vernommen; Klrles Stimme ist nicht zu
berhren. Ihm kann's recht sein, nur meint der Gifter, da es
vielleicht fr Klrle besser sei, sich nach dem Vorfall in der Kirche
lieber nicht unter die Leute zu mischen. Auch pflege es auf dem
Schellenmarkt nicht immer glatt abzugehen! Jedenfalls werde Klrle gut
thun, vor Dmmerung heimzukehren! Denn nach dem Gebetluten sei noch
immer gerauft worden beim Schellenmarkt am Fohrenbhl!

Klrle ist ganz vom Widerspruchsgeist erfat; die gutmtige Mahnung
erzielt bei ihr das Gegenteil; sie geht jetzt erst recht. Auf die Leute
hat sie nicht aufzupassen, und mit dem stichligen Pfarrer werde sie
schon noch abrechnen. Und vom Vater wre es auch schner gewesen, wenn
er, statt wie toll heimzurennen und sich vor den Leuten zu verstecken,
dem Pfarrer seine Meinung gesagt htte. Der Hirt--so ein Wicht!--hat
mehr Schneid und Anhnglichkeit bewiesen und hat wenigstens versucht,
ihr beizustehen. Drum darf er zur Belohnung fr seinen guten Willen auf
den Schellenmarkt, und sein zweites Gelut werde sie, die Tochter vom
Gifthof, ihm aus eigenen Mitteln ergnzen.

"Aber Klrle, das ist doch ganz aus der Weis' gegen Brauch und Sitte!"

"Eben deswegen thue ich's!"

"Aber, hr' doch! Seit Menschengedenken schafft sich im Schwarzwald ein
Hirt sein Gelut selbst, und deshalb ist auch jeder Waldhirt so stolz,
das beste Gelut zu besitzen!"

"Unser Mrte wird nicht minder stolz auf sein Kuhgelut sein, wenn ich
ihm die noch fehlende Schelle einhandle!"

"Na, das kann ein schnes Geguck werden: die Gifthoftochter und Schellen
handelnd!"

"Ich thu's, und wenn sich alles auf den Kopf stellt darber!"

Schellengelute veranlat Klrle, sich zum Stallausgang zu begeben, wo
Vrenele eben die Khe ins Freie lt und zur Weide treiben will. "He!
Nimm der Bl' und der Scheckigen die Schellen ab und gieb sie dem
Mrte! Kannst die beiden Kh' heut ohne Gelut austreiben. Morgen soll
's Gelut dann beieinander sein."

Wenn die Dirn Zeit dazu htte, sie wrde die Hnde berm Kopf
zusammenschlagen. So aber hat sie Mhe, den fortdrngenden Khen die
Glocken abzunehmen und hndigt selbe dem vergngt schmunzelnden Hirten
ein, der sich nicht wenig auf die ihm gewordene Bevorzugung einbildet
und nicht bel Lust htte, der Klrle seine Liebe zu erklren, wenn die
Sache nicht so gefhrlich wre. Ein einzig uneben Wort, und die
Geschichte schlgt ins Gegenteil um, der Schellenmarkt fllt ins Wasser,
und Martin hat seine Hiebe dazu, wenn er nicht gar vom Hof gejagt wrde.
Aus diesen Erwgungen behlt der Hirt seine zrtlichen Gefhle lieber
bei sich und lt sich ber die Gunstbezeugung gebhrend bewundern. Bei
Tisch langt er sich im Bewutsein, Hahn im Korb zu sein, die grten
Brocken heraus, ein Frevel, der ihm zu normalen Zeiten sicherlich einen
gehrigen Rffel eingetragen htte. Heute gucken die Knechte und Dirnen
blo, zumal Klrle dem Hirt bern Tisch zuruft, er solle sich beeilen,
denn sie werden gleich nach dem Essen ausbrechen.

Der Vater fragt, ob von den Knechten jemand auf den Markt gehen drfe.
Klrle erwidert gleichgiltig: "Mit mir nicht! Doch will ich's niemand
verwehren, sofern die Leute zur Dmmerung wieder zu Hause sein werden!"

Das Gesinde vergit aufs Essen vor Verwunderung, nur Martin schiebt mit
Gabel und Lffel in den Mund, was er hineinbringen kann, und grinst dazu
vor Vergngen. Wenn das so fortgeht, kann er mglicherweise heut abend
schon erklrter Tochtermann vom Gifter, und in sechs Wochen Giftbauer
sein. Dann soll's hoch hergehen! Vor Wonne und Seligkeit hat der Hirt
beim Schlucken nicht besonders acht gegeben und mu jetzt husten, da er
blau im Gesicht wird.

rgerlich fragt Klrle: "Was hat denn der Esel? Er erstickt wohl noch an
Buttersptzlen!"

Das khlt die Glckseligkeit des Martin augenblicklich ab, und auch der
Klo rutscht sofort in den Magen, aus Respekt vor der Giftbauerntochter.

       *       *       *       *       *

So stillruhig es auf dem Hhenzug zwischen dem Gutach- und Berneckthal,
Fohrenbhl genannt, sonst ist und menschenleer auf der an Wiesen und
Weidepltzen und Tannenwldern vorbeiziehenden Strae nach dem badischen
Stdtchen Hornberg, heute wimmelt es von Hirten, Knechten und Dirnen,
Bauern und Buerinnen, die alle der Grenze und Wasserscheide auf der
Hhe zuwandern, wo noch auf wrttembergischem Boden das Wirtshaus zum
"Adler", etwa fnfzig Schritte davon auf badischer Erde das Wirtshaus
zum "Schwanen" steht. Die Strae durchschneidet quer die Landesgrenze
und stehen die Grenzpfhle zwischen den beiden Husern, die Wiesen,
Granitfindlinge und die ungeheuren Felder der fr die Schwarzwaldhnge
typischen gelben Ginsterblume, hier zu Lande "Herrgottschhle" genannt,
trennen. Beide Wirte haben fr den heutigen, vom besten Wetter
begtigten Fohrenbhler Schellenmarkt Vorkehrungen getroffen, fliegende
Schnken errichtet, Tische und Bnke vor die Huser gestellt, um den
"Einfall" zu erleichtern. In einer Bude hlt ein Schramberger Kaufmann
neue Kuhschellen feil und Peitschen dazu, in einer anderen sind Tcher,
Lebzelten und dergleichen fr die Dirnen zum Kaufe ausgelegt, die von
den Marktbesuchern denn auch gebhrend bewundert werden. Innen und auen
sind die beiden Wirtshuser bereits dicht belagert von Durstigen; auf
der Strae und bis hinber in die Wiesen jedoch stehen die Hirten, die
Lwen des heutigen Tages, und probieren die Schellen, da es wirr
durcheinandertnt. Gar mancher Bursch hlt sich die Schelle dicht an das
Ohr, um sich vom Klang, von der Gesamtharmonie zu berzeugen, bevor er
den Kauf oder Tausch abschliet. Da jeder lutet und unzhlige Schellen
probiert werden, ist es nicht leicht, einen richtigen Dreiklang oder ein
greres harmonisches Gelute zusammenzubringen. Es schwirrt und klingt
ber die Hhe hinein in den sonnenbegossenen, harzduftenden,
kirchenstillen Wald: ein vielstimmiges Kontert von Kuhglocken, ein
Schellenchaos, bei dem man sein eigenes Wort nicht versteht. Hat ein
Hirt aber das Kunststck fertig gebracht und seine Glocken harmonisch
vereinigt, ist der Tausch oder Kauf abgeschlossen, dann tnt wohl ein
Jauchzer der Freude dazwischen und Neugierige umzingeln den Glcklichen
und probieren seine Schellen. So lrmt es und tnt es, die Hirten jubeln
und jauchzen, trinken und streiten, wenn einer oder der andere auf
Tausch oder Verkauf nicht eingehen will.

In das Menschengewoge, das sich zwischen den beiden Wirtshusern staut,
taucht eben Klrle mit dem Hirten Martin, welchem die Gifttochter,
nachdem sie wortlos mit ihm den Fohrenbhl hinangestiegen, knapp vor dem
"Schwanen" erffnete, da er nach den zum Gelut noch fehlenden Schellen
suchen und solche einhandeln solle, wozu ihm Klrle das ntige Geld
berreichte. Freudestrahlend bedankte sich der Hirt und steuerte der
Hauptgruppe von Glockenhndlern zu, indes Klrle, von der Menschenmenge
schier geschoben, allmhlich den Buden nahekam, in welchen Tcher und
dergleichen feilgehalten werden. Das Getriebe ist zu lebhaft, als da
eine einzelne Person auffallen knnte. Hie und da streifte das Mdchen
wohl Bekannte, die dann untereinander tuschelten und sich wohl ber die
Stichelei unterhielten. Klrle achtete ihrer nicht weiter und lie sich
weiterschieben, teilnahmlos, gleichgiltig und gelangweilt. Schier reut
es sie, auf den Fohrenbhl in dieses Menschengewoge gegangen zu sein,
und allmhlich reift in ihr der Entschlu, wieder heimzukehren. Hart vor
einer Bude stehend, wird Klrle pltzlich angesprochen, der Kaspar vom
Jrgenmicheleshof steht vor ihr und fragt: "Nun, schne Klrle, wie
ist's mit uns beiden? Willst fr die Zwiebel nicht ein Halstchel
eintauschen? Bist noch so spitzig wie neulich?"

Unangenehm berrascht sieht das Mdchen zu dem stmmigen Burschen auf,
und zornig kommt es von Klrles leicht zitternden Lippen: "La mich' in
Ruh! Mit Bnkelsingern hab' ich nichts zu schaffen!"

Die scharfe Rede erregt Aufsehen unter den nchststehenden Leuten, die
nhertreten und erwartungsvoll aufhorchen. Das schne Paar ist im Nu von
einer Menschenmenge eingekeilt, ein Entrinnen so leicht nicht mglich.
Gutmtig meint Kaspar: "Mut nicht gar so spitz sein! Es war nicht bs
gemeint, und schau, dein Wurfgescho trage ich noch am Hut! Ein Ngele
von dir war' mir lieber!"

Mit einem Griff reit Klrle die Zwiebel von Kaspars Hut und ruft: "Fr
so 'nen Lumpen ist das selbst zu gut! Du brauchst nichts zu tragen von
mir!"

"Halt, schnippisches Ding! Der Knollen ist mein! Dir aber rate ich, geh
manierlicher um mit den Leuten!"

"Du willst Manier predigen, du, der wie ein Ruber in friedliche Huser
einbricht und Mdchen berfllt! Schande ber dich, Kitteljger!"

"So meinst?! Na warte, das Wort soll dir noch einmal auf der Zunge
brennen! Wir rechnen noch ab miteinander! Hrt zu, Bueben am Fohrenbhl:

  Sie hat auf die Zhn' wohl e Hrle,
  Schneidet ab den Leuten die Ehr':
  So bleib denn frder: _Giftklrle_,
  Dich nimmt der Teufel nimmermehr!"

Schallend Gelchter folgt diesem Trutzgesangel, laut rufen die Leute:
"_Giftklrle_!" und spotten, da sie augenblicklich den Doppelsinn in
dieser Bezeichnung begreifen und fhlen, da Kaspar ihr den Spottnamen
fr ihr "giftiges" (schnippisches) Wesen aufgebracht hat. Von Mund zu
Mund fliegt der Spottname; nicht einer findet ihn ungerecht, man gnnt
dem unvertrglichen Mdel diese ffentliche Abkanzelung und witzelt
allenthalben bers "giftige Giftklrle".

Wutentbrannt, zornglhend drngt sich Klrle durch die Menschenmenge,
die dem enteilenden Mdchen den neuen Spottnamen nachrufen. In rasendem
Lauf flchtet Klrle die Bhlstrae hinab, dem heimatlichen Hofe zu.
Kaspar aber, der Held des Tages, feiert seinen Sieg ber die trutzige
Dirn bald im "Schwanen", bald im "Adler". Immer lebhafter wird es auf
dem Fahrenbhl; der Wein thut seine Wirkung, immer hitziger werden die
Burschen. Martin hat einen Hirten gefunden, der die Ergnzung im
richtigen Glockenton zu seinem Gelut htte, die paffende Schelle aber
nicht hergeben will. Martin giebt sich die grte Mhe, den Burschen zu
bereden, und bietet die gesamte von Klrle erhaltene Barschaft fr die
Glocke. Je dringlicher Martin wird, desto strrischer zeigt sich der
Hirt, der schlielich, um den lstigen Hndler abzuschtteln, hhnisch
sagt: "Und wenn ich die Schelle auch dir gbe, sie km dann doch auf den
Hof und der--_Giftklrle_ geb' ich sie nicht!"

Martin stutzt; von dem Vorfall an der Tcherbude hat er nichts
wahrgenommen, doch fhlt er augenblicklich den Hohn in der Bezeichnung
fr seine Bauerntochter und ist zur Abwehr bereit. Die Schellen in den
Sack schiebend, streift Martin die Rockrmel zurck, holt zum Schlag aus
und ruft: "Nimm das Wort zurck, Lump, oder--!"

"Was oder--nichts oder!" Schwapp hat Martin einen Hieb, da ihm die
Ohren sausen. Auf so ein erstes Zusammenprallen streitender Hirten wird
beim Schellenmarkt frmlich gewartet, um sodann eine regelrechte,
saftige "Holzerei" ins Werk zu setzen, die zu den notwendigen Freuden
des Festes gehrt. Im Nu sind die Kampfhhne umringt; die Lauterbacher
Bueben schlagen sich auf Martins Seite im Gefhl wrttembergischer
Zusammengehrigkeit, und die Partei des badischen Gegners nehmen
selbstverstndlich die Burschen und Hirten aus dem Gutachthal. Um die
Streitursache wird weiter nicht gefragt, es wird gerufen auf
wrttembergischer Seite. "Hie Beutelsbach!", kampflustig brllen die
Badener: "Hie Zhringen!" und nun prallen die Burschen aufeinander, das
Gebalge beginnt, kreischend fliehen Dirnen und Weiber aus dem
Kampfbereich, die lteren Bauern hingegen beobachten mit Feldherrnaugen
die "Schlacht". Der Hirt vom Gifthof hat entschieden Pech am heutigen
Pfingstfest; jmmerlich durchgebleut kommt er zu Fall, und im
Kampfgewhl wird wenig Rcksicht auf deinen gebrunten Teint und seinen
Gesichtsvorsprung genommen. Freund und Feind, Zhringer und
Beutelsbacher treten auf seinem Krper herum, hin und her wogt der
Kampf. Das bemerkt Kaspar, der erst die Flucht Klrles eine Weile
beobachtet hat, und Mitleid erfat ihn; mit einem wuchtigen Satz springt
er in den Menschenknuel, wirft die Burschen links und rechts zur Seite,
packt den am Boden liegenden Martin und zerrt ihn mit krftiger Faust
vom Kampfplatz weg.

Arg zerschunden, getreten und verschlagen braucht der Hirt eine Weile,
bis er auf eigenen Fen stehen kann. Kaspar sttzt den Burschen und
fhrt ihn dann den Bhl hinab, heim bis in die Nhe des Gifthofes, den
klglich nach dem verlorenen Geld und um die vertretenen Schellen
jammernden Hirten trstend und beruhigend.

Auf dem Fohrenbhl giebt es grimmig verschlagene Kpfe mit den schnsten
Beulen, die aber augenblicklich auseinanderfahren, wie der Landjger
auftaucht. Hei, wie die Burschen nun flchtig ber die Grenze springen!
Wie ein Schwarm Heuschrecken hupfen sie ins badische Land,[17] und
fallen im "Schwanen" ein, friedlich jetzt und einig, durstig und ob der
Kraftausbung seelenvergngt. Der Schellenhandel wird jetzt
friedfertiger fortgesetzt, es klingt und tnt aufs neue hinaus in den
verklrten Abend, und die letzten Sonnenstrahlen vergolden die fernen
Hhen des Kniebis wie die Wipfel der langgedehnten Wlder.

       *       *       *       *       *

Tannenumschattet steht am Moserkopf, in eine Mulde eingebuchtet auf
einer kleinen, windgeschtzten Ble inmitten des dsteren Tanns eine
ziemlich verfallene Blockhtte, auf deren flachem Dach eine Moosschicht
grnt und deren Fugen mit drrem Farrenkraut verstopft sind. Klein und
sparsam sind die Fenster mit teils eingetragenen, teils erblindeten
Scheiben in der schwarzen Htte angebracht, vom Tann beschattet, so da
sie stets im Dunkel stehen. Eingefallen liegt nebenan ein Schuppen in
Trmmern, der wohl einst Aufbewahrungsort der Kienstcke fr einen
Theerschweeler gewesen sein mag, als noch an dieser Stelle in tiefer
Waldesabgeschiedenheit getheert und Pech erzeugt wurde. Bruchstcke
eines Theerofens liegen verstreut, von Farrenkraut umwuchert, auf dem
schwrzlichen Boden. Ein unheimlich Bild der Verwahrlosung, des Verfalls
bietet diese einsame Siedelung im dichten finsteren Tann, zu welcher
durch den stillen Wald ein wenig betretener, moosiger Pfad fhrt. Wrde
nicht ein blauer Schurz an der verwitterten Httenthr hngen und
blulicher Rauch sich den Weg ins Freie suchen, man wrde die Blockhtte
fr unbewohnt, verlassen gehalten haben. An dieser Sttte jedoch haust
seit Jahren, Winters wie Sommers ber ein altes Weiblein, gemeiniglich
die Kruterliese genannt, die hier aus sorglich gesammelten Krutern
heilsame Trnklein braut und an Hilfsbedrftige drauen im Lauterbach-
und Berneckthale fr wenige Groschen abgiebt und davon das karge Leben
fristet. Durch ein abschreckend ueres ist das alte Weiblein immer, wo
es sich in bewohnten Gegenden sehen lt, ein Gegenstand der Furcht fr
Kinder, die das Weiblein fr eine Hexe halten, fr eine unheimliche
Zauberin. bermtige Burschen ben Spott am Weiblein, und die Dirnen
weichen der Kruterliese aus. Aber wenn so ein junges Ding einen Trank
oder Rat braucht, wenn ein Mdel wohl gar durch geheimnisvolle Karten
einen Blick in die Zukunft thun und erkunden will, wie der ersehnte
Brutigam heien wird, dann huscht wohl so ein Waldmaidle durch den
kirchenstillen Tann zur Htte und fordert Einla in die dumpfe einsame
Htte.

Weihevoller Abend ist's im Wald; das geheimnisvolle Flstern in den
Wipfeln ist erstorben, Meisen und Krummschnbel sind zur Ruhe gegangen,
majesttisches Schweigen waltet ringsum, und zauberhaftes silberweies
Mondlicht spielt herein auf die Ble und zittert durch das dunkle Gest
der mchtigen Fichten und Tannen. Versunken in Gedanken lehnt ein
lieblich Mdchen an der einen Seite des verfallenen Schuppens und blickt
zum klaren, sternenbesten Himmel empor, von dem ein kleiner Fleck von
der Ble aus zu sehen ist. Ringsum ragt der Tann auf, schtzend und
bewachend, ein ungeheurer Wall von Baumriesen. Es ist Klrle, die stumm,
in sich gekehrt, vom Silberlicht umflossen steht und manchmal seufzt.
Das Mdchen hat sich in die Waldeinsamkeit geflchtet, hier bei der
alten Kruterliese hofft Klrle Ruhe zu finden vor den hmischen
boshaften Leuten, Ruhe fr das eigene Herz. Hier wird sie das schlimme
Wort, das ihr auf dem Fohrenbhl zugerufen wurde, nicht mehr zu hren
bekommen, jenes Wort, das sie getroffen bis ins Herz. Wie sie Unterkunft
erbat bei der Kruterliese unter Zusicherung guter Entlohnung,
verschwieg Klrle die wahre Ursache ihrer Flucht vor dem Menschen, und
schtzte das Bedrfnis nach Waldluft und Ruhe vor. Und bereitwillig hat
die Alte Klrle aufgenommen und ein drftig Kmmerlein eingerumt, so
da das Mdchen damit zufrieden wre. Nach Grnden fragte das Weiblein
nicht weiter; Ruhe werde 's Maidle schon finden und ein Trnklein auch,
wenn es solchen wolle. Die Kost werde mager sein und drftig das Lager
aus getrocknetem Moos. Zum Tanzen werde es nicht kommen im Tann des
Moserkopfes.

Ruhe hat Klrle; aber jenes verhate Wort drngt sich immer wieder ins
Gedchtnis und rckt ihr die widerliche Scene auf dem Fohrenbhl vor das
geistige Auge. Wie leicht hat sie frher Vorflle vergessen, wie rasch
ist sie ber unangenehme Scenen hinweggegangen! Bittende Worte hat sie
verlacht, die Menschen miachtet, schlecht behandelt; sie ist kalt und
unempfindlich geblieben bei anderer Not und Elend und hat die
schlimmsten Auftritte wenige Augenblicke spter vergessen. Bei einem Ohr
hinein, beim andern wieder hinaus; nachhaltend blieb nichts als eine
Leere im Herzen, ein immer unzufriedenes Herz. Und jetzt? Immer wieder
mahnt ein unerklrliches Gefhl, immer tnt ihr jenes Wort im Ohr; sie
sieht, wohin sie blickt, die Gestalt jenes stmmigen Burschen, der
hochaufgerichtet, mit lohendem Blick und zuckenden Lippen ihr jenes Wort
zuschleuderte; sie hrt das Hohngelchter der Leute immer wieder, und es
krampft sich das Herz zusammen, ein namenloses Gefhl von Ha, Zorn,
Bitterkeit und Ohnmacht zieht schmerzend durch ihre wogende Brust. O,
wenn nur jener Augenblick aus dem Leben zu streichen wre! Und mute es
denn so kommen? Was hat der Kaspar gewollt? War es notwendig, ihn so zu
behandeln? Hat der Bursch nicht recht gehabt mit dem vergeltenden Wort?
Es nagt wie Reue in ihrem Herzen. Sie htte die hliche Scene verhten
knnen; das grausame Wort wre ungesprochen geblieben, wenn----. "Selbst
bin ich Schuld!" flstert Klrle vor sich hin. Und mit Bangen fhlt sie,
da sie die ersehnte Ruhe selbst hier, mitten im Tann, nicht finden
werde. Ist sie denn schlecht, verderbten Gemtes? Hat sie nicht manchmal
Wohlthaten gebt, Hungrige gespeist, Durstige gelabt, die Armen bedacht?
Ist es kein Samariterwerk, da sie die Brbel belassen auf dem Hof?
Pflegte sie nicht stets den alten Vater und fhrte die Wirtschaft regsam
und sorglich? Scharf und hitzig ist sie, aber nicht schlecht. Und
dennoch diese Strafe! Erst der Pfarrer mit der ffentlichen Mahnung und
dann der widerwrtige Auftritt auf dem Bhl. Vervehmt, verhhnt,
verspottet von allen! Gebrandmarkt fr immer! Ausgestoen aus der
Gemeinschaft, sie, die Erste nach Geburt und Rang in der Bevlkerung des
ganzen Thales! Ein Flchtling mit namenloser Qual im Herzen! Mit jhem
Entschlu hat sie das Vaterhaus verlassen, der Behaglichkeit am
heimischen Herde entsagt. Zierat und Schmuck, alles zurckgelassen,
geflohen vor den Menschen, und dennoch kein Friede, keine Ruhe!

Die Kruterliese ist ins Freie getreten und mahnt zum Schlafengehen. Die
Nacht sei da, und die Htte mte geschlossen werden.

"Ich kann nicht schlafen!" versichert seufzend Klrle und tritt zur
Liese.

"Hast wohl einen argen Kummer im jungen Herzen, Maidle?" fragt
teilnahmsvoll die Alte. "Mit frohem Mut und Lustigkeit bist wohl nicht
fort und hereingeflchtet zur alten Liese?"

Klrle schluchzt, heie Thrnen schieen ber ihre Wangen.

"Komm, mein Kind, weine dich aus, Thrnen lindern; sag, was dich drckt.
Schau, die alte Liese ist ein hlich Ding, aber guten Herzens! Sie hat
Mitleid mit dir und will dir helfen, so dir zu helfen ist auf Erden!"

"Mir kann niemand mehr helfen!"

"Das wre bs! Was hast denn verbrochen, Maidle!"

"Ich--nichts! Aber gebrandmarkt bin ich dennoch--unmglich frder im
Thale und unter den Leuten!"

"Gebrandmarkt sagst du? Wie das und weshalb!"

Unter Thrnen, an die Alte geschmiegt, erzhlt Klrle stotternd, zaghaft
das Ereignis, und besnftigend, trstend legt Liefe ihre drre
Knochenhand auf den Scheitel Klrles.

"Das ist freilich schlimm, recht schlimm! Und den bsen Namen wirst so
schnell nicht von dir bringen knnen, ledig nicht!"

Klrle reit sich mit jhem Ruck los und blickt die Alte entsetzt an.
Erst nach einer Weile stammelt sie, am ganzen Krper bebend: "Du wirst
damit doch nicht sagen wollen, da--"

Die Alte nickt und ergnzt den Satz: "Da du erst als Weib eines Mannes
den blen Beinamen loswerden wirst!"

Klrle atmet auf; im ersten Schreck hat sie schon geglaubt, am Ende gar
den Menschen heiraten zu sollen, der ihr den furchtbaren Schimpf
angethan. "Du meinst, ich solle berhaupt heiraten!"

"Ja, den Kaspar!"

Klrle kreischt auf, wie wenn eine Schlange sie gebissen htte: "Den,
nein, niemals, lieber sterben!"

"Nicht so hitzig, Maidle! Mit dem Sterben hat es Zeit! Doch komm in die
Htte, ich will abschlieen und dir dann drinnen etwas erzhlen, was ich
noch nie jemandem mitgeteilt. Komm, Klrle! Denk, ich sei deine Mutter!
Ich will dir wahrlich wohl, so verschrien ich auch bei den Leuten bin."

Willig folgt Klrle der Alten in die Htte und setzt sich zu deren
Fen. Die Alte hebt dann an, leise, geheimnisvoll: "Du hast am Bhl den
ersten Schmerz erlebt und ich wei es, wie weh es werden kann in der
Menschenbrust! Nur wer Schmerz empfunden, versteht des anderen Schmerz
und Leid. Schmerz lutert die Seele! Auch du mut solche Luterungen
durchmachen, auf da dein Gemt anders, besser werde. Auch ich bin
"gelutert" worden!"

"Du?"

"Ja, ich! Da ich die alte Kruterliese bin, ein runzlig altes Weible,
das weit du! Da auch ich einst ein schmuckes Ding war wie du anjetzo,
das kannst du nicht wissen, weil es damals noch keine Gifttochter
gegeben hat!"

"Oh, das schlimme, hliche Wort!"

"Na, nur nicht bertrieben sein, Maidle! Dein Elternhaus ist nun einmal
der Gifthof und dieser Heimat brauchst du dich nicht zu schmen! Hre
denn: Wenn es je im Schwarzwald ein lustig, aber hochfahrend trutzig
Maidle gegeben, war ich es in meiner Heimat, im Murgthal. Der alten
guten Mutter machte ich das Leben sauer durch bermut und frevlen
Leichtsinn. Krbe austeilen, als die Freier kamen, war mir hchste Lust,
so sehr auch Mtterlein mahnte. Und ein besonderes Vergngen war es mir,
einen braven, guten Burschen, der ehrlich um mich freien wollte, zu
qulen und zu verspotten. Und je eifriger er sich um mein Herz bemhte,
treu zu mir hielt, desto grer war mir die Lust, ihn zu schmhen. Klein
war sein Hab und Gut, ich nannte ihn ffentlich einen Bettler und schrie
vor Lust, als er zusammenzuckte und ihm das Herz verkrampfte. Umstehende
Fler lachten dazu, was mich reizte, meinem getreuen Verehrer
zuzurufen: Bevor ich dich nehme, du Habenichts und Hasenfu, geh' ich
mit dem nchstbesten Fler in die weite Welt! Die Fler grhlten vor
Vergngen. In meiner Verblendung warf ich mich einem besonders starken,
stattlichen Burschen an die Brust, herzte denselben und lie mich
lachend hinwegfhren".

"Wie sagst, Liese?"

Mit zitternder Stimme erzhlt die Alte weiter: "Ja, ja, das Unglaubliche
ist wahr geworden. Durchgegangen bin ich, wie ich stand und war in
meinem grenzenlosen bermut und Leichtsinn. Und dann ward ich verlassen,
hhnisch davongejagt. Und ich hab's nicht besser verdient, Fern der
Heimat, mittellos und ehrlos geworden, mute ich bettelnd heimziehen....
Mtterchen lag drauen im Friedhof, und mein guter, treuer Freund ist
fortgezogen, verschollen. Mit Fingern deuteten die Drfler auf mich,
die ich zur Schande des Dorfes geworden. Fr weniges Geld veruerte ich
den kleinen Besitz und folgte berall nach meinem Freunde fragend,
dessen Spur in die Fremde".

"Hast ihn gefunden, den guten, braven Menschen?"

"Ja, weit weg von der Heimat und tot. Sein Grab zu schmcken und zu
pflegen, erschien mir hchste Pflicht auf Erden. So lange die Groschen
aus dem Erls reichten, konnte ich in dem fremden Ort verbleiben, dann
versuchte ich mich zu verdingen, ich wollte ja gerne als Magd dienen,
nur um dem teuren Grabe nahebleiben zu knnen. Doch als ausweislose
Fremde, mittellos schaffte man mich aus, zwangsweise wurde ich
fortgefhrt. Als Bettlerin sah ich die Grenze wieder. Im Heimatsdorfe
gab es bse Gesichter, niemand wollte von mir was wissen. Es war eine
furchtbare Zeit. Man mied mich wie eine Pestkranke. Und Beeren suchend
kam ich immer tiefer in den Wald, herein zu euch, als gebrochenes,
schwergeprftes Weib und fand durch deines Vaters Gte ein Unterkommen
hier in dieser dem Verfall preisgegebenen Htte, wo ich die
"Kruterliese" geworden bin und Gott fr diese Unterkunft danke
jeglichen Tag!"

"Dann bist du ja noch nicht so alt, als es allgemein heit!"

"Bin ich auch nicht, aber Not und Entbehrung, die Seelenqual und endlose
Reue haben mir Falten ins Gesicht gegraben und den Rcken gekrmmt. Ich
be ein Leben lang und habe mich dreingefunden, da ich's so und nicht
anders verdiene. Und ben will ich bis ans Ende. Gelutert ist die
Seele!"

Mit einem langen Seufzer endet Liese ihre Erzhlung und pret dann die
drren Finger an die feuchten Augen.

Weich gestimmt, mit bebender Stimme, mitleidsvoll flstert Klrle: "Was
mut du gelitten haben, Liese!"

Leise weint Liese vor sich hin in dunkler Nacht. Dann erhebt sie sich,
tastet in der Finsternis nach Klrle, legt ihre Rechte segnend auf des
Mdchens Kopf, wnscht eine "geruhsame Nacht" und begiebt sich zur Ruhe.
Klrle erwidert mit zuckender Stimme den gleichen Wunsch und sucht ihr
drftig Lager auf. Das Mdchen ist erschttert, warmes Mitleid erfllt
die Seele, und es reift der Entschlu, der guten hartgeprften Liese den
Lebensabend zu verbessern. Mit diesem Vorsatz entschlummert Klrle, mit
einem lieblichen Lcheln auf den Lippen.

       *       *       *       *       *

Taufrisch ist der Morgen angebrochen im Tann. Es glitzert und flimmert
im Gest, es schimmert auf den Blttern des Farrenkrautes, wie Edelstein
und Demant funkeln die Tautropfen im verachteten Ginster und edlen die
Pfrieme fr wenige Stunden. Im Tann konzertiert die Schar frhlicher
beschwingter Snger, es klingt der Wald, und leise wiegen sich die
Wipfel im erquickenden Morgenwind. Und ber den gewaltigen Forst blaut
ein entzckender Himmel und gleiend Gold sendet die Sonne herab,
verklrend und belebend. Durch den Tann schreitet auf dem weichen,
taunassen Pfade der Jungbauer vom Jrgenmicheleshof eilig der
Teerschweelerhtte am Moserkopf zu; Kaspar will einen Heiltrank fr
eine kranke Kuh von der Kruterliese holen.

Wie er endlich an die Waldble gelangt und die verfallene Htte
gewahrt, ruft Kaspar: "He, Liese, komm' heraus, Kundschaft ist da!" und
schreitet vollends zur Httenthre. Kaum ist der Ruf verklungen, tritt
Klrle aus der Htte, jh zusammenfahrend und erbleichend beim Anblick
des Jungbauers. Auch Kaspar ist ob der unvermuteten Begegnung verwirrt
und grt verlegen: "Gr Gott! Wer htte das geglaubt! Die Klrle bei
der Kruterliese im finsteren Wald!"

Mhsam kmpft Klrle mit sich und ihren widerstreitenden Gefhlen;
unwillkrlich greifen die Hnde nach den tobenden Schlfen. Hei jagt
das Blut durch die Adern und drngt zum Herzen. Wirr ist's ihr im Kopf,
es kreisen wie toll die Gedanken. Was will er, der Verhate hier? Wie
stattlich er ist! Ein frischer stmmiger Mann! Kommt er ihretwegen? Will
er um Verzeihung bitten, den entsetzlichen Namen zurcknehmen? Will er
shnen, die namenlose Qual von ihr nehmen? Er sieht aber nicht wie ein
Ber aus, seine Augen haben den Glanz wie frher, die ganze Gestalt
verrt stahlharte Energie. Unter Kaspars Blick erschauernd, erwidert
Klrle endlich dessen Gru, zaghaft, etwas schchtern, und fgt unsicher
hinzu: "Was fhrt dich so frh herein in den Tann?"

Frisch und schneidig klingt es aus Kaspars Mund: "Einen Heiltrank will
ich holen von der Kruterliese!"

"So! Bist selber krank oder jemand auf deinem Hof?"

Kaspar lacht hell auf und versichert: "Nein, Gottlob, mir fehlt nichts
als die Hochzeiterin! Aber eine Kuh will nicht milchen, und da mu die
Liese helfen mit einem Trnklein!"

Wie ein Schatten huscht der Unmut und Verdru ber Klrles Antlitz.
Verflogen sind im Nu die guten Vorstze, die alte ble Laune ist wieder
da, spitz und schnippisch wird der Ton ob der ihr widerfahrenen
Enttuschung. "So, eine Kuh! Und deswegen laufst selber 'rein in den
Wald? Hast wohl niemand zum Schicken auf dem Hofe? Oder laufst selber
gern und drckst dich von der Bauernarbeit!"

"Na, du bist doch wohl noch wie frher! Und von dir will ich weiter
nichts! Dich kuriert selbst die Waldluft nicht von deiner bsen Laune!
He, Liese!" Kaspar tritt in die Htte ein und lt Klrle unbeachtet
stehen, die sich auf die Lippen beit und nur mhsam die Thrnen des
Zornes zurckdrngt.

Liese kommt endlich zum Vorschein; sie hat die Begegnung des Paares vom
Fenster aus recht gut wahrgenommen und ist absichtlich in der Htte
geblieben in der Hoffnung, da sich die Beiden vielleicht doch durch
eine Aussprache wieder nhern werden, wozu das stille einsame Pltzchen
im Walde so recht geeignet wre. Aber aus dem Tone entnahm Liese
augenblicklich, da es mit Klrle noch lange nicht so weit ist, da der
alte Trotz und Unmut noch in ihrem Herzen sitzt. Das schmerzt die gute
Liese bitter, und die ble Laune erfat auch sie. Mit sicherem Griff
holt sie aus einer Ecke ein Flschchen mit dem Trank und berreicht
selbes dem verblfften Kaspar, der doch noch gar nicht gesagt, was er
wolle. Liese fertigt den Jungbauer kurz ab: "Wei schon, was du willst!
Hier ist der Trank fr die Kuh, er kostet einen Groschen! Und Narren
seid ihr beide, Narren, ausgesprochene Narren! Mach' weiter! Seid
lstige Leute!"

Kaspar wei nicht, was er sagen soll ob solcher Behandlung. Er sucht den
Groschen aus dem Geldbeutel und legt ihn auf das Fenstersims; dann aber
meint er, halb scherzhaft und halb rgerlich: "Ihr Weiber pat aber
schon recht gut zusammen: Schnippisch und giftig die Junge und grob die
Alte! Knnt' euch sehen lassen ums Geld, ihr zwei Giftniggel!" Unter
spttischem Lachen entfernt sich Kaspar, auf das Flschchen ganz
vergessend.

Liese aber kann sich nicht mehr halten in ihrem Unmut und prasselt auf
Klrle zu. "Das mu ich aber schon sagen: eine unvernnftigere Person
giebt's im ganzen Schwarzwald nicht, wie du! Bringt ein glcklicher
Zufall den Burschen herein in den Tann, die Gelegenheit ist gnstig, und
du Giftniggel stoest den Jungbauern von dir wie 'ne Natter!"

"Liese, nimm das Wort zurck! Ich kann's nicht hren!"

"Papperlapapp! Du wirst noch ganz anderes zu hren kriegen in deinem
Leben! Ein Giftniggel bist du, da es schon eine Schand ist! Aber du
wirst dir die Hrner schon noch abstoen! Und recht, ganz recht hat der
Bursch gehabt, als er dich auf'm Fohrenbhl die Giftklrle genannt! Ganz
recht! Ich werde dich knftig auch nur mehr "Giftklrle" nennen!
Verdienst es nicht anders."

Wutentbrannt kreischt Klrle auf und hebt drohend den Arm.

"Was willst? Drohen willst? Willst mich altes schwaches Weib wohl gar
schlagen, he? Hte dich! Ich habe mehr Kraft in den alten Knochen, als
du glaubst! Und es juckt mich, dir den "Gift" aus dem Krper zu
schlagen! Fr dich wr' das ein Glck! Anders als mit Gewalt geht der
"Gift" ja doch nicht aus dir heraus! ber dich mu es noch ganz anders
kommen, von einer Luterung ist noch keine Spur vorhanden! Von fremdem
Leid und Unglck lernst du nichts! Sollst es an dir selber empfinden!
Und mit uns beiden ist es jetzt aus! Geh' du nur wieder hinaus auf
deinen Hof, bei mir hast keinen Unterschlupf mehr! Ich will dich nicht
mehr um mich haben! Und je mehr die Leute dich spotten und hhnen, desto
besser ist es! rgere dich gelb und grn, diese Farben passen zur
Giftklrle! Fort, hinweg mit dir!"

"Liese!" schreit Klrle auf und hebt flehend die Hnde zu ihr empor.

"Nein! Ich will dich nicht mehr sehen! Du bist unverbesserlich! Fort!"

Gebieterisch streckt Liese den Arm aus und deutet auf den Pfad hinaus.
Klrle schluchzt, dann berkommt sie der alte Trotz, ein harter Zug
erscheint auf ihren zusammengekniffenen Lippen; die Augen funkeln, die
Hnde ballen sich zu Fusten. Festen Schrittes, ohne Abschiedswort, geht
das Mdchen von dannen.

Mitten im Tann aber berkommt das einsame Mdel das Gefhl grenzenloser
Verlassenheit mit berwltigender Macht. Verloren ist selbst die karge
Zufluchtssttte im Walde; das bettelarme Weib sogar hat ihr die Thr
gewiesen. "Also bin ich Schlechter noch als ein Bettelweib!" flstert
Klrle. Und wie das Mdchen aufschaut, fllt Klrles Blick auf ein Kreuz
im Walde, angeheftet an eine mchtige Fichte. Aufschluchzend wirft sich
Klrle in die Knie, lt den Thrnen freien Lauf und faltet die Hnde zu
inbrnstigem Gebet. Versunken im heien Flehen um Erlsung aus schwerer
Herzenspein hrt das Mdchen nicht das schwache Gerusch nahender
Schritte. Der Pfarrer von Lauterbach ist es, der sich im Walde ergeht
und beim Anblick der betenden Klrle innehlt, verwundert und erfreut.
Inbrnstig betet das Mdchen: "Habe Mitleid mit mir Armen, o Gott! Gieb
mir den Frieden ins Herz und Erlsung!"

Da hebt salbungsvoll und mild der Geistliche zu sprechen an: "Der Friede
soll dir werden, Kind!"

Erschrocken erhebt sich Klrle und blickt sich um. Jhe Rte schiet ihr
in die Wangen.

"Beruhige dich, Klrle! Von mir hast du nichts zu befrchten!"

"Das sagen Sie, Herr Pfarrer, Sie, der--"

"Was soll's--?"

"Sie wollen mir den Frieden verheien, Sie, der mich am Pfingsttag vor
der ganzen Gemeinde ffentlich in der Kirche abgekanzelt hat!"

"Mit nichten, mein Kind! Das bildest du dir nur ein!"

"Sie haben doch die Predigt nur auf mich gemnzt und den Kopf nach mir
gewendet--"

"Nein, Klrle, du bist im Irrtum! Ob ich den Kopf zu dir gewendet, wei
ich nicht; ich wute ja gar nicht, wo du knietest oder standest!"

"Groer Gott! Dann galt die Predigt gar nicht mir allein?!"

"Doch!"

"Wie?"

"Hre zu, Klrle! Die Predigt galt allen und dir insofern, als auch du
Einkehr in dein eigen Herz halten sollst. Wenn du aber glaubst, da eine
Predigt an so hochheiligem Feste ausschlielich einem hochfahrenden
Bauernmdchen gewidmet sein knnte, so ist solche Annahme Vermessenheit
und strafwrdig. Tilge Hochmut und Trotz in dir, Klrle! Dann erst kann
dir Friede werden! Bete fter mit gleicher Inbrunst zum Gekreuzigten,
und du wirst Erhrung finden! Geh' mit Gott, Klrle und shne! Amen!"
Sanft lchelnd bietet der wrdige Priester dem Mdchen die Hand. Klrle
zgert einen Augenblick, dann aber beugt sie sich etwas nieder, und
haucht den Ku der Ehrerbietung auf die priesterliche Hand. Wie
Wirbelwind strmt Klrle dann durch den Wald mit bervollem Herzen,
indes der Pfarrer seinen Weg in den Tann fortsetzt.

       *       *       *       *       *

Auf der Strae zum Dorfe angelangt, schreitet Klrle langsamer vorwrts.
Eine ungeahnte Seligkeit erfllt ihr Herz. Der Alp ist geschwunden,
nach der Versicherung des Pfarrers, da die Pfingstpredigt nicht ihr
allein gegolten. Es war also keine Stichelei auf sie gewesen. Die
Tadelsworte will sie gern ertragen. Zur Verwunderung entgegenkommender
Leute grt Klrle diese zuerst mit freundlichen Worten und lieblichem
Lcheln, so da die Drfler ebenso freundlich danken. Keines gebraucht
das hliche Wort; die Leute nennen sie einfach "Klrle". Wie das
wohlthut!

Still zieht Klrle im Gifthof ein. Der Vater hlt im Lehnstuhl sein
Mittagsschlfchen. Klrle schleicht sich sachte in die Stube zum Vater
hin, kniet nieder und kt dessen rechte Hand. Darber erwacht der
Gifter; verwundert blickt er auf sein knieend Kind. Ihm ist wie ein
Traum, ein schner Traum, und unwillkrlich fhrt er sich mit der linken
Hand ber die Augen.

Erglhend lispelt Klrle. "Gru Gott, Vater! Verzeih' mir, da ich dich
verlassen! Nimm mich in alter Liebe und in Gnaden wieder auf! Ich will
dir frder eine gehorsame liebende Tochter sein."

Sprachlos vor berraschung blickt der Alte hernieder auf sein
verwandeltes Kind. Dann zuckt es in seinem Gesicht, wie Wetterleuchten
huscht es ber die runzligen Wangen, die Augen werden feucht, die welken
Lippen beben.

"Wach' ich, oder trum' ich!" flstert der Alte.

"Du wachst, Vater! Ich bin wieder da! Verzeih' mir!" bittet Klrle und
kt abermals die Hand des Vaters.

"O Gott, ich danke dir! Du hast mir mein Kind wieder gegeben, gut und
lieb! Sei willkommen daheim, Klrle! Ich bin glcklich!" Mit beiden
Hnden zieht der Vater sein Kind an die Brust und kt das Mdchen
herzhaft ab. Dann mchte der Gifter aber Nheres wissen; wo Klrle war,
was ihr Herz gebessert habe und eine Menge Fragen mehr.

Klrle schttelt den Kopf und bettelt: "Nicht fragen, Vater! Noch bin
ich nicht fertig mit mir! Bitte, la allein mich zurechtfinden!"

"Wie du willst! Gott lenkt sichtlich dein Herz und es wird alles wieder
gut werden!"

Klrle's erster Gang vom Vater weg, gilt der Kche, wo Brbel mit der
Splarbeit beschftigt ist. "Gr Gott, Brbel!" ruft vergngt, schier
zrtlich Klrle.

Ein Schrei, ein Gepolter, Scherbengeklirr giebt Antwort auf solche
berraschung. Brbel steht wie versteinert und starrt Klrle an, als sei
es ihr Geist, der am helllichten Tag erschienen.

Die Kchendirn hlt Mund und Auge offen und erwartet des Himmels
Einsturz.

Ohne ber die zerbrochene Schssel ein Wort zu verlieren, reicht Klrle
der malos berraschten Brbel die Hand, fat die naen Finger
ungescheut und spricht: "Gr Gott, nochmal, Brbel! Ich bin wieder da,
und nun wollen wir treue Freundschaft halten!"

Brbel stt ein wahres Jammergeheul aus und gebrdet sich ganz
verzweifelt, indes die Dirn wie Flugfeuer wegspringt, um Hilfe zu holen.
Von den Hofleuten eilt herbei, wer in der Nhe war, und in scheuer
Entfernung guckt das Gesinde auf die verwandelte Tochter des Hauses.

Verwundert steht Klrle inmitten der gerumigen Kche und beguckt
ihrerseits die kreischende Brbel, welche abwehrend die Hnde vor sich
hlt, als Klrle auf das Mdel zugeht, um es zu beruhigen. Brbel
retiriert um den Herd herum zu den Knechten, dort Schutz suchend.

Klrle ruft: "Aber Brbel! Bist nrrisch geworden?"

"Ich nicht, aber bei dir ist's nimmer richtig!" tnt es zurck.

Jetzt begreift Klrle, und silberhelles Lachen klingt durch den Raum.
Die Leutchen halten Klrle ob ihrer Milde und Gte fr verrckt
geworden.

Klrle wird rasch wieder ernst; das Verhalten Brbels giebt zu denken.
"Geht an die Arbeit, Leute!" befiehlt die Tochter.

Das wirkt augenblicklich. "Sie ist doch noch die Alte!" flstern die
Dirnen und huschen hinweg, und auch die Knechte trotten davon, fest
berzeugt, da Klrle der Brbel blo einen Possen spielen wollte.

       *       *       *       *       *

Im Gifthofe geht alles wieder seinen gewohnten Gang. Neu fr Brbel und
den Vater ist nur, da Klrle oft stundenlang beim Nhzeug sitzt und
Schden an Kleidern repariert oder strickt und sonstige Handarbeiten
verrichtet. Der Vater hat die Frage, wie denn solche Verwandlung
gekommen, immer auf der Zunge, aber stets schluckt er die Frage wieder
unausgesprochen hinab. Klrle will nicht darber reden, drum wird es
besser sein, wenn sich alles von selber weiter entwickelt. Nur meint der
Vater, von dem vielen Sitzen knnte Klrle krank werden, weil sie es
nicht gewohnt sei. Doch Klrle verneint das lchelnd mit dem Hinweis,
da sie sich an derartige Arbeiten gewhnen wolle und Nherinnen ja doch
das Gleiche thun mten, ohne zu Grunde zu gehen.

"Hm! Aber die Nherin mu es thun! Du hast aber solche Arbeit nicht
ntig!"

"Ein weibliches Wesen gehrt zeitweilig an den Nhtisch und zur
Strickwolle. Bitte, lieber Vater, la mich, wozu mich's drngt. Ich
verspreche dir auch, davon nicht krank zu werden!"

"Na, ich wei nicht, ob das viele Sitzen nicht Gift ist--"

"Vater! sprich das Wort nicht mehr aus in meiner Gegenwart oder--"
schreit erbleichend Klrle und springt auf mit abwehrend erhobenen
Hnden.

Erschrocken stottert der Alte: "Aber, Maidle, was hast denn nur?"

Klrle aber verlt augenblicklich die Stube und schliet sich oben in
ihrer Kammer ein.

Vor dem Hause auf der Bank hockend, zerbricht sich der Gifter schier den
Kopf ber die sonderbaren Eigenheiten der Tochter, die bald niemand mehr
verstehen wird.

       *       *       *       *       *

Tage und Wochen vergingen; der Heumahd ist die Grummeternte gefolgt, ein
leichtes Herbsteln in der Natur wird wahrnehmbar. Die Arbeiten gehen
ihren gewesenen Gang. Immer stiller werdend waltet Klrle auf dem Hofe
ihres Amtes. Krperlich ist an ihr keinerlei Vernderung wahrzunehmen,
nur sticht ihre Milde gegen jedermann stark ab gegen ihr frheres
scharfes lrmendes Gebahren. Da Klrle auffllig oft an einer Stelle
sitzt, wo der Richtung nach der Fohrenbhl sich erhebt, und unverwandten
Blickes hinaufstarrt, obwohl nicht das geringste zu sehen ist, das
entgeht dem Vater nicht und erregt in ihm doch allmhlich Besorgnis, die
ihn schlielich veranlat, mit dem Vertrauensmann der Drfler, mit dem
Pfarrer, Rcksprache zu pflegen. Ohne seine Absicht bekannt zu geben,
ist der Gifter eines Tages nach Lauterbach gehumpelt und fr eine Weile
im Pfarrhof verschwunden. Am selben Abend, als der Gifter mit Klrle
allein in der Wohnstube ist, meinte er so leichthin, da Klrle am
nchsten Sonntag nicht in die Kirche kommen solle.

Mit jhem Ruck wirft die Tochter den Kopf auf und fragt scharf: "Wer
will mir, wenn ich es will, den Kirchgang verbieten?"

"Nu nu! Nicht gleich obenaus fahren, Klrle! Dem Pfarrer wre es lieber,
wenn du nicht anwesend wrest!"

"Was hat der Pfarrer vor mit mir?"

"Das hat er mir nicht auf die Nase gebunden. Doch werden wir es ja
hren, was es giebt. Wenn du indes gehen willst, ist's dir unbenommen.
Der Pfarrer hlt brigens groe Stcke auf dich und ist fest berzeugt,
da du dich zum Frieden durchringen wirst."

Klrle erglht wie eine Pfingstrose und neigt den Kopf tief zur
Nharbeit herab.

Im selben Augenblick pocht es an der Stubenthr und ein etwa
siebenjhriger Knirps schiebt seine kleine Gestalt herein, in der
rechten Hand krampfhaft ein in Papier gehlltes Flschchen tragend.
Zaghaft geht der Knirps auf das Mdchen zu und fragt. "Bist du die
Klrle?"

"Ja, Kleiner, was willst oder bringst?"

"Da, das da hat mir die Kruterliese fr dich bergeben. Du darfst es
aber erst aufmachen, wenn ich hinter der Thr bin!"

"So, Vorschriften auch noch! Wart' einen Augenblick, ich will dir etwas
aus der Kche zum Botenlohn geben!"

"Nein, nein, ich brauch' nichts!" zetert angstvoll der Kleine und
springt davon, als sei der Teufel hinterdrein.

Der Gifter lacht aus vollem Halse; Klrle begiebt sich wieder an den
Nhtisch und lst das Flschchen aus der Umhllung. Ein Wutschrei
entfhrt ihrem Mund, sie stampft mit dem Fue, ballt die Faust und
zischt: "Schndlich! Soll ich mich auch noch von Bettelweibern verhhnen
lassen! Ich htte nicht bel Lust das Zeug zum Fenster hinauszuwerfen!"

"Dann ffne aber vorher, es war' schad' um die ganzen Scheiben!" meint
trocken der Vater im Lehnstuhl und fragt dann, was denn los sei.

"Ach was! Eine Bosheit der Kruterliese, die mir ein "Gegengift gegen
die Giftklrle" schickt, eine "Medizin zur Luterung der Seele". So
steht es wenigstens auf dem Flschchen angeschrieben. Zu dumm! Ich
werde--nein, nichts werde ich, keinen Tropfen werde ich einnehmen davon!
Aber ihr werde ich die Bosheit eintrnken!"

"Klrle!"

"Was willst Vater?"

"Ich mein', die Liese will dich mahnen an etwas?"

"An was?"

"Das wei ich nicht. Du wirst es schon wissen!"

Klrle verstummt, nimmt das Flschchen zu sich und verlt die Stube.

       *       *       *       *       *

Die folgenden Tage wird der "Gegengift"-Sendung mit keinem Worte
erwhnt. Mit Spannung harrt der Alte der Dinge, die der Sonntag bringen
soll. Und als die Glocken am Tag des Herrn zum Gottesdienst riefen,
fragte der Gifter, zum Kirchgang gerietet: "Nun, Klrle, wie ist's?
Gehst mit oder thuest dem Pfarrer den Gefallen? Oder bringt dich die
Neugier um?"

"Ich bleibe daheim und werde mein Gebet im Kmmerlein verrichten!"
erwidert ruhig Klrle und winkt dem Vater liebevoll zum Abschied mit der
Hand.

Im dichtgefllten Gotteshause lauscht die Schar der Lauterbacher
andchtig der weihevollen Predigt, die der Pfarrer schliet mit den
Worten: "Liebet einander im christlichen Sinne." Seltsamerweise bleibt
der Prediger aber auf der Kanzel, berblickt die gespannt zu ihm
aufblickenden Glubigen und beginnt aufs neue: "Geliebte in Christo dem
Herrn! Als ich am heiligen Pfingstfeste zu euch sprach und euch ermahnte
zu Geduld, Milde und Gte, Frieden zu halten und einander zu lieben,
nicht zu hassen, da war meine Mahnung an euch alle in der ganzen
Gemeinde gerichtet, keineswegs aber an eine einzelne Person!
Unliebsamerweise hat jedoch diese Mahnung eine Deutung gefunden, als
htte ich eine bestimmte Person im Auge gehabt. Dem war und ist nicht
so, und darum sind alle daran geknpften Folgerungen hinfllig. Das
Gotteshaus ist nicht der Ort zu persnlichem Tadel, nicht der Ort fr
menschliche Dinge. Meine priesterliche Liebe umfat euch alle! Und wie
der Herr sprach, so spreche ich an seiner Statt: Gehet hin und liebet
einander!"

Die Gemeinde segnend, verlt der wrdige Pfarrer die Kanzel und setzt
sodann die heilige Handlung am Altare fort.

Nach Beendigung des Gottesdienstes harrt der alte Gifter an der
Friedhofsmauer, umgeben von zahlreichen Drflern, die lebhaft die
Ansprache des Pfarrers besprechen, des Priesters, der freundlich grend
aus der Kirche tritt und besonders dem Gifter liebevoll zunickt. Gifter
humpelt auf den Pfarrer zu, drckt ihm herzhaft die Hand und dankt ihm
aus tiefstem Herzensgrunde fr die guten Worte. Klrle wird sich schon
noch selber bedanken fr diese Wohlthat, die jeglichem Gerede ber die
"Stichelei" ein Ende machen wird.

"Gr mir die Klrle! Es wird noch alles gut werden!" sagt der Pfarrer
und begiebt sich in sein Haus.

Gar mancher Bauer und Bursch reicht dem Gifter die Hand, gleichsam als
wollten sie gut machen, was sie ber Klrle ob der vermeinten Stichelei
gesprochen. Ganz wohlig ist es dem Alten ums Herz, wie er nun
gemchlich durch das stille Gelnde seinem Hof zuschreitet,
hochzufrieden mit dem wackeren Pfarrer, der so gut und lieb fr Klrle
eingetreten ist. Und da steht ja Klrle lieblich wie ein junger
Maimorgen am Rain, den Vater erwartend.

"Gr Gott, Klrle!"

"Gr Gott, Vater!"

"Maidle, der Herr Pfarrer--"

"... hat fr mich gesprochen, der liebe seelensgute Herr!"

"Du weit schon?"

"Martin, der Hirt, war auch in der Kirche und hat mir Kunde gethan. O,
wie bin ich dem geistlichen Herrn dafr dankbar! Aber, Vater, ich htte
eine groe Bitte an dich!"

"Red', Klrle! Ich bin ja glcklich, wenn ich dir einen Gefallen
erweisen kann!"

"Ja, Vater, du bist so lieb und gut!"

"Schie' nur los, Klrle! Deine Bitte ist im voraus erfllt! Was soll
ich thun? Willst was vom Krmer in Schramberg oder ein neues Gewand?"

"Nein, nein! Vater! Geh', sei so lieb und bring' den Kaspar vom
Jrgenmichel dazu, da er--"

Betroffen weicht der Gifter einen Schritt zurck und kratzt sich hinterm
Ohr.

"Willst du nicht, Vater?"

"Hm! Das ist eine heikle Sach', Klrle! Nicht, da ich nicht zu ihm
gehen will, o nein, ich geh' gern fr dich! Aber es ist die Frage, was
Kaspar sagen wird! Ich frchte, er fertigt mich kurzer Hand ab und lt
mich stehen!"

Klrle lt den Kopf hngen und geht trbselig ins Haus. Der Vater
humpelt ihr wohl nach und sucht sie zu trsten, doch das Mdchen hrt
nicht auf sein Reden und schliet sich im Kmmerlein ein. Gifter reibt
sich seine Stirne, als wenn er dadurch einen besonders geistreichen
Gedanken aus dem Hirnkasten herausbringen mchte. Es ist doch rein wie
verhext: Jetzt, wo's Klrle weich ist im Gemt, zur Vershnung geneigt,
rein nimmer zu kennen vor Sanftmut und Milde, jetzt hapert es dennoch,
jetzt soll der beleidigte Teil das erste Wort zum Guten geben! Da
Kaspar bockbeinig bleiben wird, ist ihm gar nicht zu verbeln. Ob aber,
wie es eigentlich sein sollte, Klrle noch so mrbe wird im Sinn, da
sie selber die Hand zur Vershnung bietet und Abbitte leistet, das wagt
der Alte trotz der bisherigen Sinnesnderung Klrle's doch nicht zu
hoffen. Aber immerhin soll der Versuch gemacht werden. Wie er steht im
Feiertagsrock, pilgert der Gifter sofort die Strae in der Richtung zum
Fohrenbhl hinan und biegt sodann ab, wo ein Seitenweg zum
Jrgenmichelhof fhrt.

Wenn nicht Rauch aus dem Schlot des Hofes aufstiege, knnte man meinen,
es sei keine Katze im Hause, so still ist's hier.

Gifter scheut sich, polternd einzutreten durch die leicht angelehnte
Thr. In solcher Mission ist es nicht angezeigt, grospurig aufzutreten,
darum geht Gifter schier demtig ins Haus und klopft an die nchstbeste
Thr im Fltz.

Keine Antwort. Wird wohl niemand drinnen sein. Vielleicht hockt der
Kaspar noch im Wirtshaus zu Lauterbach und schppelt. Unwillkrlich
klinkt aber Gifter doch die Thr auf, und berrascht fhrt es ihm aus
der Kehle: "Oha!"

Kaspar zuckt erschrocken zusammen und sucht in arger Verlegenheit ein
Flschchen zu verbergen, indes er stottert: "Je, der Gifter in eigener
Person!"

Der Alte fat sich und begrt den Jungbauer: "Bist ja doch zu Hause,
Kaspar! Mit Verlaub setze ich mich, bin von der Rennerei am heutigen
Vormittag arg mde, und mein Gehwerk taugt nichts mehr!"

"Ja ja! Nimm Platz, Gifter! Darf ich dir mit 'm Glschen Kirsch
aufwarten?"

"Nein nein, ich dank'! Schnaps ist fr mich Gift!"

"So?" lacht Kaspar. "Ich dchte, dem Gifter wird solches Gift nicht
schaden. Hast doch Gift genug im Gifthof!"

Betroffen guckt der Alte auf, und sein Auge sucht in Kaspars Miene zu
erforschen, wie die Rede gemeint sein knnte.

"Verstehst mich nicht? Macht auch nichts! Ist nicht bs' gemeint!"

"So, um so besser! Hast wohl auch etwas wie Gift in dem Flschchen, he?"

Eine jhe Rte fliegt ber Kaspars Gesicht. Zum Beseitigen des
Flschchens ist's zu spt. Mit scheinbarer Gleichgltigkeit erzhlt er,
da man heutzutage von Betteleien nicht verschont bleiben knne. Die
Kruterliese drinnen im Wald htte ihm so ein Trnkchen geschickt,
jedenfalls in der Hoffnung, ein ordentliches Trinkgeld dafr zu
bekommen.

Gifter horcht auf. "Wie sagst, ein Trnklein von der Kruterliese?"

"Ja, jedenfalls eine neue Art des Bettels!"

"Hm!"

"Was meinst, Gifter?"

"Du, Kaspar, das ist kurios! Mein Klrle hat das gleiche kriegt als
'Gegengift'!"

"Ah! Und hat sie's genommen?"

"Fuchsteufelswild ist 's worden!"

"So! Hat das Trnklein ihr nicht geschmeckt? Es ist nicht so bel zu
nehmen!"

"Ah, hast es gar schon verkostet!"

"Ich, nein! Was dir nicht einfllt!"

"So? Woher weit denn dann, da es nicht so bel zu nehmen ist?"

Kaspar beit sich rgerlich auf die Lippen im Gefhle, sich verschnappt
zu haben. Ablenkend fragt er, was Gifter von ihm wolle.

Der Alte merkt die Absicht, lt aber nicht locker. "Du, Kaspar! Weilst
vom 'Gegengift' schon etwas genommen, knntest auch bereits etwas
friedsameren Blutes geworden sein--"

"Ich, wieso?"

"Na, ich meine: Wenn 's Gegengift bei dir wirkt, dann wre es an der
Zeit, da du mein Maidle von dem Spottnamen befreien wrdet!"

"Schickt dich Klrle?"

"Es wr' ihr Wunsch, da du ihr den Spottnamen wegnhmest!"

"Ich will dir was sagen, Gifter: Da Klrle von Haus aus nach dem
Hofnamen Giftklrle heit und ist, das wird sie leiden mssen, weil dein
Hof halt der Gifthof ist. Den Spottnamen wird sie wohl tragen mssen, so
lang sie so 'giftig' bleibt. Will sie's gendert haben, so mu sie schon
selber um gut Wetter bitten. Diplomatische Zwischenhndler brauchen wir
nicht im Schwarzwald!"

"Kruzitrken!"

"Wie meinst, Gifter!"

"Ganz wie ich mir's gedenkt hab', just so redest daher!"

"Warum bist denn zu mir 'kommen?"

"Na ja! Man probiert viel im Leben! Probier du nur das Flschle aus,
vielleicht hilft 's Trnkle auch bei dir! Adjes, Kaspar!"

"B'het Gott, Gifter! Komm gut heim! Und wenn du auf 'n Schramberger
Herbstmarkt kommst, trinken wir 'n Schoppen mitnander im 'Lamm'! adjes!"

Ziemlich rgerlich stapft Gifter den Weg wieder zurck. Ist doch ein
Kreuz mit so hartschdeligen Leuten! Probiert der Kerl das Trnkle wie
die Klrle das ihre aus Neugier oder gar aus geheimer Sympathie, und
dennoch will keines nachgeben, und jedes thut, als kmmere sich eins um
's andere nicht. Zum Kuckuckholen das! Gott bessere 's!

       *       *       *       *       *

Das liebliche Lauterbacherthal prangt in den tiefleuchtenden Farben des
Herbstes, verklrt durch die mildstrahlende Sonne, die erst gegen
Mittag mit den flatternden Herbstfden und Reifschleiern aufrumt und in
Dunst zerstuben lt. Wo vereinzelt Buchen und Eschen stehen am Rain,
schimmert das Laub in gelben und rtlichen Farben, immer gleich steht
der Tann, gerstet zum kommenden Winter. Die Wiesen und Matten tragen
noch ihr grnes Sommergewand, nur die Stoppelfelder knden die Sptzeit
des Jahres mit reifverbrannten Halmresten. Mild und klar ist der
Herbsttag, ein Prachtwetter fr einen Jahrmarkt. Auf der gut gepflegten
Strae gen Schramberg pilgern die Lauterbacher in mehr oder minder
groen Gruppen, behaglich und vergngt. Eine Gruppe fr sich bilden die
Leute vom Gifthof mit Klrle und dem Vater an der Spitze. Auch der Hirt
Martin ist dabei, da die Kuhdirn seinen Dienst versieht auf Klrles
Gehei. Ein frohes Jahrmarktvergngen soll dem Hirt Ersatz bieten fr
die Fohrenbhler Hiebe zu Pfingsten, so hat Klrle gesagt und dem
berglcklichen Martin einige Groschen in die Hand gedrckt. Jetzt
stolziert der Hirt neben Brbel, die nicht minder vergngt ist, die
Strae entlang.

Frohes Leben herrscht im schmucken Stdtchen Schramberg, in dessen
Hauptstrae zahlreiche Marktfieranten ihre Buden aufgeschlagen haben, in
welchen ein Kunterbunt von Gegenstnden feilgehalten wird. Die Wldler
sind in dichten Scharen herbeigestrmt; es treffen sich da die zunchst
der Stadt wohnenden Lauterbacher, Leute aus dem romantischen
Berneckthale, die Kinzigthaler, Alpirsbacher und Schiltacher stauen sich
im Menschengewoge, auch Oberndorfer haben ihre Oberamtsstadt verlassen
und sind ber das Plateau von Waldmssingen herbergewandert, um die
Schramberger Marktfreuden zu genieen, so da Karussells, Schiestnde
&c. bieten. In den Buden werden Waren geprft, Tcher ans Licht
gehalten, Tpfe abgeklopft, Geschirr eingehandelt von den Weibern;
Burschen und Bauern handeln Schnitzpfeifen ein, auch wohl Hte und
Holzschuhe und dergleichen mehr. Wer durch die Hauptstrae will, mu
sich Schritt fr Schritt langsam Raum erkmpfen. Dicht gefllt sind die
Wirtsstuben auf der "Post" und im "Lamm", wo dem Oberndorfer Gerstensaft
und wrttembergischen Landwein fleiig zugesprochen wird. Die Zecher
stehen selbst im Fltz und bis heraus auf die Strae, da drinnen
unmglich mehr Platz zu finden ist. Wo Bekannte aufeinander stoen,
giebt es laute Begrungen, ein lebhaftes Fragen nach Gesundheit und
Ernteergebnis. Auch der alte Gifter hat Freunde aus dem Kinzigthale
getroffen, die der Freude ber sein Gehwerk Ausdruck geben, da der
Gifter mit dem Pedal wieder gut bei einander sei. Und wie's mit der
Fechsung stnde, wollen die Kinziger wissen, und wie's der Klrle gehe.
Der Gifter schiebt die Pfeifenspitze vom rechten Mundwinkel in den
linken und meint gelassen. "Jo, 's ischt aelles guet! Ma' ka' huier mit
'm Herrgott z' frieda sei!" Was um den Gifter herumsteht, lacht aus
vollem Halse, nur Gifter selbst macht ein saures Gesicht dazu; seine
Falkenaugen haben soeben im Gewhle den Jrgenmicheles-Kaspar auftauchen
sehen, und nun befrchtet Gifter einen abermaligen Zusammenprall Kaspars
mit seiner Klrle wie seinerzeit auf dem Fohrenbhl, zumal die Tochter
nicht besonders erbaut war, als sie vom Mierfolg der diplomatischen
Vermittlung hrte. Da Klrle damals nicht aufbrauste und springgiftig
wurde, ist wohl der Mitteilung zuzuschreiben, da Kaspar das Trnkle
"Gegengift" wirklich gekostet habe. Seither ist diese Angelegenheit
nicht mehr besprochen worden, und Gifter bekam Ruhe. Nun steuert der
Malefiz-Kaspar aber auf die Gifterischen zu, und da kann es was
absetzen. Rasch blickt Gifter um sich, erwgend, ob er seine Leute nicht
doch irgendwo zur Seite bringen und dem Kaspar ausweichen knnte. Aber
die Menge steht fest wie eine Mauer, seitlich hindert eine groe
Lebzelterbude ein Auskneifen, es giebt kein Durchdrcken mehr.

Gleich dem Vater hat auch Klrle den Kaspar erblickt, und siedhei ward
ihr dabei; es ist ihr, als schlge das Herzblut bis in die Kehle hinauf
und wrde ihr der Hals zugeschnrt. Gern wrde sie davonflchten wie ein
hochgemachtes Reh, aber sie ist gleich den Ihrigen eingekeilt, und ein
Durchdrcken wrde so langsam vor sich gehen, da der rcksichtslos
vordrngende Jungbauer doch noch frher an der Bude sein wrde. Warum
auch flchten vor ihm? fragt sich Klrle blitzschnell, und bleibt wie
angewurzelt stehen.--Wie stmmig, mnnlich schn der Kaspar ist! Und wie
tchtig er damals kte! Klrles Herz klopft hrbar. Und da ist er
wirklich. Mit einigen Ellbogenpffen hat er die Kinziger seitlich
geschoben, murrenden Burschen keck und doch lustig ins Gesicht gelacht,
da seine weien Zhne schimmerten, und nun steht er Aug in Aug mit der
erglhenden Klrle. Kaspars Lippen schlieen sich, eine leichte
Verlegenheit huscht ber sein Gesicht. Seine Absicht war es, mit den
Gifterischen zusammenzukommen, und nun er sie glcklich gefunden hat,
fhlt er sich nicht sicher.

Doch was ist das? Klrle geht einen Schritt ihm entgegen, purpurn
glhend, reicht ihm die Hand und sagt: "Gr Gott, Kaspar!"

Jetzt zuckt es bei Kaspar, und das Herz will zerspringen. Seine Stimme
bebt bei den Worten: "Du--du--wie ist mir denn--du, Klrle, bietest mir
einen Gru?!"

Mit zitternder Stimme sagt Klrle zur Freude des Vaters: "Ja, Kaspar!
Ich will gut machen, was ich verbt! Aber eine Bitte hab' ich an dich!"

Jauchzend kommt es von Kaspars Lippen: "Red, Klrle! Was ich thun kann,
thue ich fr dich!"

"Eine Bitte: Kaspar, nimm den Namen--du weit schon welchen--von mir
weg!" Dabei sieht ihm das Mdel so lieb in die Augen, da Kaspar es am
liebsten in die Arme nehmen und abkssen mchte.

"Gern, Klrle! Wenn's dir nur was ntzt!"

"Die Hauptsach' ist, da du mich nicht mehr so nennst!"

"Das ist dir die Hauptsach'?! Ja, wie ist mir denn? Dann bist du mir ja
gar nimmer bs'?"

Klrle, der die Augen wsserig werden, schttelt den Kopf, da die
Hubchenbnder flattern.

"Dann bist mir am End vor lauter "Gift" gar gut 'worden?"

Jetzt nickt das se Mdel, zugleich hebt es die Hndchen bittend empor:
"Nimmer dieses Wort?"

"Ja, Herzensmaidle: Wenn dir das Wort so zuwider ist, solltest doch
ganz vom Gifthof wegziehen, dann hrst das Wort berhaupt nimmer!"

"Kaspar!"

"Klrle! Willst lieber Jrgenmichelesbuerin heien?"

"Ja, Kaspar!" ruft berglcklich Klrle, und das schne Paar hlt sich
berglcklich umschlungen.

Verwundert ber diese pltzliche Gefhlsnderung der zwei sich bisher
spinnefeind gewesenen jungen Leute, gucken die Leute mit offenen
Mulern. Dem alten Gifter ist die Pfeife aus dem Munde gefallen vor
berraschung. Dann aber schiet das helle Wasser ihm aus den Augen, in
den Mundwinkeln zuckt's wie in den gichtigen Beinen und in einer
Anwandlung von bermut jauchzt der Alte und hebt die Beine, als wollt'
er wie die Gebirgler schuhplatteln.

Im selben Augenblick taucht im Menschengewhl auch die Kruterliese auf
und strebt, mit zwei Lebzeltenherzen bewaffnet, der Gruppe der
Glckseligen zu. Klrle jubelt beim Anblick der Alten, die dem Paare die
Lebzeltenherzen mit feierlicher Wrde berreichend schelmisch fragt, ob
das Gegengift grndlich gewirkt habe.

"Und ob!" rufen Kaspar und Klrle gleichzeitig und liebkosen die vor
Rhrung weinende Kruterliese.

Klrle erinnert sich auch jetzt in dieser glcklichen Stunde ihres
Gelbnisses und kndet der Alten an, da sie nach der Hochzeit im
Jrgenmicheleshof aufziehen knne.

Ein energisches "Halt!" macht die Leute auseinanderfahren. Der Gifter
stellt sich in Positur und verkndet da er, weil gar nicht um
Genehmigung gebeten, seine Einwilligung versage.

Vor Schrecken verschlgt es dem Kaspar die Rede; doch Klrle stellt
sich energisch vor dem Vater auf, sttzt die Hnde auf die Hften und
droht: "Was? Du willst jetzt in der Stunde meiner Bekehrung, meines
Glckes 'nein' sagen?! Wenn du mir das anthust, bleib' ich die
Giftklrle zu deiner Straf', wie ich frher war!"

Da zuckt der Alte zusammen im drollig markierten Schreck und ruft: "He,
Kaspar! Strz du dich lieber in dein Unglck!"

Jubelnd umringt alles das Brautpaar. Auch Martin und Brbel haben sich
endlich durch die Menschenwoge durchgezwngt und bringen ihre
Glckwnsche dar. Der Hirt fragt gleichzeitig, wie es mit dem Gelut nun
stnde, und jauchzt vergngt, als die Braut ihm erlaubt, gleich jetzt
ein vollstndiges Schellengelut fr die Khe beider Hfe auf ihre
Kosten zu kaufen.

Im "Lamm" ward die Verlobung gefeiert und manches Hoch ausgebracht im
guten Sinne auf die liebe, gute, glcklich gewordene Giftklrle.


Funoten:

[16] Die Gift-Gabe, Vergabung, Urgift, Handgift, jemanden mit Gtern
begiftigen ("bei diser gnad, _gifte_ und freyheit"). Aus der alten
Sprache ist ins Hochdeutsche nur noch die _Mitgift_ herbergenommen.

[17] Die Balgerei nach dem offiziellen Schellenmarkt ohne akuten Anla
ist traditionell und hat in der Folge dazu gefhrt, da jeweils der
Markt von der badischen, das Jahr darauf von der wrttembergischen
Behrde verboten wurde. Das Bestehen der badischen Polizeistunde zwingt
ohnehin die Zecher, nachts 11 Uhr den "Schwanen" zu verlassen und in den
wrttembergischen "Adler" zu bersiedeln. Getanzt darf in keiner
Wirtschaft werden. In neuerer Zeit verhindert polizeiliches Aufgebot von
badischer Gendarmerie und wrttembergischen Landjgern grere
Ausschreitungen.




Der Pelagier




Ein trber Herbsthimmel hngt ber dem Stiftsforst "Zankwald", der
sich sdlich von Alpirsbach weithin erstreckt in mchtigem Tannen- und
Fichtenbestand. Der steif aus Norden blasende Wind jagt graues Gewlk
ber das dstere Firmament; im Walde rauscht es schaurig, die Baumriesen
chzen und knarren. Unverdrossen hmmert der Specht und flattern die
Meisen, Kreuzschnbel gaukeln in den Zweigen, und rucksend, quietschend,
fauchend, murrend ben die Eichhrnchen ihre Kletterstcke trotz des
brausenden Waldsturmes. Auf einem Kahlschlag steht eine Hegerhtte nebst
einem kleinen holzgefgten Stall, das Heim des Waldhegers, das der
Klosterleibeigene Eusebius Wurfbaum bewohnt mit seinem Weibe und den
paar Ziegen auf Befehl des Abtes von Alpirsbach. Der Heger ist
Pelagier[18], ein Hriger des Benediktinerklosters, der mit Genehmigung
des Prlaten in der Waldeinsamkeit heiraten durfte, und zur Forstarbeit
sowie zum Jagdschutz verpflichtet ist sein Leben lang. Im stillen Tann
hat der rauhe Pelagier wenig wahrgenommen von den wirren Zeiten und
Schrecknissen des unheilvollen Krieges. Nur wenn er gelegentlich an die
Straen des Schwarzwaldes kommt, hrt er die Namen Tilly und Wallenstein
nennen und vernimmt schreckliche Kunde ber die Heimsuchung der
wrttembergischen Lande und die harte Prfung des Herzogs Eberhard III.,
der die Heimat verlassen und nach Straburg flchten mute. Dann dauert
Euseben der arme Herzog, und der Heger ist doppelt froh um sein entlegen
stilles Heim im Walde, wohin sich noch kein Krieger oder Landsknecht
verirrte, wo bei aller Krglichkeit und Entbehrung doch das Pflnzlein
Zufriedenheit gedeiht.

Heute rauscht der Tann ein brausend Trauerlied. Euseb, der rauhe,
wetterharte Heger, steht weinend am Lager seines toten Weibes und drckt
der treuen Gefhrtin die Augen zu. Still ist sie hinbergeschlummert mit
einem Lcheln auf den Lippen. Soll Euseb ihr im Walde eine Ruhesttte
graben? Doch das wird der Abt nicht leiden, weil der Christ in geweihte
Erde kommen soll.

Der Pelagier rstet einen Handkarren aus, trgt die Leiche aus der
sturmumtosten Waldhtte, birgt sie im Karren, legt einen Mantel darber
und fhrt sein totes Weib durch den rauschenden, windgepeitschten Tann.
Ein mhsam Fahren das auf engen Pfaden, die sich erst im Reuthiner Berg
etwas erweitern zur sogenannten "alten Steige". Wie der trbe Himmel
heute zur Stimmung Eusebs pat! Trauer oben wie herunten.

Euseb mit seinem Karren nhert sich allmhlich der von Reuthin nach
Alpirsbach fhrenden Strae, da veranlat ihn der Hufschlag eines
galoppierenden Gaules aufzusehen. Ein Reiter ist's, der hinter einem
schwarzgekleideten Menschen herjagt. Und mit jhem Satz flchtet der
Verfolgte seitlich in das Holz. Drhnend ruft der Reitersmann: "Fa'
ihn! fa, fa!" Euseb blickt stieren Auges auf den Reiter; der
Flchtling ist im Tann verschwunden. Knapp vor dem Pelagier hlt der
Reiter den Gaul an mit scharfem Zgelruck, so da das edle Tier
aufbumt. Jetzt erkennt Euseb erst zu seinem Schrecken in dem Reiter
seinen Gebieter, den Abt Alphons von Alpirsbach, und grt denselben
demtig und angsterfllt. Wie Hagelwetter prasseln auf den Hrigen die
Vorwrfe herab, der stolze, dem Temperment nach hitzige und jhzornige
Abt poltert vom Gaul herunter, warum der Heger den Befehl nicht befolgt,
den flchtigen Prdikanten nicht aufgehalten habe. Bebend vor Angst
stammelt Euseb eine Entschuldigung; er habe nicht begriffen, um was es
sich handelte, er sei ganz in seinen Schmerz und Jammer versunken
gewesen. Gleichzeitig deutet der Pelagier mit einer Handbewegung auf die
Last seines Karrens.

"Was soll das heien?" fragt drhnenden Tones der stolze Abt und schiebt
sich die Prlatenkette auf der Brust zurecht.

Demtig erwidert Euseb, den Mantel von der Leiche etwas zurckschiebend,
so da deren Antlitz sichtbar wird:

"Vergebung, gndiger Herr! Mein Weib ist gestorben! Ich fahre die Leiche
zum Beinhaus!"

"Der Lutheraner ist entwischt durch deine Dummheit! Das tote Weib wr'
dir nicht davongelaufen! Nun verhetzt der Prdikant mir die ganze
Gegend! Das sollst du mir ben! Man miachtet nicht ungestraft meine
Befehle! Hast du die Tote auch gezinst?"

"Herr! Mein armes Weib ist heute frh erst gestorben!" wimmert der
Hrige.

"Gezinst mu werden nach altem Recht! Das beste Stck Vieh im Stalle ist
verfallen durch den Tod des Eheweibes!"

"Gndiger Herr! Ich habe nur zwei Ziegen oben im Zankwald!"

"Nichts da! La Er das Geflenn! Recht bleibt Recht. Er hat die beste
Ziege an den Zinsmeister abzuliefern und vom Weib das Haupttuch, den
Grtel und die guten Schuhe! So verlangt es das Erbrecht des Klosters!
Weh' dir, wenn du nicht getreulich zinsest!"

Dem Gaul die Sporen gebend, sprengt der herrische Abt davon.

Wie vernichtet steht der Pelagier, bittere Thrnen flieen ber seine
Wangen. Mit zitternden Hnden deckt er das Totenantlitz wieder mit dem
Mantel zu und fhrt hinab zum Kloster. Trbe Gedanken erfllen ihn.
Welch' harte Zeit! Und selbst im herbsten Schmerz wird unerbittlich Zins
und Gefll eingefordert! Wie arm doch ein Hriger ist im Vergleich zu
den beneidenswerten freien Leuten!

Grausig rauscht's im Tann und die Wipfel neigen sich. Ist's ein letztes
Waldesgru an die Tote?------

       *       *       *       *       *

Dster ragt die Klostersttte zu Alpirsbach in die Dmmerung auf; der
wolkige Himmel, der brausende Sturm nehmen der sonst so lieblichen
Gegend den sonnigen Zauber wie der Kinzig die Frhlichkeit. Dunkler als
sonst sind des Flchens Wellen, fast schwrzlich zeigt sich dessen
Granitgrund. Auf den rostfarbigen Wiesen schleicht der Nebel entlang,
den zeitweilig der Sturmwind zu dicken Schwaden ballt, dann wieder in
wirre Fetzen zerreit. Und der ringsum stehende dichte Forst beugt seine
Wipfel. Wie immer zu abendlicher Stunde kndet die Glocke vom
Klosterturm das Ave, doch diesmal verschlingt der Sturmwind die
weihevollen Tne und entfhrt sie in die Lfte. Am mchtigen Bau der
stolzen Abtei rttelt der Wind vergebens; wohlverwahrt sind all' die
Fenster und Balken. Fest geschlossen die Pforte mit dem eisernen Klopfer
daran. Majesttisch ragt die alte Kirche in die sturmgepeitschten Lfte
auf, ein herrlich Denkmal romanischer Baukunst, der Stolz vieler
Jahrhunderte, der steinerne Ruhm des Zollernhauses. Um die Abtei scharen
sich die Siedelungen der Klosterunterthanen, festgefgte Huser in
patriarchalischer Bauart. Inmitten der waldgekrnten Hgel wirkt die
Kathedrale doppelt mchtig, und das Kloster gleicht einer Trutzburg.

Der schmerzgebeugte Pelagier ist den Siedelungen entlang mit seinem
Karren der Abtei zugefahren und hlt nun vor der Pforte, deren Klopfer
er krftig in Bewegung setzt. Doch fest geschlossen bleibt das gewaltige
Thor, um welches der Sturm tobt mit wilder Gewalt. Wieder klopft der
Hrige, doch bertnt der Wind sofort das Gerusch des Klppels. Kaum
vermag Euseb sich in diesem Sturm auf den Fen zu erhalten. Es gilt
indes, da die zunehmende Dunkelheit zur Eile drngt, die Tote zu bergen
an geheiligtem Ort. Einla findet er nicht, man hrt in der Abtei sein
Klopfen nicht, so mu er denn selber sehen, wie er ins Beinhaus gelangt.
Er nimmt die Tote auf den Rcken und schleppt die teure Last hinber in
den Friedhof, dessen Eisenthor der Sturmwind aufgerissen hat, so da der
spte Gast Einla findet. Wie schaurig es ist zu nchtlicher Stunde im
Reich des Todes! Und arg wtet der Sturm an dieser geheiligten
Sttte; Grabkreuze sind umgeworfen, die Trmmer verschleppt,
Grabhgel aufgerissen, Cypressen entwurzelt, ein Chaos, das wirr
durcheinanderwirbelt, im Kreisel an die Mauer geworfen wird und
klirrend, klappernd, krachend wieder zurckfllt, um aufs neue vom
Sturmwind erfat zu werden. Euseb erreicht mit knapper Not das Beinhaus;
mit grimmer Wut hat der Sturm es versucht, ihm die Last zu entreien.
Wie Euseb die Thre der Schdelkammer ffnet, fhrt auch schon der Wind
hinein, es rollen die Gebeine und Totenkpfe wirr und klappernd
durcheinander. Mit Aufgebot aller Kraft drckt der Pelagier die Thr
wieder ins Schlo, worauf Ruhe wird in der unheimlichen Kammer. Dann
bettet er sein Weib auf dem kalten Flie, setzt sich daneben und hlt
Totenwache durch die schaurige Nacht.

       *       *       *       *       *

Wie das leibhaftige Ungewitter jagt auf der Strae Abt Alphons dem
Kloster zu durch Nacht und Wind; der erschreckte Gaul strmt in
rasendem Lauf heran, so da der Reiter Mhe hat, im Sattel zu bleiben.
Vor der Pforte pariert er den Gaul, steigt ab, nimmt den Zgel in den
Arm und klopft krftig Einla fordernd.

Vergebliche Mhe. Doch der stolze Abt kennt keine Geduld, er hebt den
schweren Reitstock, ein krftiger Schlag in die Fensterscheibe der
Pfrtnerstube, klirrend fallen die Scherben ins Gemach, und drhnend
ruft Abt Alphons hinein: "Aufgemacht! Knecht heraus!"

Der Kopf eines Klosterbruders taucht am eingeschlagenen Fenster auf und
fhrt erschrocken blitzschnell zurck. Gleich darauf dreht sich das
schwere Thor, und vom Sturmwind erfat, schlgt es krachend auf. Ein
Knecht springt heraus und bernimmt den Gaul. Der Abt tritt ein, indes
der Pfrtner sich bemht, des Thores Herr zu werden und es zu schlieen.
Dann freilich jammert der Klosterbruder in seiner Zelle ber den
gewaltthtigen Abt und die eingeschlagenen Scheiben. Mu der Pfrtner
doch die schaurige Nacht bei zerschlagenem Fenster verbringen,
preisgegeben der kalten Luft und dem eindringenden Wind.

In seiner Behausung des weitlufigen Klosters angekommen, gebietet Abt
Alphons dem Aufwrter, sogleich den Konventualen und Grokeller zu
zitieren. Bald steht P. Jakob, der greise Chef der gesamten
Klosterhaushaltung, vor dem bedeutend jngeren Prlaten in schuldiger
Ehrfurcht und nach dem Begehr des Vorgesetzten fragend.

"Erstatt' Er mir, mein Bruder, Bericht ber die Mission unseres P.
Gotthard, auf da ich weitere Maregeln anordnen kann. Doch setz' Er
sich, mein Bruder! Seine Fe sind lter und mder!"

Mit einem Streifblick auf die Reitkleidung des Abtes meint P. Jakob:
"Ew. Gnaden werden auch mde sein von anstrengendem Ritt?"

"Das Reiten thut mir wohl, und selbst ein scharfes Jagen ist mir nicht
unwillkommen. Doch mu selbes von Erfolg begleitet sein. Leider ist mir
heute trotz scharfen Rittes ein Prdikant entkommen, entwischt durch die
Dummheit eines Pelagiers. Doch zur Sache! Was ist's mit Gotthard?"

Mit heiser Stimme, mild und besonnen referiert der Grokeller: "Was
lange befrchtet ward, ist zur Thatsache geworden, die Leute unseres
Gebietes, allen voran der Vogt Georg Adrian von Ehlenbogen, neigen der
Wittenberger Lehre zu und haben sich geweigert, ihre Kinder katholisch
taufen zu lassen. Sie wollen zum Herzog halten und wrttembergisch
werden! Gotthard ist unterrichteter Dinge zurckgekehrt."

"Wie, was?! Also Rebellion gegen uns?"

"Das mchte ich doch nicht behaupten. Auch zeigte sich nirgends etwa
krperlicher Widerstand oder Auflehnung. Des schweren Haders, des
berlangen Krieges im Lande berdrssig, sehnen sich die Leute nach Ruhe
und Frieden, den doch wohl der Herzog, sofern er in sein Gebiet vllig
eingesetzt ist, mehr gewhrleisten drfte, als die fremden Herren mit
ihren wilden Landsknechten."

"Ist Er bei Sinnen, mein Bruder? Ein Konventuale von Alpirsbach redet
dem Klosterfeind, dem Wrttemberger, das Wort?"

"Nicht doch! Ich bin nur der unmageblichen Meinung, da der Herzog den
Wrttembergern wie selbst uns im Schwarzwald nher steht, als Tilly und
Wallenstein!"

"Eberhard ist aber unserer Kirche Feind, ein Lutheraner!"

"Das Letztere ist richtig; doch ist damit noch nicht gesagt, da er ein
Feind unseres Klosters ist. Wr' er das, so htte das Elias Zeiter wie
Ew. Gnaden Vorgnger in der Abtwrde sicher zu fhlen bekommen!"

"Er vergit, mein Bruder, da Zeiter evangelischer Abt gewesen!"

"Gewi wei ich das, wie mir auch bewut, da Zeiter von warmem
Patriotismus und treuer Anhnglichkeit fr das herzogliche Haus erfllt
war."

"Der Herzog sinnt auf Gebietsvermehrung und Machterweiterung, und dieser
Sinn ist uns gefhrlich! Eberhard wird nicht frher ruhen, bis er auch
Herr von Alpirsbach ist. Ihn lockt die Herrschaft ber unsere 297
Ortschaften und 800 Hrige, wie der gesamte klsterliche Besitz. Als Abt
und Herr mu ich ihn ebenso bekmpfen, mich wehren wie als treuer Sohn
meiner Kirche. Das ist meine Pflicht, heilig beschworen! Ich kann und
darf nicht anders handeln. Auch ist der Kaiser fr unsere Sache, die
Waffengewalt sprach fr uns!"

"Wohl ist das richtig! Doch wie entsetzlich sieht es aus im
wrttembergischen Lande! Drfer und Stdte sind ausgeplndert und
eingeschert, Kalw in Flammen, niedergebrannt Waiblingen und Herrenberg.
Hungersnot und Seuchen im Volk, dazu plndernde Kriegshorden fremder
Nationen! Es ist ein Greuel!"

"Es gilt den Glauben! Und dieser wird siegen und siegreich bleiben!"

"Ich kann nur nicht helfen: Ich wrde es freudig begren, wenn bald
Ruhe und Friede wrde im heimgesuchten Wrttemberg!"

"Er will doch damit nicht sagen, da dieser Frieden auf Kosten unserer
Kirche erkauft werden soll?!"

"Nein! Aber kommen wird doch die Zeit, da auch unser stilles Alpirsbach
wieder herzoglich wird, wie zur Zeit der Reformation."

"Das zu verhten ist meine wichtigste Aufgabe, fr die ich mein Leben
hinzugeben bereit bin.--Doch zurck zur Ehlenbogener Angelegenheit! Die
Leute treten also bereits offen auf Seite des Herzogs, trotzdem sie zur
Alpirsbacher Herrschaft gehren?"

"Gotthard vermeldet dies!"

"Und die Leute wollen ihre Kinder evangelisch taufen lassen!"

"So meldet Gotthard!"

"Gottes Zorn soll die Abtrnnigen treffen! Mit Gewalt werde ich
dreinfahren, mit strafender Gewalt ihre Seelen retten fr unsere
Kirche!"

"Verzeiht Ew. Gnaden! Zu wild ist ohnehin unsere Zeit! Versucht es mit
Milde und Gte! Will einer wrttembergisch und lutherisch werden, wird
ihn Gefngnis und Schwert sicher nicht in unsere Arme zurckfhren. bet
Milde und Gte, Herr!"

"Nein, niemals! Vergeblich wre jedes Wort! Hier bin ich Herr auf
Alpirsbacher Grund und Boden, nicht der Herzog! Mit Waffengewalt werde
ich die Rebellen bekmpfen und zchtigen!"

"Thut es nicht, Ew. Gnaden! Je schrfer Ihr dreinfahrt, desto lauter
werden die Leute nach des Herzogs Hilfe rufen!"

"Sollen es nur thun! Keines Menschen Stimme reicht bis Straburg!"

"Aber Menschenfe tragen hin, und kommen wird die Zeit, da Eberhard
heimkehrt in sein Land!"

"Er scheint das ja schier zu hoffen?!"

"Fr den im Exil lebenden Herzog selbst, ja! Bedroht Eberhard uns, dann
freilich mu auch ich ihn als Feind des Klosters betrachten!"

"Wenn ich Ihn recht verstehe, will Er beim alten Glauben verbleiben und
mchte dennoch wrttembergisch werden?"

Der greise Konventuale seufzt und schweigt.

"Noch spricht sterreich fr uns, also liegt uns der Kaiser nher als
der Herzog!--Fr morgen stell' Er mir, mein Bruder, ein Dutzend
handfester Hriger, ich will die Abtrnnigen verhaften lassen und
strafen!"

P. Jakob nickt zum Zeichen, da er den Befehl vernommen und geht dann
gebeugt von dannen. Vor seinem geistigen Auge ziehen die in der
Klosterchronik geschilderten schweren Zeiten vorber, da Prlat Kaspar
mit glhendem Eifer den wrttembergischen Staatsgedanken und die
Reformierten bekmpfte, mit Assistenz von 8000 sterreichischen Soldaten
eingesetzt ward in die vielumstrittene Abtei zu Alpirsbach, und dennoch
den Niedergang des Klosters ebensowenig aufzuhalten vermochte, wie das
Umsichgreifen einer allseitig empfundenen Sehnsucht nach Ordnung und
Frieden unter schwarzroter Flagge. Dem alten guten Grokeller schwant
eine Katastrophe im stillen waldumrauschten Alpirsbach, und sein Sehnen
geht dahin, sie nicht mehr zu erleben. Bei seinem Alter sind die Tage
gezhlt, sein Hoffen wird in diesem Leben nicht mehr Erfllung finden,
ebensowenig wie die Beseitigung des Rechtsgrundsatzes fr Alpirsbach,
da die Abteiluft pflichtig mache und der Territorialherr das
Hauptrecht[19] habe. So sucht denn P. Jakob seine Zelle auf, nachdem er
den Befehl des Abtes einem Frater bermittelt hatte, der das Aufgebot
der Hrigen zu vollziehen bemht ist.

       *       *       *       *       *

ber Nacht hat sich der Wind gelegt; still bricht der Morgen an, dster
schwermtig. Der schwarze Tann, der Alpirsbach ringsum einschliet,
grt unheimlich herein. Im Stift ist die Matutin vorber; es regen die
Brder fleiig die Hnde, und die Patres haben an den verschiedenen
Altren die Messe gelesen, worauf die Mnche sich im Refektorium
versammeln. Stumm sitzen sie an der langen Tafel, an deren Spitze in
Gedanken versunken Abt Alphons thront. Niemand wagt, den Vorgesetzten
aufmerksam zu machen, da das Frhstck bereits auf dem Tische steht,
und die Milch wohl kalt werden wird bei lngerem Zaudern. Vor dem Abt
zuzugreifen, verstt gegen Sitte und Regel. Was den Prlat wohl so sehr
beschftigen mag? Ein Frater kommt still ins Refektorium geschlichen und
wispert dem Grokeller geheime Kunde ins Ohr, und erschrocken starrt P.
Jakob dem Boten ins Gesicht. Dann erhebt sich der Grokeller und
schreitet hastig, in sichtlicher Aufregung hinauf zum Abt, dem er leise
mitteilt: "Ew. Gnaden! Ein Sendbote ist angekommen!"

Den Kopf aufwerfend fragt Alphons: "Wie, was?"

"Ein Sendbote ist da!"

"Von wem gesandt?"

"St. Georgen lt Ew. Gnaden eine Kunde thun!"

Erregt springt Alphons auf und befiehlt: "Bringt den Boten in meine
Zelle!" Unterwegs ruft der Abt dem Grokeller zu, die Hrigen mit Frater
Hilarius abzufertigen, es bleibe beim Befehl der Verhaftung des Vogtes
von Ehlenbogen.

Die Neuigkeit leise besprechend nehmen die Patres den Morgenimbi ein,
indes P. Jakob den Befehl vollzieht mit schwerem Herzen.

Am Fenster seines mit frstlicher Pracht ausgestatteten Gemaches
stehend, liest Alphons die ihm gewordene Epistel des Abtes vom Stift St.
Georgen, der ihm rt, den Klosterschatz, Urkunden und Privilegien so
rasch als mglich an sicheren Ort, am besten nach Villingen zu
verbringen, denn es drohe schwere Gefahr: sterreich werde die Klster
opfern, und Eberhard zugreifen. Bleich bis in die Lippen ist Abt
Alphons geworden, und seine Hnde zittern. Da es schlecht stehe um die
Klosterherrschaft, wei Alphons seit dem Regensburger Reichstag, wo man
ihn samt den spter erschienenen Kollegen von den Beratungen
ausgeschlossen, selbst nur zu gut, und die Chancen der Abteien stiegen
und fielen je nach den Fortschritten, die Wrttembergs Alliierte auf dem
Schauplatz des Krieges oder der Diplomatie machten. Welche Gefahr mag
nun jetzt im Anzug sein, da der Amtsbruder von St. Georgen zur Flucht
rt? Gilt das kaiserliche Mandat[20] nicht mehr? Haben die kaiserlichen
Truppen eine Niederlage erlitten? Warum nur der Kollegissimus nichts
Nheres schreibt?! Doch, da unten am Rand der Epistel ist hingekritzelt:
"Bayern und sterreich haben uns aufgegeben, wir aber haben
beschlossen, uns unter franzsischen Schutz zu begeben, um die
Selbstndigkeit zu retten: Thue desgleichen! Befehlshaber ist Baron
d'Oisonville in Breisach! Georg."

Hei steigt dem Abt das Blut zu Kopf; der Gedanke Frankreich zum Schutz
aufzurufen, erregt Alphons, es hmmern und pochen die Schlfe, sein
Krper zittert und die zuckenden Lippen flstern: "Frankreich!
Frankreich! Wird es uns ntzen, uns retten? Die Not und Gefahr ist gro!
Kommt Eberhard ins Land zurck, so ist 's zu Ende!" Ein Seufzer aus
gequlter Brust begleitet diese Worte. Dem in seinen alten Rechten
bedrohten Abt ist es schwer ums Herz. Mag der Prlat von Georgen
leichter sich unter franzsischen Schutz begeben haben oder bereit sein
zu diesem unzweifelhaft folgenschweren Schritt: Alphons vermag ihn nicht
so rasch zu thun. Es regt sich im tiefsten Grunde ein Gefhl der
Anhnglichkeit an die Heimat, und diese ist und bleibt ja doch das
deutsche Wrttemberg. Aber wie zerfahren sind die Verhltnisse im
schwbischen Heimatlande! Der fremde, freilich den Glauben schirmende
sterreichische Kaiser, fr die Klster Hort und Schtzer, gebietet mit
Waffengewalt, der Schwede kmpft fr den Herzog und den neuen Glauben,
und eigentlicher Herr, angestammt von Gottes Gnaden, Landesvater ist der
exilierte Herzog Eberhard. Fern der Heimat lebt der Herzog; kommt er
wieder und siegen die schwedischen Waffen, so endet die
Klosterherrschaft wie einst unter Abt Jakob Hohenreuter. Ein Rangen
ist's um Pflicht und Vaterlandsliebe. Hier gebietet der Eid auf Glauben
und Papst, dort mahnt das Gefhl der Landesangehrigkeit. Kann und darf
sich der Abt von Alpirsbach von den Prlaten und Bischfen trennen, darf
er die Herrschaft des Klosters preisgeben dem andersglubigen
Landesherrn? Ist der Abt nicht durch heilige Eide gebunden, sein Leben
hinzugeben fr den Bestand der Abtei nach verbrieften Rechten? Gewhrt
sterreich, Kurbayern dem Kloster nicht mehr Schutz und Schirm, so ist
es Pflicht, neuen Schutz zu suchen. Eberhard bietet solchen nicht, sein
Sinn mu auf Wiedergewinn seines Landes und Neuerwerb, Vergrerung des
Gebietes, Einverleibung der selbstherrlichen Klster gerichtet sein.
Sein Scepter bedeutet das Ende....

Wie aber, wenn des Grokellers Sehnen Verwirklichung finden knnte?
Wrttembergisch werden und dennoch beim alten Glauben bleiben! Wird
Eberhard das bewilligen knnen? Mu er nicht, gesttzt auf Gustav Adolfs
Erfolge, folgerichtig vorgehen, dem Protestantismus Ausbreitung
gewhren, nachdem das herzogliche Haus sich dem neuen Glauben zugewandt?
Und bentigt Eberhard nicht den Reichtum der Klster zur
Wiederaufrichtung des Herzogtumes? Er ist gezwungen zur Einverleibung!

Ein harter Zug zeigt sich in Alphonsens Antlitz, wie er nach Pergament
und Feder greift, um dem Amtsbruder in Georgen Antwort zu geben in
unverfnglichen Worten. Mit dem Schreiben, verborgen im Wams, reitet
bald darauf der Bote ab.

Noch sitzen die Mnche beim Morgenimbi, da bittet Eusebius demtig in
der Pfrtnerzelle, es mge einer der Patres die Beerdigung seines Weibes
vornehmen, der Mener und Totengrber sei bereits verstndigt. Grimmig
fhrt der Bruder Pfrtner den Bittsteller an: "Was erfrechst du dich,
du, ein Pelagier! Die ehrwrdigen Herren sitzen noch beim Imbi! Kannst
du nicht warten? Den Zuchtmeister werd' ich dir auf den Hals schicken!
So eine Frechheit! Als ob das tote Pelagierweib nicht warten knnte!"
Der Pfrtner ereifert sich, da sich seine dicken Wangen glutrot frben
und seine Zornesrufe durch die Gnge hallen. Angelockt von dem Gezeter
kommt P. Jakob in die Zelle und fragt nach dem Anla so lauter
Strafrede. Erbost will der Pfrtner abermals loslegen, doch der milde
alte Mnch heit ihn schweigen und fordert den Pelagier auf, sein
Anliegen vorzubringen. Euseb wiederholt seine Bitte um kirchliche
Beerdigung seines verdorbenen Eheweibes. Gutmtig nickt P. Jakob dem
Hrigen Genehmigung zu, gleichzeitig dem Pfrtner sein Verhalten
verweisend. Ein Mensch sei auch ein Hriger, und Christenpflicht sei es,
solcher Bitte zu willfahren. Zu Euseb gewendet, heit der Pater ihn
alles vorzubereiten, er selbst werde Chorrock und Stola holen und die
Einsegnung vornehmen. Dankbaren Gefhles entfernt sich Euseb, und der
alte Mnch huscht hinauf in seine Zelle. Knurrend bleibt der Pfrtner
zurck und setzt die Flickarbeit an der eingeschlagenen Scheibe fort,
rgerlich, da der Grokeller mit seiner Gte noch die Leute vllig
verderben werde. Wegen eines Pelagiers gleich laufen! Prgeln htte man
ihn sollen fr sein Ansinnen, die Patres beim Imbi stren zu wollen!
Ein Hriger verdient berhaupt nichts als Prgel bei jeder Gelegenheit,
auf da er den Unterschied zwischen frei und hrig begreife und fhle.

Wrdig hat der seelensgute alte Mnch die Handlung am Grabe vollzogen,
dem erschtterten Pelagier warme Trostesworte gespendet und ein Gebet
fr die Tote verrichtet. Niemand steht auer dem Priester, dem Pelagier
und Totengrber und Kster am offenen Grabe. Letztere mrrisch, denn fr
die Einscharrungsarbeit erhalten sie keinen Lohn. Drum eilen sie sich
auch so mit dem Zuwerfen des Grabes, und insbesondere der dicke Kster
glaubt den schmerzbewegten Witwer an die baldigst vorzunehmende
Zinsleistung gemahnen zu sollen. Wie dem armen Pelagier das Herz
krampft! Einen letzten Blick wirst er auf die Sttte, die sein Liebstes
birgt, dann verlt er den Friedhof und kehrt langsamen Schrittes in den
Wald zurck. Der Tann hat mehr Mitleid und heit den Heger willkommen
durch sanftes Rauschen.

Und noch am selben Tage erscheint der Zinsmeister, um das Falltier, Hut,
Schuhe, Grtel und Tuch des Weibes zu holen.

"Nimm doch gleich die andere Ziege auch mit!" ruft verbittert der
Pelagier.

"Das beste Stck fr den Abt! Mehr zu nehmen, bin ich nicht befugt. Wenn
es dich rgert, mach' es anders! Warum bist du unfrei geboren worden!"

Dem Hohn schlielich noch Grokellers Auftrag, Wildpret fr die
Klosterkche zu beschaffen, beifgend, entfernt sich der Zinsmeister mit
der Fallziege und den Zinsgegenstnden der toten Pelagierin. Euseb
starrt vor sich hin, teilnahmslos, wie geistesabwesend. Der groe
Schmerz wirkt lhmend auf den schier gebrochenen Mann.

       *       *       *       *       *

Euseb ist in den Tann gezogen, um auf ein Schmaltier zu pirschen und die
Stiftskche mit frischem Wildpret zu versorgen. Den bitteren Schmerz
drngt er gewaltsam zurck, es ruft die Pflicht. Mag das Stift noch so
hart umgehen mit den Hrigen und das Dasein eines Pelagiers ein
jmmerliches sein: zu ndern ist es nicht solange die Abtei Herrin ist
und die Leibeigenschaft zu Recht besteht. Wenn freilich der
Wrttemberger ber das Stift kme! Wenn Eberhard von Straburg in sein
Erbland zurckkehren und seine Hand auf Alpirsbach legen wrde----! Ob
es dann nicht anders, die Leibeigenschaft aufgehoben werden wrde?!

Frei sein; wie das herrlich sein mte!

Unwillkrlich hat sich Euseb aufgerichtet, es hebt und dehnt sich seine
starke Brust, hher geht sein Atem. Wenig achtsam, ganz erfllt von dem
berauschenden Gedanken an ein Freiwerden von Hrigkeit, ist der Pelagier
auf ein drres stlein getreten, und das knarrende Gerusch lt ihn
zusammenzucken. Wie achtlos und unklug fr einen Jger! Lautlos pirscht
Euseb weiter durch das in feierlicher Ruhe liegende weitgedehnte
Waldgebiet und steuert einer kleinen Waldwiese zu, nahe der von Sd
heraufziehenden Strae. Pltzlich lrmt im dichten Stangenholz eine
Amsel, den Abendfrieden jh unterbrechend, und sichernd zieht ein
Feisthirsch von Holz zur sung. Ein kapitaler Zwlfer ist's, der
pltzlich aufwirft und sichert. Auch Euseb sieht scharf aus nach der
Ursache der Beunruhigung des stolzen Hirsches. Dunkle Gestalten kommen
die Strae herangezogen in Wehr und Waffe; hochgemacht durch das von
diesen verursachte Gerusch prasselt der Hirsch ins Holz zurck und ist
in wenigen Fluchten verschwunden. rgerlich tritt der Pelagier auf die
Strae hinaus und ugt nach den schwtzenden Gestalten. Bei Gott,
Musketiere sind es, Franzosen, die offenbar gen Alpirsbach marschieren
als Vorhut! Ein jher Schreck durchfhrt den Heger und blitzschnell
jagen die Gedanken durch den Kopf. Droht dem Kloster Gefahr, soll er in
rasender Flucht zum Stift eilen und warnen? Soll er den Trupp aufhalten?
Wer aber wird die Abtei alarmieren? Wie kommen die Franzosen in die
Waldeinsamkeit? Was thun? Es wirbelt dem Manne im Kopf. Unschlssig
sucht er zunchst Deckung im Dickicht des hart die Strae besumenden
Waldes; er will sich ber die Zahl der anrckenden Truppen vergewissern.
Der Trupp zieht schwtzend mit geschulterten Gewehren vorber. Immer
finsterer wird es im Tann und stiller. Euseb lauscht gespannt in die
Waldesnacht hinaus; sein gebtes Ohr vernimmt dann das dumpfe Gerusch
schwerer Tritte, es wird eine grere Kolonne heranmarschieren. Nun gilt
es, so rasch wie mglich den Abt zu verstndigen, die Abtei zu besetzen
mit waffenfhigen Hrigen, auf da der Feind scharf empfangen werden
knne. Der Pelagier huscht lngs des Waldrandes in flchtigen Stzen
durch den dunkeln Forst, biegt, als er der Vorhut in den Rcken kommt,
seitlich ein, umkreist den Trupp, und strmt nach Alpirsbach.

Die friedliche Siedelung, aus deren Fenstern trauliche Lichter blinken,
wird jh durch Eusebs Alarmrufe aufgeschreckt, die Klosterunterthanen
strzen aus den Husern und fragen bestrzt den von Haus zu Haus
laufenden Pelagier, was denn los sei. "Die Franzosen kommen, bewaffnet
euch!" schreit Euseb und eilt in die Abtei, um auch hier zu alarmieren.
Fassungslos rennen die Brder durcheinander, erregt verlassen auch die
Patres ihre Zellen. Euseb wird zum Abt gefhrt, dem er hastig Meldung
macht vom Anzug der gefrchteten franzsischen Musketiere.

Lchelnd nimmt Abt Alphons den Bericht entgegen und sagt: "Die kommen
rascher, als ich erwartet! Du httest jedoch ruhig in deinem Revier
bleiben knnen!"

"Verzeihung Euer Gnaden! Ich glaubte--der Feind--wir werden verloren
sein, darum rief ich alles zu den Waffen!" stammelt der Pelagier.

"Nein, nein! Nichts von Waffen! Das Kloster soll die Schutztruppe gut
empfangen und reichlich bewirten und die Unterthanen den Soldaten
Quartier geben!"

"Herr! Kommen die Franzosen denn als Freund?"

"Gewi! Ich selbst habe sie gerufen!"

Ein Ruf namenloser berraschung entfhrt dem weitgeffneten Mund des
Hrigen.

"Es ist so! Die Franzosen sollen uns schtzen!"

"Ihr, ihr habt die Fremden gerufen gegen Wrttemberg----! Ihr, ein
deutscher Abt?"

Zornig stampft Alphons mit dem Fue auf den Boden und spricht drohend:
"Was unterfngst du dich, du, ein Hriger! Geh' und vermelde den
Unterthanen meinen Willen: Die Soldaten sind freundlich aufzunehmen und
einzuquartieren! Fort mit dir!"

Euseb verlt das Gemach des Abtes mit wirrem Kopf; ist er auch nur ein
armer Leibeigener des Stiftes, unfrei und zu harter Arbeit geboren: das
Verhalten des mchtigen Prlaten versteht er nicht, sein deutscher Sinn
vermag nicht zu fassen, wie man fremdes Kriegsvolk zum Schutze
herbeirufen kann. Ob sothanes Thun sich nicht bitter rchen wird?! Dem
Hrigen schwant schweres Unheil und tiefe Betrbnis spricht aus seinem
Gesicht. Wie Euseb den Gang herabkommt, stt er auf den greisen
Grokeller, der ihn sofort fragt, ob es wahr sei, da franzsische
Soldaten im Anzuge gen Alpirsbach seien. Der Pelagier bejaht seufzend
und fgt hinzu, da er eben Seiner Gnaden davon Meldung erstattet habe.

Erwartungsvoll fragt Pater Jakob weiter: "Nun, und was befiehlt der
Abt?"

"Die von ihm herbeigerufenen Musketiere sollen--"

"Was sagst du? Der Abt selbst htte sie gerufen?"

"Ja, so sagte er! Sie sollen das Kloster vor dem Wrttemberger schtzen,
und wir Unterthanen sollen das fremde Kriegsvolk freundlich aufnehmen
und beherbergen."

"Das ist ja himmelschreiend! Seine Gnaden selbst--ich kann's nicht
glauben! Ich mu den Abt selber fragen!" Und bestrzt eilt der alte
Konventuale hinauf zu den Gemchern des Prlaten.

Euseb verlt die in vollem Aufruhr befindliche Abtei und sucht trotz
nchtlicher Finsternis das Grab seines Weibes auf, um an denselben ein
Gebet fr die Tote zu verrichten.

Wie fassungslos kommt Pater Jakob herunter und steuert in die Kche, um
dem Personal den Befehl des Abtes zu berbringen, da alles zur
Bewirtung der Franzosen bereit gehalten werden solle. Das Unglaubliche
ist zur That geworden: Alphons selbst hat nach Breisach geschrieben und
das fremde Kriegsvolk gerufen!

Trommelwirbel tnt durch die finstere Nacht, die Musketiere rcken ein,
begafft von den Klosterunterthanen. Kommandorufe werben laut, eine
Abteilung marschiert drhnenden Schrittes auf die Abtei zu und stellt
sich auf. Rasselnd fahren die Gewehrkolben nieder und schlagen auf dem
harten Boden auf. Kopf an Kopf gedrngt beschauen die Klosterbrder das
ungewohnte militrische Schauspiel. Der Platz vor der Abtei fllt sich
immer mehr mit Musketieren, die bei Fackelbeleuchtung einschwenken und
Posto fassen. Ein Offizier tritt in die Klosterpforte und verlangt den
Abt zu sprechen. Mit offenem Munde guckt der Pfrtner den Franzosen an.

"Sacre bleu, avant!"

Der Pfrtner steht wie versteinert. Doch da kommt Abt Alphons bereits in
eigener Person zum Empfang und ldt den Offizier zum Eintritt ein.

Ein Schwall gallischer Worte fliegt dem Abt entgegen: der Kommandeur
erstattet wohl eine militrische Meldung, deutet mit dem Degen auf seine
Soldaten und schwtzt weiter.

Unwillkrlich suchen des Abtes Finger einen Ruhepunkt hinter den Ohren.
Eine ble Situation. Der Abt mu schleunigst franzsisch lernen, sonst
wird ein Verkehr unmglich sein. Einstweilen mu die Zeichensprache
aushelfen; der Abt ldt durch eine Armbewegung zum Eintritt ein.

Der Kommandeur berreicht einen Brief, verbeugt sich und giebt, zur
Truppe gewendet, Befehl zum Einrcken. Die Offiziere treten heran,
schreiten unter Fhrung des Abtes ins Refektorium, und hinterdrein folgt
ein Teil der Musketiere, indes der Rest auf dem Platz verbleibt.

Ratlos sieht Abt Alphons die Invasion des klsterlichen Refektoriums:
die Mannschaft greift aus den Schsseln jegliches Erreichbare, labt sich
durch flchtigen Trunk aus den Kannen und Krgen und tritt dann auf
Befehl wieder ab. Gleich darauf marschiert die andere Abteilung im
Refektorium auf, lrmend, schwtzend, drngend. Der Kommandeur fordert
frisches Auftragen von Lebensmitteln; die Klosterherren stehen stumm wie
die Mauern.

Ein neuer Befehl--und ein Dutzend Mann springen fort, suchen die Kche
und schleppen aus ihr herauf, was sie erwischen knnen. Vergeblich
zetert der Koch und seine Gehilfen, sie werden rcksichtslos zur Seite
gestoen. Lachend bringen die Soldaten die requirierten Viktualien
herauf, und rasch ist die Verteilung vorgenommen. Sodann werden dem Abt
die leeren Kannen vorgewiesen und durch Umkehren der Krge der Wunsch
nach frischer Fllung deutlich zum Ausdruck gebracht.

Auf einen Wink des Abtes verschwindet Pater Jakob und einige Brder,
aber gleichzeitig auch die Requisiteure der Kompagnie, die vergnglich
den Gang in den Keller mitmachen und sogleich kleinere Fsser "fassen"
und auf den Platz vor der Abtei bringen, wo die Truppe mit schallendem
Halloh das Na begren. Die Musketen werden in Pyramiden
zusammengestellt, Becher und Krge aus dem Kloster geschleppt, die
Fsser angebrochen, und nun wird gezecht bei qualmendem Fackelschein.
Bald verknden kreischende Weiberstimmen, da die Franzosen neben Wein
und Lied auch noch Weiber zu lieben pflegen.

Im Refektorium ist's stiller geworden, und verweilen nur noch die drei
Offiziere und der Abt mit einigen Konventualen. Auf einen Wink des
Prlaten wird die Tafel rasch frisch gedeckt, worauf Alphons auf gut
deutsch die Herren einldt, am Abendmahl teilzunehmen. Wie gut doch die
Franzosen jetzt deutsch verstehen! Sie erweisen der Klosterkche alle
Ehre und sprechen dem Weine tapfer zu. Nur die jetzt unter franzsischem
"Schutz" stehenden Mnche lassen alles unberhrt, ihnen, wie dem Abt
selbst, ist jeglicher Appetit vergangen. Beklommen flstert P. Gotthard
dem Prlaten zu, wie das denn fr die Nacht, wo denn die Menge Soldaten
untergebracht werden solle.

Unter einer hflichen Verbeugung gegen den Abt sagt zu aller
berraschung der Kommandeur im holperigem Deutsch: "Kloster fr alles
sorgen mu!"

Dazu ist trotz der schweren Last der Abt gern bereit, im Frohgefhle,
da der Offizier doch etwas Deutsch versteht, und giebt Alphons sofort
Befehl, die Offiziere und Sergenten in der Abtei selbst, einen Teil der
Musketiere in den Lagerrumen, den Rest der Soldaten jedoch in den
Husern der Hrigen und sonstigen Unterthanen unterzubringen. Sofort
erheben sich die Offiziere, um die Durchfhrung dieser Anordnung
persnlich zu berwachen.

Die Mnche knnen das Tischgebet ja alleine verrichten. Indes es drauen
wie im Kloster lrmend hergeht, liest Abt Alphons das ihm bergebene
Schreiben von Baron l'Oisonville. Wenn auch nicht alle Ausdrcke und
Redewendungen ihm verstndlich sind, den Inhalt erfat der Abt doch
sofort, und erblassend starrt er auf das inhaltschwere Schreiben, in
welchem der franzsische General kurz und bndig mitteilt, da das
Gesuch um Schutz bewilligt werde durch Entsendung von einhundert Mann
nebst drei Offizieren gegen monatliche Zahlung einer Entschdigung von
dreiig Gulden rheinischer Whrung und Verpflegung der gesamten
Musketiere auf die Dauer von vier Jahren und Verpflichtung zum
Schadenersatz an Menschenleben, Wehr und Waffen im Falle jeglicher
kriegerischer Aktion, so solche aus einem Angriff von Schweden oder
Wrttembergern auf klsterlichem Grund und Boden erflieen sollte.

Abt Alphons fat sich an die Stirne, und bebend flstert er: "Groer
Gott! was habe ich gethan!"----Tief erschttert sucht er seine Gemcher
auf; er mu allein sein jetzt, allein mit sich selber.

       *       *       *       *       *

Rcksichtslos, gewaltthtig vollzieht sich zu spter Stunde bei
Fackelschein die Einquartierung bei den Klosterunterthanen, deren
Schreckensrufe zum nchtlichen Himmel tnen. Auch Abt Alphons wird durch
das Geschrei und Gejammer der Leute, die man aus den Betten ri, um
selbst darin zu ruhen, aus seiner Erstarrung geweckt und verstrt blickt
er durch das Fenster auf den Schauplatz der heraufbeschworenen
Kriegsgreuel. Johlend hetzen betrunkene Soldaten drftig gekleidete
Mdchen, die sie aus den Husern gejagt, umher; Weiber werden von Gatten
und Kindern gerissen und mihandelt, Burschen geprgelt, wenn sie sich
im geringsten wehren gegen verlangte Knechtesdienste, und Mnner
gefangen gesetzt, sobald sie gegen solches Gebahren protestieren.

Wird einer der Offiziere sichtbar, so weichen die Musketiere wohl zurck
und geben Ruhe; kaum aber kehren die Befehlshaber den Rcken, wird um so
wilder getobt, und behaglich lachen die aufgestellten Posten zu den
wsten Scenen.

Eine schnere Gelegenheit zu einem Lasterleben ohne Dienst kann der
Soldateska nimmer geboten werden; sie ist Gast eines reichen Klosters
und Schtzer, daher auch Gebieter. Die Soldaten haben rasch die gnstige
Lage begriffen und lassen ihrem bermut vollends die Zgel schieen,
zumal der berreiche Weingenu die rauhen Kriegsknechte toll gemacht
hat.

Hnderingend steht der Abt am Fenster, Verzweiflung im Herzen. Ist er
vllig wehrlos gegen solche Greuel in nchster Nhe der geweihten
Sttte? Noch ist er Herr auf eignem Grund und Boden, noch ist er und
nicht die Franzosen Abt und Gebieter von Alpirsbach. Alphons rafft sich
auf, er will solche belthaten gleich am ersten Abend unterdrckt sehen,
heute noch, ehe sie weiter um sich greifen. Entschlossen geht der Abt
hinab zum Refektorium, wo er die Offiziere beim Wein sitzend whnt. Dem
ist wirklich so: die Franzosen sitzen an der Klostertafel beim
Wrfelspiel.

Entsetzt besieht Alphons diese Gruppe: im Refektorium ein Wrfelspiel!
Und wie bereitwillig die jngeren Konventualen und Brder den Herren
immer neue Kannen zutragen und vergnglich dem Wrfelspiel zusehen! Wie
einst Jesus Christus die Hndler aus dem Tempel, so mchte Abt Alphons
die Offiziere jetzt in heiliger Entrstung von dannen jagen ... Aber hat
nicht er selbst sie gerufen, sie als Gste aufgenommen im frher so
stillfriedlichen Kloster?!--

Wieder dringt Geschrei und Johlen herein. Der Abt zuckt zusammen, fest
pressen sich seine Lippen aufeinander, wrdevoll schreitet er auf den
Kapitn zu.

rgerlich ob der Strung im Spiel, erhebt sich der Kommandeur und fragt,
halb zum Abt, halb aber zu den Spielern gewendet, nach dem Wunsche des
Klostervorstandes.

Mit bebender Stimme weist Alphons auf die beobachteten wsten Vorgnge
drauen hin und fordert Zucht und Ordnung.

Der Kapitn zuckt die Achseln und erwidert leichthin: " la guerre comme
 la guerre, Monsieur l' Abb!" und wendet sich vollends zu den
Spielern.

Eine jhe Rte schiet dem Prlaten ins Antlitz, zornig ruft er. "Nein,
Herr Kapitan! Hier giebt es keinen Krieg zu fhren, zunchst noch nicht!
Was ich gesehen, sind Kriegsgreuel, und solche dulde ich nicht! Ich bin
Herr und Gebieter hier und verbiete dergleichen!"

Spttisch sieht der Kapitn dem Redner ins Gesicht und spricht unter
hhnischem Lcheln: "Pardon, Monsieur l'Abb! Dominateur et chef de
Alpirsbak sein ik! Bon soir!"

Unbekmmert um den sprachlos gewordenen Abt und die wie versteinert
stehenden Mnche setzt sich der Kapitn wieder zu den Offizieren und
wrfelt vergnglich weiter. Und was die Konventualen wie die Fratres
noch mehr als die Kunde, das Alphons selbst die Franzosen herbeigerufen,
berrascht, da ist die Thatsache, da der Abt die Anmaung der
Franzosen widerspruchslos lt und mit gesenktem Haupte aus dem zur
Lasterhhle gewordenen Refektorium schreitet. Der frher herrisch stolze
Abt beugt sich einem gallischen Windbeutel und berlt dem Franzosen
die Herrschaft ber Alpirsbach!

Die Mnche suchen nun auch ihre Zellen auf bis auf die Aufwrter, die
verharren mssen, bis es den Franzosen gefllig ist, das Spiel und
Gelage zu beendigen, um sodann die Lichter auszulschen und die Herren
in ihre Gemcher zu fhren.

       *       *       *       *       *

Knieend am Grabe seines Weibes hat Euseb ein inbrnstig Gebet
verrichtet; eben ist er im Begriff, sich zu erheben und den Friedhof zu
verlassen, als Trommelwirbel an sein Ohr schlgt. Die Franzosen sind
da, auf welche der Pelagier vergessen hat in seiner Wehmut und Andacht.
Mit dem widerwrtigen Kriegsvolk will Euseb am liebsten gar nicht in
Berhrung kommen, weswegen er am Grabhgel verharrt, geschtzt durch die
finstere Nacht. All' die wsten Vorgnge kann Euseb von hier aus
deutlich wahrnehmen, und die Greuel lassen ihn erschauern. Seine Fuste
ballen sich, die Adern schwellen, hei drngt das Blut zum Herzen. Und
all' das wste Treiben eines ausgeladenen Kriegsvolkes hat der Abt
selbst heraufbeschworen, selbst verlegt auf den stillen Weiheboden von
Alpirsbach! Der Deutsche schrie nach dem Franzosen! Und nun hat er die
Bescherung! Den deutschen Wrttemberger frchtete er, und franzsische
Schndlichkeit mu er nun dulden. O, htte der stolze mchtige Abt auch
nur ein winzig Teil von dem deutschen Empfinden des armen Hrigen! Doch
jetzt ist's zu spt! Der gallische Hahn ist gerufen, und nun krht er...

Jenes Mgdlein in drftiger Kleidung, verfolgt von einigen betrunkenen
Soldaten, flchtet in Todesangst direkt auf den Friedhof zu, und
brllend vor sinnloser Lust folgen die Kerle. Wie sie aber bei
Fackelschein erkennen, da Grabkreuze aufragen, prallen sie zurck und
machen kehrt. Nur ein Musketier dringt in den Kirchhof ein und taumelt
der weigekleideten Gestalt des Mdchens nach. Was gilt dem Franzosen
die Friedhofsruhe und geweihte Sttte der Toten!

Hart an Euseb vorbei hastet die entsetzte Jungfer, hinterdrein fluchend
und johlend der Kriegsknecht. Pltzlich erhebt sich der Pelagier in
seiner ganzen Gre, reit vom nchsten Grabe das Holzkreuz aus der
Erde und schlgt es mit Wucht auf den Schdel des Wlschen.

"Der schndet deutsche Tugend nimmer!" flstert Euseb, ruft dann leise
das Mdchen herbei, dem er rt, die Schreckensnacht im Beinhause des
Friedhofes zu verbringen. Dort sei die Jungfer sicher vor jeglicher
Nachstellung. Wohl zittert das Mdchen, aber lieber bei Gebeinen und
Totenkpfen die Nacht verbracht, als unter franzsischer
Lasterhaftigkeit. Der Pelagier aber setzt mit khnem Sprung ber die
Friedhofsmauer und entflieht unter dem schtzenden Dunkel der
Herbstnacht in den Tann.

Spt erst verlschen Lichter und Fackeln und legt sich der Lrm und
Jammer. Nur der gleichmige Schritt der Wachposten ist hrbar und kurze
Rufe bei Ablsung derselben.

In seinem Gemach kniet der Abt vor dem Kruzifix, bitterlich weinend, den
unglckseligen Schritt bereuend und Gott den Allmchtigen um Schutz fr
das Kloster anflehend....

       *       *       *       *       *

In der Dmmerung des kalten nebligen Morgens verlt das Mdchen
frostdurchschttelt das Beinhaus und huscht durch den Friedhof, um ber
den Platz vor der Abtei das Elternhaus so rasch als mglich zu
erreichen. Doch der Wachposten hlt die Jungfer an, sein Ruf lockt
Soldaten herbei, die eben im Begriff standen, das Frhstck zu
requirieren, mit Halloh wird das nur mit Hemd und Nachtjcklein
bekleidete Mdchen umringt. Gellend schreit das gengstigte Mdchen um
Hilfe und wehrt sich verzweifelt gegen die Zudringlichkeiten der
Musketiere. Ein Sergent aber, der die Flucht aus dem Friedhof
wahrgenommen, tritt in denselben, um nachzusehen, was sich wohl zwischen
den Grbern ereignet haben mchte. Bald hat er die Leiche des
erschlagenen Soldaten erblickt, auf die er losstrzt und dabei aus
Leibeskrften um Hilfe ruft. Betroffen lassen die Musketiere das Mdchen
los und laufen in den Kirchhof, den Kameraden zu holen. Ein betubendes
Geschrei folgt, die Soldaten zetern und brllen, der Sergent lt durch
den Trompeter Alarm blasen, und in wilden Stzen strmen die Musketiere
notdrftig bekleidet, doch mit ihren Waffen heran. Im Kloster wie in den
Husern wird's lebendig, Hrige, Mnche laufen zusammen, auch die
Offiziere kommen mit blankgezogenen Degen angerannt, Befehle schreiend
und die Kompagnie formierend. Hastig fordert der Kapitn en chef
Rapport, und ein wilder Fluch entfhrt seinem Munde beim Anblick des
ermordeten Musketiers. Dann wird eine Patrouille zur Fahndung nach dem
unbekannten Mrder entsendet und ein Lieutenant mit vier Mann
abgeschickt, den Abt herabzuholen.

Abgehrmt, bleich nach schlaflos verbrachter Nacht, unsicheren Ganges
folgt Abt Alphons dem Offizier heraus auf den Klosterplatz. Ohne Gru
deutet der Kapitn mit der Degenspitze auf die am Boden liegende Leiche
und fordert Rechenschaft vom Prlaten, der fr jeden Mann wie fr jede
Waffe verantwortlich sei.

Alphons bebt; die Leiche sagt ihm das, was er in der Rede des
Kommandeurs nicht verstanden.

"Monsieur l'Abb sein oblig, mssen zahlen contribution: cent florins
par l'homme, und stellen un homme Ersatz. Und Strafe extra an jede Mann
cinq sous! Wird meurtier nix gestellt: deux fois cent florins!"

Alphons ringt in Verzweiflung die Hnde: "Ich bin doch unschuldig an der
Unthat!"

Der Kommandeur lt die Kompagnie einrcken, den Toten in das Beinhaus
tragen und begleitet den fassungslosen Abt in das Kloster, um die
verhngte Kontribution sofort einzukassieren.

       *       *       *       *       *

Zu wahren Schreckenstagen wurde fr das Kloster die nchste Zeit; die
Musketiere zeigten sich immer gieriger, raubten aus Kche und Keller,
immer dabei auf die Mordthat verweisend, die gerochen, fr die die
gesamte Bevlkerung bestraft werden msse. Das Schutzgeld verlangte der
Kapitn auf Monate voraus, verprate es teils im Spiel mit den
Offizieren, teils schickte er es nach Frankreich und forderte dann immer
neue Summen, sobald Ebbe im Beutel war.

So kam es eines Tages dazu, da der Grokeller Pater Jakob dem Abt mit
Betrbnis mitteilen mute, da alle Vorrte aufgezehrt seien und neue
Lebensmittel beschafft werden mten. Zugleich fragte der greise
Konventuale, ob er selbst vielleicht in Dornhan[21] Lebensmittel
verlangen solle. Abt Alphons will jedoch selbst, und zwar nach
Villingen reisen, in der Hoffnung, mit dem Amtsbruder Georg von Sankt
Georgen zusammentreffen zu knnen, behufs einer Beratung der durch die
Herbeirufung der Franzosen geschaffenen bsen Lage des Klosters. Alphons
giebt bezglichen Befehl und trifft die ntigen Vorkehrungen; insonders
wird auch der Kapitn verstndigt mit dem Ersuchen, einige Musketiere
zum persnlichen Schutze des Abtes abzuordnen, wasmaen bei den
unruhigen Zeiten allgemeiner Unsicherheit militrische Begleitung
dringend ntig ist, und der Abt immerhin eine grere Summe Geldes zum
Einkauf von Nahrungsmitteln mit sich fhren wird. ber den Zweck der
Reise informiert, stellt der Kommandeur bereitwillig eine Abteilung
seiner Musketiere zur Verfgung, die in Wehr und Waffen des
Aufbruchbefehles harren. Aus seinem Bedenken gegen die Reise nach
Villingen und gegen diese Begleitung macht Pater Jakob dem Abt gegenber
kein Hehl, doch Alphons weist jede Mahnung unwirsch zurck. Ihn drngt
es nach einer Aussprache mit dem Abt von Sankt Georgen, mit dem er reden
mu, um zu erfahren, ob auch jenes Kloster unter franzsischem Schutz so
schwer leidet. Hat Georg dem Alpirsbacher geraten, die Franzosen zu
rufen, so wei der Georgener mglicherweise Rat, sie wieder los zu
werden. Und die Greuelwirtschaft mu ein baldiges Ende finden; nur ist
sich Alphons darber nicht klar, wie er die Franzosen aus dem
Klostergebiet bringen soll. Vier Jahre solchen "Schutz" zu dulden, ist
unmglich, unertrglich fr Alphons, der die nagende Reue im Herzen
trgt, die Reue, den Rat des Georgener Abtes befolgt zu haben aus
bertriebener Furcht vor dem Wrttemberger. Da ihn der begangene
Schritt reut, gesteht Alphons freilich niemandem; aber der alte Pater
Jakob liest aus des Abtes gramdurchfurchtem Antlitz deutlich, was dessen
Herz bewegt, und deswegen hofft der Grokeller auf baldige Befreiung von
der Franzosenherrschaft in der Erwartung, da der Abt den rechten Weg
dazu sicher finden werde.

Wie zu Alpirsbach erpreten die herumstreunenden Musketiere auch in
anderen Ortschaften der Umgegend Geld und Gut in grausamster Weise. Sie
durchstreiften den Tann hinber nach Peterzell, raubten die Siedelungen
an der Strae nach Schenkenzell aus und statteten selbst den
Schilbachern Besuch ab, wobei sie den Leuten das gesamte Vieh
wegtrieben. Je mehr die Gebrandschatzten jammerten, desto toller trieb
es das zuchtlose Kriegsvolk, das durch seine Grausamkeit eine wahre
Geiel fr das Klostergebiet ist. Die Lust an Menschenqual stieg ins
Malose; hohnlachend schraubten die Kriegsknechte die Steine von den
Pistolen ab und zwngten die Daumen der Beraubten an ihre Stelle; sie
zerschnitten Weibern die Fusohlen und streuten Salz in die offenen
Wunden, das sie dann unter wieherndem Gebrll von Ziegen ablecken
lieen. Kindern, so sie nicht sofort sagten, wo die Eltern Geld
vergraben haben, wurde die Zunge durchstochen und Rohaare durchgezogen,
und Mnnern wurde vielfach ein mit Knoten versehenes Seil um die Stirne
gebunden, das mit einer Kurbel so fest zugedreht wurde, da den
Gequlten die Kopfhaut in Fetzen gerissen wurde. Weiber wurden am
lichten Tage auf freiem Felde vergewaltigt und ihnen dann mit viehischer
Lust Lcher in die Kniescheiben gebohrt. Ein besonders beliebtes
Martermittel war das "Feuerkriechen", das berall dort angewendet wurde,
wo sich ein Backofen befand. Erst raubte die Horde, wessen sie habhaft
werden konnte, dann zwngte sie die Bauern und Weiber in den Backofen,
vor dessen Ausgang ein Feuer angezndet wurde. Sodann wurde an der
Rckseite des Backofens ein Loch ausgebrochen und mit Piken durch
dasselbe auf die Leute eingestochen und diese dadurch gezwungen, den
Backofen zu verlassen und durch das Feuer ins Freie zu kriechen. Je mehr
sich die Gequlten dabei verbrannten und heulten, desto grer war die
Freude der entmenschten Soldateska. Zu all' diesen frchterlichen
Grausamkeiten kam hufige Brandstiftung, sobald die Musketiere nichts
mehr wegschleppen konnten.

Weitum im Klostergebiet herrschte Schrecken und Entsetzen, Verzweiflung
unter den gepeinigten Hrigen und Unterthanen. Wer sie in dieser
grlichen Not aufrichtete, zu nchtlicher Stunde trstete und Mut
zusprach und baldige Befreiung verhie, das war der Pelagier Euseb, der
von Hof zu Hof bis in die entfernteren Eindsiedelungen im Schwarzwald
schlich und verkndete, da die Mnner und Burschen bewaffnet in jener
Nacht im Hohlweg bei Alpirsbach sich versammeln und die Franzosen
niedermachen sollen, wenn auf der Hhe des Zankwaldes und des
Bettelmnnchens im Hardenwald Feuer lohen werden zum Zeichen des
Aufstandes.

       *       *       *       *       *

Ein trber Novembertag ist ber dem Schwarzwald angebrochen; bleigrau
verhangen ist das Firmament, d die Landschaft weitum, schwarz steht der
Tann, dunkel ragen die Felsen aus dem Gewirr der Zwergfhren im Hinteren
Lehengericht des engen Schiltachthales. Knapp ist hier Raum fr das
Bchlein und die Strae gen Schramberg zwischen den ginsterumwucherten,
dicht von Tannen, Fichten und Fhren bestandenen Schwarzwaldbergen. Nur
wenige Siedelungen hat dieses waldreiche Thlchen, die zusammen die
Gemeinde "Hinteres Lehengericht" bilden im Gegensatz zum "Vorderen
Lehengericht" im Kinzigthale. Auch diesen Einsiedlern im Walde
geheime Kunde zu thun und den Aufstand gegen die unglckselige
Franzosenherrschaft zu Alpirsbach zu organisieren, ist Euseb ber die
Hhenzge gewandert und hlt eben Rast am Waldesrande nahe der Strae,
doch gut gegen Spherblicke verborgen. Der Pelagier hockt unter einer
mchtigen Tanne und hat die Bchse quer ber seine Kniee gelegt, so da
er jeden Augenblick kampf- und schubereit ist, falls Gefahr drohen
sollte. Das Gerusch eines Hufschlages auf der hartgefgten Strae
veranlat Euseb zu scharfem Ausblick auf die Strae, die der Abt von
Alpirsbach im bequemen Schritt heranreitet in Begleitung einiger
Musketiere. Euseb zuckt zusammen; ihm ist der Anblick der Wlschen ins
Herz hinein verhat, seine Fuste ballen sich und die Adern schwellen.
Wie verblendet doch der stolze Prlat ist, da er Fremde zu seiner
Begleitung nimmt! Gengen ihm die eigenen Unterthanen nicht zum Schutz?
Doch was soll das heien? Die Musketiere im Rcken des Reiters stecken
die Kpfe zusammen, sie drohen mit erhobenen Gewehren, und jetzt
springen sie auf den ahnungslosen Abt los, einer der Franzosen backt an
und zielt----. Blitzschnell springt Euseb auf, visiert scharf und
schiet. Kopfber strzt der Franzose nieder, erschreckt geht der Gaul
des Abtes durch, schreiend fliehen die Musketiere rckwrts gen
Alpirsbach. Der Pelagier springt jedoch dem Gebieter nach, um ihm
schtzend Geleit zu geben.

Knapp vor dem Flecken Schramberg gelingt es Euseb, den Abt, der mhsam
sein Ro wieder beruhigte, einzuholen.

Kaum wird Alphons des Hrigen ansichtig, der mit dem wieder
schufertigen Gewehr keuchend herangelaufen kommt, da wettert der Abt
zornig darber, da der Heger so nahe der Strae schiee und
Menschenleben gefhrde. Auch habe der leichtfertige Pelagier ihm nun das
Geleite verjagt!

"Was willst du hier? Dein Gehege ist doch oben im Zankwald!"

Demtig, die Mtze in der Faust, steht Euseb vor dem Gebieter: "Verzeiht
Ew. Gnaden! Ich bin Euch nachgelaufen, um Euch Geleit zu geben und zu
schtzen!"

"Warum hast du so nahe der Strae geschossen?"

"Es galt Euer Leben zu retten!"

"Wie, was?"

"Erlaubt mir, Euch zu begleiten! Ich brge sicheres Geleit!"

"Wo sind die Musketiere?"

Ein bitteres Lcheln tritt auf des Pelagiers Lippen. Euseb deutet mit
dem Arm nach rckwrts.

"Was, zurckgelaufen sind die Kerle?"

"Bis auf einen, ja!"

"Bis auf einen--was soll das heien?"

"Der eine kt den Erdboden!"

"Was? Du wirst doch niemand verletzt haben?"

"Nein, Ew. Gnaden! Verletzt nicht, aber totgeschossen hab' ich den
Meuchler!"

"Was soll's; ich verstehe nicht! Red' deutlicher, Pelagier!"

"Der Franzmann wollte weiter nichts, als Euch rcklings vom Gaul
schieen, und ich scho ein klein wenig frher ihn hinweg."

"Bist du toll?!"

"Nein! Gottlob ist's gelungen!"

"Mich, sagst du, mich wollte einer der Musketiere vom Gaul schieen?
Meine Schutzbegleitung----?!"

"Nette Schtzer das! Na, Ew. Gnaden sind die Schandbuben los!"

Betroffen schaut Alphons auf den Pelagier herab, der finster vor ihm
steht; ihm dmmert allmhlich der wahre Sachverhalt auf, doch vermag er
das Motiv des meuchlerischen berfalles nicht zu fassen. "Du meinst, die
Franzosen wollten mir ans Leben?"

Euseb nickt.

"Aber weshalb?"

"Ew. Gnaden haben wohl Geld bei sich?"

"Groer Gott--du hast recht! Abscheulich! Die Kerle wollten mich
berauben, sie, die mir zum Schutz von Leben und Gut beigegeben wurden!
Gott selbst hat dich zur rechten Zeit geschickt!"

Von einem warmen Gefhle erfat, reicht der Abt dem Hrigen vom Gaul
herab die Hand: "Ich danke dir! Begleite mich nach Villingen! Ich glaube
nun selbst: ich bin von meinen Unterthanen besser behtet!"

Stramm richtet sich Euseb auf und spricht mit besonderer Betonung: "Jagt
das welsche Gesindel fort, Herr! Wir helfen Euch!"

Alphons seufzt.

Das giebt dem Pelagier Mut zu weiteren Bemerkungen: "Jagt die
Schandmenschen fort, ehe es zu spt!"

"Wenn ich das nur knnte! Die Greuel sind frwahr himmelschreiend!"

"Das war vorauszusehen!" sagt halblaut Euseb und schreitet neben dem
langsam reitenden Gebieter, der ob dieses leisen Vorwurfes unwillkrlich
das Haupt tiefer sinken lt.

Stumm geleitet der Pelagier seinen Herrn durch das stille Schramberg
sdwrts. Nach einer Weile spricht Euseb, mehr fr sich: "Fort mssen
sie, baldigst und fr immer!"

"Wie sie aber fortbringen?" wirst Alphons ein, obwohl er anfnglich
keine Lust hatte, sich ber solch wichtige Angelegenheiten mit einem
Hrigen auszusprechen.

"Knnt Ihr es nicht, Herr, so thun es wir!"

"Wie, ihr? Die wenigen Unterthanen von Alpirsbach! Der Franzosen sind es
hundert Mann, waffengebte Musketiere!"

"Zum Klosterbann gehren noch mehr Leute!"

"Nein, nein, nur keine Gewaltthat, die noch mehr Elend ber das Kloster
bringen wird!"

"Ihr habt es zunchst in der Hand, o Herr, die Blutsauger
fortzubringen--"

"Wieso ich?"

"Ihr zahlt einfach das Schutzgeld nimmer--"

"Wie, du weit--"

"Ich wei gar nichts! Ich mutmae jedoch, da Ihr die Welschen bezahlet,
denn ohne Schutzgeld wrden die Franzosen nicht bleiben."

"Richtig kalkuliert! Also du meinst, ich solle nichts mehr bezahlen und
dem General den Schutz kndigen!"

"Schickt dem General Botschaft, er soll sein Gesindel zurckberufen!"

Wieder entsteigt der Brust des Abtes ein Seufzer im Gedanken an die
vierjhrige Schutzfrist.

"Ihr knnt das wohl nicht, Herr? Seid wohl vielleicht gebunden an eine
bestimmte Zeitdauer?"

Alphons nickt betrbt.

"Dann zahlt die Franzosen auch fr diese Frist und wir sind die
Bluthunde los!"

"Das kostet schweres Geld----"

"Ist aber immer noch besser, als wenn Land und Volk vllig zu Grunde
gerichtet wird. Denkt an das arme verwstete Vaterland, o Herr!" Euseb
trollet gesenkten Kopfes voraus; jeder berlt sich seinen Gedanken.

       *       *       *       *       *

Seit der Abt das Stift verlassen, geht es toll zu in Alpirsbach; es ist,
als feiern die Muse Hochzeit, da die Katze aus dem Hause. Die
Musketiere vertreiben sich die Langeweile durch Fahndung nach Gut und
Geldeswert und betrachten raubgierig die Kirche des Stiftes, auf deren
mutmaliche Schtze sie urpltzlich aufmerksam geworden sind, als ihrer
einige den P. Jakob in reichgesticktem Megewand die Messe lesen
gesehen. Wohl zaudern die Kerle beim berschreiten der gottgeweihten
Sttte, doch ist die Scheu rasch berwunden, zumal niemand in der Kirche
sich befindet als der Kster, der im Begriffe steht, das Mnster wieder
zu verschlieen. In wenigen Augenblicken ist dieser berwltigt,
gebunden und geknebelt; die Raubgesellen springen sodann auf den
Hochaltar, sprengen das Tabernakel auf und rauben die kostbare
Monstranze und das Ciborium. Aus anderen Altren werden Kelche, die
Silberleuchter genommen, Ksten in der Sakristei geplndert, Gewnder
weggeschleppt, alles in unheimlicher Eile und Geschftigkeit, ohne Lrm.
Erst drauen bei der Beuteteilung wird es laut, die Ruber streiten
unter sich, keiner gnnt dem anderen einen Vorteil; die Monstranze wird
zertrmmert, und in blutigem Geraufe wird um ihre Goldteile gekmpft,
ebenso zerschlgt die Bande alle brigen goldenen und silbernen
Kirchengerte, um eine Teilung zu ermglichen. Da von dieser Beute nur
ein kleiner Bruchteil der Ruber Anteil haben kann, die brige
Mannschaft leer ausgehen mu, ist die Unzufriedenheit, der Neid, Habgier
und Raublust auch der anderen geweckt, die nun aufs neue nach Schtzen
suchen. Vergeblich setzen und wehren sich die bestrzten Klosterbrder
gegen Kirchenraub und Schndung des Gotteshauses; sie werden verhhnt
und verspottet und unter Gejohl gezwungen, in der Kirche Fhrer in die
Grfte, wo die verdorbenen Abte beigesetzt sind, zu machen. Die wlschen
Raubgesellen erbrechen mit Pieken die Srge und fahnden nach Schmuck und
Ringen, Gebeine achtlos verschleudernd und durcheinander werfend.

In Verzweiflung ob solcher Unthaten hat einer der Fratres sich in den
Glockenturm geschlichen, wo er die Sturmglocke zieht, um die
Klosterunterthanen und Hrigen zu Hilfe zu rufen. Kaum wimmert die
Glocke vom Turm, da strmen einige Musketiere auch schon hinauf, fassen
den Frater und werfen ihn hohnlachend durch das Schallloch hinunter, so
da der rmste mit zerschmetterten Kopf und gebrochenen Gliedern unten
auffllt. Voll Entsetzen aber flchten die Alpirsbacher mit Weib und
Kind von dannen, hinein trotz rauhem Wind und Wintersklte in den Tann,
gehetzt von den Peinigern, die ihre helle Lust an dieser Menschenjagd
haben.

Und angesichts solcher Schreckenstaten der zgellosen Musketiere
verhalten sich die Offiziere vllig passiv, sie rhren keine Hand zur
Abwehr und obliegen in den Klosterwaldungen dem Gejaide. Vergebens sucht
nach der Kirchenberaubung P. Jakob im Kloster nach den Herren, um sie zu
beschwren, weitere Greuel zu verhten; sie sind fort, die Raubgesellen
sich selbst berlassen. Mit Verzweiflung im Herzen schliet sich der
alte Konventuale in seine Zelle ein, den Erlser Tod ersehnend.

       *       *       *       *       *

Vom Pelagier begleitet hat Abt Alphons seine Kaufgeschfte in Villingen
erledigt, den Georgener Abt jedoch nicht angetroffen und daher sofort
den Rckweg wieder angetreten. Eine innere Unruhe treibt ihn zur Eile,
und Euseb hat Mhe, seinem Gebieter zu folgen. Reitet er jedoch Anhhen
im Schritt hinan, so lt der Abt den Pelagier nahe an den Gaul
herantreten, um ein Gesprch anzuknpfen. Der sonst so stolze Abt hat
das Bedrfnis, sich mit dem Pelagier, den er schtzen gelernt,
auszusprechen. Wie treu besorgt der Pelagier um ihn gewesen ist auf der
bisherigen Reise, ein Schtzer und Diener, der auf nichts verga, was
dem Herrn frommen konnte. Und wie der Mann an seiner Heimat hngt! Fast
berkommt den Abt ein Bedauern, den zinspflichtigen Hrigen beim Tod
seines Weibes so hart behandelt zu haben. Einer augenblicklichen
Gefhlsregung nachgebend sagt der Abt: "Hre, Euseb! Du hast dich wacker
gehalten! Ich will dir die Zinsziege wieder zurckgeben und anderes
dazu!"

Der Hrige schttelt den Kopf.

"Wie, du verschmhst die Gabe?"

"Verzeiht mir, Herr! Die Zeit ist anders geworden, ich kann Stallvieh
jetzt nicht brauchen, bin zu wenig mehr zu Hause, kann es nicht
betreuen."

"Wie soll ich das verstehen?"

"Ich kann darber nicht reden! Bald wird alles klar sein!"

"Du sprichst in Rtseln, Euseb!"

"Schafft die Franzosen fort, Herr! Befreit die Heimat von den
Blutsaugern, es ist hchste Zeit dazu!"

"Wenn es mir jedoch nicht gelingt?"

Finster blickt der Pelagier vor sich hin, seine Fuste ballen sich, und
dumpf spricht er: "Dann jagen wir sie fort!"

Auch auf des Abtes Antlitz legt sich tiefer Ernst, beklommen murmeln
seine Lippen: "Mir ahnt noch Schlimmeres! Mir schwant das Ende unter
Eberhard!"

Euseb bleibt pltzlich flehen und unwillkrlich verhlt der Abt den
Gaul, zugleich besorgt um sich blickend.

"Was ist's, droht uns Gefahr?"

Euseb legt seine Rechte an den Sattel, schaut zum Abt empor, treuherzig,
seelenvoll und spricht mit bewegter Stimme: "Herr! Haltet zu
Wrttemberg!"

Unter dem kraftvollen Schenkeldruck und Sporensto sprengt der Gaul im
Galopp hinweg, zur Seite geschleudert strzt Euseb nieder und sein Kopf
schlgt im Falle auf einen Stein auf, so da das Blut sogleich
aufspritzt.

Frh dmmert es; nebelverhllt ist das schweigsame Gelnde, finster
steht der mchtige Tann. Abt Alphons jagt den schumenden Gaul die
Strae entlang; noch eine Anhhe, dann geht's hinunter nach Alpirsbach.
Ein seltsam rtlicher Schimmer liegt ber dem Gelnde; das kann nimmer
ein versptet Abendrot sein. Flammen sind es, rotglhende Feuersulen,
die zum Nachthimmel lodern und grausig das Mnster und die stolze Abtei
beleuchten. In Alpirsbach brennt es; schon wimmern die Glocken schaurig
um Hilfe.

Der Abt drckt dem mden Gaul die zackigen Sporen aufs neue in die
Weichen und rast dem Kloster zu.

Dunkle Gestalten rennen hin und her und suchen zu bergen in den
brennenden Husern der Stiftshrigen; doch die trunkenen Soldaten wehren
den Mnchen brllend und jauchzend. Blkend rennt das Vieh um die
lodernden Sttten, auf das die Musketiere Jagd machen und mit den
Musketen schieen. Krachend strzen die glimmenden Balken ein,
Funkengarben stieben auf, ein Knistern und Prasseln, ein Johlen und
Brllen, Zetern und Schreien, und dazwischen Glockengewimmer.

Und die trunkenen Scharen drngen zappelnde Mnche ans Feuer, der
Pfrtner wird gefat unter tierischem Gelchter, rohe Fuste zerren die
Kutte auf, ein Wurf--das schwarze Mnchlein fllt mitten in die wabernde
Lohe--ein markdurchdringender Schrei--gierig schlagen die Flammen
drber.

Grhlend begren die wsten Brandstifter den heransprengenden,
zornglhenden Abt, sie springen herbei unter den Spottrufen und zeigen
Lust, den Prlaten vom zitternden Pferd zu reien. Mit Schauder blickt
Alphons auf die trunkene Schar und die Zerstrung ringsum.

Einer der Landsknechte muntert auf, den Abt ins Feuer zu werfen,
brllend greifen die Kerle zu, sie jagen nun die Mnche, die sie vor dem
Wrttemberger Herzog schtzen sollen.

Da strzen zwei der Offiziere atemlos, mit verstrten Mienen heran.
Betroffen weichen die Musketiere zur Seite und geben Raum. Auf Befehl
des Leutnants schmettert ein Hornist das Alarmsignal in die Dmmerung.
Die Musketiere eilen zu den Waffen und sammeln sich beim Scheine der
brennenden Huser.

Der andere Offizier vermeldet in aller Eile, da der Kapitn im Walde
erschossen worden sei, und ein spter abgefangener Mann eingestanden
habe, da die Schweden im Anzug seien. Der Abt mge den Leichnam des
Kapitns holen--er liegt in der Nhe einer Hegerhtte--und beerdigen
lassen. Dann bernimmt der Offizier die Kompagnie, und schier
fluchtartig vollzieht sich der Abzug der Franzosen, die das Kloster
schutzlos verlassen in der Stunde der Gefahr.

Fassungslos steht der Abt von den Mnchen umringt.

Aus dem Laubwald und drben aus dem Tann des Bettelmnnchenberges lohen
mchtige Feuersulen auf, schaurig den Wald mit rotem Schein
beleuchtend.

Bittere Thrnen strzen dem Abt aus den Augen beim Anblick der
ausgeraubten, geschndeten Kirche und der Verwstung im Kloster wie in
den Husern der geflohenen Unterthanen.

Mhsam dmpfen die Mnche die in sich zusammengesunkene Glut der Brunst,
und kehren dann in die Abtei zurck, sorgenvoll und angsterfllt der
schrecklichen Schweden harrend.

Im Tann nahe der Strae gen Sden ist's lebendig geworden, von allen
Seiten auf geheimen Pfaden eilen Burschen und Bauern herbei und harren
im Hohlweg, gut gedeckt hinter Baumstmmen, des Anzuges ihrer Peiniger
und des Angriffsbefehles des Pelagiers Euseb. Von Mund zu Mund ist die
Kunde gegangen, da Euseb den Kapitn erschossen und den zwei Offizieren
Botschaft gethan vom Anzug der Schweden, weshalb anzunehmen sei, da die
Franzosen die Flucht gen Schiltach ergreifen werden. Von jedem Gehft
sind wehrhafte Mnner gekommen, als das Flammensignal aufloderte, und
stumm harren ihrer etliche zweihundert Mann, freilich schlecht
bewaffnet, der Musketiere.

Wie Schafe im Gewitter kommen sie bei Fackelschein herangerannt und
dringen in den Hohlweg ein, wo sie durch die felseneingeengte Strae
sich dicht zusammenschlieen mssen.

Ein gellender Pfiff tnt durch den finstern Tann, es raschelt im Walde,
an den Felsrndern tauchen schwarze Gestalten auf, die Steine und
Granitblcke herunterschleudern mitten unter die Musketiere. Weherufe,
Geschrei, Kommandorufe dringen aus der Schlucht. Mit Morgensternen,
Sensen, Dreschflegeln, alten Flinten hauen am Ausgang des Hohlweges die
Bauern auf die fliehenden Franzosen ein; die von Euseb im voraus
aufgerichteten und nun schnell entzndeten Holzste leuchten zur
Befreiungsarbeit. Schreckerfllt sucht ein Teil der Soldaten rckwrts
zu entkommen; doch auch an diesem Schluchtausgang hat Euseb seine
Verschworenen aufgestellt, die niemand durchlassen. Unablssig prasseln
Steine in die Reihen der bewegungslosen in der Falle gefangenen
Wlschen, zerschmetternd und vernichtend. Nur wenige der Musketiere
vermgen zu feuern; es fehlt an Raum in der engen Schlucht, die
Verwirrung ist zu gro, die Fackeln sind erloschen, im Gewhl
ausgetreten worden. Wer strzt, wird zertreten. Das Geheul der Soldaten
ist frchterlich. Euseb und eine Schar mit Schuwaffen ausgersteter
Bauern feuern von den Felsen herab in die eingekeilte Menge, und nach
jedem Schu strzt ein Franzose tdlich getroffen nieder. Ein
Verzweiflungskampf an den beiden Schluchtausgngen entbrennt, doch die
Bauern halten die Sperre, wenn ihrer auch schon viele schwerverwundet
gefallen sind. Auf Gehei Eusebs werden brennende Scheiter in die Reihen
der Wlschen geworfen, bei deren Geflacker sicherer die verzweifelten
Feinde aufs Korn genommen werden knnen.

Knieend flehen die Franzosen um Pardon, haufenweise werfen sie die
Musketen weg, aber die Stunde der Wiedervergeltung unsglicher Greuel
ist gekommen, die Blutsauger werden niedergeschlagen; nur wenigen
gelingt es, der Schlucht und dem Blutbad im Dunkel zu entrinnen.

Bis zum dmmernden Morgen verharren die Bauern, um sodann bei wachsendem
Licht ihre Toten und Verwundeten zu bergen. Die Franzosen lt man
liegen; chzt und sthnt noch der eine oder andere, so erhlt er den
Gnadenhieb auf den Kopf.

Dann ziehen die Bauern durch den Tann ab, jeder seinem heimatlichen
Gehft zu, stumm und still. Das Befreiungswerk aus furchtbarster Qual
und Not ist gethan.------

       *       *       *       *       *

Ein Jahr ist vergangen; des grausamen berlangen Krieges mde
verhandelten die Gesandten der kriegfhrenden Mchte zu Osnabrck und
Mnster ber einen endgltigen Frieden. Fr Herzog Eberhard, der wieder
zu Stuttgart residierte, trat der Schwedenkanzler Oxenstierna ein, und
heie Kmpfe auf diplomatischem Gebiete verursachte die wrttembergische
Klosterfrage. Lange wurde die Restitution der Klster zu Gunsten des
Herzogs hintertrieben, bis man aus gnzlicher Ermattung der
Verhandlungen in der Sitzung zu Osnabrck auf den Vorschlag kam, da der
Herzog die Ordensleute in den Klstern belasse, jedoch die hohe
Obrigkeit ber sie behalte, wie er sie vor der Reformation innegehabt
habe. Oxenstierna aber erklrte, da man die Klster dem Herzog
berlassen und das brige seinem Gewissen anheimstellen solle.
Wrttemberg solle in den geistlichen und weltlichen Besitz und in die
Rechte wie vor dem Kriege eingesetzt werden.

Da die katholischen Mchte wegen einiger schwbischer Klster den Krieg
fortzusetzen doch nicht gewillt waren, bestimmte denn auch das
Friedensinstrument zu Osnabrck[22], da die Klster[23] dem Herzog von
Wrttemberg zufallen. Damit erlangte das wrttembergische Frstenhaus
einen Zuwachs von Gebieten, Rechten und Reichtmern, wie es solche
vorher weder durch Fehden, Kriege, noch Heiraten, Kufe und Erbschaften
in derartigem Umfange erworben hatte.

Im Stift zu Alpirsbach hat Abt Alphons es sich angelegen sein lassen,
die Schden an Gebulichkeiten auszubessern, Wohnhuser fr die
Unterthanen aufzubauen, das Mnster neu zu weihen und Kirchengerte zu
beschaffen, den Stiftskeller zu versorgen und das Zinswesen neu zu
ordnen. Inmitten dieser arbeitsreichen Zeit entschlief sanft und selig
Pater Jakob hochbetagt, gesegnet vom Abt, mit einem Lcheln auf den
welken Lippen. Er hat es berstanden. Seinem Wunsch gem ward seine
Leiche ohne besonderen Pomp still in der Gruft des Mnsters beigesetzt.
Die Unterthanen der Abtei weinten ihm manche Thrne nach, denn der
liebe, alte, freundliche und wohlwollende Konventuale hatte aller Liebe
und Verehrung besessen. Und fast schien es, als sei mit dem milden,
vershnlichen Greis auch das Glck des Klosters geschwunden. Hin und her
berlegt der Abt, wie der Kaiser mehr fr das Kloster interessiert
werden knnte, auf da die drohende Restitution wirkungslos an
Alpirsbach vorbergehen knne. Keinen Stein soll der Wrttemberger vom
Stift bekommen, verschwor sich der Abt Alphons, in welchem der alte
Trutz und Stolz auf die Unabhngigkeit des Stiftes wieder erwacht ist.

Da kam an einem milden Oktobertag ein reitender Bote aus Sulz mit einem
Schreiben, das die Kunde vom Friedensschlu zu Osnabrck und vom
bergang des Klosters an Wrttemberg brachte. Knapp vor Eintreffen
dieses Boten hatte der Abt sorgfltig unter eine Beschwerdeschrift
an den Kaiser das Sigillum der Abtei angebracht und liebevoll
das Stiftswappen betrachtet. Erbleichend liest Alphons die
Unglcksbotschaft, die seiner Herrschaft fr immer ein Ende bereitet.
"Verloren, rettungslos verloren!" stammelt der Abt und sinkt in sich
zusammen. Dann aber rafft er sich wieder auf und schreit in wilder
Erregung: "Ich protestiere, dieser Frieden ist ungiltig, er ist
hinterlistig eingegangen und luft der Stiftung unseres Klosters wie dem
Religionsfrieden zuwider. Ich verlasse das Stift gutwillig nun und
nimmer. Ich protestiere nach Osnabrck!"

Als sich die Erregung gelegt und Abt Alphons den Konventualen von dem
westphlischen Frieden und Auslieferung der Klster an Herzog Eberhard
Mitteilung gemacht hatte, las er seinen Protest an den Kaiser von
sterreich in seiner stillen Stube wieder durch, und manche Thrne
netzte das Pergament, als er mit bebender Hand die Nachschrift
hinzufgte: "Dieweilen den Teufeln in der Hlle, wenn sie eine Erlsung
zu hoffen htten, nicht versagt wre, den Weg Rechtens zu betreten, dies
dem Abt und Ordensleuten von Alpirsbach nicht versagt sein knne."

Mit Bestrzung haben die Mnche die neue Kunde aufgenommen; die
trautstille Sttte im grnen Tann, das stolze Kloster wie das herrliche
Mnster verlassen zu mssen, stimmt die Konventualen tieftraurig, und
wehmtig suchen sie ihre Habseligkeiten zusammen, um fr den Tag der
Abreise von Alpirsbach gerstet zu sein.

Froher wirkte die Kunde auf die Hrigen und Unterthanen, in deren Herzen
die Zugehrigkeit zu Wrttemberg sich mchtig regt und die Hoffnung
keimt, da unter des Herzogs Herrschaft vielleicht ber kurz oder lang
die Freiheit blhen knnte.

So schaut denn in Alpirsbach alles gespannt aus nach den Sendboten des
Herzogs: die Mnche mit Bangen, die Untertanen mit leisen Hoffnungen.

       *       *       *       *       *

Mit steifer Klte ist der 1. Dezember im Schwarzwald angebrochen; tiefer
Schnee bedeckt den Tann wie das Gelnde, grimmig kalt pfeift der Wind
ber die starre Landschaft. Bis auf die Hrigen, die unter Eusebs
Anleitung im Holze arbeiten, ist kein Mensch zu sehen in der ganz
nordisch gewordenen Gegend. Wer es kann, hockt am warmen Ofen.

Unbeachtet reitet ein Mann in dunklem Wams, gefolgt von zwei berittenen
Knechten, in scharfem Tempo auf die Abtei zu. Reif und Eis sitzt an den
Kleidern, auf Bart und Har der Reiter, die Gule dampfen. Vom Mnster
kndet eine Glocke die Mittagszeit. Im Galopp sprengen die Reiter vor
das Kloster und halten vor der Pforte an. Eilig verlt einer der
Knechte den Sattel, und fordert heftig klopfend Einla.

Ein Frater ffnet und starrt mit weitaufgerissenen Augen auf den Knecht,
der Wrttembergs Farben am Koller trgt. Und da ist auch schon der Herr
selbst, der im Namen des Herzogs Eberhard den Abt zu sprechen fordert.
Kammerrat Orth ist es, der gekommen, um das Kloster zu bernehmen.

Scheu drngen sich die Fratres in den Gngen, indes ein Mnch den Abt
verstndigt, der leichenbla das auf seiner Brust ruhende goldene
Prlatenkreuz umklammert. Auf einen Wink entfernt sich der Frater und
fhrt den Gesandten des Herzogs in den Sprechsaal der Abtei. Auf dem
Gang in diesen Saal ist's dem Abt, als schreite er als Delinquent zur
Hinrichtung; es schlottern die Kniee, es hmmert in den Schlfen, in den
Ohren saust es und hei drngt das Blut zum Herzen. Alphons atmet schwer
und heftig, krampfhaft hlt er das goldne Kreuz, das Abzeichen seiner
Wrde und Macht, umklammert, das ihm nun abgefordert werden wird. Vor
der Saalthre hlt der Abt einen Augenblick inne und flstert ein
Stogebet mit zuckenden Lippen. Es gilt einen Verzweiflungskampf auf
diplomatischem Wege. Es mu sein! Fest drckt Alphons auf die Klinke und
tritt ein. Hoheitsvoll schreitet er auf den sich verbeugenden Kammerrat
zu, begrt ihn durch ein Neigen des Kopfes und fragt nach dem Begehr
des Besuches. Das Auge fest auf den Abt gerichtet, beginnt der Landbote
Wrttembergs: "Ew. Gnaden habe ich im Auftrage meines gndigsten
Gebieters, des Herzogs Eberhard, zur Rumung des Klosters und bergabe
jeglichen Stiftseigentums, sowie zur Huldigung auf Wrttembergs
Herrscher aufzufordern."

Wie Wetterleuchten zuckt es in des Abtes Antlitz; heftig geht der Atem,
es grollt und wogt in seiner Brust. Mhsam keucht Alphons hervor: "Dem
protestiere ich wie gegen den erschlichenen Frieden. Ich weiche nur der
Gewalt!"

Hochaufgerichtet zieht der Kammerrat ein Schreiben aus dem Wams. "Hier
ein Handschreiben meines gndigsten Herzogs an Ew. Gnaden zu meiner
Legitimation sowohl, als zum Beweise huldvoller Gesinnung des Herzogs,
sofern die bergabe in Gte vor sich gehen wird."

Mit jhem Ruck ergreift der Abt das herzogliche Schreiben, zerreit es
ungelesen und wirst die Fetzen dem Gesandten vor die Fe. Grollend
spricht er. "Ich habe mit Eurem Herzog nichts zu verhandeln. Ich
protestiere! Der Friede von Osnabrck gilt nicht fr Alpirsbach!"

"Ich warne Ew. Gnaden! Mild und gtig lt Euch der Herzog auffordern,
den Beschlu der Mchte zu respektieren, Euch zu fgen in das
unabnderliche Schicksal! Schont Gut und Leben! Weigert Ihr Euch, so mu
Gewalt sprechen, denn die bewilligte Restitution wird durchgefhrt, und
Alpirsbach mu wrttembergisch werden!"

"Nein, nun und nimmer! Ich weiche nur der Gewalt!"

"Dann ist jegliches Verhandeln in Gte zu Ende! Gehabt Euch wohl
inzwischen! Mgen Ew. Gnaden es nicht bereuen!"

Khl sich verbeugend, entfernt sich sporenklirrend der Gesandte aus dem
Saale und lt den Abt in schwerster Gemtsbewegung stehen. Kurz darauf
kndet lebhafter Hufschlag auf dem hartgefrorenen Boden, da der
herzogliche Sendbote mit Begleitung Alpirsbach, ohne Gastfreundschaft
vom Kloster gefordert zu haben, verlt.

Alphons begiebt sich, mehr aus Gewohnheit denn aus Bedrfnis, nach der
folgenschweren Unterredung ins Refektorium, wo er den zu Tische
versammelten Konventualen verkndet, da soeben ein herzoglicher
Gesandter die bergabe des Klosters verlangte, die ihm verweigert worden
sei. Nun werde wohl Gewalt gebraucht werden. Der Wegnahme von
Dokumenten, Zinsbchern, des transportablen Klosterschatzes msse daher
vorgebeugt werden durch schleunigste berfhrung derselben in den
Pfleghof zu Rottweil. In diesem Sinne fordert der Abt die Konventualen
auf, alles Wertvolle zu bergen und ihm behilflich zu sein. Unberhrt
bleiben die Speisen; den Mnchen ist der Schreck in die Glieder
gefahren.

Bebend fragt der silberhaarige P. Gotthard: "Und wenn die Herzoglichen
kommen, wohin richtet sich unser Schritt?"

"Ich werde nach Ochsenhausen flchten und Ihr mit mir!" kndet der Abt,
verrichtet das Gebet nach Tische und begiebt sich in seine Gemcher.

Hastig suchen die Konventualen ihre Zellen auf; es rumort im Kloster,
Kisten werden herbeigeschleppt und gepackt, ein Kramen und Suchen
berall nach Wertgegenstnden, ein Hmmern und Schlagen, da auf
Chorgebet und Magnifikat heute vllig vergessen wird.

Durch die Fratres ist die Kunde auch rasch zur Kenntnis der Unterthanen
gekommen, die nun eilig trotz der Klte neugierig in die unteren Rume
der Abtei laufen, um Nheres zu erfahren ber das bevorstehende
Wrttembergischwerden. Die Mnner werden angehalten, Gule und Fuhrwerk
zu schaffen, auf da die wertvolle Stiftshabe so rasch wie mglich
geflchtet werde. Der ganze Ort gert in Aufregung und Bewegung.

Einige Tage vergehen in rastloser Bergungsarbeit, und Abt Alphons ist
eifrig daran, Bestandteile der Registratur, die er nicht mitnehmen kann,
zu vernichten. Seinen schriftlichen Protest gegen den Frieden und die
Restitution hat er wohl abgesandt, ist aber von der Wirkungslosigkeit
dieses Schrittes berzeugt. Er will nur seiner Pflicht bis aufs uerste
gengen und kein Mittel auer Waffenwiderstand, den ihm die Ordensregel
verbietet, unversucht lassen. So fertigt er denn den ersten Transport
der Stiftshabe ab, hochbeladen fahren die Klosterknechte und Hrigen
die Wagen nach Rottweil.

Am 19. Dezember war es, da sich ein Trupp von sechzig Mann in
wrttembergischen Fahnen mit Kammerrath Orth an der Spitze der Abtei
nahte. Kaum erblickten die von Abt Alphons aufgehellten Spher das
Anrcken der Mannschaft, da eilten diese ins Kloster und schlugen Alarm.
Was Beine hat in Alpirsbach, luft auf dem Klosterplatze zusammen; von
Hof zu Hof fliegt die Kunde wie Flugfeuer, und selbst bis in den Tann
dringt die Kunde vom groen Moment der Klosterbergabe an Wrttemberg.

Auch Euseb der Pelagier hrt davon; ein Zittern geht durch seinen
Krper, ihm schwindelt der Kopf. Was er ersehnt, wofr er sein Leben
freudig geben wrde: nun soll es wahr werden! Beil und Sge wegwerfend,
strmt er quer durch den Tann in jhen Stzen hinunter zum Kloster.

Dumpf drhnt der Schritt der wrttembergischen Soldaten auf dem
gefrorenen Klosterplatze, wo Halt gemacht wird. Kammerrath Orth steigt
vom Gaul und begiebt sich ins Kloster, wo die Mnche zeternd
durcheinanderlaufen und nach ihren Taschen suchen.

Wieder stehen sich der Abt und der Gesandte des Herzogs im Sprechsaal
gegenber. Mit feierlichem Ernst fordert Orth im Namen Eberhards die
bergabe der Abtei mit Hinweis auf die ihm zu Gebote stehende Gewalt.

Ein Wehruf entflieht des Abtes Lippen: "Verloren, verloren!"

Mild mahnt der Gesandte, durch freiwilligen Abzug das Leben der Mnche
und Unterthanen zu schonen.

Thrnen strzen aus Alphons' Augen, mit zitternder Stimme spricht er:
"Ich weiche in Gottes Namen aus dem Kloster, das nahezu 600 Jahre frei
bestanden! Ich weiche der Gewalt als letzter katholischer Abt von
Alpirsbach![24] Doch lat mir mein Eigentum, so solches noch im Kloster
ist!"

"Kraft meiner Vollmacht bewillige ich dies! Gott sei mit Ew. Gnaden
frder! Von diesem Augenblick an ist Alpirsbach mit allen Rechten und
Besitz Eigentum Wrttembergs!"

Wie gebrochen giebt Alphons sein Abtkreuz dem Gesandten und wankt
hinaus.

Schlitten fahren vor die Abtei, auf welche die Mnche und Fratres ihre
Bndel und Scke legen. Weinend nehmen die Konventualen Abschied von den
zurckbleibenden Unterthanen und ihrem Kloster. Dann besteigen sie
selbst die Fahrzeuge, die Gule ziehen an, fort geht es aus der
Waldheimat.

Auf Gehei des Gesandten huldigt das Klostervolk von Alpirsbach dem
neuen Herrn und Gebieter, dem Herzog Eberhard von Wrttemberg, unter
Salutschssen der herzoglichen Truppe. In diesem Augenblicke kommt Euseb
herangestrmt.

In die Hochrufe auf den Landesherrn mischt sich ein gellender
Schmerzensschrei. Euseb strzt zu Boden mit durchschossener Brust. Eine
Kugel hat sich verirrt und den Weg in ein gut wrttembergisch Herz
genommen. So endete im heiersehnten Augenblick der Vereinigung mit
Wrttemberg Euseb, der Pelagier.


Funoten:

[18] _Pelagier_ sind leibeigene Leute der Abtei, die von frheren Herren
an den Altar des hl. _Pelagius_ bergeben worden sind, Manns- und
Frauenpersonen, die "werden nicht gehalten wie andere eigene Leute". Sie
bildeten, mochten sie vormals freie, sich selbst aus Frmmigkeit ergeben
haben, oder als Leibeigene von andern an das Stift bergeben worden
sein, eine eigene Bruderschaft zum hl. Pelagius "in dem langen Mnster"
zu Alpirsbach.

[19] Fr den ganzen Umfang des Klostergebietes hatte der jeweilige Abt
von Alpirsbach das sogenannte Hauptrecht, d.h. "das Recht, von jeder
Mannsperson, sie besitze Gter, welche sie wolle, sie sei dem Kloster
mit Leib verwandt oder nicht, das beste zur Zeit des Todes vorhandene
Stck Vieh zu beziehen." Die Pelagier waren auer diesen Hauptfall noch
einen jhrlichen Zins von drei Hellern auf den Tag und Altar des hl.
Pelagius schuldig. Dagegen erhielt jeder Pelagier zwei Laib Roggenbrot,
jedes im Wert von einem Kreuzer.

[20] Das Streben der bedrohten bte ging dahin, sich ihre Rechte durch
kaiserliche Erlasse zu sichern, weshalb eine Immediateingabe an den
Kaiser gerichtet wurde. Hievon verstndigt, protestierte Eberhard III.
gegen die berlastung Wrttembergs durch kaiserliche und ligistische
Truppen und die bergriffe der Prlaten insonders. Trotz dieses
Protestes erfolgte das kaiserliche Mandat vom 7. Mai 1640, womit
Eberhard aufgefordert wurde, alle Handlungen zu unterlassen, ber welche
die Prlaten Klage fhrten, als da seien: Anmaung der bischflichen
Jurisdiktion, Affigierung von Religionsmandanten, Abhaltung der Leute
vom katholischen Gottesdienst mit bewaffneter Hand, Aufdrngung lngst
verwirkter Schutzgerechtigkeit und Obrigkeit &c. Auf dieses Mandat hin
wurde seitens der herzoglichen Diplomaten dem Wiener Hof zur Kenntnis
gebracht, da der Herzog stets von den Prlaten bei den kaiserlichen
Gerichten geplagt, stndliche Eingriffe in dessen geistliche und
weltliche Rechte gemacht, und die zu den Klstern gehrigen Kirchen
unter dem Vorwande kaiserlicher Vollmacht ihm entzogen werden. Diese
diplomatische Aktion hatte den Erfolg, da die Prlaten mit Ausnahme der
dem Herzog freundlich gesinnten bte von Maulbronn, Bebenhausen und
Knigsbronn von den Reichstagssitzungen ausgeschlossen wurden.

[21] In Dornhan besa das Kloster allen Zehnten, desgleichen den
Blutzehnten, Grund und Boden, auch den Stab ber Erb und Eigen. (Von
jedem Fohlen vier Tbinger, von jedem Kalb, Lamm oder Kitz je einen
Tbinger, und "was Lmmer vor dem Maytag verkauft wurden, die gaben den
10. Pfennig und das 10. Milchschwein, desgleichen Hhner und Gnse.")

[22]  24 Artikel IV.

[23] 14. Oktober 1648. Die Klster waren: Anhausen, Bebenhausen,
Maulbronn, Lorch, Adelberg, Denkendorf, Hirsau, Blaubeuren,
Herbrechtingen, Murrhart, Alpirsbach, Knigsbronn, Herrenalb, St.
Georgen, Reichenbach, Pfullingen, Lichtenstern u.a.

[24] Auf Alphons Kleinhans folgten 19 evangelische bte bis zur
Auflsung des ganzen Klosterbestandes im Jahre 1807.
